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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 10.10.2017

Psychische ErkrankungenOhne Diagnose keine Hilfe

Von Thorsten Padberg

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Schild an einem Therapieraum in der Abteilung für Psychotraumatologie im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Das Hamburger Bundeswehrkrankenhaus hat sich nach Beginn der Bundeswehr-Auslandseinsätze 1992, auf Trauma-Störungen spezialisiert. (picture alliance / dpa /Marcus Brandt)
Sollten Patienten und Angehörige über psychotherapeutische Maßnahmen mitbestimmen können? (picture alliance / dpa /Marcus Brandt)

Was ist eine psychische Krankheit und welcher Patient bekommt therapeutische Unterstützung? Darüber bestimmen Psychiater durch ihre Definition von Diagnosen. Ein Verfahren, das Patienten ausschließt und Krankheit vor allem als Kostenfaktor betrachtet, kritisiert Thorsten Padberg.

Was als psychisch krank gilt und was nicht, steht in Klassifikationskatalogen, die von Psychiatern und Psychologen geschrieben werden. Das eigene Leiden darin wiederzufinden, hat Vor- und Nachteile. Einerseits erhält man Zuwendung und therapeutische Unterstützung. Andererseits lastet auf psychischen Störungen ein Stigma. Wer gilt schon gerne als "verrückt"?

Aus diesem Spannungsfeld heraus kommt es immer wieder zu Debatten darüber, welche Leiden offiziell als krankheitswertig anzusehen sind. 1980 kämpfen Homosexuellenverbände - mit Erfolg - für die Streichung der Diagnose Homosexualität, weil sie eine Diskriminierung darstelle und selbst Leid erzeuge. Ein paar Jahrzehnte später kämpfen dieselben Verbände - mit Erfolg - dafür, Transsexualismus nicht etwa ebenfalls zu streichen, sondern als psychische Störung zu erhalten. Die teuren Operationen für eine Geschlechtsumwandlung, so argumentieren sie, müssten die Betroffenen sonst selbst bezahlen.

Diagnosen werden im Konsens festgelegt

Alle paar Jahre treffen sich die Mitglieder der Amerikanischen Psychiatervereinigung APA, um darüber abzustimmen, was in die Diagnosekataloge gehört und was nicht. Starke Trauer nach dem Tod eines nahen Angehörigen solle schon nach 14 Tagen als Depression gelten, beschlossen die Psychiater 2013. Leidenden Menschen solle man so früh wie möglich helfen. Die Öffentlichkeit reagierte allerdings empört: Krank sei eher, schon 14 Tage nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht mehr depressiv zu sein.

Um solche Diskussionen endgültig zu beenden, gaben die USA bis 2015 sehr viel Geld auf der Suche nach einer solideren Basis der Diagnosen aus: 20 Milliarden Dollar zur Erforschung der neuronalen Grundlagen psychiatrischer Krankheiten. Und fanden: nichts. Das ernüchternde Fazit des Direktors des staatlichen Instituts für Geistige Gesundheit lautete: "Wir haben wirklich coole Artikel von coolen Wissenschaftlern veröffentlicht, aber wir konnten dadurch das Leben der vielen Millionen Betroffenen kein bisschen verbessern." Psychiatrische Diagnosen werden also auch in Zukunft im Konsens festgelegt werden.

Was krank ist, ist auch ein Kostenfrage

Kritiker halten deshalb den Psychiatern vor, dass sie durch willkürliche Definition von Störungen nach ihrem Gusto entscheiden, wer soziale und finanzielle Zuwendung erhält und wer nicht. Als binnen drei Jahrzehnten die Diagnose Asperger-Syndrom inflationär an immer mehr Kinder verteilt wurde, änderte man die Diagnosekriterien, machte es schwerer sie zu stellen. Darauf angesprochen, äußerte der Chefautor des maßgeblichen Diagnosekatalogs: "Wir müssen sicherstellen, dass nicht jeder, der ein bisschen seltsam ist, eine Diagnose bekommt. Das ist auch eine Kostenfrage." All die Spiel-, Beschäftigungs- und Verhaltenstherapie, die diese Kinder verschrieben bekamen, wurde einfach zu teuer. Auch die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Störungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Weil die Gelder begrenzt sind, muss es eine Instanz geben, die entscheidet, wem wir diese zubilligen.

Bisher übernimmt das für uns die Psychiatrie mit ihren Diagnosen. Bleibt dann nur zu hoffen, dass sie es gut macht? Eine Alternative ist, Anlass und Menge psychotherapeutischer Maßnahmen durch die Betroffenen und ihre Angehörigen bestimmen zu lassen. Sie sind es, die miteinander und mit ihren Macken zurechtkommen müssen. Dann bräuchte es keine Diagnosen mehr. Das könnte allerdings auch teuer werden. 
Mit den Mitteln der Psychiatrie lässt sich nicht beantworten, was ein gutes Leben ist und wie es sich anfühlen sollte. Wieviel uns ein solches gutes Leben wert ist, sollte das Thema einer Debatte sein, an der nicht nur Psychiater teilnehmen.

Dipl. Psych. Thorsten Padberg, M.A. arbeitet als Verhaltenstherapeut, Dozent und Supervisor in Berlin. Er beschäftigt sich mit der Wirksamkeit und den gesellschaftlichen Auswirkungen von Psychotherapie, Psychiatrischer Diagnostik und Psychopharmaka. Er arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien sowie wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Zeitschriften.   

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