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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 27.12.2016

Manager und MilliardäreEs gibt keine mächtige globale Elite

Von Michael Hartmann

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Die Skyline von Canary Wharf in London (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)
Die Skyline des Finanzdistriktes Canary Wharf in London (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)

Wirtschaftspolitische Entscheidungen seien alternativlos, lautet oft die Begründung, wenn Eliten begünstigt werden. Denn Kapital sei scheu wie ein Reh. Der Soziologe Michael Hartmann erforscht diese Elite seit vielen Jahren, hat aber dabei keine Strippenzieher gefunden, sondern vor allem eine Politik, die sich bloß mehr zutrauen müsste.

Seit ungefähr zwei Jahrzehnten beschäftigt die angebliche Existenz einer globalen Elite die Fantasie vieler Journalisten wie auch der breiten Öffentlichkeit. Spätestens wenn sich die Bilderberger treffen oder der Weltwirtschaftsgipfel in Davos tagt, tauchen entsprechende Berichte in den Medien auf. Auf Verschwörungstheoretiker jeglicher Couleur übt diese Elite, zum allergrößten Teil aus Milliardären und Topmanagern bestehend, einen besonderen Reiz aus. Für sie stellt sie so etwas wie eine geheime Weltregierung dar, die alle Fäden zieht.

Diese Vorstellung erfreut sich in abgeschwächter Form aber auch bei vielen nicht zu Verschwörungstheorien neigenden Beobachtern großer Beliebtheit. So verweisen die Spitzenmanager zur Begründung ihrer exorbitanten Einkommen immer wieder auf den globalen Markt für ihre rare Qualifikation. Politiker greifen ebenfalls gern auf das Argument der weltweiten Wirtschaftselite zurück, wenn sie die Alternativlosigkeit ihrer Handlungen begründen wollen. Vor allem in der Steuerpolitik kommen sie ständig mit dem Argument, dass die Reichen und die großen Unternehmen das Land verlassen würden, wenn man die steuerliche Belastung für sie nicht senkt. Sie seien eben nicht mehr an nationale Grenzen gebunden, sondern international hochmobil.

Weder global noch vernetzt

So verständlich diese Argumentation bei denen ist, die keine Veränderung der herrschenden Verhältnisse wollen, so unverständlich ist, dass auch viele Linke und kritisch eingestellte Menschen im Grundsatz ähnlich denken. Gäbe es die von ihnen angeprangerte globale Elite tatsächlich, wären die Aussichten auf Veränderung unter den aktuellen Bedingungen minimal. Denn eine Gegenkraft zu einer solchen weltweiten Elite ist nicht in Sicht.

Die Realität ist glücklicherweise eine andere. Von einer globalen Elite ist nicht viel zu sehen. Unterwirft man den Personenkreis, der ihren Kern bilden müsste, die 1000 reichsten Milliardäre und die Topmanager der 1000 größten Unternehmen dieser Welt einer genaueren Betrachtung, ist das Ergebnis eindeutig. Von den Topmanagern leben und arbeiten 90 Prozent in ihrem Heimatland, von den Milliardären sogar über 90 Prozent. Auch von einer gemeinsamen Ausbildung an den weltweit bekannten Business Schools oder Elitehochschulen kann keine Rede sein. Vernetzung? Fehlanzeige: Die Milliardäre und Spitzenmanager haben zu über 90 Prozent in ihren Heimatländern studiert.

Die Politik ist mächtiger als sie glaubt

Doch wenn es diese mächtige, globale Elite gar nicht gibt, dann hat das politische Konsequenzen: Die Handlungsspielräume nationaler Politik sind weit größer, als seit Jahren mantraartig verkündet wird.

Das zeigt beispielsweise der Brexit: Im Vergleich gehört die britische Wirtschaftselite zu den am stärksten internationalisierten der Welt. Doch sie konnte den Ausgang des Referendums nicht verhindern. Sie muss das politische Votum der britischen Bevölkerung anerkennen – und alle gravierenden Folgen. Auch die Auseinandersetzungen um das Freihandelsabkommen CETA entlarven die angeblich mächtige globale Elite als Schimäre. Das wallonische Regionalparlament bewies die Handlungsfähigkeit von Politik und Bevölkerung. Diesmal von links, nicht von rechts wie beim Brexit.

Politik kann also, wenn sie will, den Interessen der Wirtschaft durchaus etwas entgegensetzen. Sie sollte aufhören, Entscheidungen mit einer mächtigen globalen Wirtschaftselite zu begründen, die es so gar nicht gibt.

Michael Hartmann, Soziologe, aufgenommen am 07.09.2011 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema: "Euer Geld möchte ich haben!" in den Studios Berlin-Adlershof. (dpa-Zentralbild)Michael Hartmann (dpa-Zentralbild)Michael Hartmann, geboren 1952 in Paderborn, Professor i.R. für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich.
Wichtige Buchveröffentlichungen: Der Mythos von den Leistungseliten, Frankfurt a. M. 2002; Elitesoziologie, Frankfurt a. M. 2004; Eliten und Macht in Europa, Frankfurt a. M. 2007; Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten? Frankfurt a. M. 2013. Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende. Frankfurt a.M. 2016.

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