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Sein und Streit | Beitrag vom 01.12.2019

100 Jahre "International Journal of Psychonanalysis"Freuds ungebrochene Aktualität

Valerie von Kittlitz

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Koloriertes Foto, ca. 1922, von Sigmund Freud, Ernest Jones und anderen Mitgliedern des sogenannten 'Geheimen Kommitees'. (imago images / Leemage)
Sigmund Freud und Ernest Jones, die Gründer des International Journal of Psychoanalysis, im Kreise anderer Mitglieder des sogenannten "Geheimen Kommitees". (imago images / Leemage)

Das "International Journal of Psychoanalysis“ feiert 100. Geburtstag. Die Zeitschrift gilt als einer der wichtigsten Publikationsorte für Psychoanalyse. Ein Besuch bei den Jubilaren in London: Wie steht es heute um die Freudsche Disziplin?

Maida Vale im Norden Londons. Hier sitzt das Institut der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft. Im selben Gebäude: Die Redaktion der Fachzeitschrift "International Journal of Psychoanalysis".

Ewan O’Neill ist Archivar am Institut und verwaltet Briefe, Notizen, Fotografien. "Ich habe zwei Briefe von Ernest Jones und Sigmund Freud mitgebracht. Der erste stammt aus dem Oktober 1918: 'Hast du meinen heiteren Brief vom 5. Juli mit meinen guten Nachrichten bekommen? Nun muss ich leider berichten, dass meine geliebte Frau letzten Monat gestorben ist.'"

Jones und Freud: Zeugnisse einer engen Freundschaft

Jones’ Frau ist "unter ziemlich tragischen Umständen verstorben. Sie war gerade mal 25 und ein seltenes, wunderbares Wesen." Drei Monate herrscht Stille, bevor er im Dezember 2018 erneut schreibt:

"'Nun können wir wieder ungezwungen sprechen. Wir müssen nächsten Herbst unbedingt einen Kongress für die Zeitschrift organisieren.' Das ist schon interessant an diesen beiden Briefen, diese Beziehung zwischen Kreativität und Trauerarbeit. Das ist der erste Brief, der den Vorschlag zu einer englischsprachigen Fachzeitschrift erwähnt."

Zu diesem Zeitpunkt kannten sich Jones und Freud schon zehn Jahre. Jones war es, der Freud 1912 vorgeschlagen hatte, das "geheime Komitee" zu gründen, einen Bund von Analytikern, der sich der Freudschen Lehre voll verschrieb. Auch das Magazin sollte ihrer Verbreitung dienen. Die beiden blieben enge Vertraute bis zu Freuds Tod in London, erzählt Ewan O’Neill. Am 23. September schreibt Jones: "Freud noch vor Mitternacht gestorben". Und am 19. vermerkt er nachträglich "Freud zum letzten Mal gesehen."

Durch dick und dünn: Zum Zentralorgan der Psychoanalyse

Das Archiv zu durchforsten für die Ausstellung zum Jubiläum, hat die Herausgeberin Dana Birksted-Breen sehr bewegt. Die Dokumente machen die Gründungsgeschichte lebendig. Wie von Jones erhofft, überlebte die Zeitschrift Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion, auch finanzielle Engpässe, und wurde zum zentralen Organ psychoanalytischer Publikation.

Heute werden Essays aus der ganzen Welt eingereicht und übersetzt, erklärt sie. Psychoanalytische Theorie ist aus vielen Wissenschaften nicht wegzudenken. Und trotzdem hafte der Psychoanalyse bis heute ein Stigma an.

Akademische Skepsis gegenüber der Psychoanalyse

Warum? Catherine Humble ist eine der Redakteurinnen: "Als ich Literatur studierte, wurde psychoanalytische Theorie an meinem College zwar genutzt, aber Freunden an anderen Colleges, wie Cambridge, wurde beigebracht, Psychoanalyse sei sexistisch und ein männerbesetztes Feld. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das, trotzdem ist das eine enge Sicht auf Psychoanalyse. Im akademischen Bereich gibt es immer noch so eine Angst davor, eine Vorsicht."

Dana Birksted-Breen ergänzt: "Bis zu einem gewissen Grad ist es ja auch richtig, dass man Angst vor Psychoanalyse hat. Als Freud nach Amerika ging und ihn alle mit offenen Armen empfingen, sagte er, die wissen nicht, dass ich ihnen die Pest bringe. Wir gehen ans Unbewusste der Leute. Das macht natürlich Angst!"

Das Unbewusste wird immer aktuell bleiben

Der Psychoanalyse geht es darum, das Unbewusste durch bewusste Analyse zu verändern, fügt Catherine Humble hinzu: "Es geht darum, das Unbewusste durch das Bewusste zu ändern, um mit seinen Begehrlichkeiten in Kontakt zu kommen." Darum, der eigenen Lust nachzuspüren.

Freud sei also auch hundert Jahre nach der Gründung des "International Journal of Psychoanalysis" aktuell, meint Dana Birksted-Breen: "Wenn man zurück in seine Schriften geht, findet man einen erstaunlichen Ideenreichtum. Aber es wird natürlich immer das geben, was er selber den 'Nabel des Traums' genannt hat: das, was wir nicht verstehen. Es gibt also immer Neues zu entdecken. Ein Jahrhundertjubiläum, das bedeutet eben, dass wir zurückblicken und gleichzeitig nach vorne."

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