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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 21.04.2017

MünchenMit weißen Koffern an ermordete Juden erinnern

Von Julia Smilga

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Weiße Koffer und eine Informationstafel stehen am 01.07.2013 in München (Bayern) vor dem Wohnhaus in der Dachauer Str. 187. Sie informieren über die Lebensgeschichte verfolgter jüdischer Bürger im Dritten Reich. Der Künstler Wolfram Kastner erarbeitete mit einem Arbeitskreis die Kofferinstallationen. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Weiße Koffer und eine Informationstafel stehen in München (Bayern) vor dem Wohnhaus in der Dachauer Str. 187. Sie informieren über die Lebensgeschichte verfolgter jüdischer Bürger im Dritten Reich. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Der Münchner Künstler Wolfram Kastner hat sich die Aktion "Weiße Koffer" ausgedacht. Er stellt das Gepäck mit Name und Anschrift versehen vor den Häusern auf, in denen einst Juden wohnten. Er gibt damit den Opfern des Nationalsozialismus nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Geschichten zurück.

Ein alter, mit weißer Farbe übermalter Koffer. An seinem Griff ist ein Zettel befestigt "Oskar Abeles, Lindenschmittstrasse 49. Ermordet in Kaunas". Vor dem Hauseingang stehen noch viele andere weiße Koffer – symbolisch für jeden ehemaligen jüdischen Bewohner des Hauses. Eine Infotafel daneben zeigt ihre Fotos und erzählt ihre Lebensgeschichten. Diese Erinnerungsaktion, die im Münchener Bezirk Maxvorstadt im vergangenen Sommer und Herbst stattfand, war einer der vielen Gedenkprojekte des Münchener Künstlers Wolfram Kastner:

"Ich finde es wichtig, dass man nicht nur den Interessierten, der sagt 'Ich gehe jetzt ins NS-Dokuzentrum und will mich über die Geschichte informieren', sondern dass man da, wo die Menschen heute leben, wo die Geschichte permanent stattfand, stattfindet und stattfinden wird ... Das beginnt ja nicht in Dachau oder in Berlin - in der unmittelbaren Nachbarschaft passiert Geschichte, permanent!"

Seit 17 Jahren recherchiert Wolfram Kastner über die Schicksale verfolgter Münchener Juden. Der Künstler weiß genau, wo die ehemaligen "Judenhäuser" stehen. Das waren Zwangsquartiere für enteignete Juden, die nach 1939 nicht mehr in sogenannten "arischen" Häusern wohnen durften. Oft war es ihre letzte Adresse vor der Deportation in den Tod.

Das Gelbe Jugendstilhaus in der Fundsbergerstrasse 8 im Bezirk Neuhausen gehörte einst der jüdischen Familie Peltz. Nach 1933 mussten sie das Haus zwangsverkaufen. Peltz hatten Glück - sie  haben es noch geschafft, aus Deutschland zu fliehen.

Wolfram Kastner: "Das Haus ging in den Besitz des NS-Staates über, dann wurden da Juden eingepfercht, und dann wohnten sie da zur Miete auf sehr beengtem Raum. Das heißt, sie mussten ihre Wohnungen räumen - und mussten das meiste entweder verkaufen oder abgeben oder es wurde enteignet oder versteigert. Sie lebten dann in einem Zimmer, wo sie vorher eine Wohnung hatten mit zwei oder drei oder vier Zimmern." 

Das Schicksal von zwei Schwestern

Sechs jüdische Familien lebten in dem Haus. Sie alle wurden im Winter 1941 deportiert. Keiner überlebte. Am meisten berühren Wolfram Kastner die Schicksale von Olga Kohn und ihren beiden Töchtern Elisabeth und Marie Luise:

"Marie Luise Kohn war eine Malerin, die in der Blutenburgstrasse ein Atelier hatte und die ihren Künstlernamen nicht mehr behalten durfte, nicht mehr malen durfte, nimmer ausstellen durfte - sie hat dann noch im jüdischen Kulturbund Marionetten für das Figurentheater gemacht. Ihre Schwester Elisabeth Kohn war eine der ersten Rechtsanwältinnen in Bayern, sie hat gearbeitet in der Kanzlei der jüdischen Anwälte Hirschfeld und Löwenthal und war eine politisch sehr engagierte Frau, die auch politische Prozesse mitführte - die nicht mehr als Juristin arbeiten durfte, als Rechtsanwältin, und die dann nur noch für jüdische Münchener, die emigrieren wollten, als Beraterin sozusagen tätig war." 

Die Schwestern Kohn versuchen aus Deutschland rauszukommen, doch sie bekommen kein Visum für ihre Mutter. Sie in München alleine zurückzulassen kommt für sie nicht in Frage. 

