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Sein und Streit | Beitrag vom 03.09.2017

SprachkritikWo liegt die Grenze des Sagbaren?

Wolfram Eilenberger und René Aguigah im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler

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Geschäftsmann kommuniziert Finanzzahlen zu einer Frau über ein Megafon  (imago/IKON Images)
Streitfrage Wortwahl - was der eine als Aggression wahrnimmt, ist für den anderen selbstverständlicher Sprachgebrauch. (imago/IKON Images)

Wir sagen ständig Wörter und Sätze, von denen sich andere Menschen abgewertet fühlen. Ist das immer Diskriminierung oder auch Überempfindlichkeit auf Seiten der Betroffenen? Darüber diskutieren der Philosoph Wolfram Eilenberger und Literatur-Redakteur René Aguigah.

Im Studio steht eine Packung "Dickmann's Schokoküsse". Moderatorin Svenja Flaßpöhler erwähnt, sie selbst habe diese Süßigkeit in ihrer Kindheit ganz selbstverständlich "Negerkuss" genannt und fragt die Gäste, welche Bezeichnung sie heute favorisieren. Der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger nennt das Wort "Mohrenkopf" und fügt hinzu, dass er dieses Wort auch mit seinen Kindern noch gebrauchen würde.

Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Bei René Aguigah hingegen "zieht" sich bei beiden Begriffen "alles zusammen". Er verstehe nicht, wie ein liberaler und gebildeter Mensch derartig belastete Bezeichnung verwenden könne. Wolfram Eilenberger wendet ein, dass die Sprache sich ständig an der Grenze von Bewusstem und Unbewusstem bewege und er, wenn er die Süßigkeit sieht, unwillkürlich "Mohrenkopf" denkt. Aufgrund dieser Beschaffenheit von Sprache seien "Kontrollmechanismen" überaus schwer einzuhalten.

Eilenberger: Sprachliche Äußerung an Kontext gebunden

René Aguigah hält entgegen, dass etwa am Begriff "Mohr" eine jahrhundertealte "Herabsetzungsgeschichte" hänge. Eilenberger wendet ein, dass kein Wort eine für immer fixierte Bedeutung habe, es gebe viele positive "Mohrenfiguren". Gefragt, wo berechtigte Empörung über diskriminierende Begriffe aufhört und Überempfindlichkeit anfängt, antwortet Eilenberger, man könne diesen Punkt überhaupt nicht abstrakt fassen, weil die Bedeutung sprachlicher Äußerungen je nach Kontext veränderbar sei. Die Grenze des Sagbaren klar zu definieren sei deshalb "philosophisch zurückzuweisen".

(Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)Der Journalist René Aguigah (Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)

Dem stimmt René Aguigah zu, weist aber darauf hin, dass sowohl "Neger" als auch "Mohr" keine ihm bekannte positive Bedeutung besitze, woraufhin Svenja Flaßpöhler zu bedenken gibt, dass unterdrückte Gruppen selbst die sie diskriminierenden Begriffe aufnehmen, wodurch sich die Bedeutung tatsächlich verändere.

Aguigah weist darauf hin, dass das Wort "Neger" - von Aguigah selbst als "N-Wort" bezeichnet - Teil der Herabsetzungsgeschichte sei und auch von großen Philosophen wie Voltaire, Kant oder Hegel in dieser Weise verwendet worden sei. Dennoch sei es richtig, dass Martin Luther King, Malcom X, James Baldwin das Wort "Negro" in ihren Schriften selbstverständlich gebrauchten. Auch der Kameruner Philosoph Achille Mbembe benutze den Begriff in seinem Werk "Kritik der schwarzen Vernunft", aber allein zu dem Zweck, in den herabwüdigenden Diskurs "einzutauchen" und ihn von innen heraus zu kritisieren. Insgesamt seien diese Verwendungsweisen aber kein Argument dafür, Schokoküsse mit dem "N-Wort" zu bezeichnen.

Protest gegen den Straßennamen "Mohrenstraße" in Berlin. An dem Wort "Mohr" hängt eine jahrhundertelange Herabsetzungsgeschichte, sagt René Aguigah. (imago)Protest gegen den Straßennamen "Mohrenstraße" in Berlin. An dem Wort "Mohr" hängt eine jahrhundertelange Herabsetzungsgeschichte, sagt René Aguigah. (imago)

Eilenberger hält Sprechverbote für ungeeignet 

Für Wolfram Eilenberger folgt aus der prinzipiellen Veränderbarkeit von sprachlichen Bedeutungen durch subversive Aneignungen wie etwa im Hiphop, dass Sprechverbote nicht das geeignete Mittel sind. Sprache sei für diese rigiden Interventionen strukturell zu dynamisch und verhindere damit auch eine Subjektivität, die sich durch den individuellen Gebrauch von Sprache überhaupt erst herausbilde.

