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Tonart | Beitrag vom 29.09.2015

"Sound of the Cities"Wiedergeburt französischer Popmusik in Paris

Von Ole Löding

Der französische Musiker, Komponist und Produzent Bertrand Burgalat, aufgenommen auf dem Festival Luchon 2012 ( imago/PanoramiC)
Der französische Musiker, Komponist und Produzent Bertrand Burgalat gilt als einer der einflussreichsten Produzenten Frankreichs. ( imago/PanoramiC)

Paris ist eine Stadt ikonischer Einzelkünstler - und keine der Bands. Das war einmal anders, wie ein Ritt durch die Musikgeschichte der Stadt zeigt. Heute ist Paris unter anderem Weltstadt des globalen elektronischen Mainstreams.

"Mir ist es schon oft passiert, dass ich mit Musikern gespielt habe, die zwar ein sehr hohes technisches Niveau hatten, aber bei denen sofort spürbar war, dass sie überhaupt nicht an die Dynamik einer Band gewöhnt waren."

Bertrand Burgalat sitzt in einem Café im 18. Arrondissement. Der 52-jährige Korse gilt als einer der einflussreichsten Produzenten Frankreichs. Er arbeitete für so unterschiedliche Bands wie die Einstürzenden Neubauten, Depeche Mode oder April March. Als Songschreiber und Produzent hat er den "Burgalat Sound" geprägt, der Bands wie Air und Daft Punk beeinflusst hat.

"Die Leute sind absolut nicht dran gewöhnt, zusammenzuspielen. Das könnte gleichzeitig eine Erklärung dafür sein, warum die Franzosen besonders in der elektronischen Musik herausstechen, denn das ist Musik, die man alleine an seinem Computer entwickeln kann."

In den 50er-Jahren war das noch völlig anders. Eine dynamische Jazzszene traf auf Künstler wie Charles Trenet und Django Reinhardt. Auf Schriftsteller wie Boris Vian. Auf Zugezogene wie den Belgier Jacques Brel. Chanson ist die französischste Musik überhaupt.

In Cafés, Bars und Clubs wie dem "Tabou" entsteht eine künstlerische Bohème, aus der zahllose Weltstars des Chanson erwachsen. Charles Aznavour, Georges Moustaki, Juliette Gréco und viele mehr. Die Konzerthalle "Olympia" wird zum wichtigsten Auftrittsort der Chansonniers. Hier wird Edith Piaf zur Legende.

Dann bricht Anfang der 60er-Jahre von England kommend die Beat-Welle los. "She loves you yeah yeah", singen die Beatles. In Paris kopiert man die englischen Vorbilder und übersetzt ihre Hits. Ye-ye-pop wird diese Musik genannt.

Ab Mitte der 60er Jahre wird dann das exzentrische Enfant Terrible Serge Gainsbourg zum Star. Für Jane Birkin und vor allem für France Gall schreibt er Stücke voller Anzüglichkeiten und Doppeldeutigkeiten.

Erst Rock, dann Rap

Als in London Punk ausbricht, braucht es nicht lange, bis diese Bewegung in der französischen Hauptstadt ankommt. Nicolas Sirkis gehört zu den ersten Punkinfizierten. Zusammen mit Dominique Nicolas gründet er 1981 Indochine – eine kurze Phase von Pariser Bands beginnt.

"Ich lebte in einem Vorort. In den 70ern und 80ern waren die Vororte voller Rock. Heute sind sie voller Rap. Es war ein sehr armer, kommunistischer Vorort. Wir hatten überhaupt nur zwei Möglichkeiten im Leben: Rockmusik oder Arbeitslosigkeit. Und als ich dann The Clash erlebte, dachte ich: Wow! Ich kann das auch. Ich hörte das erste Album von The Clash – mit 16 Jahren – und ich war Punk."

Der Kellerclub "Le Rose Bonbon" unter dem Olympia wird zum Hotspot für Punk und New Wave in Paris. Auch Bands wie Taxi Girl oder Les Rita Mitsouko werden im "Rose Bonbon" entdeckt.

Die Pariser Musik der 80er-Jahre ist stark multikulturell geprägt. Sie vermischt Punk mit internationalen Einflüssen aus Raï-Musik, Flamenco oder Reggae. Mano Negra um den Sänger und Gitarristen Manu Chao und die multinationale Formation "Les Negresses Vertes" werden zu prägenden Bands

In der Folge wird multikulturell orientierte Pop-Weltmusik aus Paris zu einem Verkaufsschlager. Vor allem Rapper mit Migrationshintergrund wie MC Solaar feiern Erfolge.

Zu diesem Zeitpunkt ist Paris schon keine Stadt der Bands mehr. DJs und Produzenten wie Etienne de Crécy, Philippe Zdar oder Laurent Garnier lösen einen französischen Elektroboom aus. "French Touch" mit seinem exzessiven Einsatz von Filtern und Zitaten aus Disco, Funk und Jazz erobert die Dancefloors weltweit.

Heute ist Paris Weltstadt des globalen elektronischen Mainstreams. Und seit einiger Zeit auch Schauplatz einer Wiedergeburt dezidiert französischer Popmusik. Bertrand Burgalat ist einer ihrer Hauptprotagonisten. Seine Musik strotzt vor Anspielungen auf die lange Geschichte der Pariser Popmusik. Und klingt doch neu.

Punk wurde im London der Siebzigerjahre geboren, House und Techno haben ihre Wurzeln in Detroit, und der wütende Sound des Grunge stammt aus Seattle: Viele Sounds der populären Musik sind untrennbar mit bestimmten Städten verbunden. Andere Orte haben ebenso ihren Beitrag zur Popmusikgeschichte geleistet, ohne dass sie dafür berühmt wurden: Wie klingt die Musik von Antwerpen, wie das popmusikalische Stockholm, was ist der Sound von Köln? Philipp Krohn und Ole Löding portraitieren in unserer Reihe "Sound Of The Cities" zehn bekannte und weniger bekannte Musik-Städte. Sie lassen Musiker, Plattenhändler, Club-Betreiber und Journalisten Musik-Geschichten und Musik-Geschichte erzählen, auf der Suche nach dem Klang der Städte, von Antwerpen bis Austin, von Glasgow bis Wien.

 

 

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