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Buchkritik | Beitrag vom 24.02.2017

Liza Cody: "Miss Terry"Wenn die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt

Von Thekla Dannenberg

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Buchcover "Miss Terry" von Liza Cody. Im Hintergrund das Londoner Wahrzeichen Big Ben. (Argument Verlag & Ariadne  / AFP / Rob Stothard)
Buchcover "Miss Terry" von Liza Cody. Im Hintergrund das Londoner Wahrzeichen Big Ben. (Argument Verlag & Ariadne / AFP / Rob Stothard)

Eine junge Lehrerin indischer Herkunft wird in London Opfer einer Verleumdung: In "Miss Terry" lässt Liza Cody Vorurteile auf Arglosigkeit treffen. Die britische Pionierin des feministischen Krimis zeigt sich als äußerst gewitzte Erzählerin.

"Miss Terry" heißt eigentlich Nita Tehri, doch das können die meisten Briten nicht richtig aussprechen. Nita ist Tochter indischer Einwanderer, Grundschullehrerin und Besitzerin einer Eigentumswohnung in London. Eine durch und durch liebenswerte Person, vielleicht noch ein wenig kindlich, vielleicht ein bisschen naiv. Eines Tages wird in ihrer Straße in einem Baucontainer ein totes Neugeborenes gefunden, und bevor Nita Tehri überhaupt begriffen hat, worum es geht, steht sie unter Mordverdacht. Der Name, den man ihr angeheftet hat, rechtfertigt ihn: Eine Miss Terry - "mystery - muss allen ein Rätsel sein.

Menschliche Spielarten des Unverstands

Liza Cody erzählt in "Miss Terry" zunächst, wie Nachbarn, Kollegen und Polizei sich in mehr oder weniger boshaften Spekulationen überbieten: Das tote Baby hatte dunkle Haut, Nita soll plötzlich Gewicht verloren haben. Wurde sie vielleicht zwangsverheiratet, die Arme? Niemand erklärt sich ihr, alles wird gegen sie verwandt, und dass sie nicht freiwillig auf ihre Rechte verzichtet, wird ihr bestimmt nicht zum Vorteil gereichen. Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr.

Es sind nicht nur Fremdenfeindlichkeit und Ressentiment, die diese Dynamik des unbegründeten Verdachts antreiben. Wie in einem Figurentheater lässt Liza Cody die menschlichen Spielarten des Unverstands auftreten: Freunde sind ausgerechnet dann nicht da, wenn man sie braucht, wohlmeinende Kollegen vergessen ihre Versprechen. Den Gipfel der Perfidie erlangt jedoch der Rektor ihrer Schule: Er setzt sie vor die Tür. Aber das dürfe sie auf keinen Fall als Suspendierung verstehe, Gott bewahre, das wäre ja ein behördlicher Vorgang, für den er sich rechtfertigen müsste. Nein, sie soll einfach zu Hause bleiben, bis ihr Name reingewaschen sei. Zu Hause warten auf sie das Fernsehen, Schmierereien an der Hauswand und Drohbriefe: "Was nu, braune Kuh?"

Dramatisches Geschehen, das unglaubliche Komik entfaltet

Doch Liza Cody schraubt nicht einfach nur die Spirale der Gehässigkeit immer weiter nach oben. Dafür ist die 1944 geborene Britin, eine Pionierin des feministischen Kriminalromans, eine viel zu gewitzte Erzählerin. So dramatisch sich das Geschehen auch entwickelt, so heiter und freundlich bleibt Cody in ihrem Ton. Vor allem aus Nitas entwaffnender Arglosigkeit ergibt sich eine unglaubliche Komik. Sie weiß sich einfach nicht zu verteidigen und wählt im Zweifel immer die verhängnisvollere Möglichkeit. Doch zum Buch der Stunde machen den im Original bereits 2012 erschienenen Roman Codys scharfsichtige Beobachtungen aus einem sich zunehmend abschottenden Großbritannien: "Es reicht nicht britisch sein zu wollen", realisiert Nita mit einer gewissen Bitterkeit, "das muss man sich verdienen".

Liza Cody: Miss Terry
Roman
Aus dem Englischen von Martin Grundmann
Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg 2017
320 Seiten, 17 Euro

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