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Zeitfragen | Beitrag vom 10.03.2017

Literatur in LitauenImpressionen aus dem Gastland der Leipziger Buchmesse

Von Jörg Plath

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Kirchen in Vilnius: Sie prägen das Stadtbild der Hauptstadt Litauens. (picture alliance / Birgit Zimmermann/dpa-Zentralbild/dpa)
Kirchen in Vilnius: Sie prägen das Stadtbild der Hauptstadt Litauens. (picture alliance / Birgit Zimmermann/dpa-Zentralbild/dpa)

Litauen stellt sich im März auf der Leipziger Buchmesse 2017 vor. In dem kleinen baltischen Staat gestaltet sich der Literaturbetrieb nicht so einfach. Unser Autor Jörg Plath hat vor Ort einige seiner Protagonisten getroffen.

Das Gastland der Leipziger Buchmesse 2017 heißt Litauen. Das kleine Land an der Ostsee kann Aufmerksamkeit für seine Literatur gut brauchen – und verdient sie auch, meint Jörg Plath, der auf Einladung des Litauischen Kulturinstituts einige Tage nach Vilnius und Kaunas reiste.


Manuskript zur Sendung:

Das Dorf Tolmingkehmen

Die Mittagsfeuer verbrannt,
über der Linde Rauch,
dort geht er mit weißem Haar,
die Leute sagen:
Bald wird kommen der Abend,
einer beginnt den Gesang,
die Felder tragen ihn fort.

Komm noch ein Stück Donelaitis,
der Fluss will sich heben mit Flügeln,
ein Habicht, ein Taubenfeind,
der Wald mit den schwarzen Häuptern,
richtet sich auf, es ruft
windig über den Berg.
Dort leben die Gräser.

"Komm noch ein Stück, Donelaitis" – mit den Idyllen "Die Jahreszeiten" von Kristijonas Donelaitis, den Johannes Bobrowski in seinem Gedicht "Das Dorf Tolmingkehmen" zum Mitgehen auffordert, begann im 18. Jahrhundert die litauische Literatur. Für den 1917 im ostpreußischen Tilsit geborenen Dichter, der nach dem Krieg in der DDR am Rande Berlins lebte, war das nahe Litauen ein Sehnsuchtsraum; zärtlich nannte er ihn Sarmatien. So hießen in der Antike die Regionen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Bobrowskis Sarmatien war etwas kleiner und zugleich weniger greifbar: Es lag an der Jura, jenseits der Memel, dem einstigen Grenzfluss zwischen Ostpreußen und Litauen – und es lag in der Kindheit. An der Jura, in Dörfern Wilkischken und Motzischken, hatte Johannes Bobrowski die Sommer bei den Großeltern verbracht. Und trauerte ihnen nach, ein Leben lang.

"Auch dieser Tag fährt herab
unter die Galgenschatten
der Brunnen, das Fensterlicht
windlos, das Kienlicht sagt
mäusestimmig
den Segen auf.

Du schreib über das Blatt:
Der Himmel regnete Güte,
und ich sah die Gerechtigkeit
warten, dass sie herabführ
und käme der Zorn."

Fotoausstellung als Teil des Kulturprogramms

Noch heute ziehen die Wolken hoch über Wilkischken und Motzischken und über das weite grüne Land im Norden Litauens. Der baltische Staat wird sich und seine Literatur auf der Leipziger Buchmesse vorstellen, und der 1965 verstorbene Johannes Bobrowski ist dabei. Der Fotograf Arturas Valiauga hat die Orte des deutschen Dichters in Wilkischken, Motzischken und Berlin-Friedrichshagen fotografiert. Seine Aufnahmen werden in Leipzig zu sehen sein als Teil eines Kulturprogramms, erfahren die vorab für drei Tage nach Vilnius und Kaunas eingeladenen deutschen Journalisten.

Aušrine Žilinskienė: "Vielen herzlichen Dank, dass Sie die Zeit gefunden haben, nach Litauen zu kommen und sich über die litauische Literatur und Kultur zu erkundigen und dann hoffentlich später auch berichten."

Aber ja, da darf sich Aušrine Žilinskienė, die Leiterin des litauischen Kulturinstituts, sicher sein: Das haben "Germanys media leaders", wie die zehn Journalisten nach der Reise auf der Website des federführenden litauischen Kulturinstituts firmieren werden, durchaus vor. Neugier gehört zum Kritikergeschäft.

