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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.12.2015

Renaissance der WildnisDer Wolf im Wirtschaftswald

Von Günther Rohleder

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Ein Rudel Wölfe  im Tier-Freigelände im Nationalpark Bayerischer Wald bei Neuschönau, 2009 (picture alliance / dpa  / ZB / Patrick Pleul)
Künftig soll es wieder mehr wilde Tiere wie die Wölfe im Nationalpark Bayrischer Wald geben. (picture alliance / dpa / ZB / Patrick Pleul)

Deutschland soll wieder wilder werden: Die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt sieht vor, dass der Anteil der Wildnis-Flächen bis 2020 auf zwei Prozent steigen soll. Nicht alle sind davon begeistert.

Robert Franck: "Wenn es für uns Menschen gefährlich wird, fängt die Wildnis an. Im Hochgebirge. Oder Moore. Wo es gefährlich wird für uns Menschen. Wo man halt nicht hinkommt."

Elsa Nickel: "Wildnis, wenn wir das definieren wollen, sind ja Gebiete, die ohne absichtlichen Einfluss des Menschen sind. Ganz ohne Einfluss des Menschen gibt's natürlich nicht, das gibt es nirgendwo auf der Welt, seit es Menschen gibt, aber ohne absichtlichen Einfluss des Menschen."

Eick von Ruschkowski: "Also, ich muss ganz ehrlich zugeben, dass beim Thema Wildnis mir in erster Linie Landschaften außerhalb Europas einfallen würden."

Derk Ehlert: "Am Tegeler See gibt es Biber, vor 25 Jahren ging das los, dass die ersten Biber Berlin eroberten. Und inzwischen sind die Biber sehr erfolgreich bei der Stadtbesiedelung, sie wohnen im Park Jungfernheide, sie sind auch im Schlosspark Charlottenburg. Ja, und sie sind eben auch im Tiergarten inzwischen zu Hause."

Ingo Kowarik: "Wildnis ist erst mal ein kulturelles Phänomen. Wildnis entsteht in den Köpfen der Menschen, die die Natur sehen und feststellen: Es ist etwas völlig anderes als das, was ich gewohnt bin in meiner kulturellen Umgebung."

Der knallharter Wirtschaftswald

Franck: "Wat is da? – Also der jetzt schreit, den kennen wir ja am Schrei: Schwarzspecht, ne. Der Grünspecht, das ist der Schlingel, der die Ameisenhaufen alle kaputt macht, ne, der mit seiner Zunge die Ameisen rausholt, das ist der Grünspecht. Und der Eichelhäher hier vorne eben, was sucht der? Der Name sagt es, Eicheln (...)"

Exkursion mit Ranger Robert Franck durchs Stechlin-Ruppiner Land in Brandenburg. Wir spazieren durch den Wald auf einem breiten laubbedeckten Weg. Buchen, Fichten, Eichen, Kiefern. Robert Franck trägt eine Tarnfarbenschirmmütze, feste Wanderschuhe und ein Fernglas vor der Brust.

"Hier unten kommt das sogenannte Wolfsbruch, eine doch recht große Fläche mit morastigen Untiefen, oder – Wildnis? Für den einen oder anderen wird das schon ein bisschen Wildnis sein. Zumindest wenn man durchlaufen will und das Wasser in die Schuhe läuft, dann – oder man versinkt in der Modderpampe, dann ist es schon ein bisschen Wildnis (...) also wir werden jetzt gleich nach links abbiegen."

Auf eine Wolfsspur stoßen wir nicht, aber überall auf Reifenprofilabdrücke der Holzeinsammelmaschinen. Der breite Weg, auf dem wir weitergehen, ist eine Forststraße, und der Wald ein Erntewald. Alle paar hundert Meter durchzogen von schnurgeraden Schneisen, Holzrückegassen zum Polterplatz, der Baumstammstapelstelle. Früher zog man das Langholz mit Pferden durch die Gassen, heute wird schweres Gerät eingesetzt.

