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Zeitfragen | Beitrag vom 21.04.2017

Stürme in der LiteraturWasserhosen, Windsbräute und Wirbelstürme

Von Peter Urban-Halle

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Die Wellen der Nordsee brechen sich am 07.12.2013 vor dem Strand von Helgoland (Schleswig-Holstein). Nach dem Abzug von Orkantief «Xaver» ist der Fährverkehr zur Nordseeinsel wieder angelaufen. Zwar gebe es mit bis zu drei Metern noch eine signifikante Wellenhöhe, die seien aber nach Aussage des Geschäftsführers der Cuxhavener Reederei für das Schiff kein Problem. Foto: Christof Martin/dpa | (Christof Martin / picture alliance / dpa)
Manchmal als graue Eminenz, manchmal als sichtbare Autorität - Stürme sind in der Literatur oft der „natürliche“ Widerpart des Helden. (Christof Martin / picture alliance / dpa)

Sie können grausam sein wie bei Victor Hugo, kommen aus heiterem Himmel wie bei Hermann Melville und können sogar Ehen vereiteln wie bei Alexander Puschkin. In der Literatur spielen Stürme oft eine schicksalhafte Rolle.

"Die Atmosphäre ist harmoniebedürftig. Luftteilchen aus einem Gebiet mit hohem Luftdruck bewegen sich so lange in ein Gebiet mit niedrigem Luftdruck, bis alles ausgeglichen ist", sagt der Fernseh-Meteorologe Sven Plöger. "Je größer der Unterschied zwischen den Drucksystemen, desto heftiger strömen die Luftmassen in das Gebiet mit dem geringen Luftdruck und desto stärker weht der Wind."

Erreicht der Wind eine Geschwindigkeit von 75 Kilometern in der Stunde wird er zum Sturm. Dann richtet er auf der Erde verheerende Schäden an: Ernten werden vernichtet, Ansiedlungen zerstört, Menschen und Tiere getötet.

Und wir können nichts dagegen tun. So ausgefeilt Wissenschaft und Technik auch sein mögen, Stürme können sie nicht verhindern. In der Literatur spielen sie deshalb in der Regel eine unheimliche und schicksalhafte Rolle – und zwar nicht nur als Zerstörer des Alten, sondern genauso oft als Begründer von etwas Neuem. Stürme, die für die einen den Tod bedeuten, können für andere eine Art Geburtshelfer sein. Sie korrigieren Unrecht, bestrafen Untaten, lösen Rätsel. Natürlich ziehen auch in vielen Werken der Literatur Stürme auf, nur um einer dramatischen Situation gewissermaßen den letzten Pfiff zu geben.

Aber wenn die Stürme nicht bloß Illustration einer inneren Verfassung sind, dann wird es interessant. Wenn sie eine eigene Rolle spielen, sind sie der im wahren Sinne "natürliche" Widerpart des Helden. Manchmal als graue Eminenz, manchmal als sichtbare Autorität. Wenn die Natur mit der Gewalt eines Sturmes auftritt, wenn sie zur Person wird und sogar eine Seele bekommt, wie Victor Hugo schrieb, dann greift sie auch ein und lenkt das Leben einer oder mehrerer Figuren in andere Bahnen.

Korrektur eines Verrats - Shakespeares: "The Tempest"

Der bekannteste Sturm-Text der Literatur ist wahrscheinlich William Shakespeares spätes Drama von 1611. Es heißt ja schon so: "The Tempest", "Der Sturm". Es spielt auf einer Insel, auf der Prospero mit seiner Tochter Miranda ausgesetzt wurde, nachdem er als Herzog von Mailand gestürzt worden war – vom eigenen Bruder.

Im Unterschied zu den meisten Stürmen, die wir aus der Literatur kennen, ist der Shakespearsche ein Zauberwerk, ein künstlich herbeigeführtes Unwetter. Nicht ein Gott oder das Schicksal veranlasst den Sturm, sondern ein Mensch, Prospero nämlich. Dieser Prospero ist auch Magier – und sein Helfer ist der Luftgeist Ariel. Der Sturm soll das Schiff mit Prosperos verräterischem Bruder und dessen Verbündeten, dem König von Neapel, zu seiner Insel treiben.

 "Und nun, ich bitt Euch,

Denn stets noch liegt es mir im Sinn: warum

Erregtet Ihr den Sturm?"

