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Literatur | Beitrag vom 16.06.2019

100 Jahre "Ulysses" auf DeutschJahrzehntelanges Knobeln an Joyces Geheimnissen

Von Walter Bohnacker

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Portrait des irischen Schriftstellers James Joyce, aufgenommen 1904. (Keystone)
Die Geschichte der deutschen Übersetzung von James Joyce "Ulysses" ist eine schwierige: Beispielsweise durfte die Korrektur der fehlerhaften Übersetzung von 1975 im Jahr 2017 nicht erscheinen. (Keystone)

James Joyce erlangte mit seinem Roman "Ulysses" weltweite Berühmtheit. Vor 100 Jahren erschien das schwer lesbare Buch erstmals auf Deutsch - nach einem langen steinigen Weg für die, die das höchst anspielungsreiche Werk übersetzten.

Mit der Bibel lässt sich der "Ulysses" von James Joyce durchaus vergleichen, in zwei Hinsichten zumindest: Beide Bücher genießen hohes Ansehen, beide werden wenig gelesen. Der Klassiker des Iren steht zwar bei nicht wenigen im Regal, aber sehr weit hinten, auch bei Viellesern. Dem Buch eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Selbst der enzyklopädisch gebildete Literaturwissenschaftler Ernst Robert Curtius befand 1925 voller Respekt: "‘Ulysses‘ ist das schwierigste Buch der modernen Literatur." Kurt Tucholsky erging es ähnlich, für ihn glich der Roman "Liebigs Fleischextrakt": "Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden."

James Joyce wusste, was er tat, und lachte sich ins Fäustchen: "Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren Jahrhunderte lang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe. Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit." Man sichert so zudem eine eingeschworene Gemeinde nicht nur aus Professoren, auch aus allen anderen Professionen, und diese Gemeinde lässt auf den verehrten Avantgardisten nichts kommen und brütet und grübelt und knobelt voller Freude seit Jahrzehnten an Joyces Rätseln und Geheimnissen.

Fehlerhaft übertragen - und doch historisch geworden 

Die Übersetzer ins Deutsche kochten, was sollten sie auch sonst tun, ihr eigenes Süppchen. Hannah von Mettal übertrug das Theaterstück "Exiles", Verbannte, das in 1919 in München durchfiel. Georg Goyert traf sich danach mit dem Autor, um den Anfang seiner "Ulysses"-Übersetzung zu überarbeiten, die 1927 in drei Bänden als Privatdruck erschien, und wurde doch von Arno Schmidt verhöhnt. Hans Magnus Enzensberger und Gert Westphal ließen sich von der geharnischten, ja höhnischen Kritik von Schmidt allerdings nicht abhalten und nutzten Goyerts Übertragung für Rundfunkaufnahmen, die Joyces Ruhm mehrten. Erst Hans Wollschläger wagte sich an eine neue Übersetzung des "Ulysses" und fand 1975 fast nur begeisterte Zustimmung. Mehr als 30 Jahre danach arbeiteten Philologen und Übersetzer zehn Jahre lang an einer Revision und korrigierten Wollschläger in mehr als 5000 Fällen. Der "Joyce redivivus" aber durfte 2017 nicht erscheinen: Die Rechtsnachfolgerin des verstorbenen Wollschläger untersagte es. Erhältlich ist weiter die teilweise als fehlerhaft bekannte und inzwischen historisch gewordene Übertragung.

Szenenbild aus Ulysses am Deutschen Theater in Berlin. Auf dem Bild: Edgar Eckert, Bernd Moss, Daniel Hoevels, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Manuel Harder, Judith Hofmann, Cordelia Wege, Birgit Unterweger. (Arno Declair)Szenenbild aus Ulysses am Deutschen Theater in Berlin (Arno Declair)

Joyce-Fans wirken bisweilen wie eine Sekte 

Ihre Revision hätte womöglich ein neues Licht auf die Gemeinde der Joyceaner werfen können. Auf Außenstehende wirkt sie bisweilen wie eine esoterische Leser- und Dechriffriersekte, einig in der jubilierenden Begeisterung und furchtbar zerstritten in den Auslegungen. James Joyce polarisiert wie kaum ein anderer Schriftsteller und nur an einem Tag scheinen sich (fast) alle an ihm zu freuen: am Bloomsday, dem 16. Juni, jenem Tag im Jahr 1904, an dem die Hauptfigur des "Ulysses", Leopold Bloom, durch Dublin geht – und nicht nur geht, sondern alles Mögliche tut und erfährt, was eben so auf einer Beerdigung, im Krankenhaus, im Bordell und am Strand zu tun und zu erfahren ist, nachdem es zum Frühstück eine Niere gab.

Ob die Niere wichtig ist? Bloom könnte das nicht sagen, aber für den Leser ist sie wichtig, und für den Autor war sie es auch. Er wollte offenbar nichts unterschlagen, bei ihm hängt alles mit allem zusammen: das Gehen, das Essen und das Trinken und die volle Blase, Geburt und Tod, die Oper, Geschichte und Literatur, die Geilheit und die Mythologie, Juden und Christen und was nicht noch alles. Alles hat seinen bestimmten Platz in Dublin, alles einen Bezug zu Homers "Odyssee", und alles ist zugleich sehr alltäglich. Das Buch ist voller Wissen und Witz, voller Tragik und Banalität. Eine höchst reizvolle und ungeheuer gegenwärtige Mischung, seit knapp 100 Jahren.

Das Manuskript der kompletten Sendung finden Sie hier.

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