Franck: "Das ist natürlich ein knallharter Wirtschaftswald. Sie sehen es, hier wurde Holz gemacht. Wir haben links die durchschlagene Kieferndickung. Es wurden Schneisen reingeschlagen, es wurden Bäume entnommen. Hier drüben sehen wir sehr alte Bäume, die sind bestimmt so um die 100 Jahre alte Kiefern oder noch nicht ganz 100 Jahre. Wir haben hier drüben einen Wald mit Birken, Buchen, Eichen. Hier sieht man diese jungen Bäume, hier vorne eine junge Eiche. Und wir haben hier vorne eine Dickung, wo jetzt Douglasie steht. Und dahinter sehen wir einen Laubwald, der schon hoch ist, also der ist jetzt aus dem Äser des Wildes raus."

Der Ranger ist auch Jäger und in der Jägersprache frisst Rotwild nicht, Rotwild äst. Besonders gut schmeckt einem Reh die oberste Knospe des heranwachsenden Baums. Ohne diese Terminalknospe wird der Baum nicht groß und schön, er buscht aus. Also schützt im Erntewald ein Zaun den Nutzholznachwuchs gegen Wildverbiss.

Projekt Methusalem soll Förstern helfen

Vor einer mächtigen Kiefer bleibt der Ranger stehen. Zwei Nägel in der Rinde halten eine rote Kunststoffplakette, mit der Aufschrift "Projekt Methusalem".

"Es wurden hier im Forst auf einem Hektar so fünf Bäume ausgesucht, die mit so einer Plakette versehen sind bei uns, Methusalem, die wurden gekennzeichnet mit GPS-Daten, Hightech eingelesen in Flurkarten. Also, wenn der eine Förster stirbt, und der andere das übernimmt, weiß er trotzdem noch, wo diese Marke klemmt, und man hat versucht, damit alte Bäume zu erhalten."

Die Bäume mit einer Methusalem-Plakette dürfen wachsen und so alt werden, wie sie wollen, sagt Robert Franck.

"Das heißt: Die wachsen und wachsen und wachsen, werden irgendwann auch groß wie diese Kiefer, die, denk ich mal, 150 Jahre alt bestimmt ist, die hier vorne stehen, beide Kiefern sind bestimmt über 150 Jahre alt schon. Wenn die natürlich richtig alt werden, dann hat natürlich auch der Specht eine Chance, irgendwo wenn da ein morscher Ast an der Seite ist, da mal ein Loch reinzuhämmern, das schafft der bei einem frischen Baum ja gar nicht."

Das Methusalemprojekt, eine Initiative des Brandenburger Landwirtschaftsministeriums, versteht sich als Maßnahme zugunsten der Artenvielfalt im Wirtschaftswald. Wildnis?

Stark menschlich geprägte Landschaften

"(...) wir haben noch einen weiten Weg bis dahin, weil einfach viele unserer Landschaften so anthropogen überprägt sind, so stark menschlich genutzt sind, dass wir da eigentlich nicht wirklich von Wildnis sprechen können."

Eick von Ruschkowski, beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) für Umweltpolitik zuständig.

"Aber ich glaube, Wildnis fängt in der Wahrnehmung (...) des Großteils der Bevölkerung schon dann an, wenn ich einfach nicht mehr so einen gleichmäßigen monotonen Alterklassenwald, sondern wenn ich wirklich mal einen Mischwald habe, wo es vielleicht irgendwo eine Borkenkäferbefallsfläche und woanders Totholz gibt. Das ist für die meisten schon Wildnis. Und die Frage ist am Ende natürlich, wie viel Wildnis verträgt die Bevölkerung? Ja, wie viel unaufgeräumte Natur will und verträgt der Bürger und die Bürgerin? Wie viel totes Holz und Sumpf und Käfer und wie viel Wolf? So ne Borkenkäferbefallsfläche, die sieht nicht so schön aus in den ersten Jahren, spannend wird es dann aber, wenn nach zwei, drei, vier, fünf Jahren zwischen diesen ganzen toten – in Anführungsstrichen - Stangen das erste Grün zwischen durch vor kommt."

findet Eick von Ruschkowski vom NABU.

"Unter hundert Leuten findet sich vielleicht einer, der weiß, wo man die frühen Erdbeeren pflücken kann."

Der amerikanische Naturfreund und Dichter Henry David Thoreau in "Wild Fruits", in der deutschen Übersetzung "Lob der Wildnis".