… fragt Miranda ihren Vater Prospero.

Ja, warum? Bei Shakespeare dient der Sturm dazu, das große Unrecht des Bruderverrats zu korrigieren. Der Sturm ist hier kein Rächer oder Zerstörer, auch das unterscheidet ihn von anderen Stürmen in der Weltliteratur. Denn es kommt keiner um, Mannschaft und Passagiere werden genau nach Plan auf der Insel zerstreut, und dadurch kann dann auch eine Ehe gestiftet werden, die staatspolitisch wichtig ist, und zwar die Ehe zwischen Prosperos Tochter Miranda und Ferdinand, dem Sohn des feindlichen Königs von Neapel.

Der mürrische Reisebegleiter - "Odyssee"

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,

Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,

Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.

Odysseus' Heimkehr vom zerstörten Troja in Kleinasien nach Ithaka, seiner Heimatinsel im Ionischen Meer, wo seine Gattin Penelope, bedrängt von unzähligen Freiern, auf ihn wartet – die sogenannte "Odyssee" also gilt als eine Art Ur-Epos des abendländischen Romans. Odysseus musste mit vielen Stürmen kämpfen, immer wieder versuchen sie, ihm den kürzesten Weg nach Ithaka zu verwehren. Am schlimmsten spielen sie ihm mit, nachdem er durch eine List den schrecklichen einäugigen Polyphem geblendet hat, einen Sohn des Meeresgottes Poseidon. Odysseus kommt zu einer Insel, auf der Aiolos zu Hause ist, der Herrscher der Winde. Und der schenkt Odysseus einen Schlauch. In Gustav Schwabs Worten berichtet der Held:

"In diesem Schlauch waren sämtliche Winde eingeschlossen. Er war so fest zusammengeschnürt, daß nicht der kleinste Lufthauch herauskonnte. Nur einen sanften Westwind schickte er uns nach, damit er uns schnell in die Heimat bringe."

Aiolos hatte Odysseus eingeschärft, den Schlauch auf gar keinen Fall zu berühren. Wir können uns schon denken, was geschieht. Ithaka ist bereits in Sichtweite. Und was macht Odysseus? Er schläft ein, und seine neugierigen Matrosen wollen nur mal kurz gucken, was sich in dem Schlauch verbirgt. Sie öffnen ihn.

"Kaum war das Band los, da brausten alle Winde miteinander hervor, und ein entsetzlicher Wirbelwind riß unser Schiff wieder hinaus auf die offene See."

Damit fangen die berühmten Irrfahrten des Odysseus erst richtig an. Odysseus war ein Held, die Stürme haben seine Heimkehr nach Ithaka immer wieder verzögert, doch ihn endgültig daran zu hindern oder ihn gar zu vernichten vermochten sie nicht.

Der Sturm als Rächer - Victor Hugo: "Der Mann mit dem Lachen"

Da haben die Winde bei Victor Hugo ein andres Format. Einen der grausamsten Stürme der Weltliteratur schildert Hugo in seinem monströsen Roman "Der Mann mit dem Lachen". Wie hat er Orkane genannt? "Wahnsinnsanfälle des Meeres". 

Der Franzose ist nie ein Mann der leisen Töne gewesen, aber gerade deshalb verdanken wir ihm unvergessliche Bilder und Szenen. Ein Beispiel für seine dramatisierende Wortkunst ist die Schilderung einer in Seenot geratenen Bande von Verbrechern im aufgewühlten Ärmelkanal. Es sind die Comprachicos, grausame Kindesentführer, die dem kleinen Gwynplaine ein Lachen ins Gesicht geschnitten haben und mit ihm als Attraktion von einem Jahrmarkt zum andern zogen. Nun müssen sie mitten im Winter aus England fliehen und lassen den Jungen am eisigen Strand zurück.

"Ein Gewitter lag in der Luft. Das war die Minute der Angst vor dem Sturm, wenn die Elemente sich anschicken, Personen zu werden und man der geheimnisvollen Verwandlung von Wind in den Gott Aquilon beiwohnen wird. Das Meer wird Ozean, die Kräfte zeigen sich als Willenskräfte, was man für eine Sache hält, ist eine Seele. Das sieht man mit Entsetzen. Die Seele des Menschen fürchtet sich vor dieser Konfrontation mit der Seele der Natur."

