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Buchkritik | Beitrag vom 24.04.2017

Heinrich Geiselberger (Hg.): "Die große Regression"Wenn Wirklichkeit und Ideologie kollidieren

Von Klaus-Rüdiger Mai

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Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek (Suhrkamp / imago & stock / Combo: Deutschlandradio)
Auch Starphilosoph Slavoj Žižek ist mit einem Beitrag vertreten (Suhrkamp / imago & stock / Combo: Deutschlandradio)

Nach den Pariser Terroranschlägen und der Flüchtlingsdebatte diskutiert die Linke über ihre Positionen. Eine neue Aufsatzsammlung offenbart jedoch: Das linke Denken selbst steckt in der Krise. Aus Besserwisserei und Dogmatismus kommt es nicht heraus.

Der Herausgeber Heinrich Geiselberger schreibt im Vorwort, dass die Idee zur Aufsatzsammlung über "die geistige Situation der Zeit" unter dem Eindruck der Pariser Terroranschläge und der Flüchtlingsdebatte entstand. Die "große Regression" "hinter ein für unhintergehbar erachtetes Niveau der Zivilisiertheit" geschieht, weil "Sperrklinkeneffekte außer Kraft gesetzt scheinen". Aus der Formulierung spricht die Angst vor der Freiheit, denn eine "Zivilisiertheit", die sich nur mit "Sperrklinkeneffekten" aufrechterhält, ist die "Zivilisiertheit" des Gefängnisses und der Zensur.

Dem marxistischen Dogma verpflichtet

Die Sinnhaftigkeit des Schwarz-Weiß-Schemas, Menschen, Vorstellungen und Konzepte in progressiv und regressiv einzuteilen, wurde auch von den Autoren nicht hinterfragt, sondern als Credo vorausgesetzt. Das marxistische Dogma vom permanenten Klassenkampf durchzieht aufgehübscht mit neuen Etiketten den Essayband. Fast exemplarisch führt das der Philosoph Slavoj Žižek vor, der in seinem Aufsatz zu zeigen versucht, wie die "radikalere Linke" der "populistischen Versuchung" zu widerstehen vermag. Aus seiner Sicht besteht die größte Gefahr der "wahren Linken" in einem strategischen Pakt mit dem liberalen Clinton-Lager.

Um das Demokratiedefizit des globalen Kapitalismus zu überwinden, bedarf es einer "transnationalen Allianz", einer neuen Weltordnung, über die man nur erfährt, dass sie keine liberale Weltdemokratie sein und nicht auf Wahlen beruhen darf. Das Kapital, das streng bewacht wird, hat die Werte zu schaffen, die eine Weltbehörde verteilt. Was hinter dieser Utopie steckt, zeigt sich, wenn Žižek seine Rettung vor dem Populismus mit einem Mao-Zitat ausklingen läßt: "Es herrscht große Unruhe unter dem Himmel: die Lage ist ausgezeichnet." Das war sie für Mao zweifellos, nicht aber für die 70 Millionen Menschen, die seine Politik das Leben kostete. Hegels ontologischer Totalitarismus führt in den Gulag oder in das Arbeitslager unter unruhigem chinesischen Himmel.

Realitätsverlust von Wissenschaftlern

In dem Band wird die Rettung einer linken Gesellschaftsidee versucht, der das Subjekt abhanden kam, weshalb man auf das Volk, "den großen Lümmel" (Heine) verächtlich herabschaut und darüber nachdenkt, ob "Wahlen...nicht vielleicht doch eine altmodische Methode sind", weil die Bürger nicht "ihre beste Seite an den Tag" legen, "wenn sie ...hinter dem geschlossenen Vorhang der Wahlkabine wichtige Entscheidungen...treffen" (David van Reybrouk). Ich erinnere mich noch gut daran, dass die wenigen Bürger, die bei Wahlen in der DDR in die "Kabine" gingen, als negative Elemente vermerkt wurden, weil sie damit dokumentierten, nicht "ihre besten Seite an den Tag" legen zu wollen.

Schaut man sich die wachsende Wahlbeteiligung an, wird der Realitätsverlust von Wissenschaftlern wie Arjun Appadurai deutlich, der von Demokratiemüdigkeit redet, nur weil die Bürger nicht seinen Wahlempfehlungen folgen. Appadurai, der mal so ganz nebenbei eine "Weltgeschichte des autoritären Volkspopulismus" erfindet, hat erkannt, dass die dummen Wähler autoritäre Populisten wählen, damit sie nie wieder wählen müssen. Auch Zygmunt Baumans kosmopolitische Utopie, die bezeichnenderweise mit der Frage beginnt, wovor und wohin Menschen fliehen, mündet im Grunde in eine Erziehungsdiktatur, denn "wer für die nächsten hundert Jahre vorsorgen will," muss "die Menschen erziehen. Indoktrination als "Sperrklinkeneffekt"?

Die Krise linken Denkens

Die ewige Besserwisserei, die ein Grundelement des Buchs bildet, funktioniert nach der Methode: Sollten Ideologie und Wirklichkeit kollidieren, umso schlimmer für die Wirklichkeit. Für Donatella della Porta steht fest, dass "progressive Aktivisten und Wähler" über "normative Überzeugungen" und ein "hohes Diskursniveau verfügen". Dass auch Rassisten über "normative Überzeugungen" verfügen, zeigt die Fragwürdigkeit ihrer Definitionen. Und dass aus diesem Grund "progressive Aktivisten und Wähler" nicht mit "Lügen zu überzeugen" sind, hat die Geschichte widerlegt, denn oft wurden Lügen von "progressiven Aktivisten und Wählern" geglaubt, weil ihnen die Ideologie wichtiger war als die Wirklichkeit.

Die Aufsatzsammlung führt so ungewollt die Krise des linken Denkens vor, das unfähig zur Selbstkritik aus Angst vor Bedeutungsverlust in die Etiketten politikwissenschaftlicher Realitätsferne flieht. Die Aufsätze von Nancy Fraser und Wolfgang Streeck sind eine löbliche Ausnahme. So diagnostizieren beide präzise das Problem der Linken: Es besteht im Bündnis progressiver Gruppierungen wie der Homosexuellenbewegung mit technik- und dienstleistungsorientierten Wirtschaftssektoren (Silicon Valley, Wall Street, Medien- und Kulturindustrie). Streek und Fraser zeichnen das differenzierte Bild eines Establishments, das zu Lasten Dritter die Welt verändern möchte und dabei immer stärker auf Widerstand trifft, weil es immer neue Widersprüche produziert. Die Linke muss endlich aufhören, den Part des hochmoralischen Teils der Elite zu geben, sonst verliert sie, worauf sie doch eigentlich baut: Das Volk.

Heinrich Geiselberger (Hg.): "Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit"
edition suhrkamp, Berlin 2017
319 Seiten, 18 Euro.

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