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Lesart | Beitrag vom 03.01.2018

Jeff VanderMeer: "Borne" Wenn Menschen violette Knetemonster lieben

Von Marten Hahn

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Vor dem Hintergrund einer Marslandschaft sieht man das Cover von Jeff Vandermeers Roman "Borne". (Kunstmann / dpa / picture-alliance)
Zwischen lebendem Biomüll, Bestien und Endzeitchaos erreicht der Roman "Borne" philosophische Sphären. (Kunstmann / dpa / picture-alliance)

Die Welt verrottet. Mutantenkinder verbreiten Angst und Schrecken. Am Horizont kämpft ein riesiger Bär gegen ein gigantisches Knetemonster. Dass man das für völlig plausibel hält, zeigt: Jeff VanderMeer hat mal wieder einen Volltreffer gelandet.

Bekannt geworden ist der US-Autor durch seine verstörende Science-Fiction-Trilogie "Southern Reach". Mit seinem neuen Roman bleibt VanderMeer sich treu. "Borne" ist die Geschichte einer mehr als ungewöhnlichen Mutter-Kind-Beziehung.

Kulisse ist eine namenlose Stadt, zerstört von Klimawandel und diffusen Kriegen. Zudem hat ein Unternehmen die Gegend mit biotechnologischen Organismen überschwemmt. Ein Umstand, der viel zur exotischen Flora und Fauna beiträgt.

Eine Frau adoptiert eine "gestrandete Seeanemone"

Als die 28-jährige "Sammlerin" Rachel ein violettes Ding im Pelz des schlafenden Bären entdeckt, nimmt sie die "gestrandete Seeanemone" mit nach Hause. Gemeinsam mit dem Biotech-Ingenieur Wick hat sie sich in einem Tunnelsystem verschanzt. Hier beginnt sie das Ding entgegen Wicks Wunsch aufzuziehen und nennt es "Borne".

Wirkt Borne anfangs noch pflanzenhaft, wird bald klar: "Borne ist intelligent." Und Borne frisst erst Eidechsen. Dann Menschen. Er schützt Rachel aber auch vor Angreifern. Die Beziehung zwischen der jungen Frau und dem Wesen, das seine Form beliebig verändern kann, wird immer enger. Rachel bringt Borne das Sprechen bei. Und der Zögling beginnt dann die großen Fragen zu stellen: "Bin ich eine Person, oder bin ich eine Waffe?"

Ist der Mensch das eigentliche Monster?

Zwischen lebendem Biomüll, Bestien und Endzeitchaos erreicht der Roman philosophische Sphären: Was macht ein Monster zu einem Monster? Sind Raubtiere, die von Natur aus töten, böse? Sind wir Menschen nicht die Schlimmsten?

Viel wird beschrieben in diesem Buch, wenig erklärt. Der Autor erzählt das Innenleben seiner Figuren. Eine solche Erzählweise ist in dieser Genre-Literatur eher die Ausnahme.

Eine Weile lockern Bornes kindliche Sprachspiele die postapokalyptische Atmosphäre auf. Doch bald beginnt der Formwandler, Rachel und Wick auf perfide Weise gegeneinander auszuspielen.

Ganz großes Kopfkino

In Sachen fremder, intelligenter Lebensform hat VanderMeer mit "Borne" den Olymp erklommen. Der Autor imaginiert Szenen zwischen dem Monster und seiner menschlichen Ziehmutter, die so andersartig und schön sind, dass man das eigene Kopfkino gern dazu nimmt beim Lesen.

Hätte Stanislaw Lems intelligenter Ozean aus "Solaris" laufen gelernt, er würde Borne heißen.

VanderMeers Figuren-Konstellation erinnert zudem an einen weiteren Klassiker: Disneys Fantasy-Märchen "Die Schöne und das Biest". Dort sind es sprechende Teekannen, hier Heilschnecken und Diagnosekäfer. Dort eine von der Pest aus Paris vertriebene junge Frau und ihr Fellmonster, hier ein Klimaflüchtling und ihr Formwandler.

Und wer genau hinschaut, dürfte zumindest seine Zweifel haben, ob es sich bei der Liebe zwischen Rachel und Borne wirklich um eine reine Mutter-Kind-Bande handelt.

Jeff VanderMeer: "Borne"
Kunstmann Verlag 2017
367 Seiten, 22,00 Euro 

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