Was passiert hier? Der Sturm bei Hugo ist in erster Linie ein Rächer, kein Korrektor. Er rächt die Untaten der Comprachicos. Der Sturm führt sie ihrer wohlverdienten Strafe zu. Das reicht ihm nicht. Er verhöhnt sie nämlich noch, indem er ihnen die Fratze zeigt, die sie Gwynplaine ins Gesicht geschnitten hatten. Die Fratze des Kindes diente zur Belustigung, die Fratze des Sturms ist den Verbrechern nur noch der reine Schrecken.

"Wie ein Henker in Hast begann der Orkan das Schiff zu vierteilen. Im Nu setzte ein fürchterliches Zerreißen ein: aus dem Leik gerissene Marssegel, abrasierte Schiffsplanken, die Halsgatten verformt, die Haupttaue durcheinandergeworfen, der Mast gebrochen, der ganze Krach der Katastrophe, der schmetternd dahinjagte."

Um die "düstere Marter", wie es heißt, vollkommen zu machen, scheint der Sturm eine Schwächephase zu erleiden, Erleichterung kommt auf. Nichts scheint die Bösewichter unterkriegen zu können: Ein lebensgefährlicher Felsen taucht auf, doch eine Woge fängt sie kurz vorher ab und wirft sie wieder auf die offene See. Dann kommt ein Riff in Sicht, das sie zu zermalmen droht, da dreht sich der Wind, und wieder sind sie vorerst gerettet.

"Wenn die Winde sacht wehen, ist es das Leben; wenn sie mit Macht wehen, ist es die Plage."

Ja, wenn sie sacht wehen, da hat Hugo schon recht! Was aber, wenn sie gar nicht wehen? Denn ausgerechnet dadurch, dass der Sturm aussetzt, ist die Besatzung endgültig dem Untergang geweiht. Denn das Schiff hat ein Leck, es läuft voll, und da es kein Wind auf eine rettende Sandbank treibt, geht es unter mit Mann und Maus. Der Sturm hat sein Urteil gesprochen, zufrieden lächelnd quittiert er den Dienst.

Wer vom Sturm spricht, muss zumindest einmal auch sein Gegenteil erwähnen: die Flaute, die Windstille. Schon hier bei Hugo sehen wir, dass zu wenig Wind ebenso tödlich sein kann wie zu viel.

"Und die bleierne Atmosphäre einer tropischen Nacht, voll von schweren Nebeln und stickigen Dünsten, senkte sich auf das Schiff und hüllte es ein, düster und trostlos. - Alle schliefen schon in einer schrecklichen Stille, und das Geräusch ihres Atems klang dumpf von fern, wie unter dem schweren Deckel eines riesigen schwarzen Sarges hervor."

Die Windstille - Georg Heym: "Das Schiff"

Wie furchtbar die Meeresstille ist, schildert der expressionistische Dichter Georg Heym in seiner Novelle "Das Schiff". Unbeweglich liegt dieses Schiff vor einer Insel im tropischen Meer, an Bord ist die Pest ausgebrochen, die Mannschaft ist von "schrecklicher Stille" umgeben: Wegen der erbarmungslosen Flaute kann sie sich nicht einmal der Illusion hingeben, der Pest durch das Wegsegeln entkommen zu können. Die Windstille ist das andere Extrem des Sturms. Und oft genug kündigt sich ein Sturm durch eine Flaute an. Oder die Flaute ist nur ein Spiel des Sturms mit seinen Opfern. Wie bei Victor Hugo.

Doch Hugos Sturm ist ein gerechter Sturm. Er straft die Bösen, den Unschuldigen aber rettet er das Leben. Weil die Menschenräuber den zehnjährigen Gwynplaine am Strand zurücklassen, geht er nicht mit ihnen unter, nein, er überlebt in dem fürchterlichen Schneesturm. Und nicht nur das. Während das Schiff auf See zerrissen wird, dient an Land derselbe Schnee als schützende Decke, die ein kleines Mädchen auf der Brust der erfrorenen Mutter wärmt und am Leben erhält.

 "Gwynplaine zog seine Bluse aus und hüllte damit die Kleine ein und, selbst fast nackt in den peitschenden Böen des Schneegestöbers, trug er sie in seinen Armen und machte sich wieder auf den Weg."

