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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.07.2016

Jonathan Riley-Smith: "Die Kreuzzüge"Woran das Kreuzzug-Standardwerk scheitert

Von Philipp Gessler

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Die Kreuze der Kreuzritter auf einer Wand in der Grabeskirche in Jerusalem, aufgenommen 1998 (picture-alliance / dpa / Richard Nowitz)
Die Kreuze der Kreuzritter auf einer Wand in der Grabeskirche in Jerusalem (picture-alliance / dpa / Richard Nowitz)

Sein umfassendes Standardwerk über die Kreuzzüge schrieb der englische Kirchenhistoriker Jonathan Riley-Smith bereits vor 30 Jahren. Nun ist es in einer überarbeiteten Neuauflage erstmals auf Deutsch erschienen. Doch der umfassende Stoff hat seine Tücken.

Ritter in schimmernden Rüstungen, das Kreuz auf der Brust. Mächtige Burgen auf Anhöhen mit finsteren Verließen. Riesige Reiterheere mit der flatternden grünen Fahne des Propheten im Wüstenwind.

Wenn es um Kreuzzüge geht, mischen sich Jungsfantasien und Abenteuerlust, historisches Halbwissen und popkulturelle Bilder aus Comics und Filmen zu der Ahnung: Das war eine große, schreckliche Zeit, über die man eigentlich nicht viel weiß.

Jonathan Rliey-Smith macht sich seit Jahrzehnten daran, dieses Unwissen zu beheben. Der Professor für Kirchengeschichte an der Universität Cambridge gilt als einer der renommiertesten Historiker auf dem Feld der Kreuzzugsforschung.

Umfangreiches Kartenmaterial und Illustrationen

In seinem Opus Magnum, erstmals 1987 fertigstellt, darauf 2005 und 2014 aktualisiert, findet sich alles über die Kreuzzüge auf fast 500 eng beschriebenen Seiten. Dazu viel Kartenmaterial, ein paar gelungene Illustrationen, eine umfangreiche Bibliografie, eine Zeittafel und ein Namens- und Ortsregister.

Was kann da schief gehen? Leider viel. Denn die Vorfreude ob der recht üppigen Aufmachung des Buches und der offensichtlichen Gelehrtheit des Autors verfliegen schon nach wenigen Kapiteln. Zu groß sind die Schwächen des Buches.

Das liegt vor allem daran, dass er uns die ganze Geschichte der Kreuzzüge erzählen will. Die aber ist so umfassend und komplex, dass er am Ende viel zu viel erzählt – und daraus keine Geschichte mehr macht.

Kreuzzüge gegen Muslime und Heiden

Er definiert Kreuzzüge nämlich nicht nur als die großen christlichen Heerzüge der mittelalterlichen Ritter zu Eroberung oder Befreiung Jerusalems und des "Heiligen Landes" von etwa 1095 bis 1291, als die letzte Festung der Kreuzritter im späteren Palästina, Akkon, wieder an die Muslime fiel.

Der Cambridge-Professor versucht vielmehr, historisch korrekt, alle Kriege christlicher Heere zu schildern, die sich selbst oder die der Papst als Kreuzzüge definierten. Solche gab es bis ins 16. Jahrhundert hinein, und eben nicht nur im "Heiligen Land", sondern etwa auch auf der Iberischen Halbinsel, im Baltikum und auf Sizilien.

Viele Kreuzzüge richteten sich auch nicht gegen Muslime, sondern gegen andere "Heiden", ebenso wie gegen so genannte Ketzer und sogar gegen Mit-Christen.

Cover Jonathan Riley-Smith: "Die Kreuzzüge" (Verlag Philipp von Zabern)Cover Jonathan Riley-Smith: "Die Kreuzzüge" (Verlag Philipp von Zabern)Erwähnt sei beispielsweise ein winziger Kreuzzug um das Jahr 1199 gegen den abtrünnigen Markward von Annweiler, der als Dienstmann am Hof des staufischen Kaisers Heinrich VI. Reichstruchsess gewesen war. Der mächtige Papst Innozenz III. hat diesen Kreuzzug ausgerufen – und absurder Weise hat der spätere Heilige Franz von Assisi daran teilgenommen, erfolglos.

Ein religiöses Jahrtausendprojekt

Riley-Smith gelingt es nicht, aus dem Jahrtausendprojekt "Kreuzzug", das noch im 19. Jahrhundert für manche eine reizvolle, wenn auch – Gott sei Dank! – nicht verwirklichte Idee war, eine spannende Erzählung zu machen. Er rattert Ereignisgeschichte herunter und vernachlässigt die übergreifenden Strukturen.

Er beißt sich allzu häufig fest an unwesentlichen Spezialfragen, etwa an den "Verfassungskonflikten im Königreich Jerusalem". Und zitiert zu wenig an Quellen, die das Geschehen bildhaft beschreiben, etwa das Blutbad, das die Kreuzritter nach der Eroberung Jerusalems 1099 anrichteten.

Dem Autor ist zugute zu halten, dass er es zwar vermag, die Dauer, Größe und Bedeutung des Kreuzzugsgedankens fast bis ins 20. Jahrhundert hinein nachvollziehbar zu schildern. Auch das Ernstnehmen der nicht-materialistischen Motive der Kreuzritter ist aller Ehren wert, vor allem ihrer Frömmigkeit und ihres Verlangens nach Buße und Ablass.

Der große Vorzug vieler angelsächsischer Historiker aber, Geschichte wirklich erzählen zu können, ist bei Jonathan Riley-Smith leider nicht zu finden.

Jonathan Riley-Smith: "Die Kreuzzüge"
Aus dem Englischen von Tobias Gabel
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2016
484 Seiten, 49,95 Euro

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