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Interview | Beitrag vom 24.07.2017

Stadtforscher Sebastian SchipperWarum die Ungleichheit in Städten weltweit zunimmt

Moderation: Christine Watty

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Die Skyline des Londoner Finanzzentrums "The City" - gesehen von der Tate Modern.  (dpa)
"Wohnen in Metropolen" thematisiert eine verhängnisvolle Entwicklung: Die Verdrängung der Mittel- und Geringverdiener aus den großen Städten. Das Foto zeigt London, eine der teuersten Metropolen der Welt. (dpa)

Metropolen sind begehrte Wohnorte. Doch immer weniger Menschen können sich Wohnungen in zentraler Lage leisten. Zum Auftakt unserer Serie "Wohnen in Metropolen" beschreibt Stadtforscher Sebastian Schipper, was zu tun ist, um Mieten wieder bezahlbar zu machen.

Das Problem hoher Mieten in den Großstädten ist weltweit zu beobachten. Was sind die Gründe dafür? Eine nicht unerhebliche Rolle spielt der Immobilienmarkt als internationale Geldanlage-Möglichkeit – was sich auch in deutschen Großstädten, speziell in Berlin seit einigen Jahren verstärkt beobachten lässt.

Deutschland brauche im Prinzip ein neues Wohnungsbauförderungsgesetz, wie es 1989 abgeschafft wurde, sagte der Stadtforscher Sebastian Schipper im Deutschlandfunk Kultur. Denn die Folgen der Nicht-Förderung seien unübersehbar: Deutlich mehr Geld für Miete muss ausgegeben werden. Das bedeute zwangsläufig Verzicht in anderen Bereichen des Lebens, etwa beim Urlaub. Wie können Stadtgesellschaften funktionieren, wenn eine Mehrheit der Bewohner die Mieten kaum zahlen kann bzw. besteht nicht die Gefahr, dass die Situation kippt?

Berlin Kreuzberg- begrünte Hausfassaden mit Balkonen. (imago / Müller-Stauffenberg)Berlin-Kreuzberg ist mit seinen schönen Altbauvierteln eine begehrte Wohngegend - doch für viele Berliner inzwischen unerschwinglich. (imago / Müller-Stauffenberg)

Sebastian Schipper sagt: Durch die Verdrängung vieler Stadtbewohner in die Peripherie "nimmt die soziale Segregation zu". Der Versuch, in urbanen Gebieten mehr Wohnraum zu schaffen, sei an sich eine sinnvolle Maßnahme, die die Bundesregierung beschlossen habe:

"Allerdings führt das nicht automatisch dazu, dass die Mieten auch günstiger werden. Dazu bräuchte man Eigentümer-Strukturen, die nicht gewinnorientiert wirtschaften – indem man dafür sorgt, dass beispielsweise nicht die institutionellen Investoren Wohnungen bauen, sondern eben Genossenschaften oder andere Formen von kollektiven Eigentumsmodellen."

Zurück zum Wohngemeinnützigkeitsgesetz?

Schipper sagt,  aus heutiger Sicht sie es eine Fehlentscheidung gewesen, 1989  das Wohngemeinnützigkeitsgesetz abzuschaffen. Das Gesetz förderte private Investoren, Institutionen oder Genossenschaften, die sich verpflichteten, gemeinnützig zu wirtschaften und maximal eine kostendeckende Miete zu erheben sowie die Eigenkapitalrendite zu begrenzen. Knapp fünf Millionen Wohnungen seien in Deutschland auf diese Weise entstanden. Doch Ende der 80er-Jahre sei man der Ansicht gewesen, man brauche diese Wohnraumförderung nicht mehr.

Seit einigen Jahren gebe es immer mehr Stimmen, die eine Rückkehr zu der früheren Wohnungsbaupolitik forderten, um eine soziale Wohnraumversorgung sicher zu stellen.

