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Lesart | Beitrag vom 28.04.2018

Richard C. Schneider: "Alltag im Ausnahmezustand"Israel – ein Versuchslabor

Von Carsten Hueck

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Buchcover "Alltag im Ausnahmezustand" von Richard C. Schneider, im Hintergrund ein Blick über Tel Aviv (DVA Sachbuch / imago / Westend61)
Buchcover "Alltag im Ausnahmezustand" von Richard C. Schneider, im Hintergrund ein Blick über Tel Aviv (DVA Sachbuch / imago / Westend61)

Über zehn Jahre leitete Richard C. Schneider das ARD-Studio in Tel Aviv. Nun hat er mit "Alltag im Ausnahmezustand" ein persönliches Porträt Israels verfasst: Der Journalist empfiehlt darin auch einen Besuch des Landes - zur Schulung der Fähigkeit komplexer Beurteilungen.

Als Fernsehzuschauer kennt man dieses Gesicht: "Alltag im Ausnahmezustand" heißt das neue Buch von Richard Chaim Schneider und der Autor blickt einen vom Cover her an wie dereinst bei der ARD-Schalte aus Tel Aviv, wenn Caren Miosga in den "Tagesthemen" die Fragen stellte. Über zehn Jahre lang war Richard Chaim Schneider Leiter des ARD-Studios in Israel. Und er war wohl der beste deutsche Fernsehkorrespondent an diesem Ort. Klar im Urteil, persönlich, engagiert und auf überlegte Art ausgewogen, ohne sich des Jargons politischer Allgemeinplätze zu bedienen.

Nun ist Schneider wieder freier Autor. Er lebt nach kurzem Gastspiel als Korrespondent in Rom erneut in der israelischen Mittelmeermetropole:

"Tel Aviv ist nach dem Silicon Valley der zweitwichtigste Hightech-Hub der Welt. Hier wird die Zukunft programmiert und gestaltet. Und die Welt kommt nach Israel, um Geschäfte zu machen: nicht nur Europa und die USA, sondern auch China, Indien, Afrika. Aus der Ferne wirkt Europa mitunter wie ein Museum. Ein wunderschönes, eines, das ich über alles liebe, zu dem ich gehöre, von dem ich ein Teil bin und sein möchte und immer bleiben werde. Aber nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass ausgerechnet Israel – und insbesondere Tel Aviv – für den Augenblick ein idealer Standort ist, um die Zukunft zu erleben – und die Gefahren für die Zukunft. Israel ist eine Art 'Versuchslabor' für die westliche Welt."

Ein sehr persönlicher Blick

"Mein Blick auf Israel" lautet der Untertitel von Schneiders Buch. Es ist tatsächlich sein Blick mit dem er auf diesen Staat schaut, der in seinem 70. Jahr so widersprüchlich wie faszinierend ist, den man als einzigartige Erfolgsgeschichte bewundern kann und zugleich als Besatzungsmacht kritisieren muss. Schneiders Buch ist sehr persönlich. Anders als ein journalistischer Bericht es in der Regel sein kann oder will.

Da schaut nicht jemand bloß auf Israel, sondern aus Israel auch auf die Welt. Auf Europa, auf die USA. Und ebenso auf das eigene Leben, die eigene Beziehung zu diesem Staat und seinen Menschen. "Alltag im Ausnahmezustand" bietet viele Perspektiven.

Der Autor reflektiert eingehend, welche Bedeutung Israel für ihn selbst, den in Deutschland geborenen und sozialisierten Sohn ungarischer Holocaustüberlebender hat. Er berichtet von seinen Erfahrungen und Gefühlen. Von Gesprächen, mit einem Bekannten beispielsweise in einem Münchener Restaurant beim Mittagstisch. Plötzlich entpuppt der sich durch an sich wohlmeinende Bemerkungen als Rassist.

Oder er beschreibt seine Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, dessen Politik Schneider nicht mag, dem er als Politiker aber durchaus Respekt zollt. Oder er schildert Begegnungen mit Palästinensern – die ihm, dem Deutschen, als Abschiedsgeschenk eine aus Olivenholz geschnitzte Ansicht Palästinas überreichen – eine große Fläche, vom Jordan bis zum Mittelmeer.

