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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.01.2016

"We Are Dreamers!" von TindersticksDie Monster der Melancholie

Von Florian Werner

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Stuart A. Staples von der britischen Band Tindersticks im Studio von Deutschlandradio Kultur (Oliver Schwesig / Deutschlandradio)
Stuart A. Staples von der britischen Band Tindersticks im Studio von Deutschlandradio Kultur (Oliver Schwesig / Deutschlandradio)

Die Tindersticks befassen sich in ihren Texten mit Träumen, warum ihre neue Single auch "We Are Dreamers!" heißt. Florian Werner hat den Songtext gelesen und ist dabei auf ein Monster gestoßen, das in der Dämmerung aktiv ist. Es wird gewohnt melancholisch und verstörend besungen.

Das neue Album der Tindersticks dreht sich um Träume. Die erste Single heißt bezeichnenderweise "We Are Dreamers!". Florian Werner hat den Songtext gelesen, ist dabei auf ein nachtaktives Monster gestoßen, das gewohnt melancholisch und verstörend besungen werden.  

"You may say I'm a dreamer..."

"Dreams are my reality..."

"Dreaming, dreaming of me..."

Kaum ein Pop-Text ohne Träume

In Pop-Texten wird seit jeher geträumt, als ob es keinen Morgen gäbe. Oft handelt es sich dabei um Wunschträume, Visionen von Liebe und Weltfrieden, süße Surrogate für die Wirklichkeit. Bisweilen brechen sich allerdings auch Albträume Bahn - etwa in dem Song "We Are Dreamers!" der britischen Meistermelancholiker Tindersticks:

"It's out there skulking around / Shuffling outside of our door"

Es ist da draußen. Es schleicht um das Haus. Es flüstert und rüttelt an der Tür ...

"Whispering, it beckons us still / Tapping away at our locks"

Aber worum handelt es sich? Die Identität des Ungeheuers wird nie benannt, sein Aussehen nie genauer beschrieben. Fest steht nur: Es taucht stets an den Randzeiten zwischen Tag und Nacht auf: im Morgen- und Abendgrauen, wenn die Traumaktivität am intensivsten sind:

"Through breaking days and falling nights / It waits / And when hunger creaks inside us / It breathes its offer again"

Womöglich handelt es sich um eines jener Monster, die dem Künstler Francisco de Goya zufolge immer dann erwachen, wenn die Ratio sich schlafen gelegt hat: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

"This is not us, not us, we are dreamers! / This is not us, not us, we are dreamers!"

Wir sind nicht Schuld! Wir sind doch nur harmlose Träumer! beteuern Tindersticks-Sänger Stuart Staples und seine Duett-Partnerin Jehnny Beth im Refrain. Klingt erst einmal überzeugend: Wer schläft, sündigt nicht, und wer träumt, kann nicht als Schattengestalt um das Haus schleichen. Oder doch?

Das Monster wohnt im Haus unserer Psyche

Folgt man Sigmund Freud, sind Träume schließlich nichts anderes als verschobene und verdichtete Manifestationen unseres Unbewussten. Anders gesagt: Das Monster steht nicht draußen vor der Tür, sondern wohnt schon längst im Haus unserer Psyche. Die angeblich so unschuldigen dreamers sind die Eltern ihres eigenen Albtraums. Sie haben das Ungeheuer gezeugt.

Die britische Band Tindersticks mit Sänger Stuart A. Staples (2. v. l.) bei ihrem Konzert 28.10.2013 im Admiralspalast in Berlin (imago / Future Image)Ihre Songs klinge wie Filmmusik: Die britische Band Tindersticks mit Sänger Stuart A. Staples (2. v. l.) bei einem Konzert im Berliner Admiralspalast (imago / Future Image)

"So don't wake me, don't shake these bones, don't rattle those keys / Don't wake me, don't make me look, oh you gotta let me dream!"

Offenbar ist sich der Sänger dieser Tatsache nicht bewusst; sonst würde er nicht so inständig darum bitten, noch ein wenig in der Kammer seiner Träume verharren zu dürfen. Ja, anscheinend möchte er sich sogar noch tiefer in die Abgründe seines Unbewussten bohren. Denn am Ende des Liedes scheint er - a dream within a dream - langsam einzuschlafen. Wir wünschen: Süße Träume.

"This is not us, not us, we are dreamers..."

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(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 22.01.2016)

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