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Tonart | Beitrag vom 03.05.2016

"Hopelessness" von AnohniAggressiver und politischer als Antony

Von Marcel Anders

Die Sängerin Anohni, alias Antony Hegarty, bei einem Auftritt beim Primavera Sound Music Festival im spanischen Barcelona am 28.5.2015 (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)
Anohni bei einem Auftritt beim Primavera Sound Music Festival in Barcelona (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)

Eingängige Sounds mit bissigen Texten: Anohnis Soloalbum verbindet tanzbare Arrangements und heftige Kritik an der Politik der USA. Die Sängerin selbst, früher bekannt als Antony, bezeichnet "Hopelessness" als ein Trojanisches Pferd, das die Hörer verführen soll.

"Die Musik ist nicht unbedingt süß, aber sehr zugänglich. Im Sinne von: Sie ist leichter zu konsumieren, weil sie gut klingt. Bei den meisten Pop-Songs ist die Produktion ja so angelegt, dass sie den Hörer klanglich verführt. Und den Effekt wollte ich auch bei meinen Stücken. Nämlich mit einer zeitgemäßen Form von Pop, die ich mit etwas anderen Inhalten ausstatte."

Sagt Anohni über ihr Soloalbum "Hopelessness". Wo bei Antony & The Johnsons Streicher, Bläser und Harfen um die Wette schwelgten, dominieren nun die Computer-Beats von Starproduzent Hudson Mohawke, der sonst Kunden wie Kanye West betreut und für sphärische Klanglandschaften, harsche industrielle Klänge und pulsierende, tanzbare Arrangements sorgt. Ein Sound, der sich an den aktuellen Charts orientiert und ein breites Publikum finden dürfte. Dabei ist die neue Zugänglichkeit nur ein Trick, wie die Künstlerin zugibt:

"Ich würde das Album als ein trojanisches Pferd bezeichnen. Denn es wirkt sehr glänzend, es macht Spaß, es ist ausgelassen und leicht verdaulich. Aber gleichzeitig hat es einen düsteren Unterton. Denn es ging mir darum, Texte zu schreiben, die meine Zweifel in Bezug auf die moderne Welt zum Ausdruck bringen. In der Vergangenheit musste ich minutiös erklären, was hinter meinen sinfonischen Stücken steckt. Deshalb wollte ich diesmal Songs, die offensichtlich sind, und in denen ich klipp und klar sage, was passiert, wenn wir so weiter machen, wie bisher. Deswegen ist es mein bislang aggressivstes politisches Album."

Abrechnung mit der Politik Obamas

Während die Musik eingängig, ja fast verführerisch ist, sind die Texte an Bissigkeit und Zynismus kaum zu übertreffen. Da rechnet Anohni mit zwei Legislaturperioden Barack Obama ab, kritisiert Obamas Drohnen-Krieg, aber auch den Fortbestand von Guantanamo wie der Todesstrafe und seine Ohnmacht im Konflikt mit der Waffenlobby. Dinge, die den einstigen Hoffnungsträger zur lahmen Ente machen, bei vielen Wählern für die "Hopelessness" im Album-Titel sorgen, und die Krise der USA auf den Punkt bringen.

Anohni: "Wenn man sich die amerikanische Geschichte seit der Sklaverei oder seit der Ausrottung der Ureinwohner vor Augen führt, dann wurde da nicht viel aufgearbeitet – selbst nach Hunderten von Jahren. Stattdessen verursachen wir immer neue, frische Wunden im Namen von Frieden und Gerechtigkeit. Wir haben eine ganze Region aus dem Gleichgewicht gebracht und unschuldige Menschen getötet. Nur: Warum befassen wir uns nicht damit? Warum reden wir nicht darüber? Diese Konversation findet nicht statt, weil die amerikanischen Medien und andere Regierungen, die darin verstrickt sind, das gar nicht wollen."

Mediale Schlammschlacht um Auftritt bei den Oscars

Bleibt die Frage, ob die Popwelt bereit ist für solche Inhalte – und Wahrheiten. Denn was in der Kunstwelt und der Gegenkultur gefeiert wird, muss nicht zwangsläufig im Mainstream funktionieren. Das hat Anohni – eine bullige, 1,90 Meter große Transgender mit Dreitagebart, nackten Füßen und Samtstimme – gerade am eigenen Leib erfahren müssen. Bei der 88. Oscar-Verleihung in Los Angeles, Ende Februar, war sie für den Song "Manta Ray" in der Kategorie "Best Original Song" nominiert, durfte bei der Gala jedoch nicht auftreten – weil die Programmacher um ihre Einschaltquoten fürchteten und lieber Lady Gaga und Sam Smith singen ließen. Was zu Anohnis Absage und einer medialen Schlammschlacht führte:

"Viele Leute haben es als ein 'nicht teilnehmen wollen' interpretiert. Dabei war das eigentliche Problem, dass sie mich ziemlich respektlos behandelt haben und es zuließen, dass sich dieses Gerücht verselbstständigt hat: also dass ich von der Liste der Live-Performer gestrichen wurde. Das passt nicht zu der Absicht, mich zu ehren. Es macht keinen Sinn, mich für einen Oscar zu nominieren, aber gleichzeitig zuzulassen, dass es heißt, meine Arbeit wäre nicht gut genug, um Teil der Präsentation zu sein. Sie haben mich nie angerufen, um das zu klären oder den Schaden zu reduzieren."

Um ihren Ruf zu retten und die aktuelle Aufmerksamkeit zu nutzen, die "Hopelessness" in der Musikpresse wie im Feuilleton erfährt, geht Anohni jetzt gezielt an die Öffentlichkeit – und präsentiert die ganze Vielfalt ihres Schaffens. Neben zwei raren Deutschland-Konzerten in Berlin und Köln, eröffnet sie demnächst ihre erste Ausstellung auf deutschem Boden. Die Kunsthalle Bielefeld zeigt ihre Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Filmarbeiten – und würdigt damit einen außergewöhnlichen Menschen, der sich nicht auf eine Sache festlegt. Weder in der Musik, im Leben, noch in der Kunst.

Wer Anohni auf der Bühne erleben möchte, hat dazu Ende Juni Gelegenheit: Am 28.6. gastiert sie im Berliner Tempodrom, am 29.6. im Kölner E-Werk.

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