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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.08.2015

SrebrenicaDie Verschwörung des Schweigens

Von Beate Ziegs

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Eine Frau trauer am Grab eines Verwandten in der Nähe von Srebrenica.  (DIMITAR DILKOFF / AFP)
Gedenken an die Toten von Srebrenica. (DIMITAR DILKOFF / AFP)

Die bisher umfangreichste Rekonstruktion des Völkermords von Srebrenica hat der Münchner Historiker Matthias Fink geschrieben. Neben dem großen Panorama mit allen Hintergründen schildert er auch das Schicksal eines 14-jährigen Jungen.

"Leute, das ist Völkermord", kommentierte Ratko Mladić im Mai 1992 das strategische Programm von Radovan Karadžić.  Mladić war damals gerade zum Oberkommandierenden der bosnisch-serbischen Streitkräfte ernannt worden und Karadžić amtierte als Präsident der kurz zuvor ausgerufenen Republik Srpska.

Dem Regionalparlament hatte er erläutert, was er für unumgänglich hielt, um einen eigenen bosnischen Staat zu schaffen: eine Trennung der Volksgruppen, die umfangreiche Eroberungen voraussetzen würde.

Und diese waren dort am gewalttätigsten, wo eine Vorherrschaft der Serben erst etabliert werden musste – wie zum Beispiel in Srebrenica. Nachdem er die Stadt ohne nennenswerten Widerstand und vor den Augen von niederländischen Blauhelmsoldaten am 11. Juli 1995 eingenommen hat, erklärt Ratko Mladić vor laufender Kamera:

"[Wir überreichen] dem serbischen Volk diese Stadt als Geschenk."

Was innerhalb der nächsten 48 Stunden folgt, ist die Vertreibung von über 25.000 Menschen sowie die systematische Exekution von mehr als 8000 bosnischen Muslimen, fast ausschließlich Männer und Jungen zwischen 13 und 78 Jahren. Niemand schreitet ein.

Jegliche Glaubwürdigkeit verloren

Zwei Wochen nach der Eroberung Srebrenicas legt Tadeusz Mazowiecki, zuvor polnischer Ministerpräsident, sein Amt als Sonderberichterstatter der Menschenrechtskommission der UNO nieder.

"Durch den Mangel an Festigkeit und Mut, wie ihn die internationale Gemeinschaft und ihre Führer gezeigt haben, hat der Kampf um den Schutz der Menschenrechte jegliche Glaubwürdigkeit verloren."

Ganz anders sieht das Serbiens Präsident Slobodan Milošević im Dezember desselben Jahres:

"Die Republik Srpska ist in einem Gebiet geschaffen worden, in dem nie zuvor ein serbischer Staat existiert hatte! Das ist eine historische Leistung."

Buchcover Matthias Fink: "Srebrenica" (Cover: Hamburger Edition)Matthias Fink: "Srebrenica" (Cover: Hamburger Edition)Zum Bosnienkrieg, dem Fall von Srebrenica wie auch dem Scheitern der internationalen Gemeinschaft wurden zahlreiche fundierte Untersuchungen publiziert. Jetzt hat der Münchener Journalist und Historiker Matthias Fink nachgelegt und mit Förderung der Reemtsma-Stiftung die bisher umfangreichste Rekonstruktion des Völkermords von Srebrenica niedergeschrieben. Knapp 1000 Seiten ist sie lang.

Die Studie ist auch vom Ansatz her die umfassendste: Sie schildert nicht nur Vorgeschichte, Ablauf und Folgen des Verbrechens. Sie verknüpft überdies nüchterne Fakten und Analysen mit persönlicher Anteilnahme. Das Grauen bekommt ein Gesicht zum Beispiel in Gestalt eines 14-jährigen Jungen, nach dessen Schicksal im Untertitel des Buches gefragt wird:

"Was geschah mit Mirnes Osmanović?"

Die Familie Osmanović war 1992 aus ihrem Dorf Zgunja vor den Killerkommandos der bosnischen Serben nach Srebrenica geflohen. Nach der Eroberung der Enklave suchte sie in Potoćari Schutz, dem nahegelegenen Stützpunkt der UN-Schutztruppe UNPROFOR.

Aber einer der bosnisch-serbischen Soldaten rief dem Jungen zu: "Hey, du kommst zu mir!" Mirnes wurde abgeführt. Im Februar 2011 fliegt die Mutter des Jungen, die inzwischen in Chicago lebt, zur Identifizierung ihres Sohnes nach Tuzla.

"Seine fast vollständigen Gebeine hatte man im Tal von Kamenica gefunden. Augenzeugen der Exekution berichten von einem 12- bis 14-jährigen Jungen, der die Soldaten angefleht hatte, ihn am Leben zu lassen. Zunächst habe auch niemand aus dem Kommando auf ihn schießen wollen, aber dann, so heißt es, habe sich nach längeren Debatten doch jemand gefunden, der bereit war."

