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Montag, 11.12.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.05.2017

Reich werdenDie erste Million ist die schwerste!

Von Ulrike Köppchen

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US-Dollar-Scheine (picture alliance / dpa / Xie Zhengyi)
Die meisten Reichen sind Unternehmer - durch Arbeit lässt sich kaum viel Geld verdienen. (picture alliance / dpa / Xie Zhengyi)

Geld regiert die Welt - im Fall von Donald Trumps Kabinett mit mehreren Milliardären und Multimillionären scheint das buchstäblich zuzutreffen. Doch wie wird man eigentlich reich und sind wir auf dem Weg zu einer globalen Oligarchie?

Geld regiert die Welt, heißt es seit alters her. Im Fall von Donald Trumps Kabinett scheint das buchstäblich zuzutreffen: Mit mehreren Milliardären und Multimillionären ist die neue US-Regierung die reichste in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Damit rückt eine gesellschaftliche Gruppe in den Fokus, über die zwar viel geredet wird, über die aber im Grunde nur wenig bekannt ist: die Reichen und Superreichen. Ein immer größerer Teil des globalen Vermögens entfällt auf sie: So besitzt nach einer Oxfamstudie das reichste Prozent der Weltbevölkerung genauso viel wie der Rest der Menschheit zusammengenommen.

Was bedeutet das für Politik und Gesellschaft? Entsteht da eine neue Superklasse? Sind wir auf dem Weg zu einer globalen Oligarchie? Warum wissen wir so wenig über die Reichen? Und wie wird man heute eigentlich reich?


Das Manuskript im Wortlaut:

"Vor 20 Jahren, ist auch noch nicht so lange her, hatte ich ein Gespräch mit dem Peter Gauweiler, mit dem Politiker, waren wir spazieren und ich war immer so ein Querkopf, wie er auch, und da sagt er, so Querköpfe wie Sie und ich, sie müssen einfach mal richtig Geld verdienen, dann können sie sich leichter die eigene Meinung leisten."

Rainer Zitelmann, 60 Jahre alt. Ein Mann mit vielen Karrieren: Historiker, Journalist, Lektor, Autor, Immobilienberater und -investor. Bekannt wurde er durch seine Doktorarbeit: "Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs" und dadurch, dass er sich als junger Wissenschaftler 1986 im sogenannten "Historikerstreit" auf die Seite der Konservativen um Ernst Nolte und Michael Stürmer schlug.

"Ich habe erstmal Geschichte und Politikwissenschaft studiert, hab dann in Geschichte promoviert, hab aber auch noch einmal das zweite Staatsexamen gemacht für Lehramt an Gymnasien, also Lehrer könnte es theoretisch auch sein, wollte ich aber schon damals nicht. Sondern ich bin dann hier von Darmstadt nach Berlin gezogen an die FU und war da an Dozent für viereinhalb Jahre hier an der FU, aber in Geschichte. Das war damals als Historiker und bin dann von da zum Ullstein Propyläen Verlag, war da Cheflektor gewesen, für das Programm zuständig. Dann haben sie mich abgeworben praktisch, zur 'Welt'. Da war ich Ressortleiter bei der Tageszeitung 'Die Welt' und über verschiedene Zufälle am Schluss Leiter des Immobilien-Ressorts."

Bis er schließlich kündigte und sich als Immobilienberater und -investor selbständig machte. Für den Pfarrerssohn und ehemaligen Maoisten ein weiter Weg.

"Mein Vater war evangelischer Pfarrer. Und er hat immer gesagt, Geld ist wie Klopapier. Das war so ein Spruch. Wir haben jeden Weihnachten die Geschichte vorgelesen bekommen von dem Scrooge, der an so einer goldenen Kette hängt und sich durchs Geld versklavt hat, und Geld war also bei uns zu Hause mehr: Das ist der Mensch der in dicken Mercedes fährt, aber 'Bild'-Zeitung liest, die Goethe-Bücher sind wahrscheinlich Attrappe bei ihm zu Hause und wahrscheinlich ist er durch fiese Ellenbogen-Methoden irgendwo zu seinem Geld gekommen.

"Okay, ich werd' Millionär"

Klar hatte ich gerne Geld wie jeder, war aber irgendwo negativ belegt, und positiv belegt war aber Freiheit und gegen den Strom schwimmen und die eigene Meinung vertreten. Und der Gauweiler… In dem Gespräch kam auf einmal beides zusammen. Da kam: Wenn du frei sein willst, ist es besser, wenn du Geld hast. Da habe ich nach dem Gespräch für mich entschlossen, habe gesagt: Okay, ich werd' Millionär."

