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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.08.2013

Meine Heimat, Deine Heimat

Ein einst geschmähter Begriff ist wieder salonfähig

Von Jürgen König

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Auch ein Käsekuchen kann ein Stück Heimat sein - zumindest für die Autorin Hatice Akyün. (picture alliance / dpa /  Wolfgamng Kumm)
Auch ein Käsekuchen kann ein Stück Heimat sein - zumindest für die Autorin Hatice Akyün. (picture alliance / dpa / Wolfgamng Kumm)

Ist es die Erinnerung an die Kindheit, das aktuelle Zuhause oder der Ort, von dem die Eltern stammen? Für jeden ist Heimat etwas anderes. In der globalisierten Welt hat der Begriff den Ruch des Ewiggestrigen verloren - und gleicht oft einem Mosaik.

Früher, vor… sagen wir, 1000 Jahren war die Sache mit der Heimat eine vergleichsweise übersichtliche Angelegenheit.

"Also in der Vormoderne gibt es einen Heimat-Begriff, der bezieht sich aber auf Formen des Geborgen-Seins in Gott, also auf Formen des religiösen Geborgen-Seins, der hat nichts mit Landschaft oder kulturräumlichen Bezugsgrößen zu tun",

sagt der Germanist und Mediävist Peter Strohschneider, er ist auch Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. "Dem Christen ist der Himmel die Heimat, im Gegensatz zur Erde, auf der er als Gast oder Fremdling weilt" – diese Definition der Brüder Grimm gilt für nicht wenige heute noch. Für Reinhard Luschert zum Beispiel, der früher Berufsoffizier der Bundeswehr war.

"Ich bin in meinem Leben mit Überzeugung 22 Mal umgezogen und habe ganz Deutschland und einen Teil Europas dabei kennengelernt. Da könnte man eigentlich annehmen, ich wüsste gar nicht mit dem Wort Heimat etwas anzufangen – was ganz falsch ist. Denn geprägt bin ich von einem Pfarrer, der mich konfirmiert hat. Und der mir das Alte Testament nahegebracht hat, in dem irgendwo steht, dass ein Christ eigentlich immer zuhause ist, nämlich in dem Zelt Gottes, das für alle überall entsteht und aufgespannt wird, wo jemand sich geborgen fühlen möchte."

Heimat als "Geborgen-Sein in Gott".

"Und diese Geborgenheit, die hab ich trotz meiner vielen Umzüge immer wieder erfahren, aber nicht nur allein, sondern auch mit meiner Familie und mit den Menschen, mit denen ich neu zusammen kommen konnte."

Im Germanischen bezeichnete "heim" so viel wie "Wohnplatz", "Dorf" oder "Haus", das englische "home" erinnert noch heute daran. Im Mittelalter wird "Heimat" zum Rechtsbegriff: Wer in ein Dorf hineinheiratete oder wem man auch ohne Heirat erlaubte, sich anzusiedeln und zu arbeiten, bekam dadurch "Heimatrecht", wer dort geboren worden war, hatte es sowieso schon. Und wem dann Haus und Hof gehörte, der hatte sie: die "Heimat".

Jahrhundertelang änderte sich an alledem nichts. Doch um 1800 begann die europäische Welt sich durch Technisierung und Industrialisierung derart zu verändern, dass das Bedürfnis nach romantischen Scheinwelten immer größer wurde: Wer sich im Leben fremd fühlt, sehnt sich nach vertrauter Landschaft und Natur, eine "Heimatdichtung" entstand: Gedichte von Joseph von Eichendorff etwa wurden gelesen, gelernt, gesungen.

"O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt.
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft'ge Welt;
Schlag noch einmal die Bogen,
Um mich, du grünes Zelt."


Die Nationalsozialisten diskreditierten den Begriff für Jahrzehnte

Im 19. Jahrhundert wird im zersplitterten Deutschland der Wunsch immer größer, eine Nation zu bilden. Heimatbewegungen entstehen, Heimatvereine werden gegründet: der Heimatbegriff wird politisiert, bald schon gilt es, die "Heimat" zu verteidigen, Soldaten ziehen in den Krieg "für Volk und Vaterland": für die "Heimat". Die Nationalsozialisten entwickelten daraus ihre völkische Ideologie von "Blut und Boden": nur die "hochwertige arische Rasse" sollte das Recht haben, "auf deutschem Boden" zu leben. Für die, die ihr nicht angehörten, sollte Deutschland keine "Heimat" mehr sein dürfen.