Der Wirbelsturm - Lafcadio Hearn: "Chita"

Victor Hugo schreibt "immer in Cinemascope", wie Romankenner Rolf Vollmann gesagt hat. Kaum einer konnte die Gewalten der Natur so lebendig machen wie Hugo. Er gab ihnen einen fast menschlichen Charakter. Kein Wunder, dass der irisch-griechische Schriftsteller Lafcadio Hearn seiner kleinen funkelnden Erzählung "Chita" ein Hugo-Zitat als Motto voranstellt:

"Ich bin der gewaltige Widerstreit – kriechend, da ich eine Welle bin, geflügelt, da ich der Wind bin – Macht und Flucht, Hass und Leben, ungeheures Wogen, verfolgt und verfolgend."

"Die See war ein einziges Ringen aus Gischt, der Sturm riss den Wellen die Köpfe ab und verschleierte den Horizont mit einem salzigen Sprühnebel. Dann wurde der Wind unheimlich. Er hörte auf, Atem zu sein, er wurde zu einer Stimme, die aus dem Jenseits klagte. Huu! - Huu! - Huu!, und mit jedem gewaltigen Eulenschrei schien das Muhen der Wasser in all den dunklen Stunden tiefer und abgründiger zu werden."

Hearn schildert den Wirbelsturm des 10. August 1856, der die Inseln vor New Orleans im Golf von Mexiko verwüstet. Dabei ertrinken in den entfesselten Fluten auch 400 Hotelgäste. Die Lektüre wird immer beklemmender, weniger weil der Sturm an Wucht zunimmt, sondern weil die Festgäste im eleganten Ballsaal des Hotels ihn sträflich ignorieren. Wie später auf der "Titanic" wird angesichts der heraufziehenden Katastrophe einfach weitergetanzt. Man denkt nicht an den bevorstehenden Untergang, Scherze schallen durch den Saal, man isst gute Sachen und trinkt schweren Wein und richtet sich nach dem Motto: "Es gibt nichts Besseres, als sich zu amüsieren!" Sich zu retten, wäre vielleicht noch ein bisschen besser gewesen. Denn dieser Orkan reißt eine Schneise der Verwüstung.

"Und über dem brüllenden Kaimbuck Kanal, über der tosenden Caillou Bay, stürzte die wogende Flut ohne Widerstand aus dem Golf, zerriss und verschlang das Land auf ihrem Weg, pflügte Tiefseekanäle, wo vor ein paar Stunden noch geschmeidige Herden gegrast hatten, riss Inseln entzwei und trug einen gewaltigen Wirbel aus Trümmern und einen riesigen fahlen Strom Leichen durch die Nacht für immer davon."

Ganze Inseln werden überschwemmt, unzählige Tote treiben übers Meer. Der Sturm ist "brutal und allmächtig". Aber ihm wohnt nicht nur die Allmacht des Todes inne. Er hält auch Leben bereit. Auch das ist eine Hommage an Victor Hugo. Wie der Schneesturm im "Mann mit dem Lachen" gibt auch dieser Sturm ein Mädchen frei: Chita.

"Feliu schießt durch die Brandung, Kopf und Hände durchpflügen die Gischtberge … Eine – zwei – drei Reihen überwunden! – vier! – an dieser Stelle beginnen sie weiß vom Wellenkamm herabzustürzen – fünf! – diese kann er furchtlos reiten! … Dann kommt er rasch voran. Neben sich, fast in Reichweite, sieht er einen großen schaukelnden Billardtisch und eine tote Frau, die sich daran festklammert, und … das Kind."

Hearns Erzählung, von der Schilderung des Sturms bis zur Bergung des kleinen Mädchens, erinnert unwillkürlich an Victor Hugos Roman und seinen wuchtigen Stil. Dabei wirkt Hearns Sprache genauso wenig wie die von Victor Hugo nie trivial oder kitschig. Wir sind nur ein bisschen benommen, das schon.

"Die Kunst an den Grenzen, wo der Schund die Schönheit küsst, lullt die Skepsis in Schlaf wie mit zehntausend Harfen."

Das war wieder Rolf Vollmann. Er meinte Victor Hugo. Er hätte auch Lafcadio Hearn meinen können.