"Da ist gar nichts dran ernst zu nehmen. Das ist alles PR-Strategie. Man weiß ja auch, dass er die ganzen Bücher selber nicht geschrieben hat. Man kennt ja inzwischen auch die Ghostwriter, die sich ja auch sehr sehr kritisch und distanziert inzwischen geäußert haben zu Donald Trump."

Der Politikwissenschaftler Christian Lammert, Professor für nordamerikanische Politik an der Freien Universität Berlin. Eine ganze Reihe von Ratgebern, insgesamt 16, hat der bekennende Nichtleser Donald J. Trump vor seiner politischen Karriere geschrieben beziehungsweise schreiben lassen: Sie tragen Titel wie "Die Kunst des Erfolgs", "Gib niemals auf", "Wie man reich wird" oder "Das kleine Golfbuch".

"Es gab auch Bilder aus seinem Apartment, nein, es war sogar aus dem Weißen Haus. Da steht so ein Bücherregal, was normalerweise der Präsident immer auffüllt mit seinen Lieblingsbüchern. Und was steht da drin? Das sind nur die Bücher, die er selber als Ratgeber herausgebracht hat…"

… ohnehin sei Trump trotz seiner begüterten Herkunftsfamilie in vieler Hinsicht die Karikatur des "neureichen Amerikaners", meint Christian Lammert.

"Er gehörte immer zu den Emporkömmlingen und da nicht so sehr als Selfmademan, sondern wirklich mit einer negativen Konnotation, weil das auch immer so diesen Beiklang hatte von billig, was er gemacht hat, auch wenn man sich die Fotos aus seinem Apartment angeguckt hat. Das ist ein Stil, das hat mal ein Innenarchitekt so beschrieben, von Diktatoren aus der Dritten Welt. Das ist so die Einrichtung mit viel Gold und Pomp. Und das wird von vielen natürlich auch nicht honoriert. Aber einige sehen darin immer noch den amerikanischen Traum."

Der US-Präsident Trump beim Golfen (dpa/picture alliance/Lawson)Der US-Präsident Trump hat viele Ratgeber geschrieben - beziehungsweise schreiben lassen. Darunter: "Das kleine Golfbuch". (dpa/picture alliance/Lawson)

Solche Ratgeber sind verlockend. Denn sie versprechen: egal, was du vorher gemacht hast, egal, wie oft du gescheitert bist, egal, ob du einen Schulabschluss hast oder nicht – du kannst es schaffen, reich zu werden, gewissermaßen durch schiere Willenskraft. Entsprechend populär sind diese Wie-werde-ich-reich-Bücher: Allein die Veröffentlichungen der letzten Jahre gehen in die Hunderte.

Auf allen Kanälen verraten Männer wie Mark Zuckerberg oder Warren Buffett, worauf es bei beim Reichwerden ankommt, der Unternehmer Carsten Maschmeyer erklärt seine Millionärsformel und allerhand Youtube-Sternchen zeigen, wie man zu Geld kommt: ohne Arbeit, versteht sich.

Rainer Zitelmann, der Historiker und Journalist, ist durch antizyklisches Investment reich geworden: Zu einem Zeitpunkt, als der Berliner Wohnungsmarkt am Boden lag, gründete er eine Firma, die Immobilieninvestoren beriet und er investierte auch selbst.

"Ich kann mal ein Beispiel sagen. Das war im Grunde genommen meine beste Investition. Ich habe 2004 ein Haus in Neukölln gekauft zum 6,8-Fachen der Jahresmiete, was ein extremer Spottpreis ist, dafür gibt's schon lang nichts mehr in Deutschland zu kaufen. Und da hat mich jeder für verrückt erklärt. Die haben gesagt: Erstens Wohnimmobilien ist sowieso eine blöde Idee. In Berlin – noch eine blödere Idee. In Neukölln – völlig abwegig, das zu kaufen."

Seinen Weg vom Journalisten zum Unternehmer hat Rainer Zitelmann geradezu generalstabsmäßig geplant. Nach Feierabend arbeitete er zwei Jahre lang als Versicherungsvertreter, um das Verkaufen zu lernen, wie er in seiner Autobiografie schreibt. Er besuchte Seminare und Schulungen – und natürlich wühlte er sich auch durch die umfangreiche Ratgeberliteratur "Wie werde ich reich?"