"Es ist eine Art indianisches Wissen, das man durch geheime Überlieferung erwirbt. Ich weiß sehr wohl, was diesen Lehrjungen, der gerade meinen Weg gekreuzt hat, am heutigen Sonntagmorgen in die Hügel ruft. Egal in welcher Fabrik oder welchem Büro er arbeitet – wenn die ersten Erdbeeren sich röten, ist er genauso unfehlbar zur Stelle wie der erwähnte Schildkäfer, auch wenn er das ganze Jahr über im Verborgenen weilt. Er folgt seinem inneren Instinkt. Und der Rest der Menschen ahnt nicht einmal im Traum etwas davon. Die wenigen wilden Erdbeeren, die es bei uns gibt, sind längst gepflückt, wenn die Masse von ihnen Wind bekommt."

Wann fängt Wildnis an, Wildnis zu sein?

Im November 2007 hat die Bundesregierung die "Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt" verabschiedet. Mit diesem Beschluss entsprach sie der Biodiversitätskonvention der UNO.

Ausdrückliches Ziel dieser Strategie ist es, bis zum Jahr 2020 auf zwei Prozent der Bundesfläche Wildnis entstehen zu lassen.

Nein, das sei kein Gesetz und auch keine Verordnung, sagt Elsa Nickel, im Bundesumweltministerium zuständig für Naturschutz, sondern ein Ziel, für das man Landes- wie Kommunalpolitik und Unternehmen wie Anwohner gewinnen müsse.

"Um das Ziel zu erreichen, müssen wir überzeugen, da müssen wir diskutieren, da müssen wir Verbündete suchen. Da müssen wir schieben oder auch mal ziehen. Oder auch Forschungsprojekte auflegen oder mit Projektfördermitteln auch mal locken. So dass es ein bunter Strauß ist an Maßnahmen, die wir machen können, um das zu erreichen. Man kann das nicht einfach Ordre de mufti umsetzen oder durch das Umschalten eines Schalters hinkriegen.Und bei den Punkten der höchsten Priorität ist in der Tat dabei, unser Wildnisziel zu erreichen, nämlich auf zwei Prozent der Bundesfläche die Natur sich selbst zu überlassen, Natur Natur sein zu lassen."

Zwei Prozent sei nicht viel, räumt Elsa Nickel ein. Und auch die sind noch längst nicht erreicht. Wann fängt Wildnis an, Wildnis zu sein? Gibt es eine Wildnisflächenmindestgröße? Lässt sich mit fünf Methusalems pro Hektar Wirtschaftswald, mit fünf Bäumen, die wachsen dürfen wie sie wollen, Wildnis ausrufen?
Anders gefragt: Wie viel Wildnis passt in einen Rucksack?

"Die Natur ist manchmal grausam – das ist eben Natur"

"Guckt mal hier, ich hab hier super was Schönes bei, wisst ihr was das ist?"

Robert Franck zieht ein langes Vogelbein mit Fuß aus seinem Rucksack. Das Bein ist beringt und hat einmal einem Schwarzstorch gehört, verunglückt an einer Hochspannungsleitung. Der Ranger erzählt von einer alten Eiche. Gar nicht weit von hier, auf ihrer Krone brütet Jahr für Jahr ein Storchenpaar. Nur alte Bäume bieten Platz genug für Storchennester.

Franck hat auch einen getrockneten Seeadlerfuß im Gepäck. Der mächtige Fang endet in langen messerscharfen Krallen. Selbst die Sohlenhaut der Zehen ist gefährlich scharf.

"Hier unten das sind wie kleine Glassplitter, damit kann er auch glitschige Fische festhalten, die ihm nicht rausrutschen. Also wenn man hier unten über die Hornhaut fasst, das ist ganz spitz und scharfkantig. Dadurch hält der auch die schleimigen Fische fest, also er durchbohrt die natürlich auch schon mit seinen Krallen, aber er krallt die fest."

Häufig treffen Hilferufe bei Robert Franck ein: Wenn mal wieder ein Beutegreifer verunglückt ist. Verletzte Adler, Habichte, Falken oder Milane bringt der Ranger dann in die brandenburgische Greifvogelpflegestation Woblitz. Franck hält das Foto eines frisch beringten Fischadlers in die Höhe. Der Ring am Bein gibt Auskunft über Alter und Herkunft des Vogels.

