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Im Gespräch | Beitrag vom 13.04.2018

Schauspieler Samuel Koch über sein Leben nach dem UnfallWunsch nach einer Welt ohne "dieses Pseudo-Modewort Inklusion"

Samuel Koch im Gespräch mit Katrin Heise

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Schauspieler Samuel Koch (picture alliance / Claus Völker)
Demnächst auch im Kinofilm "Draußen in meinem Kopf" zu sehen: Samuel Koch (picture alliance / Claus Völker)

In "Wetten, dass…?" passiert der fatale Unfall, seitdem ist er querschnittsgelähmt: Samuel Koch arbeitet als Autor und Schauspieler und nutzt seine mediale Präsenz, um Menschen mit Behinderung Mut zu machen.

Als Junge ist er sportbegeistert, als Teenager ein begabter Kunstturner, später dann studiert er Schauspiel. Zu trauriger Berühmtheit kommt er im Jahr 2010 bei seinem Auftritt in der Unterhaltungsshow "Wetten, dass..?": Der Leistungsturner Samuel Koch versuchte, auf Sprungfedern über entgegenkommende Autos zu hüpfen und stürzte dabei. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Heute sagt er, dass sein "Weitermachen-, nicht Aufgeben-Temperament" ihm wohl buchstäblich das Genick gebrochen habe.

"Ich habe dreimal die Anfrage bekommen von dem Stunt-Koordinator, der seit 20 Jahren für 'Wetten dass..?' organisiert, ob ich nicht bei Gottschalk auftreten wollen würde. Ich habe drei Mal abgesagt, wollte mich dann nicht zum Affen machen, er war sehr hartnäckig und irgendwann dachte ich, 'Oh, nicht schlecht, ich kann mir dann den Rest meines Studiums finanzieren und muss nicht mehr so viel arbeiten gehen und hin und her.' Dann habe ich zugesagt und habe mich trotzdem nicht gut dabei gefühlt. Aber mir wurde beigebracht, man macht die Sache zu Ende, und wenn man einmal zusagt, dann ist es Ehrensache auch, das durchzuziehen. In dem Fall war das nicht so gut."

Der Kampf gegen Verzweiflung

Nach dem Unfall begann sein Kampf gegen Resignation und Verzweiflung, Samuel Koch wollte sich nicht unterkriegen lassen. Von seinen Kommilitonen lässt er sich überreden, seine Ausbildung an der Schauspielschule fortzusetzen. Seit vier Jahren gehört er zum Staatstheater Darmstadt. Durch ihn hat sich nicht nur an dem Haus viel geändert.

"Ich weiß von meiner Schauspielschule, dass sie mittlerweile einige Rollstuhlfahrer vorsprechen ließen, dass die Altersgrenze abgeschafft wurde, man darf nicht mehr nach dem Alter fragen. Da ist schon was in Bewegung. In Darmstadt haben sich die Zuschauer zunächst gewundert, dass ich ständig mit unterschiedlichen Stücken auf der Bühne stehe. Am Anfang haben die sich gefragt, was machen sie mit dem Koch jetzt – ach, interessant, er sitzt auf dem Pferd, er hängt über Kopf an der Decke, er ist im Glassarg als Stimme des Kapitals eingefroren, und so fort. Aber mittlerweile spricht man gar nicht mehr darüber. Man sieht es einfach wie den dicken, den großen, den kleinen, den beweglichen oder eben den unbeweglichen Schauspieler. Das ist eigentlich schön. Wenn man nicht mehr über dieses Pseudo-Modewort Inklusion sprechen muss, dann ist es eigentlich erreicht."

Eine Hauptrolle in einem Kinofilm 

Demnächst feiert der erste Kinofilm Premiere, in dem er die Hauptrolle spielt. In "Draußen in meinem Kopf" ist Samuel Koch der 28-jährige Sven, der an Muskeldystrophie leidet. "Im Gespräch" erzählte der heute 30-Jährige, warum er ausnahmsweise bereit war, die Rolle eines Behinderten zu spielen.

"Dieser Mensch ist ein komplett anderer oder diametral unterschiedlicher Charakter als ich. Sein Leben steuert ziemlich zielstrebig und für normale Verhältnisse verfrüht auf den Tod zu. Und so beschäftige ich mich damit, wie es für einen ist, der nichts mehr zu verlieren hat, weil er Vollwaise ist und keine Eltern hat. Und der trotzdem seine Bedürfnisse und seine Wünsche umsetzen will und das auch gewalttätig tut, meiner Meinung nach aber eben ohne physische Gewalt, sondern mit psychischer oder auch verbaler und auch manipulativer Gewalt. Das fand ich unter anderem reizvoll."

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