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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 11.04.2019

100 Jahre Weimarer KunstschuleWas wir vom Bauhaus lernen können

Ein Einwurf von Klaus Englert

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Bick auf mehrere Reihenhäuser in Dessau-Törten, die Walter Gropius zwischen 1926 und 1928 mit seinem Architekturbüro realisierte. (imago images / epd / Jens Schlueter)
Modell für sozialen Wohnungsbau: kostensparende und funktionelle Reihenhäuser in der Bauhaussiedlung Dessau-Törten (imago images / epd / Jens Schlueter)

Was bleibt vom Bauhaus, dessen 100. Geburtstag wir in diesen Tagen feiern? Für den Architekturkritiker Klaus Englert ist es vor allem die Forderung nach bezahlbarem, gut gestalteten Wohnraum - die gerade heute wieder hochaktuell ist.

War das Bauhaus wirklich ein Tollhaus aus missionierenden Weltverbesserern und unbelehrbaren Kunstaposteln? So oder so lesen sich etliche Beiträge, die sich in den vergangenen Wochen zur Bauhaus-Gründung äußerten.

Nun, das Bauhaus war sicherlich keine Institution, die sich auf ein ganz bestimmtes Ziel verschworen hätte. Dafür war die in Weimar gegründete Kunstschule viel zu heterogen, zu sehr von gänzlich verschiedenen Persönlichkeiten geprägt – dem preußischen Großbürgersohn Walter Gropius, dem aus prekären Verhältnissen stammenden Schweizer Hannes Meyer und dem Rheinländer Ludwig Mies van der Rohe. Und trotzdem dürften alle Bauhaus-Direktoren die Forderung nach "dem neuen Bau der Zukunft", die im Gründungsmanifest erhoben wurde, unterschrieben haben. Ebenso den Anspruch nach qualitätsvoller Gestaltung und einer sozialen architektonischen Ethik.

Maßstäbe für eine soziale Architektur

Trotz aller Gegnerschaft waren sich Gropius und Meyer in diesen Grundsätzen völlig einig. Allenfalls Mies van der Rohe, der die Krisenphase des Bauhauses bis zu seiner Auflösung 1933 bestimmte, setzte einige Akzente anders. Walter Gropius, von den Bauhäuslern gerne "Silberprinz" genannt, legte Maßstäbe für eine soziale Architektur an, die auch heute in Zeiten schwindelerregender Mieten und Wohnungspreise Bestand haben. Als 1929 die Weltwirtschaftskrise die hiesige Wirtschaft lähmte, forderte er von den Architekten, sich der "Wohnung für das Existenzminimum" zu verschreiben.

Wie sich Gropius gut gestaltete, aber preiswerte Wohnungen vorstellte – mit Loggien und Balkonen - demonstrierte er im selben Jahr mit der Frankfurter Siedlung "Am Lindenbaum", finanziert von der gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft GAGFAH. Spektakuläre Villen kommen bei Gropius nicht vor, stattdessen baute er Arbeitersiedlungen in Dessau-Törten und Karlsruhe-Dammerstock. Kleine Typenwohnungen, in einfacher Bauweise hergestellt, gewährten ein Höchstmaß an freier Raumgestaltung. Oberster Grundsatz war, durch neue und preiswerte Fertigungstechniken die "Mieten herunterzudrücken".

Bauen für die kleinen Leute

Walter Gropius arbeitete in Dessau-Törten mit seinem Nachfolger Hannes Meyer zusammen. Der propagierte dort sein Verständnis von "Coop Architektur" - von genossenschaftlichem Gemeinschaftsbesitz für die unteren sozialen Schichten. Der Anspruch auf gute und preiswerte Gestaltung, gepaart mit einer sozialen Architektenethik, verband beide Bauhaus-Direktoren. Kaum jemand weiß noch heute, dass ein gewisser Arieh Sharon, der später zu einer Art Nationalarchitekt des jungen israelischen Staates wurde, zu den wichtigsten Studenten der Bauhaus-Architekturklasse zählte. Sharon baute, nach seiner Palästina-Rückkehr, für die gewerkschaftliche Wohnungsgesellschaft zahlreiche Sozialwohnungen, Kliniken und ein Gewerkschaftshaus.

Ende der zwanziger Jahre startete das Dessauer Bauhaus eine wohnungspolitische Offensive im Kampf gegen Wohnungsnot und Mietwucher. Neunzig Jahre später wiederholen sich die sozialen Symptome auf dem Wohnungsmarkt. Der Volksentscheid gegen Deutsche Wohnen in Berlin darf nicht die einzige Option für einen gerechteren Wohnungsmarkt sein. Learning from Bauhaus müsste heute das Motto für Architekturstudenten heißen. Und das heißt: gut gestalteter, an den Bedürfnissen der Menschen orientierter Wohnraum.

Das Bauhaus ist nicht tot, es ist "der Bau der Zukunft".

Klaus Englert (Foto: privat)Klaus Englert (Foto: privat)Klaus Englert promovierte in Germanistik und Philosophie an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf, ist Journalist und Buchautor. Er schreibt für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den Hörfunk, vornehmlich über architektonische und philosophische Themen. Des Weiteren ist er als Kurator für Architektur-Ausstellungen tätig. Seine letzten Bücher sind "Jacques Derrida" (2009) und "New Museums in Spain"(2010), "Barcelona" (DOM Publishers, 2018).

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