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Donnerstag, 14.12.2017

Interview | Beitrag vom 06.12.2017

WohnungslosigkeitWarum es sich lohnt, einen Obdachlosen kennenzulernen

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Ein Obdachloser hat sich im Freien in einen Schlafsack verkrochen.  (dpa/Bodo Marks)
Obdachlose sind an ihrer Misere selbst schuld, lautet ein gängiges Klischee - das oft aber nicht stimmt. (dpa/Bodo Marks)

Der Arbeiter-Samariter-Bund verteilt Schlafsäcke und Isomatten an Obdachlose in Deutschland. Aber: Hilft das den Betroffenen tatsächlich? Nur zum Teil, sagen Macher des Projekts "querstadtein" - und machen noch ein paar andere Vorschläge.

Ute Welty: Ganz Köln obdachlos. Das ist die Größenordnung, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir über die Zahl von Menschen ohne Wohnung im nächsten Jahr sprechen. Schätzungen erwarten für 2018 zwischen einer halben Million und 1,2 Millionen Wohnungslosen. Schätzungen sind das eine, die Realitäten das andere, und uns diese Realitäten näherzubringen, das hat sich "querstadtein" zur Aufgabe gemacht. Selina Byfield ist die Geschäftsführerin und Dieter Bichler einer der Stadtführer. Die zeigen, wie die Welt aussieht für Obdachlose, beispielsweise in Berlin. Ihnen beiden ein herzliches Willkommen hier in "Studio 9", guten Morgen wünsche ich!

Selina Byfield: Guten Morgen!

Dieter Bichler: Einen schönen guten Morgen!

Welty: Herr Bichler, was zeigen Sie den Menschen, die Ihre Stadtführung gebucht haben?

Bichler: Ich zeige ihnen mein Leben, was 2012 stattgefunden hat, auf der Straße. Die gesamte Strecke zeige ich ihnen meine Punkte, wo ich entweder geschlafen habe oder wo ich irgendwas Besonderes bekommen habe oder wo ich warme Dinge bekommen habe, wo ich auf der Straße überleben konnte.

Welty: Ist das dann so eine Art Zuhause für Sie gewesen?

Bichler: Ja.

Welty: Das heißt was?

Bichler: Man könnte sagen, das sind Punkte, wo man sich gern aufgehalten hat, tatsächlich für uns Obdachlose ein Zuhause.

Welty: Als Mensch mit Wohnung erlebe ich Menschen ohne Wohnung meist schlafend in Unterführungen oder an Bushaltestellen. Frau Byfield, was ist mit so ganz normalen Tätigkeiten wie Kaffeetrinken, Zähneputzen, Wäschewaschen?

Byfield: Das ist möglich in speziellen Einrichtungen. Es gibt zum Beispiel seit einer Weile ein Hygienezentrum in Berlin von der Stadtmission. Grundsätzlich ist das aber sicherlich schwierig, das im Alltag zu organisieren. Ich höre auch von unseren Stadtführern immer wieder, dass es früher noch ein bisschen einfacher war. Unser Stadtführer Uwe erzählt zum Beispiel, dass man früher auch ins Krankenhaus, in die Charité gehen konnte, um sich mal ein bisschen frisch zu machen. Das ist heute nicht mehr so ohne Weiteres möglich.

Statt Isomatte besser warmes Essen

Welty: Heute verteilt der Arbeiter-Samariter-Bund in 40 Städten Schlafsäcke und Isomatten an Obdachlose. Ist das Ihrer Erfahrung nach eine sinnvolle Form der Hilfe, Herr Bichler? Sie lachen schon.

Bichler: Teilweise ja, teilweise nein. Schlafsäcke, Isomatte sind unerlässlich auf der Straße, das ist richtig. Aber ich weiß nicht, da sollte man auch manchmal ein bisschen umdenken, statt Schlafsäcken und Isomatten vielleicht mal ein paar warme Klamotten, und zwar richtig warme Klamotten zu verschenken oder eben mal sich ganz einfach hinzustellen und warmes Essen auszuschenken.

Welty: Frau Byfield, welche Art der Unterstützung und welche Hilfe erwarten und erhoffen Sie sich darüber hinaus von sozialen Einrichtungen und auch von den politisch Verantwortlichen?

Byfield: Man muss da, glaube ich, unterscheiden, einmal zwischen der direkten Hilfe für Menschen in Not, also zwischen Nothilfe und der Frage, was strukturell und politisch zu tun ist, um der Situation allgemein zu begegnen. Ich habe gerade erst gelesen, dass der Dieter Puhl von der Bahnhofsmission in Berlin tatsächlich auch sagt, es fehlen Schlafsäcke, und er wünscht sich eigentlich, dass es dafür auch eine Finanzierung vom Senat gibt, weil das eben bisher Hilfsorganisationen vor allem leisten.

Und trotzdem, darüber hinausgehend stellt sich natürlich die Frage, wie kann man dem Problem Wohnungslosigkeit allgemein und auch Obdachlosigkeit begegnen. Denn wohnungslos sind erst mal Menschen, die keine eigene Mietwohnung haben. Obdachlos sind tatsächlich die Menschen, die auf der Straße schlafen.

Schicksalschläge sind oft die Ursache

Welty: Was ist Ihre Vorstellung?