"Die fünf todsicheren Tipps, wie du schnell reich wirst wenn du so ein Buch schreibst, da findest du viele dankbare Leser. Aber im Prinzip lügt man die Leute an, dass es die 5, 6 Geheimtipps gibt: mach erstens, zweitens, drittens, viertens, fünftens, dann wirst du reich. Nee es ist schon anders. Das wäre auch zu einfach, um wahr zu sein. Du musst schon selbst nachdenken."

"Dann wollte ich einfach mal gucken: wie viele Reiche haben wir denn eigentlich und wie viel Reichtum haben die? Und das war für einen Nachmittag geplant. Die Recherche dauert jetzt eigentlich schon Jahre an. Weil Reichtum in Deutschland ganz wenig abgebildet wird. Statistiken zum Thema Reichtum gibt’s einige. Sie widersprechen sich aber total."

Wenig Wissen über Reichtum in Deutschland

Der Statistiker Gerd Bosbach, Professor an der Hochschule Koblenz.

"Da haben Sie wirklich Zahlenangaben von: der reichste Haushalt der Bundesrepublik ist so knapp unter 100 Millionen, hat der an Vermögen bis auf die Leute die auf der 'Forbes'-Liste der Milliardäre stehen. Beides aber einigermaßen seriöse Quellen, also die knapp 100 Millionen kommen von der Deutschen Bundesbank."

Über Reichtum und Reiche wird zwar viel diskutiert, doch wer genauer nachhakt, merkt schnell: eigentlich wissen wir sehr wenig über Reichtum in Deutschland. Seit die damalige Bundesregierung 1997 die Vermögenssteuer ausgesetzt hat, gibt es nämlich keine halbwegs zuverlässige Möglichkeit mehr, Reichtum statistisch zu erfassen. Damit hat sich Gerd Bosbach nicht zufrieden gegeben.

"Ich habe alle Statistiken, die es so gibt von: Oxfam oder vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, aber auch von der Deutschen Bundesbank mir angeguckt und habe daraus versucht dann Entwicklungen herzuleiten, weil die meisten dieser Statistiken sind nicht einmalig, sondern mehrmals erhoben worden. Und dann kann man sehen: Wächst der Reichtum oder schrumpft er? Und alle Statistiken so problematisch wie jede einzelne ist, aber alle nach den gleichen Methoden erhoben, zeigen eigentlich seit Jahrzehnten ein ständiges Wachstum des Reichtums. Und dann ist das die ungefähre Wirklichkeit, auch wenn ich sie jetzt nicht in ihrer Höhe beziffern kann."

Hoffnung, doch noch auf belastbare Daten zu den Reichen zu stoßen, machte Gerd Bosbach der sogenannte "Mikrozensus": eine amtliche Erhebung, bei der jährlich ein Prozent der Bevölkerung, also etwa 830.000 Personen, detailliert zu ihren Lebensumständen befragt werden.

"Das Schöne am Mikrozensus ist: Es gibt eine Auskunftspflicht. Und wenn Sie falsche Auskünfte geben, können sie auch belangt werden. Gegenüber allen anderen freiwilligen Erhebungen haben Sie da den Vorteil einer gewissen Ehrlichkeit.

Und deshalb habe ich mich gefreut, als ich dann fand, dass der Mikrozensus Einkommensreiche mit über 18.000 Euro pro Monat halt als eine extra Kategorie erfasst und wollte gerne wissen: Was weiß man denn über diese Leute?"

Doch leider wieder Fehlanzeige. Die wirklich Reichen bleiben auch im Mikrozensus ein Rätsel.

"Und dann habe ich das Statistische Bundesamt angeschrieben und habe gefragt: Wo sind denn die Ergebnisse veröffentlicht und bekomme als Antwort: Ja, die sind nur zusammengefasst veröffentlicht mit allen Leuten, die über viereinhalb Tausend Euro im Monat verdienen, also versteckt in dieser Menge."

