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Dienstag, 16.01.2018

Rang I | Beitrag vom 30.04.2016

Theater TrierKarl M. Sibelius mischt die Provinz auf

Von Bernhard Doppler

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Intendant des Theater Trier, Karl M. Sibelius (picture alliance / dpa / Birgit Reichert)
Intendant im Theater Trier: Karl M. Sibelius (picture alliance / dpa / Birgit Reichert)

Noch vor drei Jahren stand das Theater Trier vor der Schließung, wurde aber dann in letzter Minute gerettet. 2015 übernahm der Schauspieler, Sänger und Musicaldarsteller Karl M. Sibelius. Er hat das künstlerische Wirken neu belebt.

Sie hat eine große Schwäche für fesche Soldaten! Jacques Offenbachs Großherzogin von Gerolstein - insbesondere für den jungen Grenadier Fritz. Aber Fritz scheint taub für ihre Annäherungsversuche.

Operette im Stadttheater in greller schräger Bearbeitung und Übersetzung von Karl Sibelius, dem Trierer Intendanten. Als Herzogin ist im Besetzungszettel Rose Divine angegeben - Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin. Rose Divine ist niemand anderes als der Intendant.

"Also wenn man sich vorstellt, dass man in Trier einen Intendanten hat, der als transsexueller Pornostar in einer Operette auf der Bühne steht, dann glaubt man mal von vornherein, das Stück kann nur floppen, und ich sehe an Hand einer solchen Produktion, dass das Publikum viel viel weiter ist, als man glaubt."

Orchester hat besondere Bedeutung

Karl Sibelius hatte vor Trier als Intendant einem sehr kleinen Theater, dem oberbayrische Landkreistheater in Eggenfelden, plötzlich überregionale Beachtung verschaffen können. Auch dort hatte er die "Herzogin von Gerolstein" einstudiert. Aber im Gegensatz zu Eggenfelden schlägt ihm neben viel Neugier, nun auch Gegenwind bei alteingesessenen Abonnenten entgegen. Auch wenn ein Besucherrückgang zu verzeichnen ist, ist das Theater zum Stadtgespräch geworden. Während Sibelius in Eggenfelden ausschließlich mit Gästen operierte, setzt er nun ganz auf Stärkung des Ensembles. Das Zusammenwirken der Sparten ist für ihn dabei zentral, und die Operette dafür ein gutes Beispiel. Nicht die Schließung einer Sparte, sondern die intensive Vernetzung von Tanz, Musiktheater, Schauspiel sieht Sibelius als Zukunftschance des Stadttheaters.

"Aber das ist eine schwierige Geschichte, auch innerhalb des Theaters. In den Köpfen ist es oft nicht möglich, auch in den Köpfen der Künstler oder musikalischer Leiter, auch in den Köpfen von Spartenleitern. Da muss ich immer den Slogan, den ich an die Spielzeit gesetzt habe denken, "Verrückt euch", denkt neu!"

Auch spartenübergreifend! Ein Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari" ist eine Produktion des Schauspiels, doch besonders wichtig dabei das Orchester: es spielt ein Auftragswerk an Stephan Paul Goetsch. Die Regisseurin Alice Buddeberg:

"Wie kann man das übersetzen, was im Film stumm ist, und das nicht in einer bekannten Kunstform wie Pantomime oder Tanz, ob es eine psychologische Notwendigkeit gibt nicht zu reden und mit schauspielerischen Mitteln damit umzugehen."

Erst am Ende Worte: Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief.

Das Theater in die  Stadt bringen

Den einzelnen Werken selbst kommt die Vermischung der Sparten sehr zugegen. Die Sprechpartien in Beethovens Oper "Fidelio ": In Trier wurden sie stark erweitert! das Musical: in der Trierer Version von "Dr. Jekyl und Mr. Hyde" wird das Genre als psychologisches Kammerspiel ernst genommen! Und selbst die aktuelle Operninszenierung, Leos Janaceks "Die Abenteuer des Herrn Broucek", ist nicht ganz eindeutig einzuordnen. Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic:

"Wir haben in der Erarbeitung oft gedacht, es hat was Operettiges, weil es auch sehr schrill ist, dass ein Spießer auf dem Mond eine verklärte Welt sieht, wo nicht gegessen, sondern geschnuppert, sein Bier und seine Knackwurst wird ihm verboten und dann kommt das 15. Jahrhundert und plötzlich soll er kämpfen für was, was er als Mensch der Zunkunft schon überholt glaubt."

Und es gibt noch eine neue Sparte: das Bürgertheater. 1818 ist in Trier Karl Marx geboren worden und das Theater bereitet sich bereits jetzt auf das große Jubiläum, 3 Jahre zuvor, vor. In "Marx 1" erkundet Regisseur Peer Ripberger zuerst mit Laien, was politische Utopie heute bedeuten mag. Marc Bernhard Gleißner leitet das Bürgertheater

"Mit dieser Sparte versuchen wir das Theater in die Stadt zu bringen, aber auch die Bürger mit unserem Ensemble vertraut zu machen."

Auch bei "Marx 1" vermischen sich die Sparten. Neben den Laien: Schauspieler, Sänger, Opernchor, Orchester. Denn durchzogen wird die Aufführung durch Musik von Peter Androsch, einem Auftragswerk, ein effektvoller musiktheatralischer Kontrapunkt zu den politischen Erörterungen.

Was am Theater Trier immer wieder imponiert, ist, wie unmittelbar es zu den Anfängen des Theatralischen zurückfindet. Kein Zufall: Die Eröffnungspremiere war bezeichnenderweise eine Uraufführung einer Oper der Isländerin Anna Thorvalsdottir "Ur" genannt, die den Schöpfungsprozess der Erde thematisiert, und noch zuvor gab programmatisch Karl Sibelius inGeorg Kreislers Einmannmusical "Alles bleibt anders" den alternden gekündigten Schauspieler Adam Schaf. Diese Aufführung steht noch immer auf dem Spielplan. Der Intendant als Adam, als erster Mensch also, der sich auf der Bühne buchstäblich entblößen muss und sich nicht davonstehlen kann.

"Ich finde es ganz wichtig, weil man einfach wissen muss, mit wem arbeitet man und für wen arbeitet man und weil einfach dieses auf der Bühne stehen, sich ausliefern, mir einfach wahnsinnig viel Kraft gibt."

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