"Der ist hier (...) wie ist der eigentlich ums Leben gekommen? Ha, war ein Habicht. Genau. Den haben wir beringt und dann hat ein Habicht den gefressen. War noch nicht ganz flügge. War noch ein Jungvogel. Also, wir haben den beringt, und dann hat der Habicht sich gedacht, ein Fischadler mit Schmuck schmeckt auch. Die Natur ist manchmal grausam – das ist eben Natur."

Beutegreifer. Früher sagte man Raubvogel oder Raubtier. Die Wölfe sind die größten Beutegreifer im Land. Wildnis oder Natur? – "Wildniselemente", sagt Ingo Kowarik, Professor für Ökologie an der Technischen Universität Berlin.

"Natur ist ein Gesamtbegriff, der sich (...) auf alles anwenden lässt, was in der Natur vorkommt, die unbelebten Elemente, Steine, Mineralien, oder die belebten, Tiere und Pflanzen und auch auf die Prozesse, also die Physis der Griechen, das war ja das Prozesshafte der Natur: Das Wiederentstehen, das Sterben, das Wiederkommen, also die Prozesse, das ist die Natur. Die Wildnis ist da einzuordnen, jede Wildnisfläche, jedes Wildniselement ist Teil der Natur, aber nicht jedes Teil der Natur ist Wildnis."

Kommt es nicht nur darauf an, wie genau wir hinsehen und was wir dabei empfinden? Wie viel Wildnis vermittelt ein Seeadler im Sturzflug? Wie wild geht es auf und in der Rinde einer alten Eiche zu und was sucht der Eremit in ihrem Mulm? Stellen Sie sich vor, Sie sollten einen Wolf verteidigen, dem aufgrund wiederholtem Nutztierverzehrs die Todesstrafe droht, wie viel Empathie würden sie aufbringen?

Wildnis bei Bevölkerung beliebt

Elsa Nickel vom Bundesumweltministerium deutet das Diffuse an der Wildnis als Chance.

"Es muss ja nicht alles vom Kopf kommen und bei dem Wort Wildnis wird ja auch viel aus dem Bauch assoziiert. (...) Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer ist glaub ich was, was viele mit Wildnis assoziieren. Und das ist ja auch was Interessantes, wenn wir das im dicht besiedelten Mitteleuropa bekommen können, ist das doch ne schöne Sache. Und genau diese verschiedenen Gefühle geben ja auch das ganze Mosaik. Also von Nationalparken bis hin zu einem städtischen Grün, was man auch mal sich selber entwickeln lassen kann."

Wildnis sei sehr beliebt in der Bevölkerung, sagt Elsa Nickel. Das habe die Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums von 2013 gezeigt.

"Zwei Drittel der Menschen sind wirklich Wildnisfans. Auch im eigenen Land, die möchten hier mehr Wildnis haben. Also die Landesregierungen tun ihren Bürgerinnen und Bürgern was Gutes, wenn Sie ihnen die Möglichkeit geben, Wildnis zu entdecken, Wildnis zu erleben."

Eick von Ruschkowski vom NABU sieht das skeptisch:

"Natürlich ist es so, dass in der heutzutage überwiegend urbanisierten Bevölkerung dann tatsächlich so ein bisschen diese verklärten Vorstellungen von Wildnis herrschen. Und dann ist es die städtische Bevölkerung, die in der Regel auch nicht da draußen ist und weiß, was Wildnis bedeutet und von daher glaube ich, dass wir da auch schon so ein bisschen Gefälle haben in der Wahrnehmung, was Wildnis eigentlich ist, zwischen der städtischen Bevölkerung, die weitestgehend naturentfremdet ist heutzutage und auf der anderen Seite dann im ländlichen Raum eher die Naturnutzerfraktion, die da stark vertreten ist und die auch nicht ganz unberechtigte Interessen hat."