Aušrine Žilinskienė: "Ich kann nur sagen, dass pro Jahr in Deutschland zwei bis vier Bücher erscheinen, also durchschnittlich drei Bücher."

2002 wollte sich das Baltikum gemeinsam in Frankfurt präsentieren wie schon 1997 auf der Leipziger Buchmesse, doch Lettland und Estland sprangen damals kurzfristig ab: Finanzprobleme. Die hatte Litauen auch, machte aber weiter. Lediglich fünf Übersetzungen konnten damals in der kurzen Vorbereitungszeit und mit dem vergleichsweise kleinen Etat erstellt werden. Es war ein Kraftakt und Aušrine Žilinskienė war schon damals dabei:

"Wir sind ganz stolz, dass wir dieses Jahr wir in Leipzig 26 Neuerscheinungen präsentieren. Das ist für Litauen sehr viel. Das macht uns wirklich froh. Und wir präsentieren dann in Leipzig über 50 Veranstaltungen, meist literarische Präsentationen, Bücherpräsentationen, aber auch Debatten, Diskussionsrunden und andere Veranstaltungen, wo wir über Litauen, auch über die Region und Kultur in unserem Land sprechen."

In Vilnius begrüßt Aušrine Žilinskienė die deutschen Journalisten und Kritiker im historischen, prachtvoll mit Wandmalereien geschmückten Cesław-Miłosz-Lesesaal. Der Schriftsteller und Essayist Laurynas Katkus, 1972 geboren, markanter Unterkieferbart und breite Brille, tritt gerade ein:

Aušrine Žilinskienė: "Also Laurynas ist gerade angekommen, aber ich habe meine Vorstellungsrede noch nicht zu Ende ..."

Vom 23. - 26. März 2017 findet auf der Neuen Messe die Leipziger Buchmesse sowie das Lesefestival Leipzig liest statt. Am 21. Februar wurde das Programm auf einer Pressekonferenz in der Kongresshalle am Zoo veröffentlicht. Schwerpunktland 2017 ist Litauen. Hier Ausrine Zilinskiene, Direktorin des Lithuanian Culture Institute, Programmverantwortliche für Litauen (imago / Christian Grube)Die Leiterin des litauischen Kulturinstituts Aušrine Žilinskienė (imago / Christian Grube)

Gaumenfreuden vom Spitzenkoch

Noch ahnt keiner der aufmerksam lauschenden Journalisten, welche Gaumenfreuden ihnen später der litauische Spitzenkoch Tomas Rimvydis in seinem Vilniusser Lokal Ertlio Namas bereiten wird, um ein deutsch-litauisches Kochbuch vorzustellen. Noch ist unklar, ob der Stadtrundgang mit dem Kulturwissenschaftler Laimonas Briedis, dessen Vilnius-Buch ebenfalls zu den 26 für Leipzig ins Deutsche übersetzten Titeln gehört, Pflicht oder Kür sein wird.

Doch das Muster der kommenden Tage deutet sich im Cesław-Miłosz-Lesesaal bereits an: Die Bücher werden in passender Umgebung vorgestellt. Und so spricht Laurynas Katkus, der in Leipzig studiert hat, über Geschichte und Gegenwart der litauischen Literatur in einem der schönsten Säle der Vilniusser Universität, im 16. Jahrhundert nicht zuletzt dank der Konkurrenz unter Katholiken, Protestanten, Orthodoxen, Unierten und Juden gegründet wurde.

Laurynas Katkus: "'Brüder und Schwestern! Nehmet mich und leset.' Mit dieser, wie ich finde, schönen Ansprache an die Leser beginnt das erste litauische Buch, 'Der lutherische Katechismus' von Martin Marcinas, gedruckt im späten 16. Jahrhundert in Königsberg."

Die intime Ansprache an die "Brüder und Schwestern" verdankte sich der relativ kleinen Gemeinschaft der Lesenden im 16. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert ist sie natürlich erheblich gewachsen, obwohl das Land ein europäischer Zwergstaat ist, der zudem seit der Unabhängigkeit 1991 von seinen 3,5 Millionen Einwohnern mehr als 600.000 ans Ausland verloren hat. Mit den gewaltigen Umbrüchen der nahen Vergangenheit setzt sich die litauische Literatur natürlich auseinander.