Indem die Nationalsozialisten den Begriff "Heimat" derart instrumentalisierten, diskreditierten sie ihn für Jahrzehnte. Wer nach dem Krieg von "Heimat" sprach, galt fortan - und oft genug zu Recht - als jemand, der den Verlust der früheren Ostgebiete des Deutschen Reiches nicht wahrhaben wollte. Doch blieb – zumal nach den Schrecken des Krieges - das Bedürfnis nach einem Gefühl von "Heimat" natürlich bestehen: In Westdeutschland flüchtete man sich geradezu inbrünstig in die heile Welt der "Heimatfilme": mit blühendem Almrausch, mit Förstern im Silberwald, mit Seeleuten, die unter Fernweh leiden und unter bitterem Heimweh.

"Deine Heimat ist das Meer,
Deine Freunde sind die Sterne.
Über Rio und Shanghai,
Über Bali und Hawaii.
Deine Liebe ist Dein Schiff
Deine Sehnsucht ist die Ferne,
Und nur ihnen bleibst du treu
Ein Leben lang."


Die gesellschaftlichen Umbrüche in Folge der 68er-Revolte ließen den Begriff "Heimat" vollends aus der westdeutschen Alltagssprache verschwinden - endgültig, wie es schien. Über ihre Heimat sprachen zumeist nurmehr die noch, die sie verloren hatten. In Ostdeutschland wurde der Heimatbegriff nach dem Krieg vom Staat neu besetzt, propagandistisch, als "Heimat" galt fortan: die DDR, der Staat, der "dem Volke gehört" – jedenfalls im Lied.

"Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
Unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsere Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld,
Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
Und die Fische im Fluss sind die Heimat."


Wer in der DDR aufgewachsen ist, hat dieses Kinderlied von Hans Naumilkat und Horst Keller so oft gehört und gesungen, dass der Text auch Jahrzehnte später noch sitzt – zum Beispiel bei der Familie Suckel in Halle an der Saale.

"Und wir lieben die Heimat, die schöne
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
Weil sie unserem Volke gehört."


"Heimat ist der Ort, wo man einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat"

Klaus Suckel, emeritierter Klavierprofessor, findet die Frage nach seiner Heimat "im Grunde genommen ganz einfach zu beantworten":

"Heimat ist der Ort oder die Gegend, wo man geboren ist und wo man einen Großteil seiner Kindheit, möchte ich mal sagen, verbracht hat. Und so ist das eindeutig die Stadt Glogau in Schlesien, in der ich wohnte bis zu meinem 15. Lebensjahr - und wir dann im Januar 1945 Hals über Kopf die Stadt verlassen mussten und nach Mitteldeutschland übergesiedelt sind."

Sein Enkel, Friedrich Suckel, findet den Heimatbegriff des Großvaters etwas seltsam.

"Ja, ein bisschen komisch finde ich es schon, denn also … ein Ort, der seit 68 Jahren nicht mehr Lebensmittelpunkt ist, also sprich: zu dem auch keinerlei Bezüge da sind …"

Und auch gegenüber seiner Frau, der gebürtigen Hallenserin Gabriele Suckel, musste der Glogauer Klaus Suckel seine Vorstellungen von "Heimat" immer wieder verteidigen.

"Da steh ich ja auch immer etwas im Streitgespräch mit Gabi, wenn sie sagt: 'Was willst Du? Diese 15 Jahre im Vergleich zu den mehr als 60 Jahren, die du allein in Halle wohnst?' Aber das spielt gar keine Rolle, die Anzahl der Jahre. Entscheidend ist, was ich gesagt habe: die Kindheitsjahre."

Mit welcher Intensität, mit welcher Fülle an Details die "Heimat der Kindheit" im Gedächtnis haften blieb, merkte Klaus Suckel, als er nach Jahrzehnten Glogau wieder sah.

"Ich hatte ganz große Mühe, überhaupt den Fleck wiederzufinden, wo das Haus, in dem ich gewohnt habe, gestanden hat - und habe das überhaupt erst beim zweiten Besuch in Glogau feststellen können: Weil unser Haus eine Toreinfahrt hatte mit einer dazu notwendigen Absenkung des Trottoirs. Und das hab' ich beim zweiten Mal erst entdeckt und wusste: Auf dieser Fläche, sie war inzwischen ein wilder Parkplatz, da stand also mal mein Heimathaus."

