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Interview | Beitrag vom 05.01.2018

Woran arbeiten Sie gerade, Herr Stemann?Das Ende eines Patriarchen

Nicolas Stemann im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Theaterregisseur Nicolas Stemann 2016 in den Münchner Kammerspielen (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
Der Theaterregisseur Nicolas Stemann (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)

Strindbergs Drama "Der Vater" ist für Regisseur Nicolas Stemann das "Stück der Stunde". Denn: In dem Rückzugsgefecht des Patriarchen spiegele sich eine Angst vor der Moderne wider, die auch heute hochaktuell sei und Männer in die Arme von Rechtspopulisten treibe.

Dieter Kassel: "Woran arbeiten Sie gerade?" Bei Nicolas Stemann ist die Antwort auf diese Frage im Moment ziemlich klar. Er ist Regisseur an den Münchner Kammerspielen, und er steckt dort gerade in den Vorproben für seine nächste Inszenierung "Der Vater", ein Drama von August Strindberg. Ein Drama, das Ende des 19. Jahrhunderts in Kopenhagen uraufgeführt wurde, ziemlich viel Aufsehen erregt hat. Die Leute waren irritiert von diesem Stück, und es wurde vorübergehend sogar verboten. Und deshalb habe ich Nicolas Stemann gefragt, ob er jetzt gerade mitten in der Arbeit steckend auch daran denkt und ob diese wirklich große Aufregung damals bei der Uraufführung für ihn möglicherweise sogar der Grund war, sich dieses Stück als nächste Inszenierung auszusuchen.

Nicolas Stemann: Mit der Rezeption Ende des 19. Jahrhunderts hat das, glaube ich, wenig zu tun, hoffe ich mal, denn ich glaube, dass wir da tatsächlich weiter sind, auch als Gesellschaft. Ich halte es trotzdem für das Stück der Stunde, und das ist tatsächlich was, was sich auf den ersten Blick nicht so erschließt. Ich will das seit einigen Jahren schon machen und bin immer auf einiges Stirnrunzeln gestoßen in den Dramaturgien, in denen ich das vorgeschlagen habe, unter anderem deshalb, weil es vom Autor auch in einer explizit antifeministischen Absicht geschrieben wurde, wo es dann immer hieß, ja, was willst du denen denn jetzt eine Stimme verleihen. Das will ich eigentlich auch nicht oder beziehungsweise ich will es nicht zu meiner These machen, aber ich glaube, dass es wichtig ist, genau darüber zu reden. Das ist eins der wenigen Stücke, die sich explizit mit dem Ende des Patriarchats beschäftigen. Der Vater, der Patriarch, ist derjenige, der am Schluss erst in den Wahnsinn verfällt und dann stirbt, also es beschreibt wirklich das Ende dieses Patriarchen. Und wenn man jetzt mal die Selbstaussagen Strindbergs ein bisschen beiseite lässt, dann merkt man, dass dieser Text, wie das oft so ist, sehr viel klüger ist als das, was der Autor über diesen Text geäußert hat, und ganz andere Wahrheiten bereithält. Und dann findet man da tatsächlich so Beschreibungen, die ziemlich genau sind, woran eigentlich dieser Patriarch zugrunde geht, nämlich nicht jetzt nur an irgendwelchen intriganten Frauen oder so, sondern tatsächlich an seiner Rolle auch. Das ist ein Mann, der ist mit seiner Rolle überfordert und ist ganz anders, ist viel weicher, ist viel weiblicher, als diese Rolle das vorsieht, also ein Mann, der tatsächlich an diesen patriarchalen Strukturen leidet. Aber um sie zu überwinden, ist es nötig, dass er selber abtritt. Und dieses komische Rückzugsgefecht, das wird aus der Sicht dieser Figur geschildert, und dadurch wird das hochinteressant und hochaktuell, weil ja frustrierte Männer, die mit Feminismus und Emanzipation und auch Moderne überfordert sind, das ist gerade ein gewaltiges Thema, also das steuert und prägt, dominiert gerade für alle möglichen politischen und auch globalen Prozesse. Das sind Leute, die sich dann den Alt-Right-Bewegungen anschließen oder in Deutschland auch irgendwie rechtspopulistisch werden und auf so eine Art irgendwie ihre Verunsicherung politisieren und politisieren lassen und sich ganz schlimmen autoritären Herrscherfiguren wieder zuwenden.

