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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.10.2016

"Volksbühnen-Diskurs" von René PolleschDas kommt alles "weg, weg, weg"

Von Tobi Müller

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Schauspieler Martin Wuttke zeigt in einer Szene eines Pollesch-Stücks an der Berliner Volksbühne auf etwas. (imago/DRAMA-Berlin.de)
Schauspieler Martin Wuttke in einer Szene eines Pollesch-Stücks an der Berliner Volksbühne (imago/DRAMA-Berlin.de)

Regisseur René Pollesch produziert gerade wie am Fließband im letzten Jahr der Intendanz von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. In seinem neuesten Stück ist der Streit um dessen Ablösung selbst immer wieder Thema - zwar ziemlich orthodox, aber trotzdem lustig.

Drei Namen: Milan Peschel, Trystan Pütter, Martin Wuttke. Drei Schauspielerstars, die für den Glanz der Volksbühne stehen, selbst wenn sie öfter woanders spielen. Sie tragen rote Unterhosenanzüge und sprechen sich mit 3 Amigos an, wie in der Westenkomödie von John Landis vor 30 Jahren. Sie spielen drei Clowns, und wie das so ist mit dem Harlekin, der in diesem Stück von René Pollesch erst am Ende in Westernmontur auftritt und Cowboystiefel mit langen Schnäbeln trägt, wie so oft muss der Clown, Achtung, die Wahrheit sprechen. Drei Namen, drei Feuerwerke und ein sehr langer Titel für alle Insider.

Der Titel geht so: "Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Teil 1: Ich spreche zu den Wänden." Muss man das alles entschlüsseln, die Eventbude, die man Castorfs Nachfolger Chris Dercon seit anderthalb Jahren nachsagt, der Vergleich von Donald Trump mit Chris Dercon? Puh, man hört besser erstmal zu.

Drei Weltklasse-Clowns

Im lustigen Stimmengewirr der drei Weltklasse-Clowns gewinnt der Volksbühnen-Diskurs, wie es im Titel heißt, allmählich Konturen. Sehr klare Konturen, wie man sie von den Polleschstücken sonst nicht kennt. Viel wird über das Symptom gesprochen, dass man das nicht verstehe, wie man immer von Symptomen sprechen könne. Für Outsider: Es gibt Stimmen, die im Streit um die Volksbühne auch andere latente Diskurse vermuten, die dann eben Symptome produzieren.

Aber nein, so erfahren wir in vielen Monologen, die Volksbühne, die sich mit einem offenen Brief gegen die Entscheidung gewehrt hat, sei eben kein Ort, sondern eine Klasse. Dann auch: ein Organ. Wenn ich Engels richtig verstanden habe, ist ein Organ etwas, was die herrschende Klasse gerade benutzt, um zu sprechen. Oder? Und welche Klasse ist wohl gemeint: die freien, ungesicherten Verträge, die festen Verträge der Technik im öffentlichen Dienst, die zum Teil sehr erfolgreichen und zu verdientem Wohlstand gelangten Schauspieler, der Intendant? Alles die selbe Klasse, oder wer spricht hier für wen, in wessen Namen? Meine Marx-Lektüre liegt schon etwas zurück, ich gebe es zu. Aber das waren immer Fragen der Repräsentation, die das Pollesch-Theater interessiert hat. Dachte ich.

Kein Einzelner, kein Kollektiv - was dann?

Später, wird auf der Bühne erzählt, ist die Volksbühne ein Ort, wo jeder darüber sprechen kann, was er auf der Bühne anzieht, im Gegensatz zu allen andern Theatern. Und in der Volksbühne gibt es, ist auch wieder zu hören, eine Form der Auseinandersetzung, die nicht von einem Einzelnen, aber auch nicht von einem Kollektiv geschaffen wurde, sondern von etwas anderem. Das wäre jetzt total interessant. Aber es bleibt Behauptung, wird zu etwas Drittem, Göttlichem. Führt zur Verzückung und etwas Applaus. Aber: Das kommt alles "weg, weg, weg", sagt die Figur von Martin Wuttke.

Die Selbstglorifizierung eines Hauses und der Verdammung aller andern hat mit einem "Diskurs" wenig zu tun. Diesem Diskurs fehlt der Widerstreit, er trägt jetzt Zeichen der Orthodoxie. Das ist neu in der Geschichte der Ära Castorf. Oder täuscht die Erinnerung an die eigene Spätjugend? Allerdings: Trotz linientreuer Kunst auf dunklem Grund ist das immer wieder komisch. Das ist das eigentliche Wunder.

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