Erinnerungen kamen auf, obwohl von der alten "Heimatstadt" so gut wie nichts mehr übrig geblieben war.

"Man hat, es klingt jetzt vielleicht ein bisschen albern, wenn man sagt: Heimatluft geatmet. Und die Erde und die Blumen und was es also auch ansonsten an Unzerstörbarem gibt, erinnerte dann letztlich an die Kindheit."

Wenn denn "Heimat" so elementar an die Kindheit gebunden zu sein scheint – haben dann Kinder auch schon ein Gefühl für "Heimat"?

"Ich find' Heimat ist Zuhause und halt so, wenn man jetzt jedes Jahr an die Ostsee fährt oder so was, das finde ich so schön an Heimat."

"Ich finde, meine Heimat ist Deutschland."

"Also meine Heimat ist auch mein Zuhause, wenn ich jetzt ohne meine Eltern da wär', dann wär' ich jetzt nicht mehr so glücklich."

"Ich finde, Heimat mein Zuhause."

So entspannt wie die Kinder sehen auch die meisten jungen Erwachsenen das mit der "Heimat". Das Pathetische, auch Problematische, das den Begriff in früheren Jahrzehnten umgab, hat sich verflüchtigt. Ein "Ort der Kindheit" ist "Heimat" für die meisten geblieben. Charlotte Schumann, Ethnologin aus Berlin, 29 Jahre alt:

"Ja, ich finde, Heimat ist da, wo ich Kind war. Ja, und es ist, glaube ich, auch etwas, was man nicht wieder kriegt, also was ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das nochmal woanders herstelle. Das ist was, was es einmal gab und was mit meinen Eltern und mit 'auf der Straße spielen' und 'mit meinem Bruder Sandburgen bauen im Garten' zu tun hat. Und obwohl ich jetzt auch viel Zeit in einem andern Land bin, kann ich mir nicht vorstellen, dass etwas anderes mal meine Heimat wird."

Dieses "andere Land" ist Brasilien, wo sie inzwischen mehrere Monate im Jahr arbeitet.

"Ich würde schon sagen, dass Brasilien für mich ein zweites Zuhause geworden ist. Ich bin auch, glaub' ich, ein bisschen anders da, und das ist sozusagen Teil von mir, den ich immer da lebe und ich komme an und erkenne die Gerüche wieder und die Sprache und dieses … wie man eben in Brasilien ist – aber Heimat wird immer hier sein für mich. Ich glaube, weil es keine zweite Kindheit gibt, einfach, weil das einen so geprägt hat, das gibt’s nicht nochmal."

In Brasilien hat Charlotte Schumann auch ihren Freund kennengelernt, den Umweltingenieur Felipe Conte. Er hat jetzt in Berlin ein "Zuhause" gefunden, eine Heimat - nicht.

"Auf Portugiesisch, das ist schwierig zu übersetzen. 'Heimat' gibt’s nicht auf Portugiesisch. Wir sagen etwas zwischen 'Haus' und 'Vaterland' sozusagen. Heimat ist für mich, wo ich geboren war, wo ich meine Kindheit gelebt habe, und wo genau ich gewohnt habe, mit meinen Freunden, wo ich gespielt habe, das ist für mich mein Gefühl für Heimat"

Die "Heimatliebe" ist wieder salongfähig geworden

So scheint das Gefühl von "Heimat" im Kern tatsächlich ein Sich-Erinnern an die eigene Kindheit zu sein. Manche sehen es auch pragmatischer: Für sie ist Heimat einfach der Ort, wo man lebt, wo die Rechnungen ankommen: das Zuhause eben, mehr nicht, aber auch nicht weniger. In diesem Sinne ist auch die "Heimatliebe" wieder salonfähig geworden: trotz Globalisierung und weltumspannender Mobilität – oder gerade deswegen. Umfragen zeigen, dass immer mehr Menschen das starke Bedürfnis empfinden, sich nicht nur "Zuhause" zu fühlen, sondern "eine Heimat" zu haben - weniger im Sinne nationaler Zugehörigkeit als eben im Sinne eines Gefühls: um in einer Nische von Vertrautheit und Geborgenheit zu leben.