Laurynas Katkus: "Die erste Strömung heißt: Zeugen der Zeit. Das ist das Programm insbesondere der älteren Generation der Prosaschriftsteller, das heißt eine Bilanz der sowjetischen Jahre zu ziehen, endlich die wahren Geschichten von damals zu erzählen. Bei den meisten Werken steht die Aufgabe des Zeugnisablegens an der ersten Stelle, deswegen fallen sie in ein Paradigma des modernen Realismus. Dann die zweite Strömung ist mit der ersten verbunden. Ich habe sie Postkommunismus und in der Seele genannt. Da thematisiert man eher die Folgen des sowjetischen Systems, auf der sozialen, familiären und auch persönlichen, seelischen Ebene."

Crashkurs für Litauische Literaturgeschichte

Laurynas Katkus' Charakterisierung der litauischen Literatur ist denkbar umfassend. Die Liste nur der "Prosatendenzen" umfasst nicht weniger als neun Punkte, ließe sich allerdings vom "Magischen Realismus" über die "Arbeit an Mythen" bis zu "Persönlicher Essay oder Ego-Fiction" wohl auch mühelos für beinahe jedes andere europäische Land entwerfen

Ich habe Katkus, der zur Messe einen "Crashkurs 100 Jahre litauische Literatur" vorlegt, die Frage nach den Eigenarten daher noch einmal gestellt, in der Küche seiner Wohnung:

"Das ist eine Literatur, die im Laufe der Geschichte wenig mit der Macht, mit dem Offiziellen verbandelt war. Die größte Zeit ihrer Existenz war so eine 'literature mineur', wie der französische Philosoph Deleuze es formuliert. Das ist auch heute im litauischen Staat – sie wird viel positiver aufgenommen als in der Sowjetzeit oder noch früher. Aber immerhin. Das ist so eine Eigenart. Und das Zweite ist – also, es kann auch das Dritte und das Vierte geben, ich sage nur zwei – die Zweite ist, dass insbesondere in der Literatur der letzten Jahrzehnte, so eine spielerische Leichtigkeit, so eine Spielerei und viel mehr Humor ist. Das finde ich eine wichtige Bewegung, denn es war ja durch eine schwierige Geschichte, tragische Geschichte geprägte Literatur, die war ernst, so wie man auf Englisch sagt: solemn."

Punkt drei und vier und möglicherweise auch fünf hat Laurynas Katkus ganz gut umschifft. Das wäre wieder eine lange Liste geworden. Also müssen die nach Litauen gereisten Journalisten selbst die Augen und Ohren aufsperren. Die Vorbereitung zu Hause hat niemanden überfordert. Von den 26 aus dem Litauischen übersetzten Titeln lag Ende Januar nämlich erst ungefähr die Hälfte digital, meist unredigiert vor, obwohl sich die literarischen Übersetzer seit etwa zwei Jahren im Dauereinsatz befinden. Es gibt eben nur eine Handvoll von ihnen – auch dies ist ein Grund für die vergleichsweise geringe Präsenz Litauens auf dem deutschen Buchmarkt. Für die Pressereise hat sich Cornelius Hell dennoch freigenommen:

"Ich gestehe, dass wir mit der Übersetzung noch nicht fertig sind, aber wenn Sie Material brauchen, ich gebe ihnen dann noch die Visitenkarte, ich kann demnächst ..."

Über den Dächern von Vilnius. #lbm17

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Speeddating mit den Autorinnen und Autoren

Unter den 26 Titeln, die zur Leipziger Buchmesse vorliegen werden, befinden sich Kinder- und Jugendbücher, zwei wissenschaftliche Studien, zwei Anthologien, der Klassiker "Die Jahreszeiten" von Kristijonas Donelaitis, ein Gedichtband, ein Kochbuch. Und natürlich Romane, Erzählungen, Essays, deren Verfasser, vornehmlich der mittleren Generation, die Journalisten in einem Speeddating kennenlernen.

Man trifft sich in der Nationalbibliothek, einem nach der aufwändigen Renovierung hellen und freundlichen neoklassizistischen Tempelbau aus der Stalin-Ära, gelegen am zentralen Gedimino Prospekt, der noblen Einkaufsstraße von Vilnius.

Cornelius Hell: "Ja, dann beginne ich mit der großen Freude, meine Autorinnen, Autoren Ihnen kurz vorstellen zu dürfen, darunter zwei litauische Nationalpreisträgerinnen."

