Seit 15:30 Uhr Tonart
 

Donnerstag, 14.12.2017

Interview | Beitrag vom 13.09.2017

Zur Rolle von Parteiintellektuellen"Leute mit Authentizität"

Lars Tschirschwitz im Gespräch mit Christine Watty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schlichter Heiner Geißler (CDU) beantwortet am Dienstag (19.07.2011) nach dem Vorgespräch zur Präsentation des Stuttgart 21 Stresstests im Rathaus von Stuttgart Fragen von Journalisten. Geißler kündigte die öffentliche Präsentation des Stuttgart 21 Stresstests für Ende Juli an.  (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)
Vom Scharfmacher zum intellektuellen Modernisierer und Gewissen der CDU - so sehen viele heute den verstorbenen Heiner Geißler. (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)

Heiner Geißler wurde im Laufe seiner CDU-Karriere vom Scharfmacher zum sozialen Gewissen seiner Partei und zum Mittler in Konflikten. Was macht Parteiintellektuelle wie Geißler aus, fragen wir den Politikexperten Lars Tschirschwitz. Haben sie heute überhaupt noch eine große Wirkung?

Heiner Geißler: "Ich bin alles gewesen – mit Ausnahme Bundeskanzler. Das hätte ich auch gekonnt."

Christine Watty: Sagt er ganz selbstbewusst. Das war natürlich Heiner Geißler. In den Nachrufen zu seinem Tod fanden sich gestern und auch heute noch jede Menge Auszeichnungen für seine politische Arbeit, die Spuren also, die er hinterlassen hat, die politische Haltung, die er auch sehr streitbar vertreten hat. Immer wieder wird dabei Heiner Geißler als Vordenker, als Intellektueller, als Ideengeber beschrieben. Damit hat er eine Rolle in seiner Partei, aber auch in der Politik ausgefüllt, über die ich jetzt sprechen möchte mit Lars Tschirschwitz. Er ist von der Landeszentrale für Politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern, und es geht uns um die Rolle des Intellektuellen in einer Volkspartei, und wo sie natürlich auch heute zu finden ist. Guten Morgen, Herr Tschirschwitz!

Lars Tschirschwitz: Guten Morgen!

Watty: Inwieweit war denn Heiner Geißler aus Ihrer Sicht ein intellektueller Modernisierer seiner eigenen Partei?

Tschirschwitz: Er war dies insofern, als er Teil eines Generationswechsels war, als er sozusagen auf die bundespolitische Bühne trat. Das war im Zuge der Übernahme des Parteivorsitzes durch Helmut Kohl Anfang der 70er-Jahre. Und auch Helmut Kohl galt ja seinerzeit als Modernisierer, im Gegensatz zu seinen Vorgängern beziehungsweise Mitbewerbern. Geißler war Teil eines Teams. Dazu gehörten dann eben auch Persönlichkeiten wie Kurt Biedenkopf, den ich in dem Buch auch bespreche, in meiner Dissertation, und Norbert Blüm und ähnliche. Und diese Leute waren Typen, die versuchten, sozusagen den Kernbestand der CDU, den ideologischen Kernbestand der CDU zu übersetzen – ich würde es mal übersetzen und nicht modernisieren nennen –, für eine neue Politiker- und auch Wählergeneration. Man weiß, in den 60er-Jahren war Willy Brandt mit der SPD auf der anderen Seite, und Egon Bahr sozusagen in geistige Vorleistung gegangen, indem man die neue Ostpolitik entworfen hatte, teilweise unterstützt durch Intellektuelle und Studenten aus der APO. Und das, was man seinerzeit geistige Führung nannte, hatte offenbar die dann sozialliberale Koalition für sich gewinnen können. Und dort aufzuschließen, also diese geistige Führung wiederzugewinnen, in dem man, ich sag mal, tatsächlich modernisiert, was man hat. Daran wirkte Heiner Geißler unter anderem mit.

Der frühere Bundesminister Erhard Eppler (SPD) nimmt am 15.05.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) an der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2015 teil. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)Auch der SPD-Politiker Erhard Eppler galt immer als ein Vordenker und Intellektueller seiner Partei. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Watty: Ich versuchte gerade, aus Ihrem kleinen Nachruf quasi die Eigenschaften herauszulesen, die über Parteiintellektuelle verfügen müssen. Sie haben vor allem gesagt, den Kernbestand dessen, was in der Partei vorhanden ist, was die Haltung ist, die politische Ausrichtung ist, zu übersetzen. Was gehört noch dazu, für eine solche Rolle?