Dialekte, einst angesehen als Zeichen von Nichtbildung und Provinzialität, sind schon lange nicht mehr verpönt; deutsche Texte bei Rock, Pop, Hiphop gelten schon lange nicht mehr als peinlich. Weil die Muttersprache auch "Heimat" bedeutet und das Bedürfnis danach groß ist?

"ich weiß nicht ob du mich verstehst
oder ob du denkst ich spinn
weil ich immer wenn du nicht da bist
ganz schrecklich einsam bin

dann denk ich mal was anderes
als immer nur an dich
denn das viele an dich denken
bekommt mir nicht
am nächsten tag bin ich so müde
ich paß gar nicht auf
und meine freunde finden
ich seh fertig aus"

(2raumwohnung - "Wir trafen uns in einem Garten")

Entsprechend ist auch für Musiker, Schriftsteller, Filmemacher "Heimat" wieder ein Thema geworden und zwar: ein "ganz normales" Thema. Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes:

"Wenn Sie den neuen deutschen Film der letzten zehn, fünfzehn Jahre … – ob es nun Petzold ist oder wie sie alle heißen, die Berliner Schule! – ich meine, mehr als Heimat kann man gar nicht haben als da. Also Geschichten aus wirklich einer kleinen Perspektive, oft zwischen ost- und westdeutschen Schicksalen - also ich finde, das ist ganz normaler Umgang mit diesem Wort und auch wichtig."

"Deutsche - mit einer gehörigen Portion türkischem Lebensgefühl"

Manche wiederum tun sich schwer damit, den Heimatbegriff so pragmatisch nur als "gefühlte Nische von Vertrautheit und Geborgenheit" zu sehen. Die Journalistin und Schriftstellerin Hatice Akyün zum Beispiel, deren Kolumne im Berliner "Tagesspiegel" den Titel trägt "Meine Heimat". Über ihre Heimat hat sie lange nachgedacht.

Hatice Akyün (André Rival)Hatice Akyün (André Rival)"Mein Leben hat sich ja verändert, indem meine Eltern in den 60er-Jahren beschlossen haben, ihr anatolisches Dorf zu verlassen, meine Heimat, also wo ich geboren wurde, um nach Deutschland zu kommen, um hier zu arbeiten. Ich bin in Duisburg aufgewachsen, dort habe ich Freundschaften geknüpft, dort bin ich zur Schule gegangen, ich hab dort studiert, dort ist meine Familie – und das ist der Begriff von Heimat jahrzehntelang gewesen. Wenn jemand gefragt hat, was bedeutet Heimat für dich, hab ich immer gesagt: Ja, die Hochöfen von Duisburg, die A 42, der Autobahnknoten. Und als ich ein paar Jahre in New York gelebt habe, war das immer das Bild, was ich hatte, wenn ich an Heimat dachte, Duisburg."

Doch dabei bleibt es nicht.

"Seitdem ich Mutter bin, mach ich mir Gedanken darüber, wie das jetzt für meine Tochter ist. Meine Tochter ist in Berlin geboren, sie ist ein Berliner Kind, und sie sagt mit ihren heute sechs Jahren ganz selbstverständlich, das hätte ich mich niemals getraut, das trau ich mich bis heute nicht, zu sagen: 'Mama, ich bin doch Deutsche, ist doch ganz klar! Aber ich bin auch Türkin, weil meine Opas und Omas, die kommen ja aus der Türkei!' Und dann hab ich angefangen, mir Gedanken darüber zu machen: Was bedeutet Heimat für meine Tochter, was ist das?"

Um herauszufinden, woher sie kommt und wohin sie gehört, um zu schauen, wie viel Türkisches an ihr ist und wie viel Deutsches, um für sich herauszufinden, wo und was ihre Heimat ist und damit wiederum der Tochter ein Lebensfundament zu geben, zieht Hatice Akyün für sechs Monate in die Türkei. Lebt in Istanbul, macht sich eines Tages von dort auf in jenes anatolische Dorf, in dem sie geboren wurde.