Byfield: Zum einen ist natürlich ein großes Problem die Mietsteigerungen, die es vor allem in Ballungsgebieten gibt. Das führt zu Verdrängung. Es gibt Zahlen, die lassen einem den Atem stocken, wie viele Zwangsräumungen es in Großstädten gibt. Das können dann individuelle Schicksale sein, Arbeitslosigkeit, Trennungen und so weiter, die dann tatsächlich dazu führen, dass Menschen eben nicht im Hilfesystem landen, sondern auf der Straße.

Und da wäre zum einen die Frage, wie kann man mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, um Menschen, die vielleicht ihre Wohnung verloren haben, auch wieder in Wohnung zu bringen. Denn das ist tatsächlich im Moment ein großes Problem.

Welty: Bezahlbare Wohnungen, das ist ja etwas, was alle Parteien fordern. Haben Sie da Hoffnungen, dass die zukünftige deutsche Bundesregierung sich des Themas etwas konkreter annimmt, als das bislang der Fall war?

Byfield: Ich bin sehr gespannt. Die Caritas hat jüngst gefordert, dass es einen Wohnungslosen-Gipfel geben soll, dass man sich also auf allerhöchster Ebene, tatsächlich auf Ebene der Kanzlerin über dieses Thema unterhält und tatsächlich einen Aktionsplan dafür entwirft. Ich würde das für sehr sinnvoll halten, das Thema auch auf diese Ebene zu heben.

Obdachlose brauchen Aufgaben

Welty: Herr Bichler, wie leben Sie jetzt, und was bedeutet Ihnen querstadtein?

Bichler: Zuallererst, querstadtein bedeutet mir sehr viel, weil es ist für mich, ich sag's, wie es ist, auch eine Pflichtarbeit. Ich brauche meine Pflichtarbeit, um meinen Hintern zu rühren.

Welty: Was meinen Sie mit Pflichtarbeit?

Bichler: Es ist ein Muss dahinter. Es ist eine Arbeit –

Welty: Man macht einen Termin …

Bichler: Richtig. Und ohne Termine ist der Mensch dafür nicht geeignet, um seinen Körper zu bewegen. Ich brauche meine Bewegung für meine Gesundheit. Außerdem macht mir der Job einen Heidenspaß.

Welty: Was macht Ihnen Spaß daran?

Bichler: Leuten zu zeigen, wie ich auf der Straße gelebt habe, oder besser gesagt, wie meine Gruppe auf der Straße gelebt hat. Und ihnen eben auch klar zu machen, dass – ich sag's mal so, wie's ist –, sechs von dieser Achtergruppe bereits verstorben sind. Und heutzutage lebe ich in einer ganz normalen Mietwohnung in Karlshorst, eine wundervolle Gegend –

Welty: Stadtteil von Berlin …

Bichler: Richtig. Und ich fühle mich dort wohl, und ich kümmere mich allerdings um Obdachlose heutzutage, allerdings ehrenamtlich, und ich versuche, jugendliche Obdachlose von der Straße zu holen, Kinder und Jugendliche.

Welty: Wann haben Sie begonnen, den Weg zurück in eine Wohnung zu finden?

Bichler: Ungefähr anderthalb Jahre nach einem Betreutes-Wohnen-Projekt. Ich habe insgesamt zweieinhalb Monate auf der Straße verbracht. Die Stadtmission als sozialer Träger hat mir für anderthalb Jahre rund gerechnet ein Wohnprojekt zur Verfügung gestellt. Danach war es natürlich sehr schwer, eine Wohnung zu finden, aber ich habe eine Wohnung gefunden, und ich war froh, auch nach knapp zwei Jahren vollkommen schuldenfrei gewesen zu sein.

Genervte Blicke, keine Gespräche

Welty: Querstadtein, Frau Byfield, steht für eine Umkehr der Rollenverteilung zwischen Menschen mit und Menschen ohne Wohnung. Was ist Ihnen da besonders wichtig?

!!Byfield:"" Wir wollen Menschen ermutigen, hinzuschauen und eben nicht wegzuschauen. Und zum anderen all die Fragen an Menschen zu stellen, die sie sich sonst vielleicht nicht trauen würden, Ihnen zu stellen. Das heißt, gerade in Großstädten begegnet man obdachlosen Menschen alltäglich in der U-Bahn, im Vorraum der Bank. Oft gucken wir weg, sind genervt.

Vielleicht lassen wir eine kleine Münze da, aber es entsteht eigentlich kein Gespräch, und wir wissen sehr wenig darüber, wie diese Menschen eigentlich ihren Alltag bestreiten. Und es gibt natürlich auch eine Menge Vorurteile: Obdachlose sind selbst an ihrem Schicksal schuld, wenn sie sich nur ein bisschen besser anstrengen würden, dann würde das schon alles klappen.

Und mit diesen Vorurteilen wollen wir aufräumen. Und genau deshalb versuchen wir, auf unseren Stadtführungen einen Raum zu schaffen, wo die Menschen miteinander ins Gespräch kommen und eben all diese Fragen stellen, die sie immer hatten und sich sonst aber nicht trauen würden, zu fragen.

Welty: Selina Byfield und Dieter Bichler zu Gast in "Studio 9". Die beiden kommen von querstadtein und setzen sich für die Situation von Menschen ohne Wohnung ein. Und dafür danke ich, und auch für den Besuch im Studio!

Byfield, Bichler: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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