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Lesart | Beitrag vom 07.02.2018

Maxim Kantor: "Rotes Licht"Ein Epos über die Relativität der Wahrheit

Von Carsten Hueck

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Buchcover "Rotes Licht" von Maxim Kantor, im Hintergrund Lenin im Oktober 1917 auf dem Roten Platz in Moskau (Zsolnay Verlag / imago / United Archives International)
Buchcover "Rotes Licht" von Maxim Kantor, im Hintergrund Lenin im Oktober 1917 auf dem Roten Platz in Moskau (Zsolnay Verlag / imago / United Archives International)

Von sozialistischen Utopien bis zum Ukraine-Krieg: "Rotes Licht" von Maxim Kantor ist ein Jahrhundertroman. Der russische Autor analysiert die Verflechtung von Demokratie und Totalitarismus – bildreich, dialogstark und mit einem Helden, der ganz am Anfang schon im Sterben liegt.

"Der Held dieses Buches", so beginnt der Roman des russischen Künstlers und Schriftstellers Maxim Kantor, "lag im Sterben, so wie Europa und die Demokratie." Direkter kann man kaum beginnen und geschickter auch nicht: Was, fragt sich der Leser sofort, soll denn auf den 700 Seiten des Romans noch erzählt werden, wenn dem Helden schon mit dem ersten Satz so brachial die Totenglocke geläutet wird?

Maxim Kantor ist um eine Antwort nicht verlegen. Das liegt an der Konstruktion seines Buches wie auch an der sprachlichen Kraft des Autors. Bildreich und dialogstark führt er die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts eng mit der Lebensgeschichte seines Helden.

Solomon Richter heißt der, ist russischer Jude und Historiker. Geboren als Sohn eines ausgewanderten Professors für Mineralogie in Argentinien, kam er mit Eltern und Brüdern nach der bolschewistischen Revolution zurück nach Europa, seine Mutter, eine glühende Kommunistin, wollte am Aufbau des Paradieses auf Erden mitwirken.

Mitten in die Wirren des 20. Jahrhunderts

Der junge Solomon geriet also mitten in die Wirren des 20. Jahrhunderts, er erlebte hautnah das, was heute Geschichtsbücher nüchtern verzeichnen: das Scheitern sozialistischer Utopien, Stalins Terror, den Zweiten Weltkrieg, erneute Säuberungen, Totalitarismus, Perestroika, den Zusammenbruch der Sowjetunion, einen Hauch Demokratie, den Aufstieg Putins und zuletzt auch noch den Krieg mit der Ukraine.

Während Solomon in einem Krankenhaus am Rande Moskaus vor sich hin stirbt, erzählt ein russischer Pfleger, er habe das abgerissene Bein eines Ukrainers solange als Trophäe aufgehoben, bis es dann doch zu stark gestunken hätte. Bilder wie diese, von Kantor beiläufig und unsentimental präsentiert, prägen sich ein.

Solomon Richter ist dem Autor vielleicht am sympathischsten, der einzige Protagonist jedoch ist er nicht. Derer gibt es viele, darunter Hitlers Propagandist Ernst Hanfstaengl, auch Martin Heidegger und Hannah Arend. Die Wege zahlreicher Figuren kreuzen sich über drei Generationen hinweg.

Sie sind Nachbarn, Militärs, Geheimdienstler, Politiker und Oligarchen, Waffenhändler und Oppositionsführer, Künstler, Journalisten, Juden, Kommunisten, Denunzianten. So wie Maxim Kantor sie aufeinandertreffen lässt, schafft er ein szenisch zutiefst beeindruckendes Sittenbild europäischer Zivilisation – das zugleich deren erkennbaren Untergang illustriert.

Mit surrealem Witz und schwarzem Humor

Normalität und Wahnsinn, Fakten und Fantasie, liegen eng beieinander in diesem Roman. Mit surrealem Witz und schwarzem Humor, philosophischem Ernst und bemerkenswertem politischen Verstand malt Kantor Geschichte als Gegenwart aus. Dieser Roman ist groß und gewaltig. Ein Epos, geschrieben mit den Versatzstücken einer Kriminalgeschichte. Eine desillusionierende Analyse der Verflechtung von Demokratie und Totalitarismus, Mythos und Utopie, hehrer Ideen und trauriger Alltagsbanalität.  

Ein europäischer Roman, ein Jahrhundertroman - in dem das 21. Jahrhundert als Fortsetzung des 20. sichtbar wird und die Relativität sowohl historischer wie persönlicher Wahrheit zu erkennen ist.

Maxim Kantor: "Rotes Licht"
Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebatian Gutnik, Olga und Claudia Korneev
Zsolnay Verlag, Wien 2018
700 Seiten, 29 Euro

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