Auf der einen Seite die naturentfremdeten Städter, auf der anderen die Naturnutzer: die Land- und Forstwirte, die Angler und Jäger, Imker und Schäfer. Die einen kennen Biber, Reh und Wolf vor allem aus dem Märchen oder Fernsehen, die anderen sind besorgt, dass ihre Pflanzen abgeäst, ihre Deiche untergraben und ihre Schafe gerissen werden. Wie viel Platz bleibt da noch für das das Abenteuer Wildnis?
Naturnutzer hin, Naturentfremdete her: Die Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums präsentiert das folgende Ergebnis:

"Ein Drittel der Bevölkerung assoziiert mit Wildnis spontan "unberührte Natur" und "rein", "echt" und "unverbraucht". (...) Gegenteilige Assoziationen, die Wildnis mit Chaos oder Verwahrlosung in Zusammenhang bringen, werden von einem deutlich geringeren Teil der Befragten geäußert. Auch den Aspekt, dass Wildnis als gefährlich wahrgenommen werden könnte, nennen nur drei Prozent der Befragten. (...) Fast jeder Fünfte verbindet Wildnis ganz explizit mit der Abwesenheit von Menschen und Zivilisation, und knapp jeder Sechste meint, Wildnis sollte in Deutschland nicht zugänglich sein. Dem stehen allerdings etwa vier von fünf Personen gegenüber, die Wildnis in Deutschland für Menschen zugänglich sehen möchten."

Der Mensch hat die Welt grundlegend verändert. Durch Ackerbau, Viehzucht, Urbanisierung und Industrialisierung. Die Mehrheit der Erdbevölkerung lebt inzwischen in Städten. Vom Menschen völlig unberührte Natur gibt es nicht mehr. Nicht einmal in der Tiefsee. Das Anthropozän ist ausgerufen, der Mensch ist dabei, durch seinen grenzenlosen Ressourcenappetit ein Zeitalter zu prägen und setzt damit seine eigene Natur aufs Spiel.

Immerhin gibt es noch kleine Reste von Naturlandschaften, die weitgehend sich selbst überlassen sind, auch in Deutschland. Alte Bergwälder gibt es, Moore und das Wattenmeer.

Aber reicht die Weite einer Kernschutzzone, damit so etwas wie Wildnis neu entstehen und erfahrbar werden kann?

"Tausende müde, entnervte, überzivilisierte Menschen beginnen herauszufinden, dass in die Berge zu gehen bedeutet, nach Hause zu gehen; dass Wildnis notwendig ist."

schreibt John Muir, Naturforscher und Initiator des Yosemite-Nationalparks in Kalifornien

"Ich interpretiere die Felsen, erlerne die Sprache der Flut, des Sturms und der Lawine. Ich mache mich mit den Gletschern und den wilden Gärten vertraut und komme dem Herzen der Welt so nah wie ich nur kann."

Selbstversuch im Yellowstone Nationalpark

Selbstversuch Wildnis im Yellowstone Nationalpark: Wanderschuhe, ein Rucksack mit Zelt und etwas zu essen. Die Karte weist einen Pfad durch das Herz des Parks: mäßiger Anstieg, ein bisschen Gefälle, Wald und Steppe. Gut 30 Kilometer bis zum Campingplatz: Das muss machbar sein.

Serpentinen durch Douglasienwald, dann aus einem Busch ein schweres Zupf- und Mahlgeräusch. Ein Büffel liegt im Gras und kaut. Weiter oben steht ein anderer mitten auf dem Weg. In sicherem Abstand warten. Beobachten. Immer noch warten. Der Büffel lässt sich nicht verscheuchen, aber immerhin im Schutz der Bäume gut umwandern.

Grauer Schlamm, Schwefelgeruch, gelblich schimmernde Pfützen und Rinnsale, ein Geysir macht gerade Pause.

Dann ein Stück Steppe. Auf einmal bebt der Boden. Ganz nah galoppiert eine Büffelhorde vorbei. Stunden später, auf einer Anhöhe ein verriegeltes Blockhaus, aber kein Campingplatz. Blick auf ein weites Tal aus Gras und Bächen – voller brauner Flecken. Ein Tal voll mit Büffeln. Der Weg führt hangabwärts mittenrein. Dämmerung setzt ein. Es fängt an zu regnen.

Hier auf der Höhe schnell, bevor es dunkel wird, das Zelt aufstellen? Zu unheimlich unter Büffeln und es gibt auch Grizzlys im Yellowstone. Bleibt nur der aufrechte Gang durch die Herde, irgendwie durch das Tal kommen, dann noch ein Stück Wald und dann – endlich die Straße.