"Vielleicht haben sie anfangs die Gefahr einfach unterschätzt, das kann gut sein, dass sie glaubten, es wird nicht so dramatisch werden, wie es dann wurde – und es war dann eben 1941 zu spät. Bei dem ersten Transport Münchener Juden nach Riga – der nicht nach Riga ging, sondern nach Kaunas, wurden sie und ihre Schwester und ihre Mutter gemeinsam dorthin deportiert und am 25.11.1941 in einer Massenerschießung ermordet."

Die Straßenaktion ist provisorisch

Die Aktionen "Weiße Koffer" geben den Opfern nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Geschichten zurück. Allerdings: Kastners Straßenausstellungen sind provisorisch, die Koffer müssen nach einer Zeit weggeräumt werden. Dabei ist es die einzige Erinnerung an die Opfer, denn Stolpersteine gibt es in München bekanntlich keine.

Auch vor dem gemütlichen Haus am Nikolaistrasse 5 im Künstlerviertel Schwabing gibt es keinen Hinweis darauf, dass hier 1941 ein 80-jähriger Mann raugeschmissen wurde und danach ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. 

"Hier wohnte Otto Manasse: ein Komponist, der Orgelmusik schrieb für die evangelische Kirche in Schwabing und der auch evangelisch war, aber jüdischer Herkunft, jüdische Familie. Er war auch Mitglied der Musikkammer, er hatte sogar Kontakt zu dem Präsidenten der Reichsmusikkammer und der Präsident der Reichsmusikkammer hat sich noch versucht, bei der Gestapo einzusetzen, dass Otto Manasse in seiner Wohnung als alter Mann bleiben konnte, aber selbst das gelang nicht und er wurde dann deportiert und ermordet."

Bei der jahrelangen Suche in Archiven haben Wolfram Kastner und seine Mitstreiter 106 Namen von verfolgten und völlig vergessenen jüdischen Musikern gefunden. Zusammen mit der Musikhochschule München hat er 2008 eine große Ausstellung mit Fotos und Schicksalen dieser Menschen veranstaltet – und mit Konzerten ihrer Musik.  

Verbannt aus der Bannmeile

Allerdings sind Kastners Aktionen nicht immer so gern gesehen. Am Odeonsplatz, mitten im Münchener Zentrum, bekam er Gegenwind zu spüren:

"Wir befinden uns in der Bannmeile des Finanzministeriums und Innenministeriums, hier dürfen keine Demonstrationen stattfinden, keine Kundgebungen stattfinden – nur mit Ausnahmeregelungen. Ich habe für eine solche Ausnahmeregelung mal einen Antrag gestellt, weil hier vorne am Odeonsplatz 1 – da wohnte ein jüdischer Arzt, einen jüdischer Rechtsanwalt und ein jüdisches Kind, die alle ermordet wurden. Wir wollten da Koffer aufstellen - das geht nicht, wurde uns gesagt, weil es hier eben eine Sicherheitszone des Ministeriums gibt. Da können zwar Zeitungsständer stehen, Fahrräder stehen, alles Mögliche, Blumenkübel - aber die Erinnerung mit weißen Koffern an jüdische Bewohner eines Hauses in dieser Bannmeile - die muss verbannt werden. So wie die Erinnerung an die Konzerthalle, das Odeon, und die Musikakademie und deren verfolgte Studenten, Musiker, Professoren - an die kann auch nicht erinnert werden, das wird offenbar verbannt aus der Bannmeile."

In dem imposanten klassizistischen Gebäude, auf das Kastner zeigt, ist heute das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr untergebracht. Ende des 19. Jahrhunderts befand sich hier die Bayerische Akademie für Tonkunst. Bis 1933 haben hier viele jüdische Künstler unterrichtet und studiert: 

"Hier studierte Paul Frankenburger, Max Ettinger, Eugen Auerbach, Erich Eisner, Herman Mantzer, Joseph Waltern. Hier unterrichtete der Professor für Violine Janis Szanto aus Ungarn, Hebert Fromm, Heinrich Schalit, Lola Kronheimer usw. – einigen von denen gelang es, zu emigrieren, wie zum Beispiel Janis Szanto, der dann Professor in den USA wurde und nie mehr nach Deutschland zurückkehrte. Paul Ben Haim, der floh nach Israel, als er Paul Frankenburger hieß, und den Namen Paul Ben Haim annahm und einer der großen israelischen Komponisten wurde. Anderen, wie zum Beispiel Elisabeth Bärlein, gelang das nicht, die wurde 1944 in Auschwitz ermordet oder Heda Engelmann, die in Piaski ermordet wurde 1944." 

Straße für Straße, Viertel für Viertel - Wolfram Kastner und seine Mitstreiter geben in den "Weiße- Koffer-Aktionen" den vor über 70 Jahren verschleppten Münchenern ein Gesicht. Der Künstler hofft sehr, mehr Nachahmer für solche Künstleraktionen zu finden:

"Wir arbeiten an einem Buch 'Auf ein Mal waren sie weg'. Und es soll eine Art Dokumentation über diese Aktion 'Weiße Koffer' sein, einerseits - aber auch eine Anleitung, zum Selbermachen."

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