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Samstag, 18.11.2017

Kompressor | Beitrag vom 12.06.2017

Onlinerollenspiel "World To Come" am TheaterErfinden Sie ein neues Nationalgericht!

Von Marcus Richter

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Europäische Nationalfahnen auf einem Sahnetörtchen (imago/eyevisto)
Neues Nationalgericht? Wer schnell Ideen und blumige Sätze formulieren kann, bekommt bei "World To Come" Spielsteine, die man zur Eroberung eines Spielbretts benutzt. (imago/eyevisto)

Im Berliner Ballhaus Ost konnten Zuschauer beim Onlinerollenspiel "World To Come" an einer neuen Weltordnung basteln. Unser Game-Kritiker fühlte sich an Kreativworkshops erinnert, erlebte aber dennoch einen unterhaltsamen Abend.

"Das Weltübergangsteam begrüßt sie sehr herzlich zu diesem großen Abend!"

Ich bin bei "World To Come" im Ballhaus Ost, einem etwas heruntergekommenen Mietshaus im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, das zur Kulturstätte umfunktioniert wurde. In einem Raum, der ein ein bisschen zu großes Wohnzimmer oder eine kärglich eingerichtete Bar sein könnte. Drei Kreise aus bunt zusammengewürfelten Sitzgelegenheiten und ein Tresen. An der Wand entlang liegen Puppen, Bücher, funktionierende Monitore, auseinandergenommene Geräte und anderer Krimskrams.

"Die Quelle braucht die Ideen der roten, der grünen und der blauen Völker. Aber bevor ihr Quelle füllen könnt, müssen eure Ideen vor dem Rat der älteren Wesen bestehen."

Wir – die Zuschauerinnen und Zuschauer sind heute Abend die letzten Menschen der untergehenden Erde und wurden in drei Gruppen aufgeteilt und berufen, die nächste, nach dem Untergang neu entstehende Welt zu entwerfen.

"Das Prinzip des Abends ist sehr einfach. Um eine neue Karte zu bekommen, klingeln sie einfach. *kling* Ihre Karte 0 bitte."

Auf Karten stehen Aufgaben: Zum Beispiel: Gebt der Gruppe einen Namen. Oder: Erfindet ein Nationalgericht. Wir denken uns eine Lösung aus, bekommen dafür einen Stein und eine neue Aufgabe. Den Stein können wir auf eine große weiße Fläche legen – die Karte der zukünftigen Welt – auf der dann ein grüner Kreis erscheint.

"Mit weiteren Ideen, die ihr generiert, könnt ihr noch weitere Gebiete färben."

Mischung aus "Risiko" und "Nobody is perfect"

Das Spiel wirkt auf mich wie eine Mischung aus den Brettspielen "Risiko" und "Nobody is perfect": Wer schnell Ideen und blumige Sätze formulieren kann, bekommt Spielsteine, die man zur Eroberung eines Spielbretts benutzt. Zumindest interpretiere ich das so. Aber wo ist die Vermischung mit dem digitalen Spiel? Die angekündigte anonyme Macht des Internets, die gesellschaftlichen Entscheidungen beeinflussen soll? – In einem kleinen engen Raum, in dem eine Webcam steht.

"Also unsere Vision ist es, dass es eine Welt geben könnte, in der wir im Einklang mit der Natur die Binarität aufheben."

Spielende können in die Webcam sprechen, diese füttert einen Livestream. Dessen Zuschauerinnen und Zuschauer sprechen in einem Chat darüber, ob sie die Idee gut finden.

"Es tut mir leid, die Älteren Wesen finden ihren Vorschlag nicht gut."

Seitenwechsel: Ich habe mir – bei einer anderen Vorführung – auch den Livestream angeschaut und mitgechattet, war also eines der "älteren Wesen".

"Herzlich willkommen bei unserem Stream der Komplexbrigade, ihr seid hier bei Twitch und ich bin im Ballhaus Ost."

Alles, was wir als Chatteilnehmer wissen: Wir sollen entscheiden ob uns das gefällt oder nicht, wie Götter. Dementsprechend verhalten wir uns auch: Wie Publikum, in jovialer Fernsehstimmung die für den Spaßfaktor von den Spielenden scheinbar sinnlose Dinge fordern, die nichts mit der Erschaffung einer neuen Gesellschaft zu tun haben – aber uns unterhalten.

"Deswegen jetzt mal bitte sehr, bringt uns eure Reime her. – Das ist Spitze!"

Onlinegötter als Willkürfaktor

In diesem Wechselspiel steckt vielleicht tatsächlich eine spannende Metapher. Vor Ort fühlten sich die Stimmen der Onlinegötter allerdings weit weniger mächtig an: In einem sowieso erratisch wirkenden Regelwerk waren Sie nur ein weiterer Willkürfaktor. Man könnte auch sagen: Das Spiel vor Ort fühlte sich mehr oder weniger wie ein beliebiger Kreativworkshop an…

... und ist irgendwann zu Ende, die Karte wird präsentiert – das Ergebnis der Farbverteilung ist nicht weiter wichtig, es wird nicht weiter kommentiert. Der Vorhang fällt, das Spiel ist aus, Applaus.

Ich bleibe ein wenig unbefriedigt zurück. Warum? Wegen etwas, dass bei Theater-Produktionen, die versuchen digitales Spiel nachzubilden, häufiger fehlschlägt: Man hätte auf zwei Arten spielen können: Entweder auf Erfolg getrimmt, wie eben einem Onlinerollenspiel, in dem eine Karte erobert werden muss – oder inhaltlich, in der Diskussionsgruppe, die ernsthaft diskutiert, wie eine neue Weltordnung aussehen könnte. Die versprochene Verbindung zwischen Lovecraft und Let‘s Play, Spiel und Politik und Fantasy und Philosophie vom Flyer wollte sich aber nicht so recht einstellen.

Es war trotzdem durchaus ein unterhaltsamer Abend, aber vielleicht hätte ein wenig mehr Vorab-Hype der Sache gut getan – zumindest das haben Computerspiel und Theatervorstellung dann doch gemeinsam.

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