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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

Terror und AggressionIst Gewalt Männersache?

Von Florian Goldberg

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Eine Mann droht einer Frau mit der Faust. (picture alliance / dpa)
Florian Goldberg glaubt, dass das Thema Gewalt, dass derzeit die Weltlage beherrscht, auch mit jedem Einzelnen zu tun hat. (picture alliance / dpa)

Männer vergewaltigen, versklaven, erschießen oder steinigen. Unser Autor Florian Goldberg konstatiert dem männlichen Geschlecht eine latent strukturelle Gewalt. Diese erkennt er auch im Straßenverkehr oder im frauenfeindlichen Umgang mit Kolleginnen am Arbeitsplatz.

Seit den Anschlägen von Paris ist jedem fühlenden Menschen übel vor Entsetzen.

Und dennoch: In Bangladesch wurde kurz zuvor ein Verleger atheistischer Literatur von einer aufgehetzten Meute in Stücke gehackt. In Wismar droschen zehn Angreifer mit Baseballschlägern auf zwei Syrer ein. In Indien wurde ein muslimischer Schmied von einem hinduistischen Mob gelyncht, weil er angeblich Rindfleisch gegessen hatte. In Magdeburg fielen rund 30 Unbekannte über drei Asylbewerber her. In Kiel gingen sechs Männer mit einer Gasflasche auf einen irakischen Flüchtling los. In Mexiko tobt ein blutiger Drogenkrieg, bei dem Verschleppung, Folter und Mord an der Tagesordnung sind. In einer Berliner U-Bahn urinierte diesen Sommer ein Rechtsradikaler auf Flüchtlingskinder, während seine feixenden Kumpels applaudierten. In Afghanistan wurde eben wieder eine junge Frau in einem Erdloch zu Tode gesteinigt, weil sie - ach, weil …

Die Reihe ist endlos.

Demografie beschreibt nur, erklärt nichts

Einzeln betrachtet könnte man Geschichten von blutrünstigen Fanatikern erzählen, von xenophoben Irren oder skrupellosen Kriminellen. Man könnte die einen Taten besonders grauenvoll und die anderen weniger schlimm finden. Aber das ist hier nicht der Punkt. Worum es geht, ist der gemeinsame Nenner: All diese Scheußlichkeiten werden in aller Regel von Männern begangen. Welche Rolle Frauen dabei auch immer spielen mögen - sie sind es nicht, die andere Menschen zerhacken, verdreschen, vergewaltigen, versklaven, erschießen, steinigen. Sie sind es bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht, vor denen Menschen rund um den Globus flüchten. Es sind Männer, häufig junge. Im Fall von Paris wohl blutjunge.

Was zum Teufel ist mit ihnen los? Militärtheoretiker verweisen gern auf den Zusammenhang von Demografie und Gewalt. Wo zu viele junge Männer keinen Anschluss an die normalen Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten ihrer jeweiligen Gesellschaft fänden, dort komme es zu einem steilen Anstieg gewalttätiger Karrieren.

Aha, könnte man sagen, junge, doofe Männer ohne festen Job, alles klar. Zeit, die Versäumnisse der Politik anzuprangern und Forderungen für die Zukunft zu stellen!

Der Mann muss eigene Abwehrreflexe analysieren

Nur, ehrlich gesagt, beruhigt mich das nicht. Es ist zu einfach, sich als Mann die Dinge durch solche Argumentationen vom Leib zu halten. Bei genauerer Betrachtung erkenne ich in den zitierten Verbrechen extreme Ausdrucksformen einer männlichen Gewalt, die in uns allen, das meint: allen Männern angelegt ist.

Diese latent-strukturelle Gewalt tritt im Alltag zutage im Autofahrer, der wütend einen Fußgänger schneidet, dem beim Überqueren der Kreuzung die Ampel auf Rot umgesprungen ist. Oder in der Managementsitzung, bei der die einzige Frau im Kreis mit einer Mischung aus anzüglichen Witzchen und väterlicher Gönnerhaftigkeit bedacht wird. Oder in der Zweifelsfreiheit, mit welcher im Moment die politischen Positionen zementiert und die jeweiligen Gegner diskreditiert werden.

Mit anderen Worten: Die Gewalt, die wir so verabscheuen, hat mit uns als Einzelnen zu tun. Verehrte Hörer: mit Ihnen und mit mir!

Nicht nur offensichtliche Gewalt ist gefährlich

Wenn wir daher nicht wollen, dass der gesellschaftliche Frieden in unserem Land angesichts der gegenwärtigen politischen und humanitären Krise weiter erodiert, reicht es nicht aus, Gewalt in ihren offensichtlichen Erscheinungsformen zu bekämpfen. Wir müssen sie jeweils in uns selbst beenden!

Wir müssen uns ihrer in den kleinen Situationen des Alltags bewusst werden und klare Entscheidungen treffen. Für einen friedlichen Umgang. Für den Dialog. Für die Würde des Gegenüber, auch wenn es sich auf eine Weise äußert, die meinen Ansichten zuwider läuft. Übrigens auch und noch immer: für die Gleichberechtigung der Geschlechter!

Es gilt, behaupte ich, einen Begriff von Männlichkeit zu entwickeln, der sich nicht herleitet aus physischer Stärke und materieller Überlegenheit, sondern der Fähigkeit, sich selbst zu überwinden.

Die Hörerinnen dieses Beitrags mögen mir verzeihen, dass ich hier ausnahmsweise ein Gespräch unter Männern geführt habe. Ob und was Sie mit all dem zu tun haben, entscheiden Sie bitte selbst!

Der Autor, Coach und philosophische Berater Florian Goldberg. (privat)Der Autor, Coach und philosophische Berater Florian Goldberg. (privat)Florian Goldberg hat in Tübingen und Köln Philosophie, Germanistik und Anglistik studiert und lebt als freier Autor, Coach und philosophischer Berater in Berlin. Er hat Essays, Hörspiele und mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt "Wem gehört dein Leben?"


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