"Auf einmal gibt es so einen wahnsinnigen Backlash"

Kassel: Das heißt, wenn ich das zuspitzen darf, Sie glauben, mit diesem Strindberg aus dem Jahr 1887 – also da war zumindest die Uraufführung – kann man heute Donald Trump erklären, Erdogan, Orbán und viele andere?

Stemann: Ja, ich glaube, man kann die Psychostrukturen oder auf jeden Fall beleuchten, die dazu führen, dass Leute solche, gelinde gesagt, Vollidioten tatsächlich für den Ausweg halten und dass das auf einmal wieder so auf den Vormarsch gerät. Damit hat man ja vor ein paar Jahren auch nicht gerechnet. Und auf einmal gibt es so einen wahnsinnigen Backlash, und der hat damit zu tun, dass viele Leute, also gerade Männer und auch Männer in einem bestimmten Alter, nicht begreifen, was eigentlich ihr Vorteil sein könnte von bestimmten emanzipatorischen Bewegungen, was zum Beispiel auch im Feminismus für bestimmte Männer oder eigentlich für alle Männer für ein Ausweg liegt, nämlich genau da, so angestammte Rollen, die ja auch für Männer im Patriarchat keine tollen sind, zu überwinden und zu einer Art von Gemeinsamkeit zu kommen. Und das ist im Moment nicht so verbreitet, und ich glaube, viele Männer werden gar nicht erreicht von diesen Diskussionen und haben dann immer den Eindruck, sie müssen mit Abwehr darauf reagieren. Das ist genau das, also so eine hysterische paranoide Abwehr ist was, was Strindberg dieser Figur zuschreibt, dieser zentralen Patriarchenfigur.

Kassel: Wie hat denn Ihr Ensemble, die Männer und die Frauen, auf diesen Text und auf Ihre Vorstellung davon, wie Sie ihn auf die Bühne bringen wollen, reagiert?

Stemann: Erst mal muss man sagen, hatte ich ja schon angedeutet, es gibt keine (…) Figurenzuschreibung, das heißt, es ist jetzt so eine Figur wie der Vater auch nicht wirklich besetzt. Ich hab ein Ensemble von fünf Leuten, die sind auch größtenteils noch recht jung. Das sind drei Frauen und zwei Männer, also man sieht, mit diesem Ensemble kann man eigentlich das Stück gar nicht machen. Das sind Leute, die sich diesem Text annähern und darüber den Text herstellen und jetzt nicht a priori dieses Stück sind. Entsprechend konnten sie erst mit dem Stück nicht so viel anfangen, wobei sie alle erkannt haben, dass das literarisch und poetisch eine unglaublich hohe Qualität hat, aber politisch fanden sie den fragwürdig. Und dann, wenn man aber sagt, wir inszenieren den auf eine heutige Art, entsteht ein ganz tolles Bild, und das hat dann tatsächlich auch die skeptischeren unter den Kollegen und Kolleginnen dann doch recht schnell überzeugt. Nämlich wir befinden uns auf den Trümmern des Patriarchats, also wir nehmen so einen Text Ende des 19. Jahrhunderts aus so einer Blütezeit der bürgerlichen patriarchalen Ordnung, der auf irgendeine Art das Ende dieser Ordnung ahnt und thematisiert. Diesen Text nehmen wir und begegnen dem aber als moderne Menschen, als Frauen, als Männer, als homosexuelle, heterosexuelle Menschen, als Menschen, die eigentlich weiter sind als dieses Stück und auch eigentlich weiter sind als die Figuren in diesem Stück, und gucken, was von diesen Zuschreibungen, die dieser Text macht, sind dann aber doch noch vorhanden, was ist denn doch noch in uns vorhanden. Und wie ich gerade gesagt habe, also das Wiedererstarken der neuen Rechten zeigt ja, dass es offensichtlich eine große Sehnsucht gibt, dass dieses patriarchale Skript nicht so schnell verlassen wird. Also man weiß nicht, ist das jetzt ein letztes Aufbäumen, ein letztes Rückzugsgefecht, aber auf jeden Fall befinden wir uns noch in einem dieser Skripts. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt deutlich mache oder ob das sehr abstrakt klingt, aber das ist beim Erleben im Theater dann sehr konkret. Also auf den Trümmern des Patriarchats muss man eigentlich neue Strukturen entwickeln, man hat aber erst mal nur diese Trümmer, und das ist eine sehr reale Zustandsbeschreibung.

