Donnerstag, 16.07.2020
 

Tonart | Beitrag vom 04.06.2020

1:1-Konzerte in der CoronakriseIntimer Konzertgenuss

Von Ramona Westhof

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Eine Frau lauscht dem Oboenspiel von Viola Wilmsen im Stadtbad. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)
Viola Wilmsen ist Solo-Oboistin. Während der Coronakrise hat ihr das Spielen vor Publikum gefehlt. Nun spielt sie im ehemaligen Stadtbad Oderberger Straße in Berlin für Solo-Zuhörer. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)

Ein Konzert mit nur einer Musikerin und einem Gast: Das ist das Konzept der 1:1-Konzerte, die inzwischen in vielen deutschen Städten stattfinden. Das besondere Musikerlebnis findet immer mehr Freundinnen und Freunde.

Oboistin Viola Wilmsen sitzt auf einem breiten Steg über dem Pool des ehemaligen Stadtbades in Berlin-Prenzlauer Berg, heute ein Hotel. Durch den transparenten Steg ist das Wasser unter ihr zu sehen und die türkisfarbenen Fliesen. Die Musik mischt sich mit den Geräuschen des Wassers. Der große Raum erinnert an eine Kirche, mit seinen großen Fenstern und offenen Bogengängen.

Der Musikerin gegenüber steht etwa zweieinhalb Meter entfernt ein weiterer Stuhl. Vier kurze Konzerte gibt Viola Wilmsen an diesem Nachmittag, jeweils mit nur einer Zuschauerin. Und die sitzt so nah an der Oboistin, dass jeder konzentrierte Blick zu sehen ist, jeder Atemzug zu hören.

Ein Blick in die Augen

Musikerin und Zuschauerin sind allein im Raum, sie sprechen nicht miteinander, schauen sich zu Beginn einen Augenblick in die Augen, erst dann beginnt Viola Wilmsen zu spielen.

Die Stücke hat sie passend zum Ort ausgewählt: "Pan" und "Arethusa" aus Benjamins Brittens "Sechs Metamorphosen nach Ovid":

"Und zwar ist der Hirtengott Pan in die Nymhe Syrinx verliebt und er verfolgt sie bis zum Fluss, er stellt ihr nach. Und in dem Moment, wo er sie umarmen möchte, verwandelt sie sich in ein Schilfrohr, auf dem nun Pan versucht zu spielen. Und das zweite Stück handelt von Arethusa, dem Wassergott."

Zwei Stühle stehen einander auf einem Podest im ehemaligen Stadtbad gegenüber. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)In Berlin finden die 1:1-Konzerte im Stadtbad Oderberger Straße statt. Besondere Orte sind Teil des Konzepts. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)

Eigentlich ist Viola Wilmsen Solo-Oboistin im Deutschen Symphonieorchester Berlin. Den Kontakt zum Team der 1:1-Konzerte hat sie durch einen Kollegen bekommen. Ihr hat das Spielen vor Publikum gefehlt. Und auch das besondere, intime Setting hat sie interessiert.

Die Zuschauerinnen sind hörbar begeistert.

"Ich bin so weggedriftet, als es dann zu Ende war, war ich total irritiert", sagt Amelie Blümel. "Da wusste ich gar nicht, soll ich jetzt aufstehen oder nicht. Und dann soll man nicht applaudieren."

"Es ist unglaublich schön, dieser große Raum ist auch einfach beeindruckend", schwärmt Julia von Dobeneck. "Und dann die Musik und das alles einen Moment nur für sich selbst zu haben, fantastisch, ganz, ganz toll. "

Die Idee, kurze Privatkonzerte an besonderen Orten zu veranstalten, gibt es nicht erst seit Corona. Das Konzept ist schon 2019 für das Kammermusikfestival im thüringischen Volkenroda entstanden.

Genug vom Streaming

Den Impuls, die Konzertreihe wiederzubeleben, gab eine der beteiligten Musikerinnen, erzählen Franziska Ritter und Christian Siegmund, zwei Drittel des Berliner 1:1-Teams. "Am 13. März, da war der große Lockdown", erinnert sich Siegmund. "Und unsere Flötistin saß in Stuttgart", berichtet Ritter. Ihr Kollege führt den Satz zu Ende: "Schon am zweiten Tag hatte sie genug von dem ganzen Gestreame."

Gleichzeitig seien in dieser Situation auch noch viele freiberufliche Musiker durch Corona in ihrer Existenz bedroht, sagt Ritter. "Wir haben in Deutschland die fantastische Situation, dass wir über Nothilfefonds und andere Hilfsmaßnahmen verfügen – und trotzdem: Das große Bedürfnis auch vieler Musiker ist, wieder spielen zu können."

Franziska Ritter und Christian Siegmund unterhalten sich auf einem Sofa. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)Franziska Ritter und Christian Siegmund vom 1:1-Team. (1:1 CONCERTS / Astis Krause)
Die Idee hat sich von Stuttgart aus schnell in Deutschland verbreitet, auch Gespräche mit Städten im Ausland gibt es schon. Berlin ist seit etwa drei Wochen dabei. Und hat schon eine ganze Reihe von Konzerte veranstaltet: "Fagott, Violine, Violoncello, Posaune, Oboe, Orgel, Harfe, Bratsche, Klavier", zählen Siegmund und Ritter auf. "Und jeder Musiker spielt vier kleine Minikonzerte", erläutert Ritter das Konzept.  

Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich über die Internetseite der 1:1-Konzerte anmelden. Die Termine werden einige Tage im Voraus bekannt gegeben. Es stehen dort Datum, Uhrzeit und ungefährer Ort, mit dem Hinweis, ob die Orte barrierefrei sind. Alles Weitere bleibt bis zum Ende eine Überraschung.

Ehrenamtliches Organisation-Team

Das Berliner Team ist eines der kleinsten, ohne Unterstützung durch ein großes Orchester. Die drei vom Berliner Organisations-Team arbeiten, wie alle Beteiligten, ehrenamtlich, stecken viel Freizeit in das Projekt.

"Die positiven Rückmeldungen, diese Kraftorte, die wir schaffen, für alle Beteiligten. Das sind ja nicht nur die Musiker und die Hörer, auch die Orte, die bespielt werden, die plötzlich sichtbar wieder werden, die sich zeigen können. Die so langsam in die Realität wieder zurückkommen. Manche waren geisterhaft geschlossen, die letzten Wochen. Für alle ist es ein Aufwachen aus dieser Coronakrise. Und das mitzubekommen, Teil dieser Bewegung zu sein oder auch Initiator dieser Bewegung zu sein", erzählt Ritter; "und auch mitzugestalten", spinnt Siegmund den Faden fort. "Das macht mich glücklich", sagt Franziska Ritter.

Die Konzerte sind kostenlos, die Zuschauerinnen und Zuschauer werden aber gebeten, mit einer Spende an die Deutsche Orchester-Stiftung freischaffende Musikerinnen und Musiker zu unterstützen, die während der Coronakrise nicht auftreten können.

Es ist dieses gegenseitige Schenken, das die 1:1-Konzerte für Franziska Ritter und Christian Siegmund so besonders macht: "Das ist einer der Gründe, warum das gerade so kraftvoll durch Deutschland fegt – weil alle etwas schenken", glaubt Ritter.

"Und dieser Gedanke des Geschenkes, der zieht sich durch das gesamte Projekt", ergänzt Siegmund. "Jeder Gastgeber schenkt seinen Raum, jeder Hörer seiner Achtsamkeit, jeder Musiker seine Musik, wir unsere Arbeitskraft. Und das ist das, was das Projekt so zauberhaft macht."

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