 Bill Gates, Vorsitzender der weltweit größten privaten Stiftung, aufgenommen 2014 in Berlin während eines Interviews (picture alliance / dpa / Lukas Schulze) Bill Gates, Vorsitzender der weltweit größten privaten Stiftung (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)

US-Milliardär und Investorenlegende Warren Buffett bei einer Konferenz in Peking im Jahr 2010 (picture-alliance / dpa / Che Liang)US-Milliardär und Investorenlegende Warren Buffett (picture-alliance / dpa / Che Liang)

Zitator: Die zehn reichsten Menschen der Welt 2017

Platz 1: Bill Gates, Microsoft-Gründer, 86 Milliarden Dollar

Platz 2: Warren Buffett, Investor, 75,6 Milliarden Dollar

Platz 3: Jeff Bezos, Amazon-Gründer, 72,8 Milliarden Dollar

Platz 4: Amancio Ortega, Gründer der spanischen Textilkette "Zara", 71,3 Milliarden

Platz 5: Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer, 56 Milliarden

Platz 6: Carlos Slim Helu, mexikanischer Telekommunikationsunternehmer, 54,5 Milliarden

Platz 7: Larry Ellison, Gründer von "Oracle", 52,5 Milliarden

Platz 8/9: Charles und David Koch, Öl- und Chemieunternehmer, 48,3 Milliarden

Platz 10: Michael Bloomberg, Medienunternehmer, 47,5 Milliarden

Jedes Jahr veröffentlichen Wirtschaftsmagazine wie "Forbes", das "Manager Magazin" oder "Bilanz" diverse Reichenrankings: Selbst über Gestalten aus Film und Literatur wird Buch geführt. Da ist die reichste Person eine Ente: Wie Dagobert Duck es geschafft hat, sein Vermögen von 33,5 Milliarden Dollar 2010 auf inzwischen 65,4 Milliarden fast zu verdoppeln, verrät "Forbes" allerdings nicht. Vermutlich hängt es irgendwie mit dem Goldpreis zusammen. Und was ist aus seinen Fantastilliarden geworden? Auch bei den "Forbes"-Listen der echten Reichen ist letztlich nicht klar, wie zuverlässig sie sind, da sie auf Schätzungen basieren. Donald Trump jedenfalls fühlt sich von "Forbes" unter Wert verkauft: "Sie versuchen, mich so arm wie möglich zu machen", wetterte Trump, als das Magazin ihn 2016 nur mit 4 Milliarden Dollar Vermögen taxierte – und keilte zurück.

Zitator: "Alles was ich sagen kann ist, 'Forbes' ist ein bankrottes Magazin, sie wissen nicht, wovon sie reden."

Auf jeden Fall kommen unterschiedliche Rankings immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen: Zum Beispiel werden die Erben des Aldi-Süd-Gründers Karl Albrecht in der "Forbes"-Liste 2017 mit einem Vermögen von 27,1 Milliarden Dollar als reichste Deutsche aufgeführt. Im nur wenige Monate vorher veröffentlichten Ranking des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" liegen sie sie dagegen nur auf dem 4. Platz mit 21 Milliarden Euro, was knapp 23 Milliarden Dollar entspricht.

Porträt von Karl Albrecht in schwarz-weiß (dpa / Aldi Süd)Ein seltenes Bild von Aldi-Mitgründer Karl Albrecht von 2006 (dpa / Aldi Süd)

Universität Potsdam, bei Wolfgang Lauterbach Der Soziologe ist einer der wenigen deutschen Reichenforscher. Jahrzehntelang interessierten sich hierzulande eigentlich nur das Finanzamt und die Klatschpresse für die Reichen. Erst Ende der 1990er-Jahren wurde das allmählich anders.

"Mit dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung unter der Schröder-Fischer Regierung wurde zum allerersten Mal ein Versuch gestartet über die Wohlfahrts-Position, über den Wohlstand der Bevölkerung in Deutschland einen Bericht abzulegen. Deswegen heißt auch Armuts- und Reichtumsbericht. Man möchte von ganz unten bis ganz oben gehen. Hat man sich den ersten Bericht angeschaut, so war sehr klar: Armut dominiert und über Reichtum weiß man nichts."

Autorin: "Man stochert doch am Anfang wahrscheinlich ziemlich im Nebel, oder?"

"Man stochert im Nebel, ja."

Es sind nicht nur fehlende statistische Daten über Reiche, die die Sache schwierig machen. Die Probleme fangen bereits bei der Frage an: Ab wann gilt jemand eigentlich als reich?

"Im klassischen Sinne gibt es 'affluents', das sind Personen die als wohlhabend bezeichnet werden, die über mehr als 500. 000 Dollar oder Euro verfügen. Dann gibt es die 'High Networth Individuals'. Die verfügen über mehr als eine Million."