So zimperlich gingen die bosnischen Serben für gewöhnlich nicht vor: Innerhalb von sechs Stunden wurden zum Beispiel auf dem Gut Branjevo und im Kulturhaus von Pilica von gerade mal 18 Soldaten 1600 Jungen und Männer erschossen.

"Die Gefangenen von Pilica mussten vom Bus aus mitansehen, wie zunächst ihre Mitgefangenen erschossen wurden, bevor man sie selbst umbringen würde. Wie auf einem Präsentierteller hergerichtet lag ihr eigenes Ende sichtbar auf der Wiese nahe dem Hof."

Es ist harte Kost, die Matthias Fink seinen Lesern zumutet. Im Prolog warnt er deshalb vor der Darstellung "grauenerregender Einzelheiten des Massakers". Doch sei sie unverzichtbar, um die Dimension annähernd begreifbar zu machen.

Er stützt sich dabei nicht nur auf die zahlreichen Interviews, die er über Jahre hinweg mit Überlebenden oder Hinterbliebenen geführt hat. Seine Hauptquellen sind unter anderem die Protokolle des UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, der Srebrenica-Report des niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation oder Abhörprotokolle der Regierungsarmee.

"Wir machen morgen damit weiter"

Nach dem Massenmord im Lagerhaus von Kravica vom 13. Juli 1995 liest sich ein solches Protokoll zum Beispiel so:

"K(rstić): Hallo, hier ist Krstić. B(orovčanin): Hallo, hier ist Borovčanin, General. Wie geht es Ihnen? (...)"

Ljubomir Borovčanin war Polizeichef der bosnischen Serben, Radislav Krstić Kommandeur des bosnisch-serbischen Drina-Korps, das für die Eroberung von Srebrenica zuständig war.

"K: Wie läuft es? B: Es läuft gut. K: Sag bloß nicht, dass Du Probleme hast. B: Hab ich nicht, hab ich nicht. (...) Wir machen morgen damit weiter."

Je weiter man mit der Lektüre vorankommt, desto abgründiger werden die Details. Das betrifft keineswegs nur die Kriegsverbrechen, sondern auch - vielleicht sogar vor allem - die Tatenlosigkeit der "Zuschauer".

Die Stadt Srebrenica war nicht, wie immer wieder behauptet, zur „Schutzzone" deklariert worden, sondern hatte lediglich den Status einer "Sicherheitszone", einem Begriff ohne völkerrechtliche Konsequenz. Er verpflichtet die Vereinten Nationen zu nichts,  schon gar nicht zum Schutz der Zivilbevölkerung.

Allenfalls sich selbst hätten die Blauhelme verteidigen dürfen, was jedoch dem dort stationierten niederländischen Bataillon allein seiner schlechten Ausrüstung wegen unmöglich war. Ohnehin waren Sanktionen gleich welcher Art in den immer neuen Resolutionen nicht vorgesehen.

"Friedenserhaltende Mission" in einem Land ohne Frieden

Stattdessen setzte der Weltsicherheitsrat auf eine friedenserhaltende Mission - in einem Land, in dem es deutlich erkennbar gar keinen Frieden gab. Daran änderten auch die Alarmbriefe der Flüchtlingskommissarin Sadako Ogata nichts. Weshalb Diego Arria, Vertreter des nicht-ständigen Ratsmitgliedes Venezuela, von einer "Verschwörung des Schweigens" sprach, die Matthias Fink so zusammenfasst:

"Es sei die Strategie der Großmächte gewesen, der Verantwortung aus dem Weg zu gehen und sich der Realität eines Völkermordes, der sich vor ihren Augen abgespielt hätte, nicht stellen zu müssen."

Leider spricht nichts gegen diese These. Sie wird sogar noch untermauert durch das Verhalten von Alija Izetbegović. Selbst der Präsident der bosnischen Muslime reagierte nicht auf die wiederholten Hilferufe aus Srebrenica. Als am Tag nach der Eroberung das Parlament in Sarajevo tagte, stand Srebrenica nicht einmal auf der Tagesordnung.

Es soll, so ein Verdacht, einen schmutzigen Deal zwischen den bosnischen Serben auf der einen sowie Präsident Izetbegović und der internationalen Gemeinschaft auf der anderen Seite gegeben haben: Srebrenica sei geopfert worden, um im Gegenzug Vororte von Sarajevo zu schonen. Dieser Verdacht ist nie entkräftet worden.

Matthias Fink hat seine Studie sorgfältig recherchiert und packend geschrieben. Es gelingt ihm tatsächlich, Größe und Schwere des Verbrechens von Srebrenica begreifbar zu machen. Fassbar ist es deshalb noch lange nicht.

Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords oder: Was geschah mit Mirnes Osmanović
Hamburger Edition, 27. Juli 2015
990 Seiten, 45 Euro

Mehr zum Thema:

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