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Interview | Beitrag vom 23.03.2019

100 Jahre Faschismus"Il Duce" ist in Italien noch sehr präsent

Peter Kammerer im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Porträtaufnahme von Benito Mussolini in Uniform (picture alliance / dpa)
Wie steht Italien heute zu Mussolini? (picture alliance / dpa)

1919 begann in Italien die Geschichte des faschistischen Regimes, das mit der Hinrichtung Mussolinis sein Ende fand. Wie stehen die Italiener heute zum "Duce"? Der Soziologe Peter Kammerer sagt: Eine kritische politische Auseinandersetzung findet nicht statt.

Vor 100 Jahren begründete Mussolini seine faschistische Bewegung – der Rest ist Geschichte: In der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges wurde das faschistische, hitlerfreundliche Regime entmachtet, im April 1945 wurde "Il Duce" von kommunistischen Partisanen festgenommen und hingerichtet.  

Und heute – in den Zeiten der als rechtspopulistisch eingestuften Regierungspartei Lega? Ist "Il Duce" anlässlich dieses "Jubiläums" immer noch präsent? Zumindest seine Enkelin sitzt seit 2014 in der Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europäischen Parlament, vorher war sie für Silvio Berlusconis Forza Italia im Italienischen Parlament. Berlusconi selbst hat Mussolini bereits mehrfach verharmlost.

Ein Souvenir-Shop verkauft Büsten von Mussolini und Hitler und präsentiert sie im Schaufenster - Verherrlichung des Faschismus im Geburtsort von Mussolini, Predappio, Emilia-Romagna, Italien. (picture alliance/dpa/imageBROKER)Büsten von Mussolini und Hitler - in Italien sind solche Souvenirshops keine Seltenheit. (picture alliance/dpa/imageBROKER)

Mussolini hat überall Spuren hinterlassen

Die Neofaschisten der CasaPound-Bewegung dagegen haben ihre Bewunderung für Mussolini nie verborgen.  Der deutsche Soziologe und Übersetzer Peter Kammerer lebt seit 1962 in Italien. Er sagte:  An den Spuren Mussolinis komme man in Italien ohnehin nicht vorbei: faschistische Architektur, Weinflaschen, die das Konterfei des Duce auf dem Etikett abbilden. Zudem sei der Diktator auch auf dem Buchmarkt sehr präsent: Das dickleibige Roman "M", das sich auf 800 Seiten nur mit der Zeit zwischen 1919 und 1924 beschäftige, sei derzeit eines der meistdiskutierten Bücher.

Kammerer: "Auf dem Buchmarkt wird sehr stark über den Faschismus und mögliche Analogien zur heutigen Zeit diskutiert – mehr als in den Parteien." Selbst  linke Parteien würden das Problem des Rechtsradikalismus in Italien verharmlosen. Abgesehen davon, gebe es ohnehin derzeit keine nennenswerte linke Kraft  mehr in Italien. Und was die Lega anbelange: "Ich glaube, die Partei ist intellektuell sehr minderbemittelt. Die lebt eigentlich von Gefühlen und von Mythen – Italien den Italiener" – und liege damit weltweit im Trend.

Harte Auseinandersetzung nach 1945

Der Vergleich mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung sei in diesem Zusammenhang interessant: Während die Deutschen sich, die Nazi-Zeit verdrängend , auf ihr Wirtschaftswunder konzentrierten, habe in den 1950er-Jahren in Italien eine sehr intensive und harte Auseinandersetzung mit Mussolini stattgefunden. Als man sich dann in Deutschland schließlich auf breiter Front mit der Nazizeit und dem Holocaust auseinandergesetzt habe, habe es in Italien dagegen eine Kehrtwende gegeben.

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