Wer mehr als 30 Millionen besitzt, darf sich schwerreich nennen. Und ab 300 Millionen gilt man als superreich, sagt Lauterbach.

"Dann kommen die Milliardäre. Aber das sind so kleine Zahlen. Das sind Einzelpersonen."

Allerdings beziehen sich diese Stufen, mit denen sowohl die Wissenschaft als auch die Banken arbeiten, nicht auf das Gesamtvermögen, sondern auf das investierbare Vermögen.

"Es geht um ein Netto-Finanzvermögen. Vermögen, was ich momentan schnell zur Verfügung habe. Bargeld, Fonds, Aktien, Einlagen, die ich schnell kapitalisieren kann. Das ist die Definition."

Autorin: "Das heißt, Immobilienbesitz wird da gar nicht mit eingerechnet?"

"Doch schon, wenn jemand über Immobilien verfügt und daraus eine Rendite bezieht und diese Rendite ihm das ermöglicht davon leben zu können, dann fällt das mit rein. Ganz klar."

Gesamtvermögen und höher liegendes Nettofinanzvermögen

Auch Betriebsvermögen, dessen Marktwert nur schwer eingeschätzt werden kann, fällt nicht unter diese Definition. Das Gesamtvermögen kann also beträchtlich höher liegen als das Nettofinanzvermögen.

"Ich habe eine Liste gemacht von Leuten, die ich kenne, manche besser, manche nur ganz entfernt, vielleicht mal vor zehn Jahren irgendwo mal getroffen, die Liste gemacht und habe dann systematisch die Leute angegangen und habe die gefragt, ob sie dafür zur Verfügung stehen."

Ungefähr 30 Jahre nach seiner ersten Promotion schreibt Rainer Zitelmann eine zweite Doktorarbeit, mit dem Potsdamer Reichenforscher Wolfgang Lauterbach als Doktorvater. Titel der Arbeit: Psychologie der Superreichen. Dafür führt Zitelmann Interviews mit 45 Hochvermögenden, darunter drei Milliardären.

"Der Schwerpunkt war 30 Millionen bis eine Milliarde Nettovermögen. Und das ist eine Gruppe von Leuten, die man normalerweise nicht so kennt. Die Firmen kennt man zum Teil, die Personen eher nicht. Und die legen auch gar keinen Wert da drauf, die sind heilfroh. Manche davon sind auch in dieser Liste drin vom 'Manager Magazin', aber viele, die in diese Liste rein gehören würden von ihrem Vermögen, stehen gar nicht drin. Und da sind die total froh."

Entsprechend schwer ist es, an diese Gruppe heranzukommen.

"Da hat sicherlich auch geholfen, dass die Leute wussten, der ist auch vermögend. Weniger als viele, mit denen ich gesprochen habe, aber trotzdem auch im mehrstelligen Millionenbereich Vermögen hat. Und das hilft dann schon, weil die haben natürlich Angst, da kommt irgendein linker Soziologe, linker Journalist, der will hier die Reichen mal wieder in die Pfanne hauen und ich soll jetzt dafür herhalten meine Zeit dafür."

Namentlich kennt man sie auch nach der Lektüre von Zitelmanns Doktorarbeit nicht, denn die Reichen ließen sich nur anonym befragen.

"Zwei haben sich geoutet, deren Namen kann man nennen, weil der 'Spiegel' eine große Geschichte drüber gebracht hat, und dann habe ich alle gefragt, ob sie doch bereit wären sich zu outen und dann haben 43 Nein gesagt und zwei haben Ja gesagt. Und einer von denen ist auch relativ bekannt, das ist der Theo Müller."

Alle Befragten waren Unternehmer oder Investoren – und das ist kein Zufall. Denn wirklich reich werden kann man in Deutschland nur als Erbe eines großen Vermögens oder als Unternehmer. Von Arbeit wird jedenfalls kaum jemand reich. So sind unter den etwa 1,5 Millionen deutschen Millionären, die der aktuelle World Wealth Report aufführt, lediglich 16.500 sogenannte "Einkommensmillionäre". Aber ausgerechnet diese Gruppe zieht die meiste Aufmerksamkeit auf sich.