Cornelius Hell und nach ihm Markus Roduner, zwei der literarischen Übersetzer aus dem Litauischen, stellen die anwesenden Schriftsteller und ihre Bücher kurz vor. Und auch den einen oder anderen, der nicht anwesend sein kann.

Markus Roduner: "Jurgis Kuncinas wäre dieses Jahr 70 geworden. Zu Lebzeiten hat er mir immer gesagt, dass sein großer Roman 'Tula' nicht in Deutsch vorhanden ist. Kuncinas war lange etwas dem Alkohol sehr zugetan und schreibt auch über diese Zeit, also es fängt an in den späten 60er-, in den 70er-Jahren, das Buch, al er noch Student war. Es ist also erstens ein Buch, wie einer der Kritiker schreibt, über Denaturate – also (lacht) Alkohol in allen Formen. Man lernt auch zum Beispiel die sowjetische Psychiatrie hier kennen, wo ja die Alkoholiker meist zwangsmäßig untergebracht wurden. Es ist zweitens eine der großen Liebesgeschichten der litauischen Literatur, diese Tula, die er für eine Woche nur hat, mit der ist er nur eine Woche zusammen, was allerdings auch dem Leser so vorkommt, nicht nur dem Autor, wie wenn es Jahre gewesen wären. Und drittens ist es eben auch ein Roman über Vilnius, vor allem über einen gewissen Teil von Vilnius, Uzupis, dieses Künstlerviertel."

Eine gute Stunde sprechen Markus Roduner und Cornelius Hell über Bücher und Autoren, mal wärmer, mal distanzierter. Dann beginnt für die deutschen Journalisten das Speeddating: Alle 20 Minuten ziehen sie von Tisch zu Tisch, von Autorin zu Autor.

Filmischer Roman über die "Wolfskinder"

Auf mich wartet Alvidas Šlepikas. Was hat Markus Roduner eben über Autor und Werk gesagt?

Markus Roduner: "Alvidas Šlepikas ist 1966 geboren in einem kleinen Ort nördlich von hier und war anfangs eher als Dichter bekannt, ist einer breiten Masse als Regisseur bekannt, weil er diverse populäre TV-Serien als Regisseur gedreht hat, ist zudem auch für das Theater tätig, schreibt auch Dramen, hat auch selbst als Schauspieler in mehreren Stücken mitgespielt. Als Prosaautor ist er vor allem seit diesem Roman bekannt."

"Mein Name ist Maryte", 2016 auf Deutsch erschienen, ist ein filmisch wirkender Roman über die sogenannten "Wolfskinder", deutsche Kinder, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs allein, halbverhungert durch die Gegend irrten und von litauischen Familien aufgenommen wurden. "Der Regengott und andere Erzählungen" heißt Šlepikas neuer Band, der von den Abgründen der Provinz – alkoholischen, libidinösen, aggressiven – voller Sympathie erzählt.

Hier gibt es keine Aha-Erlebnisse. Hier, in unserem Städtchen. Alle, die es hierher verschlägt, sagen, es sei gemütlich. Das mag stimmen. Zu beiden Seiten der Hauptstraße wachsen mächtige, alte Bäume, deren knorrige Wurzeln sich den Boden entlang ranken und den Asphalt aufreißen, und aus den Fenstern der alten Häuser, die Brände und Kriege überlebt haben, schauen traurige alte Frauen, abends scheppern die Eimer und die Kühe muhen. Gleich hinter der hübschen Renaissancekirche in der Mitte des Städtchens befinden sich die Bäckerei und die Schule, die von Jahr zu Jahr weniger Schüler zählt, das Büro des Seniūnas, des Vorstehers unseres Städtchens, an dessen Wand stets die litauische Trikolore weht, sowie das Kulturzentrum, in dem es schon seit einiger Zeit still ist.

Alvidas Šlepikas: "Die Protagonisten in den Erzählungen sind Leute oder sagen wir: Typen, die ich sehr gut kannte oder kenne. Ich verstehe auch ihre Motivation und Lebensweise sehr gut. Ich verstehe, warum sie so leben wie sie leben. Warum sie saufen, warum sie manchmal brutal sind. Kann mir gut vorstellen, dass ich, wenn sich alles anders entwickelt hätte, selbst an ihrer Stelle gelandet wäre."

