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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.02.2016

Oranienstraße in Berlin-KreuzbergWo man eine gewisse Gelassenheit braucht

Von Eva Kelley

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Radfahrer warten an einer Ampel in der Oranienstraße am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg in Berlin. (dpa / picture alliance / Özlem Yilmazer)
Radfahrer warten an einer Ampel in der Oranienstraße am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg in Berlin. (dpa / picture alliance / Özlem Yilmazer)

Laufsteg, Arbeitsplatz, Wohnort oder Vergnügungsmeile - die Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg ist vielfältig. Schicke Designer-Boutiquen und hippe Bars teilen sich die Straße mit günstigen Döner-Imbissen, Obdachlosen und Drogendealern.

Bunt, wild und ein bisschen schräg: Das ist die Oranienstraße in Berlin, Kreuzberg. Hier ist immer was los. Die Straße bietet für jeden etwas. Ob Laufsteg, Arbeitsplatz, oder Barmeile – jeder kann sich hier wohl fühlen. Das hat auch der polnische Student Dawid bemerkt, als er vor einem Jahr nach Berlin zog.

"Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, sagte man mir gleich, dass ich mir unbedingt die Oranienstraße ansehen soll. Ich liebe es, auf dem Heinrichplatz zu sitzen und das Treiben hier zu beobachten. Hier kann man shoppen, relaxen und tanzen bis zum Umfallen. Die Straße schläft nie."

"Ich sage mir: Jeder kennt fast jeden hier auf der Straße und ja, jeder hat Respekt vor den Anderen."

Mustafa Özga ist Manager des türkischen Restaurants "Hasir" und wohnt seit 1970 in Deutschland. An seinem Arbeitsplatz, mitten auf der Oranienstraße, wird ihm nicht langweilig.

"Das ist natürlich nicht monoton. Das ist immer Action hier. Das ist hier Kreuzberg. Das ist Multikulti-Gebiet. Ich meine, von Asozialen bis zu den Ärmeren bis zu den Asylanten und und und...."

Die Restaurantkette ist vor allem beliebt für ihre türkischen Grill-Spezialitäten und deswegen meist rappelvoll.

"Weil in Hasir sitzt die Welt, isst die Welt. Das ist so ein Weltrestaurant, kann ich sagen. Das ist ein Multikulti-Restaurant, wo die ganze Welt den Gaumenschmaus hat – den türkischen Gaumenschmaus genießt, ne."

Es gibt auf der Oranienstraße aber nicht nur Restaurants, sondern auch genügend Möglichkeiten, von Bar zu Bar zu ziehen. Das hat auch die angehende Modedesignerin Venus gemerkt.

"Ich würde beschreiben, dass das ein Ort ist, wo man auf jeden Fall zu jeder Uhrzeit hingehen kann und man würde immer fündig werden zu einem richtigen Lokal, oder einem richtigen Ort, wo man sich wohlfühlen würde. Und es ist ziemlich viel los. Immer eigentlich. Auch um fünf Uhr nachts an einem Dienstag."

Nervig für die Anwohner: die wachsende Kriminalität

Die lebendige Geschäftigkeit der Oranienstraße ist, was die Leute, die sich hier treiben lassen, so schätzen. Als Ur-Berlinerin ist Johanna, Besitzerin eines Second-Hand Ladens auf der Oranienstraße, selbst eine Rarität. Sie ist sogar hier auf der Oranienstraße aufgewachsen.

"Die Oranienstraße ist bunt, laut und liebenswert. Kreuzberg lag ja, als die Mauer noch existierte, direkt an der Mauer, und das war ein bisschen wie das Ende der Welt. Aber in den letzten Jahren ist es vom Ende der Welt zum Mittelpunkt der Welt geworden."

Für Mustafa ist die Oranienstraße der Mittelpunkt seiner Arbeit. Zum Leben scheint sie ihm jedoch nicht geeignet.

"Hier läuft alles rum. Vom Verrückten bis zum Normalen, bis zum Professor, bis zum Doktor, alles läuft hier rum. Und im Sommer ist es am Schönsten hier. Da sieht man nackte Menschen auf der Straße rumlaufen und da sieht man Verrückte rumlaufen und ja allerlei. Das ist ein Mischmasch. Es gibt jedes Volk hier. Obwohl ich selber würde natürlich nicht hier wohnen, weil das ist für mich zu viel multi. Das wär für mich zu stressig."

Nervig ist für die Anwohner und Besucher besonders die ansteigende Kriminalität. In den letzten Jahren wird vermehrt und vor allem offen Drogenhandel im Bezirk Kreuzberg betrieben, auch wenn sehr häufig Polizeirazzien stattfinden. Vor allem am Görlitzer Bahnhof, wo die Oranienstraße beginnt und am U-Bahnhof Kotbusser Tor, dem Kotti, stören sich die Menschen an dem offenen Dealen und fühlen sich belästigt.

Angst vor den kriminellen Aktivitäten der Drogenhändler scheint keiner aber so richtig zu haben. Man lernt, damit umzugehen. Das erzählt auch die Designerin Venus.

"Normalerweise hatte ich nie Angst. Und ich finde es auch nicht als unangenehm. Es ist so ein bisschen kindisch, dass man alle drei Meter in so einem bestimmten Ort am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof gefragt wird, ob man jetzt Gras kaufen will, aber die lassen einen auch sofort in Ruhe, wenn man nicht möchte."

Um sich auf der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg wohlzufühlen, muss man wohl vor allem eins mitbringen: Eine gewisse Gelassenheit.

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