Das Interview mit Sebastian Schipper bildet den Auftakt zu unserer Studio 9-Sommerserie "Wohnen in Metropolen", die das Programm bis zum 28. Juli begleitet.


Das Interview im Wortlaut:

Christine Watty: Es ist ja so was wie Sommer im Moment, also auch Zeit, mal die eigenen vier Wände zu verlassen, wenn man denn kann. Explodierende Mieten lassen zumindest manche Großstadtbewohner zweifeln, ob denn da noch so ein Urlaub überhaupt drin ist. Zynischerweise würden darauf andere antworten: Na ja, wenigstens haben die eine Wohnung, dann kann man ja Urlaub zu Hause machen.

Genau dieser Zustand, bestehend aus explodierenden Mieten und kaum freien Wohnungen im internationalen urbanen Raum, hat uns zu einer Sommerserie inspiriert, in der wir fragen: Wie sieht der konkrete Wohnalltag weltweit aus? Hören Sie also in dieser Woche dazu in "Studio 9" Reportagen aus Afrika, Asien, Australien und Amerika, und zum Auftakt spreche ich mit Sebastian Schipper. Der ist Stadtforscher und Gastprofessor am Geographischen Institut ((Institut für Geographische Wissenschaften)) der Freien Universität in Berlin. Guten Morgen, Sebastian Schipper!

Sebastian Schipper: Hallo!

Watty: Das Problem hoher Mieten in den Großstädten ist weltweit zu beobachten, welche sind die wichtigsten Gründe dafür?

Neoliberalismus von Wohnungspolitik

Schipper: Das ist natürlich eine breite Debatte, die stark argumentiert, dass eben die Nachfrage nach innerstädtischem Wohnen gestiegen wäre, das Angebot einfach zu knapp wäre. Ich denke, diese Art der Erzählung reicht ein Stück weit zu kurz beziehungsweise blendet zwei zentrale Megatrends der Wohnungspolitik aus. Das eine ist die Vermarktlichung oder Neoliberalisierung von Wohnungspolitik, also ein Stück weit ist ein Bestand von bezahlbarem Wohnraum verloren gegangen durch Privatisierungstendenzen, durch Rückzug aus sozialem Wohnungsbau.

Der zweite Trend ist vielleicht der, den man als Finanzialisierung bezeichnen kann, dass ebenfalls in vielen Ländern neue Akteure entstanden sind, halt institutionelle Investoren, börsennotierte Wohnungsunternehmen, die jetzt zunehmend eben in Immobilien investieren, eben auch in Wohnimmobilien und die halt systematisch darauf ausgerichtet sind, entsprechende Mietsteigerungen auch durchzusetzen.

Watty: Was man gegen diese Entwicklungen tun könnte, wollen wir gleich noch besprechen, aber zuerst noch mal konkret auf die Situation jetzt: Wie verändern denn hohe Mieten das urbane Leben im Allgemeinen, also vom erwähnten Urlaub, der nicht mehr drin ist, bis hin zu anderen Lebensinhalten, die nicht mehr zu bezahlen sind? Welche möglichen Folgen hat das, was sich da gerade aufgetan hat, für die Stadtgesellschaft?

Vertrieben in die Peripherie

Schipper: Genau, bei diesem Trend, den Sie beschreiben, gibt es natürlich ein Phänomen, das dazugehört, also dass Menschen, die Haushalte in den Wohnungen bleiben, aber eben mehr Geld für Miete ausgeben müssen und deswegen woanders sparen. Das ist eine Strategie, mit der man umgehen kann. Die andere ist natürlich, klar, versuchen irgendwo anders eine günstige Wohnung zu finden.

Das wird einerseits zunehmend schwieriger und führt natürlich dann in Konsequenz dazu, dass diejenigen, die auf niedrige Einkommen angewiesen sind, tendenziell eben aus innerstädtischen Räumen zunehmend verschwinden in die Peripherie, ins Umland der Städte abgedrängt werden, was halt insgesamt dazu führt, dass die soziale Segregation, also die Ungleichheit in Städten weltweit zunimmt.

