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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.09.2007

Wie Nicht-Leser belesen wirken können

Pierre Bayard: "Wie man über Bücher spricht, die man noch nicht gelesen hat". Kunstmann 2007. 221 S.

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Kann man ja gar nicht alles lesen - muss man auch nicht, meint Pierre Bayard. (AP)
Kann man ja gar nicht alles lesen - muss man auch nicht, meint Pierre Bayard. (AP)

Wer die Klassiker der Weltliteratur nicht kennt, muss trotzdem nicht auf ein Gespräch über sie verzichten. Der Literaturprofessor und Psychoanalytiker Pierre Bayard will Nicht-Lesern die Angst nehmen, über Literatur zu sprechen. Seiner Meinung nach ist Lesen oft auch als Nicht-Lesen zu verstehen.

Pierre Bayards Abhandlung ist keineswegs einer dieser schnell zusammengestrickten, mit attraktiven Titeln in hohen Auflagen verkauften Ratgeber. Bei dem französischen Literaturprofessor und Psychoanalytiker fühlt man sich amüsant unterhalten und zugleich ernst genommen. Wie nebenbei lernt man - entsprechend der Doppelprofession des Autors - Neues über Bücher und über sich selbst als Leser.

"Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat", ist geistreich, ohne kompliziert zu sein, klug, aber bescheiden. Es animiert zuvörderst zur Lektüre berühmter Bücher, die man - vielleicht - auch noch nicht gelesen hat; unter ihnen Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", Honoré de Balzacs "Menschliche Komödie" oder Montaignes "Essais". Denn aus ihnen zitiert Bayard Passagen, die jeweils bestimmte Thesen seiner Theorie des Lesens als Nichtlesen veranschaulichen.

Jede Lektüre sei demgemäß in gewissem Sinn auch eine Nicht-Lektüre. Vier Arten des Nichtlesens unterscheidet er und beschreibt jede von ihnen anhand eines literarischen Beispiels.

Es gibt die unbekannten Bücher, jene Werke also, die man noch nicht einmal aufgeschlagen hat. Das ist - wie man sich stets zur Beruhigung vor Augen halten muss - ohnehin für jeden noch so beflissenen Leser die Mehrheit aller Bücher.

Nach den unbekannten Büchern kommen die quergelesenen Bücher. Frechstes Exempel: Wie Paul Valéry als Nachfolger von Anatole France seine Antrittsrede in der Académie Française hält - Thema: Anatole France. Valéry schaffte es tatsächlich, den Namen seines ungeliebten Vorgängers nicht mehr als einmal zu erwähnen, als "den Mann, der seinen Namen von unserem Land entliehen hat".

Drittens wären da die Bücher, die man nur vom Hörensagen kennt: Umberto Eco hat in seinem Roman "Der Name der Rose" den Extremfall des Nicht-Lesers entworfen. Jener Bibliothekar nimmt von jedem neu eingehenden Buch nur Titel, Autor und die knappste Inhaltsangabe zur Kenntnis. Für alles andere habe er keine Zeit, zu groß sei die Menge der Neuzugänge.

Schließlich geht es um Bücher, die man zwar gelesen, aber vollständig vergessen hat. In Montaignes Geständnis kommt eine tragische Note zum Klingen: "Wahrhaftig kein Wunder, dass mein eignes Buch das Los der andern teilt, wenn mein Gedächtnis das, was ich schreibe, ebenso fahren lässt wie das, was ich lese, und was ich gebe ebenso wie das, was ich empfange".

Was macht man also in Gesprächssituationen, in denen es um Bücher geht, die man nicht gelesen hat? Im zweiten Teil seines Buches gibt Bayard Ratschläge dazu. Man vertrete seine Ansichten mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein - wobei einem zugute kommen kann, welche Position man in der Hierarchie der anwesenden Gesprächsteilnehmer einnimmt. Kuriose Bemerkungen werden dann entweder als Zeichen eines an originellen Einfällen nicht armen Geistes oder als Ausdruck von Humor gewertet.

Bayard hebt darauf ab, welche Mächte im Spiel sind, wenn über Literatur diskutiert wird; diese gilt es zu analysieren, wenn man nach effizienten Strategien sucht, in solchen Lagen zu bestehen. Bayards Beispiel: Graham Greenes Roman "Der dritte Mann", in dem der Trivialschriftsteller Martins in Wien aufgrund seines Künstlernamens Buck Dexter mit einem angesehenen Autor verwechselt wird und an dessen Stelle zu einer öffentlichen Diskussion mit Lesern gebeten wird, bei der er nun über Bücher sprechen muss, die er nicht gelesen, geschweige denn selbst geschrieben hat.

Wer so gelernt hat, ohne Angst, Scham oder Schuldgefühle über Bücher zu sprechen, die er nicht gelesen hat, dem wird sich eine "virtuelle Bibliothek" mit ihrem ganzen Reichtum eröffnen. Hierin, in dieser Befreiung des Lesers, durch die es ihm möglich wird, sich als Autor zu entfalten, liegt das eigentliche Motiv des Buches.

Bayard schreibt aus einer von ihm tief empfundenen Verpflichtung heraus - dem psychoanalytischen Berufsethos, wenn man so will - "anderen zu helfen, ihre Angst vor Bildung zu überwinden und sich von ihr frei zu machen, um endlich selbst mit dem Schreiben anzufangen".

Rezensiert von Wiebke Hüster

Pierre Bayard: Wie man über Bücher spricht, die man noch nicht gelesen hat
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Verlag Antje Kunstmann 2007
221 S., 16,90 EUR

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