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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.01.2015

LiteraturSo hart trifft die Krise Griechenlands Autoren

Literaturwissenschaftler Konstantinos Kosmas im Gespräch mit Jörg Magenau

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Passanten auf einer Athener Straße (Imago / Wassilis Aswestopoulos)
Kein Geld für Bücher: Die Griechen geben in den Zeiten der Krise weniger Geld für Literatur aus. Das Foto zeigt Passanten in Athen. (Imago / Wassilis Aswestopoulos)

Die Situation auf dem griechischen Büchermarkt ist dramatisch: Bei 50 Prozent Umsatzeinbußen können es sich Autoren kaum noch leisten zu schreiben. Was wird in Griechenland noch gelesen, findet die Krise als Thema in der Literatur überhaupt statt? Darüber haben wir mit dem Literaturwissenschaftler Konstantinos Kosmas gesprochen.

Erdrutschartige Umsatzeinbußen von 50 Prozent müssen Verlage und Buchhandlungen in Griechenland derzeit hinnehmen. Griechische Autoren könnten es sich offenbar in den Zeiten der Krise nicht mehr leisten, Bücher zu schreiben, sagte der Gräzist und Literaturwissenschaftler Konstantinos Kosmas im Deutschlandradio Kultur.

Allerdings gebe es in Griechenland ohnehin nicht viele Autoren, die alleine vom Schreiben leben könnten. "Es sind nur ungefähr acht bis 8,5 Prozent der Griechen, die mehr als zehn Bücher pro Jahr lesen." Die Verlage hätten ungeachtet dessen viele Bücher herausgebracht und in hohen Auflagen gedruckt. Kosmas, der an der Freien Universität Berlin lehrt, vergleicht dieses Phänomen mit der Immobilienblase - "die Buchblase, das kann man so sagen".

Griechen greifen nicht häufiger zu politischer Literatur als sonst

Die Leute würde sich heute dreimal überlegen, ob sie ihr Geld für ein Buch ausgäben. Welche Bücher sie dann aber kauften - darüber gebe es leider keine Statistiken, seitdem das "Buchzentrum" in Athen abgewickelt worden sei, sagte Kosmas. Gespräche mit griechischen Buchhändlern hätten ergeben, dass die Griechen nicht häufiger als sonst zu politischer Literatur griffen, sich jedoch auch nicht verstärkt in seichte Literatur flüchteten. Auch gebe es nur wenige neuere Bücher, "die vernünftig mit der Krise umgehen". Doch habe sich der Stil vieler Autoren verändert - es gebe einen Hang zu mehr Gewaltdarstellungen, die manchmal "etwas hysterisch" das Gewaltpotenzial in der griechischen Gesellschaft wiedergäben.



Das Interview im Wortlaut:

Jörg Magenau: Am Sonntag wird ja in Griechenland gewählt, und Europa schaut mit einiger Spannung nach Athen, denn es sieht ja so aus, als ob dort bald Alexis Tsipras vom linken Syriza-Bündnis regieren wird, der bekanntlich mit der EU über das Schuldenpaket neu verhandeln will. Auch unser Originalton kommt diese Woche aus Griechenland. Der Autor Andreas Schäfer schickt uns jeden Tag eine Postkarte aus Athen. Darin geht es allerdings weniger um Politik als um die Rätsel der Stadt, heute um besonders angesagte Plätze und um den griechischen Buchmarkt.

Eine weitere Postkarte aus Athen von unserem Autor Andreas Schäfer. Und hier im Studio ist nun der Übersetzer und griechische Literaturwissenschaftler Konstantinos Kosmas vom Zentrum modernes Griechenland an der Freien Universität Berlin. Guten Tag, Herr Kosmas!

Konstantinos Kosmas: Guten Tag, Herr Magenau!

Magenau: Der griechische Buchmarkt lebt, haben wir gerade im Originalton gehört, und zwar gar nicht so schlecht, wenn auch eher Bücher gefragt sind, die Trost und Unterhaltung bieten oder nostalgische Bedürfnisse befriedigen. Ist das auch Ihr Eindruck?

Kosmas: Das ist nicht mein Eindruck, und ich weiß nicht woher Theodoros Grigoriadis diese Info hat. Seinem Verlag Pataki geht es sicher besser als vielen anderen, aber der Buchmarkt in Griechenland bricht zusammen. Es gibt Schätzungen, die sogar von 50 Prozent sprechen. Also 50 Prozent weniger Umsatz für die Verlage und für die Buchhandlungen nicht nur in Athen, wo der Buchmarkt und in Thessaloniki vielleicht am besten lebt, sondern im gesamten Land. Das ist kein gutes Zeichen. Da lebt das Buch nicht.