Themawechsel: Diskutiert wird das Länderspiel Mexiko gegen Deutschland aus dem Frühsommer, in dem der Moderator Tom Bartels über den zu Boden gehenden dunkelhäutigen Spieler Antonio Rüdiger sagte: "Jetzt mach hier mal nicht den Affen."

Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger. (imago sportfotodienst)Fußball-Nationalspieler Antonio Rüdiger. (imago sportfotodienst)

Wolfram Eilenberger sieht einen großen Fortschritt darin, dass in der heutigen Gesellschaft ein dunkelhäutiger Spieler mit dieser im Fußball vollkommen gängigen Redewendung kritisiert werden könne; ganz so, wie auch selbstverständlich weiße Spieler in ähnlichen Situationen. Das sei ein Zeichen für "Normalisierung". René Aguigah hingegen hält diese Sichtweise für "blind" und meint: "Man muss nicht absichtlich fiese Sachen sagen, um fiese Sachen zu sagen."

Ist ein Gedicht von Eugen Gomringer frauenverachtend?

Thematisiert wird außerdem ein anderes Ereignis: Der AStA der Berliner Alice-Salomon-Hochschule plädiert dafür, das Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer entfernen zu lassen, da es Frauen herabsetze. Wolfram Eilenberger sieht diesen Vorwurf durch nichts im Gedicht selbst begründet. Vielmehr sei es offen für mehrere Deutungen, woran sich die Offenheit von Sprache hervorragend verdeutlichen lasse. Daraus folge auch: Es gibt kein a priori nicht-verletzendes Sprechen, so Eilenberger, weil Sprache immer überschüssig sei. Ferner sei der Politcal-Correctness-Diskurs definiert durch eine Bildungselite, die weniger Gebildete ausschließe.

Der Dichter Eugen Gomringer. Studenten der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wollen sein Gedicht "avenidas" von der Hausfassade entfernen lassen. (Imago / Viadata)Der Dichter Eugen Gomringer. Studenten der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wollen sein Gedicht "avenidas" von der Hausfassade entfernen lassen. (Imago / Viadata)

René Aguigah meint, dass auch das Beispiel der Salomon-Hochschule nicht für eine gesellschaftliche Tendenz zur Zensur spreche, sondern einen Diskurs eröffne. Zudem werde der Vorwurf der "Political Correctness" auffälligerweise immer nur von rechter Seite verwendet. Das sei "ein Kampfbegriff von rechts", was Eilenberger ebenfalls so sieht.

Zu viel Sprachkritik, zu wenig Zeit für große Fragen?

Im Folgenden wird die Frage diskutiert, ob - wie der Ideengeschichtler Mark Lilla behauptet - die gegenwärtige Konzentration auf sprachliche Bezeichnungspraxen und verbale Diskriminierung den Populisten überhaupt erst den Weg geebnet haben. Haben wir uns zu sehr mit Toilettentürenbezeichnungen beschäftigt und Themen wie Gerechtigkeit und Ungleichheit aus dem Blick verloren?

Für Wolfram Eilenberger ist die Beschäftigung mit Sprache sehr wohl relevant. Wichtig sei aus seiner Sicht eine Erkenntnis des Semiotikers Charles Sanders Pierce: "Menschen und Wörter erziehen einander." Gleichzeitig sei es so, dass ich Veränderungen an der Sprache viel leichter vornehmen ließen als soziale Veränderungen. "Man könnte also sagen: Man scheut den wahren Kampf."

René Aguigah versteht den Widerspruch nicht, warum, fragt er, könne man sich nicht um beides kümmern, um sprachliche Diskriminierungspraktiken und soziale Ungerechtigkeit? Eilenberger hält ein aufmerksamkeitsökonomisches Argument entgegen: Man müsse sich schon fragen, welche Probleme zu einem bestimmten Zeitpunkt relevant sind - das Erstarken rechter Parteien oder die Benachteiligung von Transgender-Personen?

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