Jetzt, wo er den Weg kannte, besuchte Algis die Direktorin immer häufiger insgeheim und das Leben kam ihm viel sonniger vor. Er wollte nicht daran denken, was passieren würde, wenn sein Vater von diesen Besuchen erfuhr, aber dass es geschehen würde, das wusste er. Und so kehrte der alte Motūzas eines Tages früher als angekündigt aus der Stadt zurück und stieg mit einem neuen geblümten Kleid die knarrende Treppe hoch. Oben angekommen, versuchte er die Tür zu öffnen, aber sie war verschlossen, dann holte er den Schlüssel hervor und versuchte aufzuschließen, doch auf der anderen Seite war ein anderer Schlüssel. Der Alte klopfte an die Tür, doch niemand machte auf, dann zerrte er, da er nichts Gutes ahnte, mit seiner bestialischen Kraft, von der er mehr besaß als Verstand, an der Türklinke und riss die Dachgeschosstür aus Karton heraus. Auf der anderen Seite der Tür erblickte er seinen Sohn Algis, stehend, und hinter ihm zusammengeduckt Kriaušytė, die ihre weißen Brüste, die noch nie Sonne gesehen hatten, instinktiv bedeckte. Algis sah seinem Vater in die Augen, ballte die Fäuste und stellte sich auf einen Kampf ein.

Zwei Journalistenkollegen stehen schon hinter Alvydas Šlepikas und warten. Also schnell verabschiedet von dem schmalen, klug und zurückhaltend wirkenden Mann, der sich sichtlich warm geredet hat und die Geschichten immer wieder Freunden erzählte, bevor er sie aufschrieb.

Preisgekrönter Roman einer früheren Werberin

Am nächsten Tisch sitzt Undine Radzevičiūte, 1967 geboren, selbstbewusst und apart wirkend. Ihr Roman "Fische und Drachen" wurde bereits in acht Sprachen übersetzt und mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.

Übersetzer Cornelius Hell ist merkbar angetan von "Fische und Drachen":

"Fische ist das christliche Symbol in den Katakomben für Jesus, Drachen ist das Symbol für China. Es gibt zwei Handlungsstränge. Das eine ist ein Handlungsstrang aus dem 18. Jahrhundert, da geht es um die Jesuitenmission in China. Die Hauptfigur ist der italienische Jesuit Guiseppe Castiglione, der ja eigentlich dort Mission betreiben sollte, aber er kriegt keinen Fuß auf den Boden, sondern muss zuerst Porzellan malen und dann Porträts malen, nur mit der Bekehrung spielt sich nichts ab. Vieles ist aus seiner Perpektive geschildert, manches hochironisch, am Schluss auch tragisch."

Undine Radzevičiūte war mit ihrer Arbeit als Art Directorin in zwei großen Werbeagenturen unzufrieden und fing daher an zu schreiben. Ihr Roman "Fische und Drachen" scheint mit der heimischen Realität wenig zu tun zu haben. Aber warum sollte es das Vorrecht von Autoren aus großen Ländern sein, von der weiten Welt zu erzählen? Zumal Radzevičiūte aus dem Fenster ihrer Wohnung in Vilnius weit nach Osten blickt: auf Chinatown.

Cornelius Hell: "Der zweite Strang, das ist sehr schön gegengeschnitten, sind vier Frauen von heute in einer Altstadt, die Chinatown heißt. Da ist die Oma Amigorena und ihre Tochter, die Mama Nora, Autorin erotischer Krimis, und die beiden Töchter Miki und Schascha. Da wird nicht viel erzählt, sondern das sind Dialoge, und Undine hat gesagt, sie hat sich beim Schreiben am Pingpong der Dialoge des Zen-Buddhismus orientiert, und so knapp und so witzig ist es auch"

Den Witz muss man mögen.

Dauerhafter Rückgang der Verlagsproduktion

Am nächsten Tisch sitzt keine Autorin, sondern die Geschäftsführerin des litauischen Verlegerverbands Aida Dobkevičiūte. Zeit für ein ökonomisches Intermezzo, einen Blick auf die Produktionsbedingungen hiesiger Literatur. Das Engagement des kleinen Landes für die digitale Infrastruktur, das landesweit verfügbare WLAN, betrachtet die hochgewachsene und energisch sprechende Dobkevičiūte mit vorsichtiger Skepsis – schließlich ist das Internet ein Konkurrent für die Buchverlage, von denen es etwa 80 im Land gibt.