"Das ist eine ganz falsche Vorstellung, und ich kann auch sagen, woher die kommt. Diese Dax-Vorstände, die sind ja heute verpflichtet, ihre Gehälter anzugeben. Deswegen kann man die auch in der Zeitung lesen. Und es sind ja auch bekannte Menschen. Was weiß ich, wie der Winterkorn damals oder der Zetsche von Daimler oder oder wer auch immer. Das ist aber meiner Meinung nach nur eine kleine Minderheit unter den Reichen weil als Angestellter jetzt im mehrstelligen Millionenbereich verdienen – nur in dem Bereich von Unternehmen dieser Größe ist es ja so, dass man im Millionenbereich verdient."

"Es gibt einen wunderschönen Begriff: der Reiche aus der Nachbarschaft. Wer ist das denn? Er geht arbeiten verfügt aber über drei Mehrfamilienhäuser in München und bezieht eine Rendite von jährlich 150.000 Euro aus diesen Häusern – ist er reich? Ja, natürlich ist er reich. Aber er wird überhaupt nicht wahrgenommen. Die Polarisierung findet statt an den Personen, die a) ein exorbitantes Boniverhalten haben, exorbitante Boni bekommen. Oder über ein Vermögen verfügen und in einer Schiller-Presse dann als diejenigen auftauchen, die das Geld sinnlos hinausschmeißen."

Carmen und Robert Geiss bei der 16. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2014 im Coloneum in Köln (imago/Future Image)Carmen und Robert Geiss bei der 16. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2014 im Coloneum in Köln (imago/Future Image)

Zum Beispiel die in Monaco lebende Kölner Millionärsfamilie Geiss, die ihren Alltag zwischen Jet-Set-Party und Einkaufsbummel in mittlerweile etwa 200 Folgen einer Reality-Soap auf RTLII der Öffentlichkeit präsentiert. Ein Zerrbild des Reichtums, aber eines, das die Wahrnehmung "der" Reichen geprägt hat.

Die öffentlichkeitsscheuen Reichen, die Rainer Zitelmann befragt hat, führen ein anderes Leben. Sie kommen fast durchweg aus der Mittelschicht und mehr als die Hälfte von ihnen auch aus Familien, in denen ein Elternteil selbständig war. Bei vielen zeigte sich schon während ihrer Schulzeit ein ausgeprägtes Verkaufstalent.

"Einer hat mit 15 ein Buch geschrieben, wie man Mofas frisiert, und hat es dann verkauft und damit Geld verdient. Ein anderer, der hat einen Vertrieb gemacht für Ringe, die er überall, so Emailleschmuck verkauft wurde. Einer hat mit Autos gehandelt, der nächste mit Autoradios gehandelt. Einer hatte irgendwo einen Freund, der hatte so die Verpackung für Hühnereier bekommen und hat die dann an Rockbands verkauft, die das zur Schalldämmung benutzt haben von ihren Kellern, wo sie geprobt haben. Einer hat Wintergärten verkauft, der andere hat Versicherungen verkauft. Einer hat Fonds verkauft, also, da waren viele schon irgendwo im Verkauf im Unternehmerischen tätig."

"Wenn ich mir die Persönlichkeitsprofile anschaue, die wir haben, dann sieht man sehr klar, die Unternehmer sind durchsetzungsfähiger, sie sind aggressiver, sie haben einen enormen Willen, den sie in das unternehmerische Tun tragen. Sie sind Sportler gewesen beispielsweise, das kommt bei uns raus und übertragen diesen Ehrgeiz, dieses durchsetzen in den Bereich des Unternehmertums. Und dann setzen sie sich durch und kämpfen sozusagen aggressiv gegen andere und werden dadurch wie auch immer vermögend. Es sind bestimmte Persönlichkeitsmerkmale die sind sozusagen Voraussetzung. Sie sind aber natürlich kein Garant."

"Wenn man sich anguckt, wen er bislang in seine Administration berufen hat, ist glaube ich keiner Nicht-Millionär. Und es hat, glaube ich, auch die größte Milliardärsdichte sogar, die wir bislang in der Geschichte der USA gesehen haben."

Christian Lammert, Professor für nordamerikanische Politik an der Freien Universität Berlin, über US-Präsident Donald Trump und sein Kabinett der Reichen.