Deutlich weniger Buchkäufe, längere Bedenkzeit

Magenau: Und was wird gelesen? Also diese rosa Literatur, die genannt wird, oder Nostalgisches über Alexandria? Stimmt das oder ist das auch nur ein Teil der Wahrheit?

Kosmas: Das hatte ich auch mal gedacht. Und weil mich das Thema interessiert, war ich in mehreren Buchhandlungen, und ich habe mich unterhalten mit den Verkäufern und den Verkäuferinnen. Und die Antwort war: eher nicht. Was sich geändert hat, ist vielmehr, dass die Käufer, also die Buchleser und -leserinnen viel länger und intensiver überlegen, welches Buch sie kaufen. Sie lassen sich viel intensiver auch beraten und sie kaufen nicht sofort, wie es früher der Fall war. Also, sie kaufen wenig...

Magenau: Auch aus Geldmangel, dass man dann sich genauer überlegt, was man braucht?

Kosmas: Ja, ja. Oder es ist ein Reflex auch. Wenn es nicht direkt Geldmangel ist, ist es eben ein Reflex, der ist auf dem ganzen Markt sichtbar – man kauft weniger. Also man hat Angst, und man gibt das Geld nicht so leicht her. Tatsache ist jedenfalls, dass die Käufer viel vorsichtiger sind, wenn sie kaufen. Und wenn, dann überlegen sie zwei-, dreimal, bevor sie das Buch kaufen. Was gelesen wird? Ich dachte, es liegt auf der Hand, dass mehr politische Bücher gelesen werden oder Essays und vielleicht hätte der Eskapismus einen Zulauf. Aber es ist wohl nicht so. Die Buchhändler haben mir das auch nicht bestätigt, zumindest diejenigen, die ich gefragt habe. Leider gibt es keine verlässlichen Statistiken, weil im Zuge der Krise wurde unter anderem auch das Buchzentrum in Athen abgeschafft, wohl um Geld zu sparen. Und daher gibt es auch nicht die Statistiken und die Zahlen, die wir in den frühen Jahren hatten, um so was zu vergleichen.

Kostenlose Buchpräsentationen nehmen zu

Magenau: 50 Prozent Einbruch auf dem Buchmarkt, sagen Sie. Was bedeutet das für die Autoren dann? Kann man es sich überhaupt noch leisten zu schreiben, wenn die Aussicht auf Veröffentlichung so minimiert wird?

Kosmas: Nein. Nein, es ist viel schlimmer geworden. In der Tat gab es eigentlich auch nicht so viele Autoren, die nur von dem Schreiben gelebt haben. Sie müssen sich auch überlegen: Es sind ungefähr acht bis 8,5 Prozent der Griechen, die mehr als als zehn Bücher pro Jahr lesen. Also, das Lesepublikum ist schon immer nicht groß gewesen. Die Verlage haben zwar eine sehr hohe Auflage gehabt und sehr viele Titel produziert. Das heißt aber längst nicht, dass sie Einnahmen gebracht haben. Das würde ich auch mit der Immobilienkrise vergleichen, mit der Immobilienblase. Ähnlich ging es auch bei den Verlagen zu...

Magenau: ...Die Buchblase ...

Kosmas: ...Die Buchblase, das kann man auch so sagen. Zu Ihrer Frage zurück: Es gab sowieso nicht so viele Autoren, die von ihren Büchern gelebt haben. Jetzt, heute schon gar nicht mehr. Was jetzt passiert, ist allerdings, dass die Literatur, also die Buchpräsentationen, die Literaturdiskussionen in den Buchhandlungen und den sonstigen Orten in Athen zumindest, wo ich unterwegs bin, die nehmen zu. Allerdings bringen sie auch kein Geld. Es ist nicht wie in Deutschland, wo die Autoren Geld bekommen für eine Buchpräsentation. Es ist umsonst. Und gerade, weil es umsonst ist, haben diese Sachen mehr Zulauf.

Magenau: Gibt es denn dann tatsächlich eine Literatur der Krise? Wird die Krise auch thematisiert in den Büchern oder davon erzählt – eine Umsetzung?

Kosmas: Das würde nicht anders gehen. Die Krise steht fast überall, wenn nicht in der Werbung, dann sicher im Klappentext. Und es wird versprochen: Das ist Literatur zur Krise. Und es gibt sogar in letzter Zeit Anthologien, die herausgegeben wurden zu der Krise. Es gibt zum Beispiel ein Buch, "Tagebuch eines Arbeitslosen" heißt es, und der Autor hat in dem Fall Blogeinträge gesammelt von Menschen, die unmittelbar davon betroffen waren. Und dadurch entsteht eine große Literatur.