Überall lauern Meinungen über Israel

In sechs, thematisch – nicht chronologisch – geordneten Kapiteln gelingt es Richard Chaim Schneider, alles, was in den letzten Jahren über Israel geschrieben und gesagt wurde, aufzugreifen und zu beleuchten. Das betrifft Genese und Gründungsgeschichte des Staates ebenso wie historische Entwicklungen und die aktuelle Politik.

Dabei unterläuft Schneider häufig gängige Betrachtungsweisen sowohl israelkritischer wie israelfreundlicher "Fachleute". Und das alles in einem flüssigen, leichten Erzählton. Schneider greift gerne auf Stichwörter zurück, bei denen schnell Reflexe des Lesers einsetzen. Gaza Krieg – unverhältnismäßig. Bedrohung durch den Iran – übertrieben. Die Besatzungspolitik – unmoralisch. Aber er differenziert:

"Die Besatzung ist nicht nur ein moralisches, ethisches Problem. Sie frisst die israelische Gesellschaft von innen auf. Die Männer, die im Westjordanland ihren Militärdienst ableisten oder in den Verhörzellen israelischer Gefängnisse arbeiten, kommen danach wieder zurück zu ihren Familien und zurück in die Gesellschaft. Aber auch da gibt es paradoxe Widersprüche: Auf Israels Straßen sieht man sehr, sehr viele Waffen. Doch erstaunlicherweise geschehen in Israel im relativen Vergleich zu Europa weniger Gewaltverbrechen mit Waffen. Israelis sind kein schießwütiges Volk. Doch die Aggressivität im alltäglichen Umgang miteinander hat spürbar zugenommen in den vergangenen Jahrzehnten."

Der Leser muss damit klarkommen, dass er in diesem Buch keine konfektionierten Meinungen präsentiert bekommt. Richard Chaim Schneider hinterfragt alle populären Sichtweisen und Argumente sowohl der Israelkritiker wie diejenigen der Verteidiger israelischer Politik. Er benennt die Erosion demokratischer Kultur in Israel ebenso wie den Antisemitismus in Europa. Besucht Start-ups in Ramallah und jüdische Siedlungen. Schildert die Immunität auch gebildeter Palästinenser gegenüber antisemitischen Verschwörungstheorien und benennt Fehler, die die Obama-Regierung mit ihrer Nahost-Politik begangen hat. Betont, dass in der Region schon längst niemand mehr an eine Zwei-Staaten-Lösung glaubt.

Leser muss Ambivalenzen aushalten können

All das macht dieses Buch zu einer nicht ganz kleinen Herausforderung. Wir sind es nicht gewohnt, mit Ambivalenzen umzugehen und Widersprüche auszuhalten. Wir neigen zu eindeutigen Standpunkten und bevorzugen häufig das rigorose Urteil. Das ist sicherlich menschlich, besonders in Zeiten, in denen bislang stabile Wertesysteme wanken und die Unüberschaubarkeit politischer und gesellschaftlicher Prozesse zunimmt.

Doch insofern ist Israel tatsächlich ein "Versuchslabor". Man kann dort und eben anhand des "Alltags im Ausnahmezustand" lernen, wie wir unser Denken geschmeidiger machen, wie wir eine Vielzahl von Parametern zur Beurteilung komplexer Situationen verwenden sollten. Das Leben ist nicht einfach, weder für Sieben- noch für Siebzigjährige. Das gilt für Menschen wie für Staaten. Richard Chaim Schneiders Blick auf Israel macht das deutlich:

"Ganz gleich, wie man zu Israel stehen mag, wenn man die Grausamkeit und Brutalität, die im Nahen Osten herrschen, mit den Aktionen Israels vergleicht, dann neigt sich die Waage sehr zu Gunsten des kleinen jüdischen Staates, auch wenn die Menschenrechte in den besetzten Gebieten oftmals mit Füßen getreten werden. Was aus Israel wird, ist schwer zu sagen. Die Gefahren von außen sind offensichtlich. Im Inneren ist Israel ebenso bedroht, und so mancher Israeli fürchtet sich vor den Spannungen in der eigenen Gesellschaft mehr als vor den Muslimen. Israels Demokratie ist gefährdet, kein Zweifel. Aber man muss schon auch die Frage stellen, ob Demokratien nicht überall gefährdet sind. Die Welt befindet sich im Moment in einem Veränderungsprozess, von dem wir alle nicht wissen, wohin er uns führt."

Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel
Verlag DVA Sachbuch, München 2018
293 Seiten, 22 Euro

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