Watty: Gleichzeitig braucht man urbane Gebiete für eine lebendigere Stadt. Wie könnten die gestaltet sein, dass diese Urbanität nicht gleichbedeutend ist, wie jetzt eben gelernt, mit Wohnungsverdichtung, Preissteigerung und am Ende eben Gentrifizierung?

Schipper: Genau, urbane Gebiete ist natürlich eine Strategie, zu versuchen, in zentralen Bereichen mehr Wohnraum zu schaffen, an sich durchaus eine sinnvolle Maßnahme, die die Bundesregierung beschlossen hat, allerdings führt es natürlich nicht automatisch dazu, dass die Mieten auch günstiger bleiben. Dazu bräuchte man halt eine Eigentümerstruktur, die eben nicht gewinnorientiert wirtschaftet, also indem man dafür sorgt, dass eben beispielsweise nicht die institutionellen Investoren Wohnungen bauen, sondern Genossenschaften oder andere Formen von kollektiven Eigentumsmodellen, die sowohl im Bestand in der Regel deutlich günstigere Mieten aufweisen, aber eben auch günstiger bauen können.

Watty: Aber wenn Sie Eigentümer meinen, die nicht Gewinn erwirtschaften in diesen urbanen Gebieten, in den Städten, plädieren Sie auch gleichzeitig für eine neue Wohngemeinnützigkeit. Ich glaube, da steckt auch dieser Ansatz schon drin. Wie soll das aber genau funktionieren?

Es muss wieder ein Gesetz her

Schipper: Bis 1989, als das damalige Wohngemeinnützigkeitsgesetz abgeschafft worden ist, gab es eine ganze Reihe Eigentümer – das konnten Stiftungen sein, Genossenschaften sein, öffentliche Wohnungsunternehmen, aber auch durchaus private Unternehmen –, die sich halt verpflichtet haben, gemeinnützig zu wirtschaften, das heißt, maximal eine kostendeckende Miete zu nehmen, die natürlich Instandhaltungsrücklagen mit einschließt, die sich dazu verpflichtet haben, die Eigenkapitalrendite zu begrenzen, und die sich verpflichtet haben, vor allem Wohnraum zu bauen für Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.

Im Gegenzug wurden diese Unternehmen gefördert, zum einen eben dadurch, dass sie von der Steuer befreit waren, und was man sich auch denken kann, dass eben über eine öffentliche Liegenschaftspolitik solche Unternehmen gezielt mit Bauflächen versorgt werden können. Diese alte Wohngemeinnützigkeit, die es wie gesagt bis 1989 gab, die knapp fünf Millionen Wohnungen in Deutschland gebaut hat und die zu tendenziell günstigen Mieten vermietet haben, die gibt es eben nicht mehr, weil man damals diese Entscheidung getroffen hat, das Ganze braucht man nicht mehr, man kann jetzt die Wohnraumversorgung wieder dem Markt überlassen.

Und einige Initiativen, die von verschiedenen Akteuren in den letzten Jahren eben stark gepusht wird, die sagen, wir brauchen so was wieder, wir brauchen eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit, um gezielt Unternehmen unterstützen zu können, die nicht gewinnmaximierend arbeiten, sondern deren primärer Zweck ist, eine soziale Wohnraumversorgung sicherzustellen, sprich bezahlbare Mieten. Das wäre ein Weg, um sowohl im Neubau günstige Mieten anbieten zu können, als auch sicherzustellen, dass im Bestand die Mieten nicht weiter steigen.

Watty: Ein Weg von wahrscheinlich vielen. Danke schön an den Stadtforscher Sebastian Schipper! Unsere "Studio 9"-Sommerserie beschäftigt sich mit dem Wohnen in Metropolen. Heute Nachmittag in unserer Sendung ab 17 Uhr hören Sie dann eine Reportage über die Macht der Makler in Buenos Aires.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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