Dann muss man allerdings sagen, dass in den meisten Fällen entweder etwas Larmoyantes rauskommt oder etwas Hysterisches. Ich als Leser bekomme kein sehr gutes Bild, was heute die Krise ist. Es gibt natürlich Ausnahmen, Christos Economou ist hier verlegt, und da bekommt man einen sehr guten Eindruck davon. Und Theodoros Grigoriadis, der in der Postkarte gesprochen hat, hat einen wunderbaren, leisen Roman geschrieben über eine seltsame Liebesaffäre in Athen. Und dort schleicht sich die Krise hinein, sowohl als Gefühl als auch als Tatsache. Man liest die Krise tatsächlich. Allerdings, wie gesagt, in wenigen, leider, Romanen. Das Sachbuch ist eine andere Sache, aber in der Belletristik...

Magenau: ...Wenn es nur wenige Romane sind, die das thematisieren, gibt es dann vielleicht umgekehrt ein Niederschlagen im Stilistischen, im Ästhetischen, also dass es sozusagen eine zerrissene Literatur gibt oder so gesehen eine Krisenliteratur?

Erzählungen von Economou zeigen authentisches Bild Griechenlands

Kosmas: Ja, eben. Es gibt nicht wenige Bücher, die mit der Krise zu tun haben. Leider weniger Bücher, die meiner Meinung nach zumindest vernünftig damit umgehen. Es gibt natürlich eine Richtung. Es gibt sehr viele Romane, die ich zumindest gelesen habe, die die Gewalt und dieses Gewaltpotenzial in der griechischen Gesellschaft zeigen wollen. Manchmal, wie gesagt, etwas hysterisch, zumindest für meinen Geschmack, aber das kann man schon sagen, ja, dass der Stil des Schreibens sich geändert hat seit der Krise.

Magenau: Gibt es da Autoren, die auch auf Deutsch zu lesen sind, die Sie besonders empfehlen könnten?

Kosmas: Ich will auf jeden Fall die Erzählungen von Christos Economou empfehlen. Das sind leise Töne, die eben die Krise zeigen. Die zeigen auch ein sehr authentisches Bild Griechenlands, ein Griechenland, das eben immer arm war und eigentlich immer aus Krisen bestanden hat. Und dieser Wohlstand der Nuller- und der 90er-Jahre einfach eine kurze Pause gewesen ist, nicht unbedingt eine sympathische. Petros Markaris ist eben das Beispiel. Jeder kennt ihn...

Magenau: ...Seine Krimis bei Diogenes...
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Kosmas: ...Seine Krimis bei Diogenes. Der vermittelt eben eine leichte Kost der Krise. Das wäre der Einstieg sozusagen.

Magenau: Und gibt es unter den Autoren jetzt auch ein verstärktes sozialpolitisches Engagement, also jenseits der Literatur. In Deutschland gab es ja immer die engagierten Autoren, das ist lange her. Gibt es so was in Griechenland heute wieder verstärkt?

Kosmas: Ja, es gibt eine Art Aktivismus. Nicht, dass die Autoren – also, das tun sie auch bestimmt – sich sozial engagieren, aber es ist nicht nur das. Es gibt eine unabhängige Szene, in allen Bereichen der Künste übrigens, nicht nur in der Literatur, sondern Theaterbühnen entstehen aus dem Nichts, und Galerien, darunter sehr viele Literaturaktionen. Es gibt Autoren, die einfach so Creative-Writing-Seminare anbieten umsonst. Oder sie gehen in die Schulen und sprechen mit den Schülern und Schülerinnen, und sie machen sich auf Lesereisen, einfach, um mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Das ist eine Art Aktivismus im Bereich der Literatur, der Künste. Also wenn die Frage war, ob es einen politischen Aktivismus seitens der Literaten existiert – das sehe ich noch nicht. Nein. Es ist eine Ratlosigkeit, vielmehr.

Staat macht kaum Kulturpolitik mehr

Magenau: Und spielt Kulturpolitik überhaupt noch eine Rolle? Das ist ja auch eine Frage. Also, wenn es immer nur um den Euro, um die Finanzkrise, Schulden und so weiter geht, welche Relevanz hat da eigentlich Kultur und Literatur?

Kosmas: Eine große. Die Relevanz ist schon sehr intensiv. Die Kulturpolitik hat sich allerdings sehr geändert. Der Staat hat sich sehr stark zurückgenommen und hat die Bühne eben für die Privatinitiative gelassen. Das ist aber ein sehr großes Kapitel. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir für das Gespräch haben. Das ist eine sehr interessante Sache, die interessant auch für Deutschland sein könnte. Zwar ist die Krise nicht fortgeschritten, und der Staat ist anders – ja, also das ist eine andere Sache, die wir jetzt nicht ...

Magenau: ...Die zu weit führen würde?

Kosmas: Ja.

Magenau: "Zeit" war durchaus ein gutes Stichwort. Vielen Dank, Konstantinos Kosmas! Damit sind wir nämlich auch schon am Ende der "Lesart" angekommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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