Aida Dobkeviciute: "Die typische Auflage beträgt ungefähr 1300 Stück, also eine kleine Auflage, weil Litauen klein ist und weshalb Bücher teuer sind. Und die Zahl der Titel verringerte sich nach der Finanzkrise 2008, die das litauische Verlagswesen stark getroffen hat, deutlich. Bis heute hat sich Verlagsproduktion nicht wieder erholt. Vor 2009 erschienen 4500 Titel im Jahr, nun sind es seit einigen Jahren kaum 3400. Der Rückgang ist groß und scheint dauerhaft."

Weiter geht das Tischchenwechselspiel. Der bildende Künstler und Grafiker Mikalojus Vilutis spricht über seinen Band mit Grafiken und Aufzeichnungen "Die Suppe". Auf ihn folgt Giedra Radvilavičiūte, eine zupackend wirkende, 1967 geborene Journalistin und technische Redakteurin. "Der lange Spaziergang auf der kurzen Mole" heißt ihr zwischen Erzählung und Essay schillernder Prosatext, in dem eine durch Vilnius spazierende Frau das Kochen genauso wichtig nimmt wie ihre Wahrnehmungen und Gedanken.

Die erheblichen Reize der barocken Hauptstadt Litauens lassen sich auch andere nicht entgehen. Laimonas Briedis nähert sich aus der räumlichen Distanz Vilnius. "Reisen in die ferne Nähe" lautet der Untertitel seiner Studie, aber nicht, weil sein sportlicher, außerordentlich eloquenter Verfasser an der Universität von Toronto in Kanada Geschichte lehrt.

Briedis erweist sich am nächsten Tag als überaus kundiger Stadtführer. Laimonas Briedis scheint einfach alles zu wissen, sowohl vom Judenghetto während der deutschen Okkupation als auch von der Alltagsproblematik der leicht übersehenen Madonnafigur im wohl schönsten Stadttor von Vilnius, dem Tor zur Morgenröte.

Laimonas Briedis: "Man muss das Aufeinandertreffen von Juden- und Christentum erwähnen. Diese Madonna war eine Herausforderung für Juden. Sie wurde an hohen Feiertagen besonders verehrt, und dann vermieden Männer, jüdische Männer das Tor zur Morgenröte, weil strenggläubige Katholiken sie zwangen, den Hut abzunehmen. Und ein Jude darf die Kopfbedeckung eben nicht abnehmen."

Laimonas Briedis' Studie zeigt Vilnius als Stadt der Peripherie: an der Peripherie des römisch-katholischen wie des orthodoxen Christentums, an der Grenze zum Heidentum, am Rand des hegemonialen Westeuropa und des imperialen Zarenreichs. Diese Randlage lasse die Stadt zum Zerrspiegel werden. Wer sie besuche, erzähle kaum von der Stadt am Rand, viel mehr vom Zentrum: von Europa.

Ein rotgestrichenes Holzhaus im Schnee

Das weite Land unter den hoch aufgetürmten Wolken hat nicht nur Johannes Bobrowski verzaubert, auch den vielleicht bekanntesten litauischen Lyriker Eugenijus Ališanka. Am letzten Tag biegt der Busfahrer 45 Kilometer von Vilnius entfernt von der ziemlich ereignislosen Autobahn ab. Plötzlich ist die Straße sanft verschneit und windet sich spiegelglatt an verstreut liegenden Häusern vorbei, sanfte Hügel hinauf und hinunter. Auf der höchsten Anhöhe hält eine weiße Kirche Wacht. Immer dichter schließen sich Dunst und Schnee zusammen. Dann taucht im Weiß ein rotgestrichenes Holzhaus auf.

Vom 23. - 26. März 2017 findet auf der Neuen Messe die Leipziger Buchmesse sowie das Lesefestival Leipzig liest statt. Am 21. Februar wurde das Programm auf einer Pressekonferenz in der Kongresshalle am Zoo veröffentlicht. Schwerpunktland 2017 ist Litauen. Hier der litauische Autor Eugenijus Alisanka (imago / Christian Grube)Der litauische Schriftsteller Eugenijus Ališanka (imago / Christian Grube)

Eugenijus Ališanka: "Willkommen in Zabarija. Ich freue mich, dass Sie da sind. Hier können Sie ein richtiges Dorf erleben. Gut, ich habe keine Kühe und keine Hühner. Aber das Dorf ist echt. Hierher kamen wir vor 25 oder sogar mehr Jahren zu Besuch, über das Wochenende, und irgendwann haben wir entschieden, dass wir hier auch schlafen wollen. Wir haben dann ein kleines Haus gesucht und gekauft. Ich bin sehr froh, hier zu sein, meist in der warmen Jahreszeit. Selbst wenn ich hier nichts tue, fühle ich mich besser, als wenn ich woanders nichts tue."