Abstieg ins Tal. Die Büffel sind riesig. Es müssen über hundert sein. Auf sie zu. Immer näher ran. Da – kaum zu glauben: Sie bewegen sich. Sie drehen sich um. Jetzt gehen sie weg. Hundert Büffel gehen einfach weg. Nur fünf Bullen bleiben stehen. Noch 50 Meter. Alles auf ein Karte. Weiter auf sie zu. Huahhh. Jetzt gehen auch sie. Das Spiel wiederholt sich ein paarmal. Dann sind die Büffel plötzlich nicht mehr da. Irgendwann hört auch das Tal auf. Der Wald ist ziemlich dunkel. Zweige hauen und stechen. Singen soll helfen gegen Grizzlys. Aber gilt das auch im Lärm eines Wildbachs?

Endlich ein vertrautes Geräusch. Licht durch die Zweige. Ein Auto. Der Fahrer ist ein Ranger und hält an. Noch mal Glück gehabt.

Die Weite der Naturlandschaften auf dem Nord- und Südamerikanischen Kontinent, die Urwälder, Steppen und Wüsten in Afrika und Asien. So bedroht sie auch sind – gibt es in Europa überhaupt noch vergleichbare Wildnis?

Relikte alter Wildnis mitten in der Stadt

Wildnis ist ein Kulturbegriff, stellt Ingo Kowarik fest, und es sei nicht sinnvoll, ihn auf die alten Naturlandschaften zu beschränken. Die Stadt – Land – Verhältnisse in Mitteleuropa hätten sich umgedreht. Früher waren die Städte stark veränderte Inseln in einem Meer naturnaher Landschaft. Heute, so der Biologe, sei die Landschaft, in der wir leben, dem ökonomischen Druck einer industrialisierten Land- und Forstwirtschaft unterworfen und in den Städten manche Naturinsel besser erhalten geblieben als in der sogenannten freien Landschaft. "Leider" fügt Ingo Kowarik noch hinzu und er nennt die Eilenriede in Hannover und den Tiergarten in Berlin als Beispiel.

"Relikte alter Wildnis mitten in der Stadt. Die Eilenriede in Hannover, das ist ein wunderbarer Buchenwald und dieser Stadtwald, das ist ein Urwaldrelikt letztendlich. Und in Niedersachsen sind vieler solcher Wälder durch die Forstwirtschaft stark verändert worden. In der Stadt, weil nämlich andere Nutzungserfordernisse, waren hat sich sowas überdauert. Der Berliner Tiergarten ist seit dem 16. Jahrhundert als Jagdrevier der Kurfürsten geschützt. Es ist ein Urwald, der dann als barocker Park als Landschaftspark überformt wurde. Wenn er nicht am Ende des Zweiten Weltkrieges oder kurz danach grundsätzlich überarbeitet worden wäre –erst abgeholzt und dann wieder neu aufgeforstet worden – wäre er ein Urwaldrelikt mitten in Stadt."

Auch wo der Mensch massiv eingegriffen hat, so Ingo Kowarik, könne Wildnis entstehen, Kowarik nennt das "Neue Wildnis".

"Denken Sie an die Bergbaufolgelandschaften im Ruhrgebiet oder an urbane Brachflächen die bebaut waren, die eingeebnet worden sind, dass sich auf solchen Flächen eine Naturentwicklung vollzieht, die nicht beeinflusst worden ist. Man hat den Standort verändert, nachhaltig, aber dann nichts mehr gemacht. Und dort wächst innerhalb von wenigen Jahrzehnten eine neue Waldlandschaft heran, die völlig anders ist als das, was etwa in Parks steht oder als das, was wir in Wäldern finden, am Rand der Städte. Es ist viel jünger, die Standorte sind nachhaltig verändert, aber die Prozesse dort sind von Menschen dann nicht mehr beeinflusst worden. Und solche Flächen nenne ich neue Wildnis."

Park am Gleisdreieck Berlin. Vor 100 Jahren Bahnknotenpunkt, jetzt liegen die Gleise im Wald. Birken und Buchen haben sich durch das Schotterbett geschoben. Es lebt und sprießt im Biotop. Eine Überlebensnische für tausend Arten Kleingetier und Pflanzen. "Bitte nicht betreten -Gleiswildnis – ungesichertes Gelände" heißt es auf Warnschildern rund ums Biotop.