US-Außenminister Rex Tillerson  (dpa-picture-alliance/Alexander Zemlianichenko)US-Außenminister Rex Tillerson (dpa-picture-alliance/Alexander Zemlianichenko)

Steven Mnuchin, der US-amerikanische Finanzminister (picture alliance / dpa / ABACA USA / EPA / ALBIN LOHR-JONES / POOL)Steven Mnuchin, der US-amerikanische Finanzminister (picture alliance / dpa / ABACA USA / EPA / ALBIN LOHR-JONES / POOL)

Wilbur Ross  (dpa)Wilbur Ross (dpa)

Die US-Bildungsministerin Betsy DeVos (dpa/ picture alliance/ Jim Lo Scalzo)Die US-Bildungsministerin Betsy DeVos (dpa/ picture alliance/ Jim Lo Scalzo)

Zitator: Rex Tillerson, Außenminister, bis Ende 2016 Präsident und Geschäftsführer des Exxon Mobil, keine politische Erfahrung.

Netto-Vermögen: 385 Millionen Dollar.

"Sieht er das wirklich nur als PR-Aktion für sich selber, mal eine Amtszeit Außenminister zu sein, um dann wieder zurück in die Privatwirtschaft zu gehen mit Kontakten, die er dann in der Politik aufgebaut hat?

Das ist ja ein bekanntes Muster was wir aus der amerikanischen Politik kennen und was uns zwingt, die swing-door- Problematik, die auch oftmals kritisiert wird, dass viele Leute aus der Privatwirtschaft eben genau deswegen in die Politik gehen, um noch bessere Verbindungen aufzubauen und dann wieder zurückgehen und das sich dann honorieren lassen und noch mehr Geld verdienen als vorher."

Zitator: Steven Mnuchin, Finanzminister. Investmentbanker und Filmproduzent, politisch unerfahren

Netto-Vermögen: 655 Millionen Dollar.

"Das ist eigentlich, wenn man es kritisch sagt, so die typische Heuschrecke, der kommt wirklich von der Wall Street. Das sind die Banker, die man noch 2008 so massiv kritisiert hat, dass sie egoistisch Geschäfte durchgesetzt haben, die dann dazu geführt haben, dass fast die gesamte Wirtschaft in den USA in den Ruin gestürzt worden ist durch abstruse Finanzgeschäfte, gerade im Immobiliensektor."

Zitator: Wilbur Ross, Handelsminister. Unternehmer. Ohne Vorerfahrung in einem politischen Amt.

Netto-Vermögen: 2,9 Milliarden Dollar

"Die haben Trump schon wieder ein bisschen eingefangen in seiner populistischen Rhetorik. Aber eingefangen in dem Sinne, dass die alten Connections wieder funktionieren zwischen Wall Street und Politik, und das kann natürlich auch dazu führen, dass die Frustration innerhalb der Bevölkerung noch mehr zunimmt, wenn man sieht, man kann selbst so jemanden wie Trump ins Amt wählen, womit fast keiner gerechnet hat. Und trotzdem ändert sich eigentlich nichts, und das ist ja das, was wir momentan eigentlich sehen, was auf der einen Seite auch ganz positiv dargestellt werden kann, dass die Mechanismen von checks and balances wirken."

Zitator: Betsy De Vos, Bildungsministerin

Netto-Vermögen: 130 Millionen Dollar 

"Dann fragt man sich: Was sind eigentlich diese checks and balances oder wer steckt dahinter? Und das scheint momentan weniger das demokratietheoretische Ideal zu sein, sondern wirklich mehr die Mächtigen, die Einflussreichen, die die Politik sehr stark steuern können und selbst so jemanden wie Trump wieder einnorden können und damit auch mäßigen können."

2016 Rekordjahr für die reichsten Menschen der Welt

Zitator: Es war ein Rekordjahr für die reichsten Menschen der Welt. Die Zahl der Milliardäre stieg um 13 Prozent, von 1810 im vergangenen Jahr auf 2043 – das erste Mal überhaupt, dass "Forbes" mehr als 2000 zehnstellige Vermögen feststellen konnte.

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" vom 20. März 2017:

Zitator: Deren Gesamtvermögen stieg um 18 Prozent auf 7,67 Billionen Dollar, auch das ist ein Rekord. Der Anstieg der Zahl der Millionäre um 233 gegenüber 2016 war der höchste in den 31 Jahren, die "Forbes" Ranglisten von Milliardären erstellt.

"Von der wirtschaftlichen Erholung profitieren eigentlich nur – und das haben verschiedene Studien gezeigt – die Superreichen, also nicht die oberen 10 Prozent, sondern insbesondere die oberen 1 Prozent in der Einkommensverteilung, die sich momentan massiv das Geld in die Tasche stecken können, die zum Teil gar nicht mehr wissen, wo sie es überhaupt anlegen sollen, weil man natürlich momentan noch so wenig Geld mit dem Geld machen kann, und das stapelt sich bei denen scheinbar zu Hause und die wissen überhaupt nicht was sie damit machen sollen, dass sie profitieren können."

