100 Jahre politischer Mord in Deutschland

Die Radikalisierung der Kommunisten

06:58 Minuten
Demonstrierende vor dem Berliner Reichstag halten einen Stern mit Hammer und Sichel in die Höhe.
Am 24. April 1922 demonstrieren in Berlin 40.000 Menschen für die Einheitsfront. Doch das Vorhaben, die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung zusammenzuführen, scheitert wie wenig später der Versuch einer deutschen Oktoberrevolution. © imago images / United Archives International
Von Elke Kimmel · 04.05.2022
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Der 1. Mai 1922 ist vielerorts ein normaler Arbeitstag. Trotzdem kommen Arbeiter in Massen zu den Kundgebungen. Inzwischen haben sich paramilitärische Verbände aufseiten des Proletariats gegründet. Gewaltbereite Kommunisten kämpfen gegen die Republik.
„Als Maifeier der Sammlung und der Vorbereitung zum Kampfe wurde in der ‚Roten Fahne‘ am Sonntag der diesjährige 1. Mai bezeichnet. Der Verlauf des 1. Mai hat gezeigt, daß diese Bezeichnung tatsächlich am besten den Geist wiedergibt, der die Arbeitermassen bei ihrer Maifeier gestern beseelte. Schon liegen aus allen Teilen des Deutschen Reiches und auch aus dem Auslande Berichte vor, die erkennen lassen, daß die Kraft und die Ausdehnung der Maifeier in diesem Jahre eine außerordentlich große gewesen ist.“
Das schreibt die kommunistische „Rote Fahne“ am 2. Mai 1922 unter der Überschrift „Der Mai-Aufmarsch für die Einheitsfront“. Der 1. Mai ist vielerorts ein normaler Arbeitstag. Der enorme Zulauf zu den Kundgebungen beweist, so die Deutung der „Roten Fahne“, die Revolutionsbereitschaft des Proletariats.
„Der 1. Mai hat nun gezeigt, daß auch in den Arbeitermassen, die bisher im reformsozialistischen Wege ihr Heil sahen, der Drang nach Zusammenschluß aller Proletarier zum Kampfe gegen das Bürgertum übermächtig ist, und daß vor diesem Drang die Parteibürokratie der SPD zurückweichen mußte.“

Große Beteiligung an 1.-Mai-Demo 1922

Auch die liberale „Vossische Zeitung“ berichtet 1922 über eine massenhafte Beteiligung am 1. Mai in Berlin: „Diese Feier ist im großen Stile abgehalten worden und zählt zu den größten Veranstaltungen, die Berlin je gesehen hat. Trotz des kalten und regnerischen Wetters haben die Parteien doch enorme Massen auf die Beine gebracht, die nicht nur den Lustgarten und den Schloßplatz, sondern auch einen Teil der Linden, den Kupfergraben und die anschließenden Straßen eine Stunde lang Mann an Mann ausfüllten. Mit wehenden Fahnen zogen von allen Stadtteilen in geschlossenen Reihen die Teilnehmer an. Der ganze Lustgarten sah aus wie ein Meer, auf dem die schwarzen Wogen der Regenschirme auf und nieder gingen.“

100 Jahre politischer Mord in Deutschland
Eine Sendereihe über mörderische Demokratiefeindschaft und ihre Hintergründe
Eine Kooperation von Deutschlandfunk Kultur mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam)

Naht eine neue revolutionäre Welle im dritten Jahr nach der Novemberrevolution? Dass viele Kommunisten Gelegenheiten suchen, die Revolution von 1918 fortzuführen, haben die Ereignisse im Frühjahr 1920 gezeigt. Vor allem im Ruhrgebiet haben Arbeiter den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch fortgesetzt, um eine sozialistische Republik durchzusetzen.

Organisation in paramilitärischen Verbänden

Inzwischen organisieren sich nicht nur die Rechten, sondern auch die Linken in paramilitärischen Verbänden, die sich „proletarische Hundertschaften“ oder „proletarischer Selbstschutz“ nennen. Bewaffnet sind diese Einheiten – insgesamt etwa 50.000 bis 60.000 Mann – allerdings meist nur mit Knüppeln. Zu den Mannschaften gehören auch Sozialdemokraten, die Führung aber liegt fast ausschließlich in den Händen der Kommunisten.
Die „proletarischen Hundertschaften“ sind berüchtigt: Der sozialdemokratische „Vorwärts“ berichtet wiederholt von Übergriffen der von der Sowjetunion unterstützten „roten Knüppelgarde“ auf Andersgesinnte.
1923, im Jahr der Hyperinflation, wird sich die Situation zuspitzen. Im Mai werden die „proletarischen Hundertschaften“ in Preußen verboten, in Sachsen und Thüringen noch nicht. In beiden Freistaaten stellt die SPD den Ministerpräsidenten.
Aufstandsvorbereitungen beginnen. So treffen sich die Angehörigen der Hundertschaften häufiger zu militärischen Übungen, ihre Bewaffnung wird verstärkt und Streiks werden ausgeweitet. Ab Oktober 1923 soll, so plant es die KPD, die Revolution von 1918 fortgesetzt und zu Ende gebracht werden. Den Auftakt bildet der Regierungseintritt der Kommunisten in die weiterhin sozialdemokratisch dominierten Landesregierungen in Sachsen und Thüringen.

Deutsche Oktoberrevolutionn scheitert

Doch schon wenige Tage später ist der Plan einer deutschen Oktoberrevolution gescheitert: Die „proletarischen Hundertschaften“ werden nun auch in Sachsen verboten – auch in Mitteldeutschland sind die Kommunisten offensichtlich politisch isoliert und geben auf. Reichswehrtruppen gehen, durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten Friedrich Ebert gesandt, gegen die Hundertschaften vor.
Die sächsische Landesregierung wird abgesetzt, die thüringische ist unter dem Druck zurückgetreten. Nur in Hamburg kommt es unter der Führung von Ernst Thälmann zum kommunistischen Aufstand, der jedoch kläglich scheitert und über hundert Menschenleben kostet. Thälmann, der nach dem Aufstand untertaucht, beginnt bald mit der Stalinisierung der KPD, dem Aufbau einer straff geführten Kaderpartei, die kompromisslos gegen die Republik kämpft. 1925 schreibt er in der „Roten Fahne“:
„Unsere Partei vollzieht eine entscheidende Umstellung von der Spitze bis in die unterste Tiefe. Sie merzt den scheinrevolutionären, wortradikalen Geist aus. Sie beseitigt die Reste des Sektierertums, der Massenverachtung in ihren eigenen Reihen. Sie ändert ihre Taktik, um sich noch fester, noch enger mit den sozialdemokratischen Arbeitern, mit den Massen in den Gewerkschaften und in den Betrieben zu verbinden. Sie geht an die völlige Umgestaltung ihrer organisatorischen Grundlagen heran. Sie arbeitet an der Schaffung eines großen linken Flügels in der Arbeiterbewegung. […]“, heißt es da.
Und weiter: „Mehr denn je muß in dieser Periode jeder deutsche Kommunist, jedes Parteimitglied, jedes Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, jeder revolutionäre Arbeiter stets und unverrückbar das Bild des Hamburger Oktoberkämpfers vor Augen haben: kaltblütig, todesverachtend, der Sache der Arbeiterklasse grenzenlos ergeben, das Gewehr in der Hand, vor sich die Barrikade, zum Empfang des Feindes bereit und den Blick auf ein einziges Ziel gerichtet, auf das größte, stolzeste Ziel, das es für einen Kommunisten gibt: die Diktatur des Proletariats.“

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