Der Jahrhundertsturm - Christian Buder: "Das Gedächtnis der Insel"

Dass ein Sturm aber auch nur Kulisse sein kann, zeigt sich in dem eben erschienenen Roman "Das Gedächtnis der Insel" des deutschen Autors Christian Buder. Der Pariser Archäologe Yann kommt auf seine kleine bretonische Heimatinsel, um seinen Vater zu begraben. Doch mit dem Tod des Vaters stimmt etwas nicht, Yanns Jugendfreundin, die mittlerweile bei der Gendarmerie arbeitet, glaubt nicht an ein Unglück. Je näher Yann den Rätseln seiner Vergangenheit kommt, desto näher kommt auch der sogenannte Jahrhundertsturm, vor dem schon seit Tagen gewarnt wird. Dann erreicht er die Insel mit ungeahnter Wucht.

"Ein grüner Berg aus Wasser schob sich vom Meer heran, er rollte über den Wellenbrecher und war nur noch fünfzig Meter von ihnen entfernt. Die Fischerboote und Segelyachten hoben sich und kletterten auf unheimliche Weise die Flanken des grünen Berges hinauf. Der Schaum auf dem Gipfel war jetzt deutlich zu sehen. Ein paar Sekunden war nichts zu hören, dann brach die grüne Lawine aus Wasser über dem Hafen zusammen. Es hörte sich an, als bräche ein Berg zusammen."

Bei Christian Buder ist der Sturm weder Korrektor noch Rächer oder Schöpfer neuen Lebens, er lenkt kein Menschenleben in bestimmte Bahnen, nein, er ist in erster Linie dramatische Untermalung der inneren Verfassung des Helden. Sie wird durch eine bestimmte Wetterlage symbolisiert. Wie im Kino. Bei Trauer regnet es, bei Liebe scheint die Sonne, bei Eifersucht und Zerrissenheit wütet ein Sturm.

"Dem Orkan und der Wut liegt das gleiche Muster zugrunde", heißt es in Hugos Roman "Die Arbeiter des Meeres". Yann ist so aufgewühlt wie das Meer. Oder richtiger: Das Meer ist so aufgewühlt wie Yann. Denn es stürmt vor allem in seinem Innern. Er denkt an seine Kindheit, an die seltsame Beziehung der Eltern zueinander, die glücklichen Augenblicke, die stets auch etwas Schlimmes verbargen.

"Lebendes Wassergebirge" bei Heinrich Heine

Beim ironischen Heinrich Heine ist der Sturm eher eine Herausforderung. Er ist "wild", aber auch "lustig": Die Elemente werden personifiziert, die haushohe Woge wird zum "lebenden Wassergebirge".

"Der Sturm spielt auf zum Tanze,
Er pfeift und saust und brüllt;
Heisa! wie springt das Schifflein!
Die Nacht ist lustig und wild.
 

Ein lebendes Wassergebirge
Bildet die tosende See;
Hier gähnt ein schwarzer Abgrund,
Dort türmt es sich weiß in die Höh."

Wie schön sich hier das Schwarze und das Weiße verbinden, beides ebenso schrecklich wie verlockend, das weibliche und das männliche Prinzip, Abgrund und Gipfelglanz, das ist wild und das ist lustig! Der Sturm und die Gefahr des Untergangs gehören oft zusammen, was meist gar nicht so lustig ist. Mephistopheles rät Faust in der Walpurgisnacht dringend, sich am Felsen festzuklammern, um nicht in den Abgrund geweht zu werden, "in dieser Schlünde Gruft".

"Wie rast die Windsbraut durch die Luft!

Mit welchen Schlägen trifft sie meinen Nacken!"

Victor Hugo steht Goethe in nichts nach, an dramatischer Wucht übertrifft er ihn noch. Hugos Abgrund hat die Stimme eines wütenden Raubtiers.

 "Das Brüllen des Abgrunds ist mit nichts zu vergleichen. Das ist die gewaltige Bestienstimme der Welt. Dieses Amalgam unermeßlicher Energien verfügt über einen Schrei, einen seltsamen, ausgedehnten, hartnäckigen, anhaltenden Schrei, der weniger als Wort ist und mehr als Donner. Dieser Schrei ist der Orkan. Hier heult das Ungestalte. Voll Pathos und Schrecken."

