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Fazit | Beitrag vom 09.08.2017

Literarischer Spaziergang mit Alfred DöblinAuf Franz Biberkopfs Spuren

Von Constantin Hühn

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Alexanderplatz und Königstraße in Berlin auf einer Postkarte aus dem Jahr 1930 (imago stock&people)
Das Alte Berlin - Postkarte vom Alexanderplatz aus Döblins Zeiten. (imago stock&people)

Alfred Döblins Berlin ist längst untergegangen: Wo einst Milieu und Dirnen das Stadtbild prägten, trinkt man heute Milchschaumkaffee und genießt die Sonne. Auf seinen Stadtführungen lässt der "Berlinologe" Michael Bienert das Alte Berlin wieder auferstehen.

Der Veranstaltungsraum des Brecht-Hauses ist gut gefüllt mit Menschen verschiedenen Alters. Sie alle möchten mehr über "Döblins Berlin" erfahren. Zum Auftakt des literarischen Spaziergangs gibt es eine kurze Einführung von Michael Bienert:

"Das Tolle ist nämlich dass die topographischen Angaben bei Döblin auch in den Fiktionen, den Romanen oft sehr genau sind. Und wenn Sie Berlin Alexanderplatz lesen, Sie können im Prinzip den Weg, den Franz Biberkopf an seinem Entlassungstag geht, den können Sie nachgehen."

Der ausgebildete Literaturwissenschaftler und selbsternannte "Berlinologe" führt schon seit 25 Jahren durch die literarischen Schauplätze der deutschen Hauptstadt.

"Anfang der zwanziger Jahre hat Döblin eine Umfrage beantwortet: Hemmt oder fördert Berlin das künstlerische Schaffen. Und er hat es natürlich bejaht. Und er formuliert das so sinngemäß: ‚Berlin ist Benzin. Das ist der Stoff, mit dem mein Motor läuft.‘"

Lesung vor geschichtsträchtiger Kulisse

Die erste Station des Rundgangs erwartet uns schon ein paar Meter weiter, im Hinterhof eines Neubaus. Einst hatte hier Karl Liebknecht seine Anwaltskanzlei, heute erinnert ein übriggebliebenes DDR-Denkmal an den Spartakus-Bund. Vor dieser geschichtsträchtigen Kulisse gibt Bienert eine Kostprobe aus Döblins wenig bekanntem Roman "November 1918":

"'…Als die Kugeln spritzten und die Menschen fielen, zerbarst die Menge in Tausend Einzelpersonen und jeder Splitter war Grauen, Wut und Hass. Nach wenigen Minuten waren die Straßen leer. Sechzehn Tote lagen auf dem Pflaster der Chausseestraße.' ... ‘…Obwohl losgerissen von dem großen Körper, in dessen Haus es warm gewohnt hatte, wusste das Blut vom Gang der Gestirne, vom Blitzen des Nordlichts, von blauen Seen, von Tanzkapellen…‘"

Einlagen wie diese geben im Laufe des Spaziergangs einen Einblick in Döblins vielseitiges literarisches Schaffen.

"Dieser Erzähler kann sozusagen aus der Weltraumperspektive ganz schnell in den Körper eines Menschen und in das Blut und in die Zellen hineinkriechen. Und damit haben wir einerseits einen Schauplatz lokalisiert und gleichzeitig vielleicht auch schon etwas über die Poetik von Döblin erfahren. Wir gehen jetzt über den Schauplatz hinweg und gehen Richtung Nordbahnhof."

Das einstige Rotlichtviertel ist heute Berlins gentrifzierte Mitte

Inmitten von Büroneubauten stehen wir vor einem gelben Backsteinhäuschen, den Überresten des ehemaligen "Stettiner Bahnhofs". Früher kamen hier die Regionalzüge von der Ostsee und dem Berliner Umland an. Für Döblin selbst, in Stettin geboren, war dieser Bahnhof sein erster Kontakt mit der großen Stadt, wie er in seinen Erinnerungen schreibt. In "Berlin Alexanderplatz" lässt Döblin auch seine Figuren hier ankommen. Bienert erklärt:

"…dort also müsste Mieze mit einem Vorortzug angekommen sein. Und auch Franz Bieberkopf nutzt diese Verbindung. Aber siehe, wie er am Stettiner Bahnhof aussteigt, und vor ihm das große Baltikum-Hotel liegt, bewegt sich nichts..."

Blick auf den Eingang des Stettiner Bahnhofes auf einer Postkarte von 1923 (imago/Arkivi)Blick auf den Eingang des Stettiner Bahnhofes auf einer Postkarte von 1923 (imago/Arkivi)

Das Rotlichtmilieu rund um den Bahnhof, das Döblin beschreibt, ist heute kaum noch vorstellbar, inmitten der gentrifizierten Mitte Berlins. Michael Bienert schafft es aber an den besuchten Schauplätzen immer wieder, das Berlin der 20er Jahre auferstehen zu lassen. Wichtigstes Auswahlkriterium für die Zusammenstellung der Orte ist denn auch, dass es einen sinnlichen Anhaltspunkt gibt.

"Es geht darum, die Anwesenheit von einem Stück Geschichte oder von so einem Autor in der Gegenwart sichtbar zu machen."

Abschluss am Rosenthaler Platz

Nach anderthalb Stunden erreichen wir schließlich den Rosenthaler Platz, untermalt von Franz Bieberkopfs Tramfahrt aus den ersten Seiten von "Berlin Alexanderplatz". Bei besserem Wetter wäre es wohl noch weitergegangen. Die Teilnehmer des heutigen Spaziergangs wirken aber auch so ziemlich zufrieden.

Literaturhinweis:

Michael Bienerts Buch "Döblins Berlin – literarische Schauplätze" erscheint im Oktober 2017 im Verlag für Berlin Brandenburg. Es umfasst 180 Seiten und kostet 25 Euro.

Weitere Informationen zu den Stadtführungen mit Buchungsmöglichkeit auf Michael Bienerts Website.

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