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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.07.2014

InterviewserieDem "Rätsel Mensch" auf der Spur

Stefan Klein: "Wir könnten unsterblich sein"

Von Kim Kindermann

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(picture alliance / dpa)
Noch nicht ganz erforscht: der menschliche Körper. (picture alliance / dpa)

Der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein befragt in diesem hervorragenden Buch elf Forscher zu ihrem Leben und ihrer Arbeit. Mit klugen Fragen kitzelt er aus jedem Gesprächspartner etwas Überraschendes heraus - über sie selbst und den Menschen.

In jeder Körperzelle sitzt eine Art Lebensfaden, der nicht nur über die Länge, sondern auch über die Qualität unseres Lebens bestimmt. Klingt nach Magie - ist es aber nicht. Gemeint sind Telomere: Sind sie lang, lebt man länger. Damit sie so werden, muss man viel schlafen, sich bewegen und Stress vermeiden, sagt Elisabeth Blackburn.

Sie muss es wissen: Die Molekularbiologin erhielt 2009 den Medizinnobelpreis für ihre Forschung zu den genetischen Mechanismen des Alters. Ein Meilenstein in der Forschung, aber auch im persönlichen Leben dieser agilen 63-Jährigen, die gerne Ski fährt, sich täglich mindestens eine halbe Stunde lang bewegt, viel lacht und sich zum Ziel gesetzt hat, Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser verstehen zu helfen und ihnen im besten Fall den Garaus zu machen.

120 oder älter werden

Gerade mal vierzehn Seiten ist das Gespräch im Buch mit ihr lang, und doch hat man das Gefühl, diese Frau gut kennen gelernt zu haben: privat wie beruflich. Denn sie erzählt von ihrer Zeit als Mutter genauso mitreißend wie von der Forschung mit Wimpertierchen und Schildkröten, die beide über unglaubliche Reparaturmechanismen verfügen und so sehr alt werden. Etwas, das sie selbst brennend interessiert, denn gerne würde Elisabeth Blackburn, wie sich lachend erzählt, selbst 120 Jahre und älter werden - allerdings mit dem Gehirn einer 20-Jährigen. Dann könnte sie weiter forschen, und weil es die Zeit erlaube auch gerne Ausflüge in die Kosmologie und Mathematik tätigen – oder auch einfach nur mehr Klavier spielen. Den Tod fürchtet sie allerdings auch nicht. Es täte ihr dann nur für ihren Mann und ihren Sohn leid, dass sie weg sei. Was für eine Frau!

Dabei ist Elisabeth Blackburn nur eine von elf Forscherinnen und Forschern, die Stefan Klein in diesem hervorragenden Buch zu ihrem Leben und ihrer Arbeit befragt. Dass der Journalist und Erfolgsautor sein Handwerk versteht, überrascht nicht, aber trotzdem: Jedes dieser Interview hat es in sich. Das liegt vor allem an den klugen Fragen des Interviewers, der aus jedem seiner Gesprächspartner immer wieder Überraschendes herauskitzelt.

Spannende Fakten und Geheimnisse bekannter Forscher

Und so lernt man neben der Biologin Blackburn unter anderem auch den Soziologen Nikolas Christakis, die Affenforscherin Jane Goodall, den Traumforscher Allan Hobson, den Genetiker Svante Pääbo und die Entwicklungspsychologin Alison Gopnik von ganz unterschiedlichen Seiten kennen. So erfährt man, dass Svante Pääbo das uneheliche und geheim gehaltene Kind des Medizinnobelpreisträgers Sume Bergström ist. Dass die Affenforscherin Jane Goodall ihren Sohn in einen Käfig sperrte, um ihn vor den von ihr heiß geliebten Schimpansen zu schützen – die das Kind sonst getötet hätten. Und der beste Freund des Soziologen Nikolas Christakis, der der festen Meinung ist, dass Übergewicht "ansteckend" sei, ist eine Frau, weil die mit seiner "griechischen Art" am besten klarkomme. Verwoben ist all das in die Berichte ihrer zum Teil herausragenden Forschung. Und genau diese Mischung macht's!

Tatsächlich lässt einen keines der Gespräche unberührt, und man lernt viel über das "Rätsel Mensch", wie es auch der Untertitel verspricht. Etwa aus dem Bereich der Hirnforschung, wo versucht wird, mit Hilfe von Neuronen-Beobachtung Rückschlüsse auf menschliches Bewusstsein zu ziehen. Dazu implantierte der Biophysiker Christof Koch Elektroden in den Kopf von Patienten und konnte so zeigen, dass einzelne Hirnzellen auf die Erkennung von Hollywoodstars spezialisiert sind.

Fast schon nebenbei gewinnt man so auch Einsichten über sich selbst. Womit Stefan Klein wieder mal beweist, warum er zu den besten deutschen Wissenschaftsjournalisten gehört. Gut also, dass seine Interviews, die in gekürzter Fassung zunächst in der Zeitung "Die Zeit" veröffentlicht wurden, jetzt auch in Buchform vorliegen. Und nein, das ist keine billige Verlagsidee, vor dem nächsten großen Titel auch noch das letzte kleine Nebenprodukt zu vergolden. Wenn schon, dann zeigt dieses Buch, woher Stefan Klein selbst seine Ideen nimmt: Eins der vorliegenden Interviews hat er mit dem Traumforscher Allan Hobson geführt. Im kommenden Herbst erscheint Kleins neuestes Buch. Es heißt "Träume".

Stefan Klein: Wir könnten unsterblich sein
Gespräche mit Wissenschaftlern über das Rätsel Mensch
S. Fischer, Frankfurt/Main 2014
208 Seiten, 9,99 Euro

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