Der Sturm als Ehevereitler - Alexander Puschkin "Der Schneesturm"

Wilde Sprünge wie das Schifflein in Heines Gedicht, das zum Tanze genötigt wird, macht das Schicksal auf den wenigen Seiten von Alexander Puschkins Erzählung "Der Schneesturm". Sie spielt in den russischen Schicksalsjahren 1811 und '12, die Invasion Napoleons versickerte in den endlosen Weiten des Zarenreichs. Die junge Marja, ebenso bleich wie reich, ist als fleißige Leserin französischer Romane verliebt: in den armen Fähnrich Wladimir. Die Eltern sind strikt dagegen, und das verliebte Paar verabredet sich in einer nahegelegenen Kirche, um sich heimlich trauen zu lassen.

"Kaum hatte aber Wladimir das Dorf verlassen, als ein solcher Schneesturm losbrach, daß er nichts mehr sehen konnte. Die Straße war in einem Augenblick unter den Schneemassen verschwunden; ein trüber gelblicher Nebel, durch den die weißen Schneeflocken flogen, verdeckte den Ausblick; der Himmel floß mit der Erde in eins zusammen."

Zitat eines alten Nordmeerfischers in einem Dokumentarfilm:

"Ein perfekter Sturm ist, wenn sich Himmel und Wasser nicht mehr voneinander unterscheiden lassen."

"Weißes Flirren" - Adalbert Stifter: "Aus dem bairischen Walde"

Bei Puschkin sieht man, dass dies auch an Land geht. Dort freilich muss der perfekte Sturm, wo sich nun Himmel und Erde nicht mehr voneinander unterscheiden lassen, ein Schneesturm sein. Auch Adalbert Stifter schildert in seinem letzten vollendeten Werk, der Erzählung "Aus dem bairischen Walde", einen solchen Sturm. Wie immer in seinen Texten beschreibt er zunächst Wald und Flur, Dörfer und Behausungen in allen Einzelheiten. Bis plötzlich ein Schneesturm losbricht, und sich die Welt in einem "weißen Flirren" auflöst.

"Es war ein Gemische da von undurchdringlichem Grau und Weiß, das sich unaufhörlich regte und durcheinandertobte, alles verschlang und sogar in der nächsten Nähe nicht die geringste Linie oder Grenze eines festen Körpers erblicken ließ."

Dieser Zusammenbruch von Ordnung und Konturen führt aber – so die Germanistin Juliane Vogel – zu einer …

"Revolution der poetischen Sprache, deren Energien gerade aus der Erfahrung unvollständiger Trennung und aus der Unzuständigkeit klarer und deutlicher Worte entspringen. An diesen Stellen bildet sich ein poetisches Vermögen, das es erlaubt, gerade die Unschärfe, das Undeutliche, den Übergang und das Zugleich zu präzisieren."

Wie bei Hugo, wie bei Hearn hat der Sturm eine doppelte Wirkung: Auslöschung und Schöpfung. Er verwischt die Konturen der Gegenstände und lässt die Welt verschwinden, aber die Bedeutungen werden eben nicht nur zerstört, sondern auch neu erschaffen. Diese Vermischung zweier entgegengesetzter Effekte bewirkt dann auch, dass der Sturm bei Puschkin Kuppler und Ehevereitler zugleich sein kann. Einerseits behindert der Sturm den jungen Fähnrich. Das Pferd versinkt im Schnee, der Schlitten droht umzukippen. Wladimir verliert die Orientierung, kopflos fährt er einfach weiter. Es ist der Sturm, der ihn davon abhält, pünktlich zu sein.

Andererseits ist es derselbe Sturm, der einen anderen an Wladimirs Stelle zu ebenjener Dorfkirche führt, wo die Trauung stattfinden soll. Der Husarenhauptmann Burmin ist an diesem Abend zu Beginn des Jahres 1812 auf dem Weg zu seinem Regiment nach Wilna:

"Da erhob sich ein furchtbarer Schneesturm."

Man rät ihm abzuwarten, doch eine sonderbare Nervosität ergreift ihn:

"Mir war es, als ob mich jemand fortwährend stieße."

Der Sturm stößt ihn weiter, er lässt ihm keine Ruhe und treibt ihn seiner unbekannten Braut in die Arme. Marja hat schon die Hoffnung aufgegeben, ihr Wladimir ist nicht gekommen, sie ist halb ohnmächtig – als Burmin in die nur schwach erleuchtete Kirche tritt und mit ihr getraut wird. Die Braut erkennt zu spät, dass er der Falsche ist. Nach einigen Jahren, am Ende der Geschichte, begegnen Marja und Burmin sich wieder; derselbe Sturm hat Wladimir daran gehindert zu heiraten, während er Burmin unverhofft einer Braut zugeführt hat.