"Ich stieg aus diesem Bus, lief diesen Schotterweg herunter in das Dorf hinein, und bevor man in das Dorf hineinkommt, ist links der Friedhof. Und dann hab' ich gedacht, bevor ich reingehe, geh' ich noch schnell auf den Friedhof, weil da liegen natürlich auch Verwandte von mir und sag noch 'ne Sure. Und ich komme auf diesen Friedhof, und ich habe das gar nicht erwartet, und es berührt mich, wenn ich daran denke, heute immer noch. Ich schau' auf die Grabsteine, und ich sehe Akyüns und Aydins, fast der halbe Friedhof hatte den Nachnamen meines Vaters und den Nachnamen meiner Mutter!"

Auf dem Friedhof von Akpýnar Köyü wird Hatice Akyün fündig.

"Und dann schlug es ein wie ein Blitz. Und ich dachte so, ach du meine Güte, du bist von hier! Du bist von hier! Du kannst dich noch so sehr dagegen wehren, du kannst in New York leben oder wer weiß wo am Ende der Welt – du kommst aus diesem kleinen anatolischen Dorf. Und du kommst auch nicht aus dem Ruhrgebiet oder aus Duisburg, sondern du kommst aus diesem kleinen anatolischen Dorf Akpýnar Köyü. Und das hat mir so eine innere Sicherheit gegeben, eine innere Ruhe auch gegeben, die ich jahrzehntelang nicht hatte."

Nach Istanbul zurückgekehrt, wird Hatice Akyün bei ihrer Suche nach der Heimat abermals fündig.

"Und dann merkte ich, wie ich immer nach Deutsch-Türken suchte, damit ich auch wieder deutsch sprechen kann. Irgendwann hab' ich mal gefragt: Gibt’s hier auch einen deutschen Bäcker? Bin dann auf die Suche gegangen nach Käsekuchen, das waren so Kleinigkeiten, das hab ich natürlich alles verdrängt! Hab gesagt, nee, das sind ja nur so alltägliche Dinge, aber ich bin ja Türkin, deswegen bin ich ja hier! Und so sehr ich mich auch dagegen gewehrt habe, nicht deutsch sein zu wollen in der Türkei - ich bin es schon sehr! Ich bin es nicht nur sehr, sondern ich bin Deutsche, ich bin durch und durch Deutsche - mit einer gehörigen Portion türkischem Lebensgefühl."

Die zweite und dritte Einwanderergeneration lebt mit mehreren Heimatbegriffen: mit dem der Eltern und dem eigenen, der viel schwerer zu bestimmen ist. Aber auch für diese "Eltern", die vor langer Zeit eingewandert sind und oft genug jahrelang versucht haben, ihren Kindern das Türkische zu bewahren, aus Angst, ihre Kinder würden bei der Rückkehr ins heimatliche Dorf Oma und Opa nicht mehr verstehen und die türkischen Sitten auch nicht – auch für diese Einwanderergeneration wird es schwerer, "Heimat" zu definieren.

"Klar, die leben jetzt seit fast 50 Jahren in Deutschland, die haben sich natürlich auch verändert, und die Türkei ist ihnen auch fremd geworden. Würden sie natürlich niemals zugeben! Also ich hab's da wesentlich einfacher zu sagen: Deutschland ist mein Heimatland, und die Türkei ist ein großer Teil von mir, aber es nicht meine Heimat. Und meine Tochter ist wahrscheinlich noch einen Schritt weiter und sagt irgendwann, die Türkei ist mein Urlaubsland. Und Berlin ist meine Heimatstadt und Deutschland ist meine Heimat."

Heimat als "Geborgenheit in Gott", "die Heimat" als Synonym für "Volk und Vaterland" - jahrhundertelang hatten Menschen sehr ähnliche, oft identische Vorstellungen von "ihrer Heimat". Diese Zeiten sind - nicht ganz vorbei. In einem bayerischen Bierzelt etwa wird immer noch voller Inbrunst "Gott mit Dir, Du Land der Bayern" gesungen, doch unübersehbar lässt die Anziehungskraft solch "kollektiver Heimatgefühle" nach. Längst wurde auch "die Heimat" individualisiert. Erweitert um Wahlheimat und Zuhause, sucht man sie sich und setzt man sie sich zusammen aus Kindheitsgefühlen, aus Erinnerungen an Menschen und Orte, die einen geprägt haben, aus schönen Momenten, die man erlebt hat. Keine feste Größe mehr, die Heimat, eher: ein Gefühl, Schwankungen unterworfen, Veränderungen.

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