Sonntag, 19.11.2017

Lesart | Beitrag vom 21.08.2017

Hörbuch: "Gray" von Leonie SwannEin Vogel ermittelt

Von Susanne Billig

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Cover des Hörbuchs "Gray" von Leonie Swann (Cover des Hörbuchverlags / Imago-Bild / Jochen Tack)
Mit einem Papagei den Gangstern auf der Spur: "Gray" von Leonie Swann (Cover des Hörbuchverlags / Imago-Bild / Jochen Tack)

Akustisch und tierisch-kriminalistisch ist Leonie Swanns "Gray". "Gray" - so heißt der Graupapagei, der Dr. Augustus Huff, Dozent in Cambridge, bei seinem neuesten Fall unterstützt. Swanns Geschichten sind voll von charmantem Humor und fein gezeichneten Figuren.

"Augustus merkte, dass seine Handflächen feucht waren. Ein Mord war eine schlimme Unordnung. Die schlimmste überhaupt. Ein Riss im Gefüge der Welt. Ein Mord musste aufgeräumt werden." (Ausschnitt aus dem Hörbuch)

Leonie Swanns Kriminalroman "Gray" ist wunderbar britisch geraten: Sprachwitz, schrullige Figuren, Cambridge-Ambiente. Eine zünftige Krimi-Handlung bildet das dramaturgische Zentrum. Der wohlbetuchte, unsympathische Student Elliot Fairbanks kommt eines Nachts bei einem tödlichen Sturz ums Leben. Unfall? Ein Mord? Sein sprechender Papagei Gray nistet sich ausgerechnet bei dem scheuen Archäologiedozenten Augustus ein, der nichts mehr liebt als Zahlen und Ordnung.

Ein Tod, der unruhig macht

"Der Vogel reckte den Hals und flappte mit den Flügeln. 'Okay, Vogel, sagte Augustus. 'Okay, keine Angst. Ich hole jemanden, der sich mit dir auskennt.' – 'Auskennt', wiederholte der Papagei zweifelnd. 'Auskennt? Auskennt!' Er legte den Kopf schräg, schüttelte sich und musterte Augustus mit seinen verständigen, hellen Papageien-Augen. Dann schien er einen Entschluss zu fassen, flatterte aus der Ecke heraus auf Augustus zu. Augustus zog instinktiv den Kopf ein und kniff die Augen zu. Natürlich half das nichts. Im nächsten Moment spürte er, wie sich spitze Vogelkrallen durch seine Strickjacke bohrten." (Ausschnitt aus dem Hörbuch)

Augustus lässt der gewaltsame Tod keine Ruhe. Er ermittelt auf eigene Faust, den sprechenden Papagei mit seinen Kommentaren – "psychologische Probleme", "bad romance", "nimm ´ne Nuss" – immer auf der Schulter. Sprecher Bjarne Mädel liest dynamisch nach vorn treibend und haucht den Figuren mit ihren Marotten Leben ein. Bisweilen spürt man leichte Ermüdungserscheinungen – acht Stunden Vorlesen sind eine lange Zeit. Es ist weniger die Krimi-Spannung, die das Buch besonders macht, als die Situationskomik, die sich aus dem Aufeinanderprallen altehrwürdiger Cambridge-Institutionen, verschrobener Charaktere und eines distanzlosen Papageis ergibt. Hier betritt Augustus die dreckige Wohnung eines Leichenschauhaus-Mitarbeiters.

"Es war die Hölle. Auf dem Boden standen Kochtöpfe und Joghurtbecher, gefüllt mit Schrauben und Kronkorken und Pfandmarken und Gott weiß, was noch. Kabel griffen nach Augustus‘s Armen wie Fühler, leere Plastiktüten strichen um seine Knöchel. Kenny erwartete ihn. Fett. Fleckiges T-Shirt. 'Eingeliefert haben sie ihn um halb sechs. Ganz frisch, so frisch kommen sie selten. Von vorne sah er eigentlich noch ganz normal aus. Aber von der Seite? Total zermatscht.' – 'Total zermatscht!', bekräftigte Gray."

Der junge Sprecher Christopher Heisler liest hin und wieder, sehr gelungen, seltsame Tagebuchpassagen, deren Bewandtnis lange rätselhaft bleibt.

Das Herz zieht nach unten

"Die Stadt ist still, die Fenster dunkel. Als wäre niemand hier. Als wären sie alle tot. Die frühen Morgenstunden sind mir die liebsten. Meine Mutter hat gesagt, ich habe kein Herz. Wenn dem so ist, na, dann soll mir das recht sein. Das Herz zieht dich nach unten, in den Schmutz, in den Staub. Alles, was ich brauche, ist eine Maschine, die Blut durch meine Adern pumpt. Wer mehr verlangt, ist ein Idiot. Sie sind alle Idioten!"

Das ist keine harte Krimi-Action, sondern charmanter Humor mit fein gezeichneten Figuren und einem Vogel, der so manches weiß. Wer das genießen kann, wird mit "Gray" schöne Stunden erleben.

Der junge Sprecher Christopher Heisler liest hin und wieder, sehr gelungen, seltsame Tagebuchpassagen, deren Bewandtnis lange rätselhaft bleibt.

"Die Stadt ist still, die Fenster dunkel. Als wäre niemand hier. Als wären sie alle tot. Die frühen Morgenstunden sind mir die liebsten. Meine Mutter hat gesagt, ich habe kein Herz. Wenn dem so ist, na, dann soll mir das recht sein. Das Herz zieht dich nach unten, in den Schmutz, in den Staub. Alles, was ich brauche, ist eine Maschine, die Blut durch meine Adern pumpt. Wer mehr verlangt, ist ein Idiot. Sie sind alle Idioten!"

Das ist keine harte Krimi-Action, sondern charmanter Humor mit fein gezeichneten Figuren und einem Vogel, der so manches weiß. Wer das genießen kann, wird mit "Gray" schöne Stunden erleben.

Leon Swann: "Gray"
Hörbuch als mp3-CD nach dem gleichnamigen Roman
Mit Bjarne Mädel und Christopher Heisler.
Spieldauer: 08:41 Stunden
13,95 Euro

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