Der Sturm als Ehestifter - Wilhelm Raabe "Der Hungerpastor"

"Immer der Wind! Er jagte den ganzen Tag dunkles Gewölk über den grauen Himmel. Er wühlte. Er rüttelte an den Fenstern des Dorfwirtshauses, wo Hans sein Mittagsmahl einnahm."

So steht es in Wilhelm Raabes "Der Hungerpastor" von 1864, der einer der meistgelesenen deutschen Romane der folgenden hundert Jahre werden sollte.

Der Schriftsteller F.C. Delius verfasste einst seine Doktorarbeit zum Thema "Der Held und sein Wetter". Darin schreibt er über den Sturm in Raabes "Hungerpastor":

"Der Weg eines personifizierten Windes durch Wälder, über Landstraßen, an Stoppelfeldern entlang wird hier verfolgt, nicht der Weg des Helden. Der große Aufwand an Intensiva und Attributen  verleiht dem Wind eine Aktivität und soll klarmachen, wer hier regiert. Der Wind diktiert Hans die Stimmung."

Und nicht nur das. Der Wind ist es auch, der Hans zu der Kutsche lenkt, auf die es ankommt, und den Schleier der jungen Reisenden hebt, die im Wagen sitzt. Hans erkennt "ein bleiches, trauriges Mädchengesicht". Natürlich: bleich und traurig das Gesicht, wir sind ja im 19. Jahrhundert, aber vor allem ist es hübsch. Der Wind hat auch unseren Hans zu seiner künftigen Braut geführt.

Aus heiterem Himmel - Herman Melville "Moby Dick"

In Herman Melvilles Klassiker "Moby Dick" bricht der Sturm im wörtlichen Sinn aus heiterem Himmel los, unvermittelt, wie eine "höhere Macht". 

"Die strahlendsten Himmel bergen die gefährlichsten Gewitter. Und so geschieht es auch, daß im Glanz dieser japanischen Gewässer der Seemann den fürchterlichsten aller Stürme kennenlernt, den Taifun. Aus wolkenlosem Himmel bricht er manchmal los wie eine Bombe auf stille, verträumte Gassen."

So beginnt das 119. Kapitel von "Moby Dick"; es trägt den unverfänglichen Titel "Die Kerzen". Damit sind die sogenannten Elmsfeuer gemeint, elektrische Entladungen an den Mastspitzen, die bei Gewitter auftreten können.

"Gegen Abend wurde die 'Pequod' von einem Taifun überfallen. See und Himmel krachten in brüllendem Aufruhr, zerrissen vom Getöse des Donners und von den flammenden Blitzen, in deren fahlem Schein man da und dort in den Masten die Fetzen flattern sah, die der erste Anprall der Donnerbö übriggelassen hatte."

Aber auch dieser Gewittersturm führt die "Pequod" ihrem eigentlichen Ziel entgegen, er treibt sie auf den weißen Wal zu. Moby Dick hatte Käpt'n Ahab einst das Bein abgerissen. Hasserfüllt denkt Ahab künftig nur noch an das Eine: den weißen Wal Moby Dick zu erlegen.

"'Da!', rief Starbuck, 'merkst du nicht, daß der Wind von Osten einkommt? Gerade der Kurs, den Ahab braucht, um Moby Dick zu treffen. Der Sturm, der uns jetzt alle Planken einschlagen will, er könnte uns nach Hause bringen."

Zwischen einem unversöhnlichen Racheengel wie Ahab und einem gnadenlosen Taifun bleibt der normale Seemann meist auf der Strecke. Sein letzter Halt ist die Ironie, die auch von Heine stammen könnte. Der zweite Steuermann Stubb singt das alte Lied:

"Lustig ist die Windsbraut,
und ein Schäker ist der Wal,
Wenn sein Fächer um sich haut –
Ja, ein frisch-feuchtfröhlich-frecher
und fideler Bruder Lustig ist die See, ohe!"

Den einen macht der Sturm einen Strich durch die Rechnung, den andern bietet er eine einzigartige Chance. Vielleicht ist das Doppelgesicht sein wahres Gesicht.

"Der Sturm spielt auf zum Tanze,
Er pfeift und saust und brüllt;
Heisa! wie springt das Schifflein!
Die Nacht ist lustig und wild."

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