Urbane Wildnis. In Berlin zum Beispiel. Füchse wohnen auf dem Alexanderplatz. Wildschweine wühlen in Vorgärten. Habichte brüten in Hinterhöfen. Vor ein paar Jahren gab es das noch nicht.

"Wir haben ein Bild im Kopf, wie Tiere sich zu verhalten haben"

Darf mir ein Fuchs in Kreuzberg aus drei Metern Entfernung angstlos in die Augen sehen?

"Wir haben ein bestimmtes Bild im Kopf, wie sich Tier zu verhalten haben und sie müssen doch gefälligst vor uns wegrennen. Und wenn sie s nicht tun, dann müssen sie doch krank sein."

Derk Ehlert, Wildtierexperte im Berliner Umweltsenat

"Das ist eigentlich der häufigste Fragepunkt, den wir immer wieder erfahren, jeden Tag aufs Neue, auch über das Wildtiertelefon beim Naturschutzbund, die ja für uns die Anrufe entgegen nehmen. Das ist auch eines der häufigsten Ängste, das die Menschen haben. Verständlicherweise, weil sie es nicht gewohnt sind, das sie plötzlich am helllichten Tag Tier an einem vorbeilaufen, ja sogar noch interessiert sind."

Ingo Kowarik: "Der Fuchs, den wir beim Spazieren nachts mitten in der Stadt sehen, ist ein wildes Tier genauso wie der Regenwurm, aber mit dem Fuchs verbinden wir ganz andere Assoziationen. Und das ist der Punkt. Und wenn wir in der Stadt umherschauen, dann sehen wir, dass sehr viele Tiere, die wir eben normalerweise nicht aus der Stadt kennen, dort auftauchen, aber wir sehen das auch bei Pflanzen."

Tiere und Pflanzen suchen sich neue Nischen in der Stadt und passen sich an. Die alte große Wildnis der Naturlandschaften, der Urwälder und Meere oder das was von ihr übrig ist, ist weiterhin stark bedroht. Kann dafür eine neue urbane Wildnis das Bewusstsein schärfen?

In der Stadt braucht der Fuchs keine Jäger zu fürchten, er findet reichlich Kaninchen, Ratten oder Essensreste im Müll. Der Götterbaum würde im 19. Jahrhundert aus China eingeführt, jetzt wächst er wie Unkraut in Berlin. Dem Habicht fliegen die Stadttauben vor den Schnabel. Und so manche wilde Wasserpflanze, von einem Aquarianer achtlos in einen See geworfen, vermehrt sich ungestüm und verändert die Stadtnatur.

Ökologisches Gleichgewicht ist Illusion

Und die Schmetterlinge? Neben Bläuling, Pfauenauge oder Schwalbenschwanz, – wer freut sich nicht, wenn sie durch die Lüfte gaukeln – gibt es diesen kleinen braunen Schmetterling, der seine Eier in die Blätter weißblühender Rosskastanien legt und deren Larven das zarte Grün bald in totes Braun verwandeln. Die Miniermotte.

Das sei schade, aber für die Kastanie nicht tödlich, sagt Ingo Kowarik:

"Wenn wir die Effekte sehen, ist es vor allen Dingen eine ästhetische Beeinträchtigung der Erscheinungsform der Kastanie, sie hat schneller braune Blätter, im Sommer sieht man das schon. Also der Herbst wird praktisch vorgezogen."

Vor Jahrhunderte migrierte die Rosskastanie aus dem Balkan zu uns, und jetzt ist ein Insekt, das die Kastanie als Nische entdeckt hat, hinterher gereist. Ein Schmetterling, den wir nicht mögen. Na und?

Ökologisches Gleichgewicht ist eine Illusion, aber vielleicht findet irgendein Vogel eines Tages Geschmack an der Miniermotte und hält diesen braunen Falter von uns fern.

Und der Wolf?

"Grau und verstohlen, im letzten Dämmerlicht, hinterlässt er seine Spur am Ufer dieses namenlosen Flusses, der seinen Durst gestillt hat und dessen Wasser keine Sterne spiegelt"

so beginnt das Gedicht "Un lobo – Ein Wolf" von Jorge Luis Borges über das letzte Exemplar in England.

