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Buchkritik | Beitrag vom 05.02.2018

Yascha Mounk: "Der Zerfall der Demokratie"Der Soundtrack zur Großen Koalition

Von Stephan Detjen

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Buchcover "Der Zerfall der Demokratie" von Yascha Mounk, im Hintergrund Teilnehmer einer Kundgebung der AfD in Erfurt (Droemer Verlag / dpa / Martin Schutt)
Buchcover "Der Zerfall der Demokratie" von Yascha Mounk, im Hintergrund Teilnehmer einer Kundgebung der AfD in Erfurt (Droemer Verlag / dpa / Martin Schutt)

Wie umgehen mit dem zunehmenden Rechtspopulismus? Yascha Mounk formuliert in seinem Buch "Der Zerfall der Demokratie" mehrere Handlungsempfehlungen, zum Beispiel "inklusiven Nationalismus" - kommt dabei allerdings nicht mit sich ins Reine, meint unser Rezensent Stephan Detjen.

Die politikwissenschaftliche Diskussion über die Zukunft der Demokratie hatte sich in den vergangene beiden Jahrzehnten in zwei Erzählstränge gespalten: das Niedergangsnarrativ und die Erfolgsgeschichte. Die einen glaubten, nach dem Ende des Kalten Krieges stehe einer globalen Ausbreitung der Demokratie nichts mehr im Wege (Fukuyama, Nolte). Die anderen sagten schon ab Anfang der neunziger Jahre das "Ende der Demokratie" und ein postdemokratisches Zeitalter voraus (Guehenno, Crouch).

Der in München aufgewachsene und an der Harvard University lehrende Yascha Mounk gehört einer neuen Generation von Beobachtern des Epochenwandels an. In seiner Analyse verzichtet der 35-jährige auf jede Form von Vorhersagen. Sein Buch ist Zwischenbilanz, Schadensbesichtigung und Versuch einer Reparaturanleitung.

"Die liberale Demokratie gerät immer weiter aus den Fugen", stellt Mounk beunruhigt fest und konzediert zugleich:

"Die dramatische Lage, in der wir uns befinden, ist so neu und beängstigend, dass sich noch niemand einen echten Reim darauf machen kann."

Von Weidel bis Trump

Im ersten Teil seines Buches sucht Mounk nach Ursachen und Triebkräften der Mächte "von Frau Weidel bis zu Herrn Trump", die der Demokratie in den USA wie in Europa zu Leibe rücken. Anders als besonders der ebenfalls in den USA lehrende Populismusforscher Jan Werner Müller gesteht Mounk der Bewegung eine durchaus demokratische Kraft zu. Man müsse zugeben, dass Populisten demokratische Elemente – zum Beispiel Volksabstimmungen – vertiefen wollten.

Demokratische Eliten dagegen hätten sich von "Ansichten der Bevölkerung abgekoppelt". Parlamente seien entmachtet worden, das Vertrauen der Bürger in Institutionen, Normen und postnationale Glücksversprechen schwinde. Vor diesem Hintergrund müsse man die "demokratische Energie, die (die Populisten) antreibt, anerkennen".

Mounk will sich deshalb im zweiten Teil seines Buches, in dem er Handlungsempfehlungen formuliert, nicht auf eine reine Abwehr des Populismus beschränken. Wer die Demokratie als liberale Staatsform erhalten wolle, dürfe etwa "Ängste über ineffektive Grenzkontrollen" und den "Unmut der Öffentlichkeit über den derzeitigen Umfang der Einwanderung" nicht einfach abtun. Es bedürfe der Bereitschaft, von manch einer "Lieblingspolitik" abzuweichen, fordert Mounk.

Der Maßnahmenkatalog, den er aufblättert, liest sich in Teilen wie der wissenschaftliche Beipackzettel zur politischen Lyrik eines deutschen Koalitionsvertrages: "das Vertrauen in die Politik wiederherstellen", "mündige Bürger erziehen", den "Glauben an die Demokratie erneuern" lauten die Therapieempfehlungen des jungen Harvard-Dozenten.

Als Gegengift gegen die zerstörerischen Energien der Freiheitsfeinde empfiehlt er einen "inklusiven Patriotismus" oder gar "inklusiven Nationalismus". Für deutsche Pädagogen bedeute das, "die großen Errungenschaften der deutschen Gesellschaft seit 1945 in den Mittelpunkt (zu) rücken."

Der Nationalismus als Nutzvieh

Mounk lässt erkennen, dass er beim Verfassen solcher Forderungen nicht ganz mit sich ins Reine kam: "Ich bleibe Idealist genug, mich nach einer Welt jenseits des Nationalismus zu sehnen", bekennt er, glaubt indes, "trotz aller gut begründeten Befürchtungen bleibt uns keine andere Wahl", als das "halbwilde, halb gezähmte Tier Nationalismus" unter Kontrolle zu bringen. So hofft Mounk, das Monster zum Nutzvieh der guten Sache machen zu können.  

Wer so hin und her gerissen, so auf den Kompromiss mit dem populistischen Teufel aus ist, tut sich schwer damit, das Dickicht, durch das sich die Weltgeschichte in diesen Zeiten zu bewegen scheint, mit Geistesblitzen zu erhellen. Mounk bemüht sich, das umfassende Bild einer verworrenen Lage zu zeichnen. Einen sicheren Ausweg vermag auch er nicht aufzuzeigen.

Einen radikalen Kurswechsel will er nicht empfehlen. Ein "weiter so" aber darf es auch nicht geben. Also: Kompromiss und tastende Bewegungen weiter vorwärts. Der wissenschaftliche Soundtrack zu einer Großen Koalition in bedrohlichen Zeiten.

Yascha Mounk: Der Zerfall der Demokratie. Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht
München, Droemer Verlag 2018
352 Seiten, 22,99 Euro

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