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Kompressor | Beitrag vom 19.06.2015

ZKM in Karlsruhe öffnet wiederEin Gang durch die "Globale"

Von Ania Mauruschat

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Blick auf das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Blick auf das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Nach langer Sanierung öffnet das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe wieder. Zum Neustart präsentiert sich das Haus mit einem Mammutprojekt, dem Festival "Globale" - ein Gang durch die Schau mit Peter Weibel, dem künstlerischen Leiter des ZMK.

Eines hat sich nicht geändert: Wenn man auf die ehemalige Munitionsfabrik zuläuft, in der das ZKM untergebracht ist, künden die Klänge der Soundinstallation davor noch immer von Urknall und Schöpfung.

Im Zentrum, wenn man reinkommt, stehen ganz viele Bildschirme. Und neben mir steht Peter Weibel, Künstler und künstlerischer Leiter des ZKMS.

- "Was bedeuten diese Bildschirme, die einen hier begrüßen?"
- "Die Wiedereröffnung beginnen wir mit einem Tribunal gegen die Verbrechen des 20. Jahrhunderts, an Mensch, Tier und Umwelt. Die Fernsehapparate zeigen eine Auswahl an Filmen über die Genozide des 20. Jahrhunderts. Die laufen ununterbrochen in Ausschnitten und wir haben eben 30 Experten eingeladen, die auf dieser Bühne die Anklagen vorlesen und das Publikum wird nicht sitzen in Reihen sondern wird selbst an Tischen sitzen, als Teilnehmer und als Zeuge, weil, Sie kennen das ja alle, nur viele Zeugen haben bisher die Aussage verweigert und haben stumm zugeschaut, wie die Verbrechen gesehen, und es waren Mitläufer."
- "Das heißt, das ZKM macht erst mal einen Prozess dem 20. Jahrhundert und bricht dann mit der Globale ins 21. Jahrhundert auf?"
- "Ja. Und am Ende der Globale. Ende April machen wir eine große Konferenz auch mit Fachleuten, zu dem Thema 'Next Society', wo wir eben Leute fragen werden, wie wünschen wir uns die Zukunft, wie es positiv für die gesamte Menschheit weitergehen könnte."
- "Also die 300 Tage sind auch ein bisschen so 'was wie ein Reinigungsprozess, durch den man durchgeht, und die werden flankiert von zwei Wolken, und die gehen wir jetzt einfach mal rein."

Der Innenhof - früher Kunstwerke, jetzt ganz leer

Direkt neben dem Foyer befinden sich die Lichthöfe 8 und 9. In ihnen wird am Sonntag die Installation "Cloudscapes" des japanischen Architekten Tetsuo Kondo und des Stuttgarter Kilmatechnik-Ingenieurbüros Transsolar für eröffnet: Eine echte, physikalische Wolke, die den Klimawandel und den Umgang des Menschen mit der Natur thematisiert:

- "Wir stehen jetzt hier in den Lichthöfen, was hat sich hier geändert, Herr Weibel?"
- "Die Lichthöfe 8 und 9 waren früher immer voll mit Kunstwerken. Jetzt habe ich die ganz leer gelassen, weil wir innen eine künstlich erzeugte, echte Wolke eingesperrt haben, und zu dieser Wolke führt eine Rampe, auf der wir gerade stehen, eine grosse Holzrampe, die führt geschwungen durch die ganzen Lichthöfe und sie erlaubt uns eine Wanderung durch die Wolke, eben als Anspielung auf den berühmten Wanderer im Nebelmeer von Caspar David Friedrich, und dann plötzlich wandert die Wolke auf uns zu und wandert durch uns vorbei."
- "Jetzt gehen wir sozusagen in die Kunst rein?"
- "Richtig, genau. Wir sind jetzt schon mitten in der Wolke, man sieht schon gar nichts mehr."
- "Ja, es ist weiß, es ist wahnsinnig warm, es riecht ein bisschen rauchig."
- "Ja, weil die Wolke entsteht ja durch die Temperaturschwankungen: Oben heiß, unten kalt, aber die wird durch so ein bisschen Nachhelfen mit so chemischen Partikeln, die heißt Aerosol, ja? Und das macht die Luft ein bisschen trocken. Ja."

Leider hat der Künstler nicht erlaubt, dass ich Sound aufnehme.

Am anderen Ende der ehemaligen Munitionsfabrik liegen die Lichthöfe 1 und 2. Hier frickelt gerade noch der japanische Musiker und Medienkünstler Ryoji Ideka an der Perfektionierung seiner audiovisuellen, mehrteiligen Installation "micro / macro", ein Sinnbild für die digitalen "Infosphäre", wie Peter Weibel anlog zur natürlichen "Atmosphäre" unsere technische Umwelt nennt:

- "So, und jetzt sind wir in der zweiten Wolke. Und hier haben Sie auch die ganzen Wände rausgerissen?"
- "Ja, auch hier, die Lichthöfe 1 und 2 sind oben abgedunkelt, das eine Art Blackbox entsteht."
- "Also das sind die riesigen Lichthöfe der ehemaligen Munitionsfabrik, und die werden jetzt in Wolken verwandelt."
- "Ja, weil, Sie sehen hier die Riesenleinwand."
- "Also 20 Meter ist die wahrscheinlich hoch."
- "Genau, und ich würde sagen, na, warten's a mal - 25 Meter breit. Die Daten werden verwandelt in visuelle Muster und in akustische Muster. Das heisst, es entsteht hier eine Art Datenrauschen, aber musikalisch strukturiert durch Loops, es entstehen Flickerffekte durch Rhythmen."
- "Also Stroboskope."
- "Genau. Man macht eine räumliche Bilderfahrung, also immersives Environment, man wird von der näheren Umgebung faktisch hineingezogen. Kaum ein Museum in Deutschland hat die Größe der Räume und dadurch habe ich gesagt: Wir wollen diese Größe nicht verschenken und wieder verkleinern sondern nein, die Leute sollen einmal die Größe dieser Räumlichkeiten auf sich einwirken lassen. Und mit der entsprechenden Musik und den entsprechenden Bildern."
- "Das ist jetzt hier aber eine rein künstlerische Installation zum Aspekt der Datenwolke, oder der sogenannten Cloud, aber da denkt man natürlich sofort auch an Überwachung. Das spielt hier aber keine Rolle, oder?"
- "Doch, weil anschließend kommt dann die Ausstellung 'Global Control and Surveillance', dann wird es wieder verwandelt in viele, viele Kojen, wo dann über 100 Künstler die globale Überwachung dann zeigen werden. Also gewissermaßen sieht man hier den positiven Raum, danach sieht man den negativen Raum der Datensphäre, der Infosphäre."

Von Freitag, dem 19. Juni 2015, 10 Uhr bis Sonntag, dem 21. Juni 2016, 13.15 Uhr dauert "Das Tribunal – Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts". Im ZKM ihre Anklage vorlesen werden u.a. der Philosoph Peter Sloterdijk, die Soziologin Saskia Sassen, der Kunstgelehrte Bazon Brock und viele andere. Am Sonntag um 14 Uhr ist dann die Eröffnung der beiden Ausstellungen "Cloudscapes" und "micro macro". Das Festival Globale dauert bis April 2016.

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