Sommerhaus jetzt, schneebedeckt in Zabarija, mitten im Nationalpark der Neris, die in die Memel mündet. An den Wänden zahlreiche Fotos, die Eugenijus Ališanka entweder selbst aufgenommen hat oder auf denen er zu sehen ist mit einer prominenten Nase im hageren Gesicht. Er reist gern und ist gerade aus dem Iran zurückgekehrt. Auch im deutschen Verlagswesen kam der mit Ironie wie Theorie vertraute Ališanka ganz schön herum: Gedichtbände bei DuMont und Suhrkamp, eher hermetische Essays über die Postmoderne beim kleinen Athena Verlag. In seinem neuen Band "Risse: Streifzüge und Fluchtpunkte" im Klak Verlag wird er überraschend persönlich und erzählt im Spiegel des eigenen Lebens litauische Geschichte. Als er zwei Jahre alt war, zog er mit den Eltern aus Sibirien nach Vilnius in eine nach dem Gründer der Tscheka, dem Vorläufer des KGB, benannte Straße.

Am besten kennt die Dserschinskistraße mein Urgroßvater. Er geht jeden Tag, auf einen Spazierstock gestützt, in die Sankt-Raphael-Kirche, die ganz am Anfang der Dserschinskistraße, am Ufer der Neris, aufragt. Jeden Tag sieht er die übermannsgroßen eisernen Proletarier-Skulpturen, die, Arm in Arm, Hammer und Sichel in die Höhe halten. Das ist die Dserschinskibrücke, der Anfang der Straße – für uns das Ende. Ein mythischer paratopischer Raum, beschützt von Stalins Gespenstern, nach deren Überwindung sich eine utopische Welt auftut: die Stadt. Mein Urgroßvater nimmt die Mütze ab und überschreitet die Grenze vom Profanum zum Sacrum, er überschreitet die Schwelle zum Gotteshaus. Er bekreuzigt sich, und er betet. Gott wird ihm keiner nehmen, doch Gott kann ihn uns nehmen. Der barocke Körper der Kirche gehört zur Kirchstraße, aber ihre leeren, widerhallenden Gewölbe, ihre Stille sind Teil einer anderen utopischen Welt, der Stadt Gottes. Urgroßvater hat Phantasie.

Ein Schreibtisch am Fenster unter dem Dach

Im eingeschneiten Sommerhaus mit dem kräftigen Holzofen ist es bullig warm. Ališanka steht den Gästen aus Deutschland ausführlich Rede und Antwort und ist gern bereit, einige Gedichte aus seinem vorletzten Band zu lesen. Er lädt nach oben ein, auf den spärlich möbilierten, großen Dachboden. Dort steht sein Schreibtisch am Fenster. Hier entsteht der Stoff, aus dem auch in Litauen, dem Gastland der Leipziger Buchmesse 2017 Bücher werden. Eugenijus Ališanka:

"introduktion 

womit beginnen
wie für tadeusz mit einem vers der gar nichts bedeutet
oder mit dem goldenen türknopf der kindheit
der gleichfalls gar nichts bedeutet'
an den ich mich halte bis heute
ohne die tür einen spaltbreit zu öffnen'
oder vielleicht mit dem dank an all jene
die beigetragen die abendfüllenden verse zu schaffen
den assistenten den konsultanten den traumfiguren
tamerlans genen für die eitelkeit und für die leere
womit beginnen
damit du auch nicht zu viel sagst
damit du auch nicht die geduld verlierst und losfluchst
im horizont deines besseren ich
damit deine fünfzig jahre nicht einfach verpuffen
und auch kein einziger tag
wenn du hingreifst zum goldenen türknopf
und statt mea culpa sagst das leben bin ich
und noch einmal leicht an der tür ziehst
womit beginnen
nicht doch mit dem bedingungssatz
nicht doch mit omas wenn
sie sagte ich nehme dich mit wenn du brav bist
wenn ich es bin
dann nimmt sie mich mit"

Unser Portal zur Leipziger Buchmesse

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