"In seinem hohen Haus aus Stein hat ein König beschlossen, mit den Wölfen aufzuräumen. Dein Todeseisen ist geschmiedet, angelsächsischer Wolf, du hast dich vergeblich fortgepflanzt. Du bist der letzte."

Seit der Jahrtausendwende wird der Wolf in Deutschland nicht mehr systematisch totgeschossen, sondern er steht unter Naturschutz. In Sachsen wurde das erste Rudel heimisch und neue Rudel wandern nach Westen und Süden. Die einen freuen sich, dass er zurückgekommen ist, die anderen sehen ihre Schafe, Ziegen, Hunde in Gefahr.

Aus ethischen Gründen biologische Vielfalt in ihrer Gesamtheit erhalten

"Was natürlich reell zu Problemen führen kann, ist eben, dass der Wolf keinen Unterschied macht zwischen Rehen, Hirschen und Schafen und Ziegen, die ja für ihn Beutetiere sind."

Vanessa Ludwig, macht die Öffentlichkeitsarbeit für das Wolfsforschungsinstitut 'Lupus' in Sachsen.

"Dass eben wir die Unterscheidung machen, das sind Wildtiere, die darfst du, unsere Nutztiere, die sind nicht erlaubt zu reißen. Da gibt natürlich dann Konfliktpotenzial, weil das ist ja das eigene Eigentum, und da muss man aber versuchen, einen guten Schutz aufzustellen. Hundertprozent wird man es nie schaffen."

Man muss die Sorgen der Leute ernst nehmen, sagt Robert Franck, der auch Wolfsbeauftrager der Brandenburger Jäger ist. Schafzüchter und Ziegenhalter berät er, wie ein Zaun beschaffen und wie ein Herdenschutzhund erzogen sein muss, um ihre Tiere vor dem Wolf zu schützen.

"Was wir natürlich machen, ist, den Wolf – wie wir Menschen so sind – zu managen So genannte Managementpläne gibt es, in jedem Land, wo Wölfe sind, gibt es so etwas. Es gibt ein Monitoring, das heißt, eine Überwachung eines Zustands. Das will man wissen, wie viele haben wir denn, werden es mehr, werden es weniger. Das macht man mit vielen Tieren, auch mit Greifvögeln. Aber Wolf ist natürlich ein besonderes Tier, ist ein Fleischfresser. Kennen wir ja alle aus dem Märchen, haben wir ja alle gleich früh eingetrichtert gekriegt Wir sehen den Wolf eher selten in der Natur, aber wenn man was sieht, ist es immer gleich Mord und Totschlag. Tote Schafe, Risse im Wald. Ist halt so."

Wolfsmanagement: Fotofallen, Meldeketten bei Wolfssichtungen, Spurensicherung, Kotanalyse, telemetrische Überwachung durch Halsbandsender. So lässt sich eine Menge über den Wolf herausfinden. Aber wie viel Management verträgt die Wildnis?

Zwar steht der Wolf inzwischen unter strengem Schutz. Doch ein Problemwolf könne auch heute schon entnommen werden, sagt Robert Franck. "Entnehmen" ist Jägersprache und bedeutet "schießen". Ein Problemwolf ist ein Wolf, der sich auch durch einen fachgemäß installierten Elektrozaun nicht davon abschrecken lässt, ein Nutztier zu fressen.

Es gibt gute Gründe, die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland zu verteidigen: Ästhetische und ethische. Die Wildnis zu verteidigen ist auch eine ethische Frage.

Ingo Kowarik:

"Aus ethischen Gründen die biologische Vielfalt in ihrer Gesamtheit zu erhalten, zu versuchen, Arten, Lebensgemeinschaften auch unter sich ändernden Bedingungen für unsere Nachkommen zu bewahren, also etwa in der Stadt auch für einheimische Arten neue Nischen zu erschließen. Das ist eine sehr spannende Aufgabe."

Und nicht zuletzt berührt die Verteidigung der Wildnis als ein Symbol für biologische Vielfalt auch die Überlebensfrage des Menschen.

"Das zweite wäre, dass man anthropozentrisch sagt: Ja, wenn wir jetzt biologische Vielfalt erhalten wollen, dann machen wir das nicht nur aus übergeordneten ethischen Gründen, sondern ganz einfach, weil wir uns sonst den Ast absägen, auf dem wir alle sitzen."

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