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Lesart | Beitrag vom 11.08.2017

Mit Krimi-Autorin Simone Buchholz auf St. Pauli"Ich möchte das Licht anmachen in den dunklen Ecken"

Moderation: Andrea Gerk

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Auch Simone Buchholz' neuer Roman "Beton Rouge" spielt wieder in St. Pauli (Bild: imago/Lars Berg , Cover: Suhrkamp)
Auch Simone Buchholz' neuer Roman "Beton Rouge" spielt wieder in St. Pauli (Bild: imago/Lars Berg , Cover: Suhrkamp)

St. Pauli ist der Lebensmittelpunkt der Krimi-Schriftstellerin Simone Buchholz. Dort spielen auch ihre Romane um die Staatsanwältin Chastity Riley. Beim Kiez-Spaziergang erklärt sie, was sie an ihrem Kiez reizt - und warum es in ihren Krimis so oft regnet.

Vor über zwanzig Jahren zog Simone Buchholz nach Hamburg – nicht zuletzt wegen des schlechten Wetters, sagt die 45-jährige. Das spielt in ihren Krimis eine ebenso wichtige Rolle wie die Hauptfigur, Staatsanwältin Chastity Riley und die Fälle, in denen sie und ihre Kollegen von der Kriminalpolizei in St. Pauli ermitteln. Beide - Autorin und Figur - leben im Kiez auf St. Pauli.

Mit ihrem letzten Roman "Blaue Nacht" stand Simone Buchholz auf Platz 1 der Krimibestenliste. Auch ihr neuer, gerade erschienener Fall "Beton Rouge" findet sich wieder auf der Krimibestenliste. Er spielt wieder mitten in St. Pauli und weil dieser Kiez so wichtig ist für die fiktive und reale Welt der Autorin, hat Andrea Gerk mit der Krimi-Autorin einen Streifzug durchs Hamburger Rotlichtviertel unternommen. Dabei erfahren wir unter anderem ...

... was sie an St. Pauli reizt:

"Wenn man sich vorstellt, wie viele Jahrhunderte hier einfach immer diese Matrosen hier eingefallen sind, da musste man irgendwie mit klarkommen. Dass da jede Nacht eine Horde von ausgehungerten Männern kommt. Und irgendwie hat St. Pauli das immer geschafft, das zu integrieren. Und man wird hier auch ganz schnell assimiliert fast."

Die Krimi-Autorin Simone Buchholz präsentiert ihren Kiez auf St. Pauli (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)Die Krimi-Autorin Simone Buchholz präsentiert ihren Kiez auf St. Pauli (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

... warum in ihren Krimis eine Staatsanwältin die Hauptrolle spielt:

"Das Interessante am Staatsanwalt ist halt, dass ne Staatsanwältin ist die Herrin des Verfahrens, die entscheidet, ob ermittelt wird oder nicht. Aber sie darf keine Waffe tragen und dadurch ist sie verletzlich und braucht jemanden, der sie beschützt, oder muss Möglichkeiten finden, wie sie sich selber beschützt.

Und die macht es halt, indem sie mit einem Bein immer so ein bisschen an den Milieugestalten steht und eigentlich arbeitet wie in den 60er-, 70er-, 80er-Jahren hier die Kiezfahnder. Bevor das Koks auf den Kiez kam und alles härter wurde, da waren die schon auch sehr nah dran an den Menschen und wussten relativ schnell, wenn wo irgendwas im Argen lag." 

Verlockendes St. Pauli - auch in der Großen Freiheit 36 (imago/Winfried Rothermel)Verlockendes St. Pauli - auch in der Großen Freiheit 36 (imago/Winfried Rothermel)

... warum das Wetter in ihren Krimis so wichtig ist:

"Es ist ein innerer Zustand – ich bin mir immer gar nicht sicher, ob das Wetter wirklich so ist wie sie es wahrnimmt oder ob sie nur glaubt, dass es gerade regnet (lacht) oder zu warm ist. Ich glaube, das hat sich über die verschiedenen Bände tatsächlich zu so ner eigenen Figur entwickelt. Das hat einerseits ein Eigenleben, andererseits spiegelt es ganz viel der inneren Situation wider." 

... was sie mit ihren Krimis bezweckt:

"Ich möchte Wirklichkeit abbilden, das mag mit meiner Herkunft als Journalistin zu tun haben. Aber ich hab schon nen Auftrag: ich möchte das Licht anmachen in den dunklen Ecken. Wenn du dann die Türsteher kennst aus den Kneipen und immer an der Frauen mit den kurzen Röcken vorbeiläufst, und die Gesichter kennst und magst, dann fängst du dich irgendwann an für die zu interessieren. Mir kommen viele Geschichten vom Ort. Ich lauf irgendwo lang und seh’ einen Ort, der mir dunkel vorkommt und den möchte ich mir angucken. Und dann muss da mal ne Geschichte spielen."

Das alte St. Pauli - Eindrücke aus den 60er-Jahren in einem Musikvideo von Jacques Palminger:

"Es gibt noch immer viele Eckkneipen – da sitzen die Ureinwohner, die sitzen da den ganzen Tag. Da wird immer nur Jukebox gehört, da legt keiner auf, also zutiefst demokratische Läden. Du stellst Dich an und dann bestimmst Du die Musik."

... was ihr am Umgangston auf dem Kiez gefällt:

"Den besten Humor haben immer die alten Transen z.B., was die so fallen lassen, wenn du an denen vorbeigehst. Neulich mit zwei Freunden an so ner stadtbekannten alten Transe vorbeigegangen, hatte meine goldene Jacke an und die guckte mich an, sagte: 'oh die macht noch ihren Fuffi heute, da hat jeder 25, das geht schon.' Kannst natürlich stehenbleiben und dich aufregen, wenn du als Prostituierte beschimpft wirst, kannst aber auch sagen – ja, die weiß, wovon sie spricht. ... Ich hab die lieb für so nen Satz."

Simone Buchholz: "Beton Rouge"
Suhrkamp, Berlin 2017
230 Seiten, 12,99 Euro

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