Wie die Unternehmensberatung Boston Consulting Group im vergangenen Jahr ermittelt hat, besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung inzwischen die Hälfte des globalen Vermögens. Diese enorme Vermögenskonzentration beunruhigt mittlerweile viele. Sie fragen: Welche Folgen hat es für die Stabilität einer Gesellschaft, wenn extreme Ungleichheit herrscht und Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffen? Was bedeutet es für die Demokratie, wenn es Superreiche gibt, deren Vermögen so hoch ist, dass es das Bruttoinlandsprodukt von Nationalstaaten übersteigt? Entsteht hier gerade eine globale Superklasse, die sich jeder politischen Kontrolle entzieht? Wolfgang Lauterbach:

"Der Begriff Parallelwelt wird ja benutzt beispielsweise, um bestimmte Migrantengruppen, die in Deutschland sind, die sich nicht integrieren lassen, nicht integriert wurden und die damit auch eine eigene Gesetzgebung haben. Also Schlichtung beispielsweise und nicht die deutsche Justiz, der deutschen Justiz unterliegen. Genau diesen Gedanken kann ich in die andere Richtung tragen und kann sagen: Ich verfüge über so viel Vermögen und Wohnumgebungen, dass mich bestimmte nationale Gesetzgebung nicht mehr tangieren. Wenn das nachgewiesen werden kann, dann ist das ein Problem."

USA auf dem Weg in die Polykratie

Einen Vorgeschmack, in welche Richtung es gehen könnte, liefern die USA. Für den Politikwissenschaftler Christian Lammert ist das Land auf bereits auf dem Weg zur Polykratie – und das nicht erst seit Donald Trump.

"Das haben verschiedene Studien gezeigt, dass die Regierung – und das sind alles Analysen, die natürlich bis Ende der Obama-Administration gingen – immer nur eine Politik nur noch gemacht hat für die oberen 10 Prozent. Eigentlich kann man sagen, dass es 40 Leute sind, die Einfluss haben in der Politik, und da gibt es auch empirische Studien, die zeigen, dass die Regierung, Kongress und Präsident, auf die Interessen der Mittelklasse oder der unteren Einkommensgruppen überhaupt nicht mehr hört."

Eine der Folgen sei, so Christian Lammert, dass die USA mehr und mehr zu einer verfestigten Klassengesellschaft würden.

"Es ist jetzt auch ein neuer Trend seit einigen Jahren in den USA dass Reiche sich Häuser bauen, die gesichert sind wie Bunker, wo man wirklich alles dicht machen kann, weil man natürlich auch Angst hat davor, dass irgendwann die Gesellschaft sagt: Das ist unanständig dieser Reichtum und wir holen uns wieder was wir haben. Wenn Sie sich die amerikanischen Großstädte angucken, wo gerade an Flüssen und ehemaligen Hafenregionen ganz neue Stadtteile entstehen für die Superreichen, alle mit privatem Wachdienst, wenn Sie da durchlaufen wollen als Tourist, werden Sie sofort angesprochen. Bitte nicht fotografieren. Hier dürfen sie nichts mehr machen. Das ist natürlich auch so ein Ausdruck einer Gesellschaft, wo sich eine Schicht völlig entkoppelt von der Gesellschaft und sich privat schützen muss."

In den Städten zurück bleiben eine wachsende Zahl von Armen und Obdachlosen und eine Mittelklasse, die kaum noch Aufstiegschancen sieht und sich umso massiver nach unten abzugrenzen versucht.

"Wir fordern sogar von der Politik, dass denen die Leistungen gestrichen werden, weil wir bezahlen das alles als Mittelklasse, aus unseren Steuergeldern werden Wohlfahrtsleistungen für die Armen – und dann wird es noch mit diesem rassistischen Unterton – für die Schwarzen gezahlt die einfach nur faul sind."

Dass Europa diese Entwicklung im gleichen Ausmaß droht, glaubt Christian Lammert nicht. Dennoch sollte es auch uns eine Warnung sein, was passieren kann, wenn die Superreichen den Anderen ihre Solidarität aufkündigen und die Gesellschaft immer mehr nach dem Prinzip "Rette sich wer kann" funktioniert. Denn dann hilft wohl wirklich nur noch: Reich werden!

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