Kassel: Ich finde das auch in dieser Beschreibung schon ziemlich konkret, beginne mich auf das Stück zu freuen, aber kann mich im Kopf auch noch von einem ganz anderen Gedanken nicht verabschieden, weil wir ja eigentlich diese Überschrift hier haben unseres Gesprächs, "Woran arbeiten Sie gerade", und da frage ich mich, ob Sie zumindest in Ihrem Kopf in irgendeiner Form auch schon daran arbeiten, was Sie doch auch in relativ absehbarer Zeit erwartet. Sie werden dann ab der Spielzeit 19/20 – klingt so unglaublich diese Zahl inzwischen –, 2019/2020 …

Stemann: Das ist ganz nah.

Kassel: Es ist ganz nah, die Zahlen klingen wir aus einem Science-Fiction-Film, da werden Sie Co-Intendant am Schauspielhaus Zürich. Konkrete Aufgaben diesbezüglich haben Sie jetzt ja noch nicht zu erfüllen, aber in Ihrem Kopf, ist das auch schon eine Art Arbeit, sich darauf jetzt vorzubereiten?

Stemann: O, wir haben haufenweise konkrete Aufgaben gerade zu erfüllen, und da laufen jede Menge Gespräche, es wird auch schon ganz konkret, und verschiedene Arten von Verträgen. Interessanterweise – also das ist für mich neu, ich bin ja zum Glück nicht alleine, ich hab ja schon meinen Co-Intendanten und Freund Benjamin von Blomberg dabei, der schon seit einigen Jahren in der Leitung von Theatern arbeitet. Und für mich ist erst mal auffällig, wie klein der künstlerische Anteil im Moment noch ist an dieser Arbeit, dieser Vorbereitungsarbeit. Im Moment schaffen wir es, den Boden, den strukturellen und personellen Boden, auf dem man dann irgendwann Kunst wird machen können.

"Wir sind Theaterfreaks"

Kassel: Herr Stemann, jetzt mal kleine Spekulation am Schluss: Stellen Sie sich vor, Sie hätten nicht dieses Angebot gehabt, das in Zürich zu machen, sondern Sie hätten das Angebot gehabt, die Leitung der Berliner Volksbühne zu übernehmen nach Castorf. Hätten Sie es angenommen?

Stemann: Nein, nein. Ich muss auch sagen, es gab sogar auch konkrete Gespräche dazu, also ich bin das auch gefragt worden. Ich weiß nicht, ob ich das sofort gekriegt hätte, wenn ich in dem Moment Ja gesagt hätte, aber ich hab gesagt, auf gar keinen Fall übernehme ich die Leitung der Berliner Volksbühne nach Frank Castorf. Deswegen ist es vielleicht auch wohlfeil, da mit allzu gehässiger Kritik um sich zu schmeißen, aber ich glaube dennoch, für mich in Anspruch zu nehmen, dass ich es ein bisschen besser gemacht hätte, als das im Moment passiert. Ganz einfach, weil ich anders als die Menschen, die das jetzt gerade machen, weiß, wie Theater geht, wie man Theater macht, wie man Theater produziert. Wir sind Theaterfreaks, und wenn da Leute an der Spitze sind, die davon überhaupt keine Ahnung haben und dann aber so mit der Hybris und Arroganz des Quereinsteigers darangehen, dann führt das halt zu dem, was man da auch gerade sieht, und das ist ja nicht allzu viel, irgendwie pralles theatrales Leben.

Kassel: Mit diesem Gespräch mit dem Regisseur und bald Co-Intendanten des Schauspielhauses Zürich Nicolas Stemann geht unsere Reihe "Woran arbeiten Sie gerade" noch nicht zu Ende. Morgen früh, am Samstag, hören Sie bei meiner Kollegin Ute Welty ein Gespräch mit BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, der sich gerade auf seine nächste Tournee vorbereitet. Und alle Folgen unserer Reihe "Woran arbeiten Sie gerade" liefen übrigens nicht alle nur morgens, insofern hochgradig denkbar, dass Sie mal die ein oder andere verpasst haben. Alle Folgen können Sie natürlich jederzeit hören unter deutschlandfunkkultur.de oder in unserer App, der DLF-Audiothek.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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