"Ein schillernder Begriff"

Tschirschwitz: Parteiintellektuelle, das ist natürlich ein schillernder Begriff und ist in der Literatur eigentlich so dem späten 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts eher in linken Weltanschauungsparteien verortet. Also erstmal ein Begriff, den man jetzt nicht unbedingt auf sogenannte Volkspartei der alten Bundesrepublik anwenden würde. Aber die Typen, die ich meine, das waren eben Leute, die eine gewisse Authentizität mit sich brachten, indem sie eben nicht, wie man etwas abfällig sagen könnte, Parteisoldaten waren, sondern die hatten in der Regel eigene Vorstellungen und hatten auch den Raum in der Partei, diesen Vorstellungen Geltung zu verschaffen.

Und das hätten sie nicht gehabt, erstens durch den guten Willen oder die Unterstützung der jeweiligen Parteiführungen. Aufseiten der CDU war das eben Helmut Kohl, der ein deutliches Interesse daran hatte, die CDU intellektuell aufzumöbeln. Und auf der anderen Seite, und da hatte ich ja auch zwei beobachtet, Peter Glotz und Erhard Eppler, die sozusagen unter der Obhut Willy Brandts in der SPD diesen Kampf um geistige Führung führten, neben anderen.

Watty: Ich wollte einhaken an der Stelle, weil natürlich die eine Eigenschaft das ist, was Sie auch beschreiben, die haben die Partei intellektuell aufgemöbelt, die hatten Ideen und so weiter, natürlich auch jetzt noch mal auf Heiner Geißler bezogen. Aber was muss man denn trotzdem noch für ein Typ sein? Ich meine, Ideen haben natürlich viele, und wenn wir uns die heutige Parteienlandschaft anschauen, dann fehlt ja vielleicht das, was Geißler auch ausgemacht hat, im Positiven wie im Negativen, nämlich einfach alles durchzustreiten und richtig weit den Mund aufzumachen, um zu sagen, so geht das jetzt. Also, das ist auch eine Eigenschaft.

Tschirschwitz: Ja, es ist natürlich eine Frage der Biografie. Und gerade bei Geißler kann man sehen, er hat sozusagen eine für die Nachkriegszeit prototypische CDU-Biografie gehabt. Er kam aus einer Familie mit Zentrums-Tradition, hatte bei den Jesuiten gelernt, war in den Jugendorganisationen beziehungsweise Vorfeldorganisationen der CDU tätig. Das heißt, er hatte also im RCDS und in der Jungen Union einen Erfahrungshorizont, mit dem sich viele andere CDU-Politiker und natürlich auch Wähler identifizieren konnten. Seine Prägung im katholischen Milieu waren Dinge, wo er darauf setzen konnte, dass das verstanden wurde, wenn er das in der Öffentlichkeit propagierte, seine Thesen und Haltungen. Es war etwas, was Anklang fand. Und in dem Maße, wie sozusagen das katholische Milieu erodiert und erodierte, waren auch diese Typen, sag ich mal, weniger gefragt, wenn man es so ganz grob beschreiben will.

Das Stichwort lautet heute "Individualisierung"

Watty: Sehen Sie denn in der aktuellen Parteienlandschaft solche Typen, oder ist das eine Vergangenheit, über die wir gerade sprechen?

Tschirschwitz: So ein bisschen anschließend an das, was ich gerade gesagt habe: Damals waren das schon noch, ich sag mal, grob geschnittenere Spektren innerhalb der Parteien. Heutzutage unter dem Stichwort Individualisierung – wir haben einen signifikanten Teil an Wechselwählern. Da ist es eben nicht so leicht, diese Art von Identifikation mit solchen herausragenden Persönlichkeiten zu schaffen, wie es für Heiner Geißler zum Beispiel, oder auch Erhard Eppler im Milieu der sozialen Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre also diese Identifikationsfläche zu schaffen, ist heute deutlich schwieriger, denke ich.

Watty: Danke schön an Lars Tschirschwitz von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Seine Dissertation über Intellektuelle in den Volksparteien trägt übrigens den Titel "Kampf um Konsens". Und gesprochen haben wir über die Rolle von Heiner Geißler im Besonderen, aber auch die anderer Politiker als intellektuelle Vordenker in ihren Parteien und in der Politik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

Abschaffung der Netzneutralität Kein Signal für Europa
Internetkabel an einem Breitbandanschluss. (imago stock&people)

Die EU-Abgeordnete Julia Reda ist optimistisch, dass die US-Entscheidung gegen die Netzneutralität sich nicht auf die EU auswirken wird. Im Gegenteil - sie glaubt, dass das europäische Gesetz eines Tages auch in Washington als Vorbild dienen könnte. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur