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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 24.09.2013

Hauptstadt der "Reingeschmeckten"

40 Prozent der Stuttgarter haben einen Migrationshintergrund

Von Michael Brandt

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Stuttgart gilt auch als Stadt mit kultureller Vielfalt.
Stuttgart gilt auch als Stadt mit kultureller Vielfalt.

Der "Reingeschmeckte" ist für den Schwaben jemand, der von außen kommt. Rund 40 Prozent der Einwohner Stuttgarts haben einen Migrationshintergrund, damit ist die baden-würtembergische Landeshauptstadt auch Migrationshauptstadt Deutschlands.

Vor ein paar Wochen beim Festival der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz. Fünf Tage lang treffen sich hier Menschen von fast überall auf Erdball. Auf der Bühne spielt Musik aus Indien, Russland, Kamerun, Mazedonien der Türkei und aus Italien, und an den Ständen rund um den Marktplatz gibt es Imbiss aus aller Herren Länder:

"Es gibt mexikanisch oder lateinamerikanisch, Nachos, Quesadillas"

"Es gibt chinesische Nudeln"

"Bei uns gibt es Fisch, Chamoussa, gefüllte Teigtaschen mit Garnelen und Thunfisch und Rinderhack, alles afrikanisch"

"Bei uns gibt es Cocktails und alles kubanisches Essen, wir sind fast alle Kubaner"

"Bei uns gibt es Pilau, alles aus Afrika"

"Bei uns gibt es Cevapcici, einmal mit Fladenbrot und einmal mit Djuvec-Reis, uns serbische Bohnensuppe darf man auch net vergessen"

Veranstalter des Festivals ist das Forum der Kulturen Stuttgart, ein eingetragener Verein, so etwas wie der Dachverband von mehr als 80 Kulturvereinen. Vereinen, in den Migranten sich organisiert haben. Auf dem Festival haben sie sich vorgenommen, Stuttgart zu bewirten. Und zwar ganz Stuttgart, also 60 Prozent Stuttgarter mit deutschen oder schwäbischen Wurzeln, Und 40 Prozent Stuttgarter mit Migrationshintergrund. Und wenn man sie fragt, ob sie sich als Serben, Angolaner, Kubaner, Russen, Türken und Italiener verstehen, oder als Stuttgarter, heißt die Antwort in fast allen Fällen: Nicht oder, sondern und.

"Stuttgarter und Angolaner"

"Ihr seid aus Serbien und ihr seid Stuttgarter? "
"Ja, Ja"

"Wir sind Inder und Stuttgarter"

"Ich bin Stuttgarterin"

"palästinensischer Schwabe"

"Also ich selber hab hier überhaupt keine Probleme, bei mir gibt’s auch kein Integrationsproblem, wenn man einfach ein bisschen sich hier anpasst dann gibt's auch keine Probleme"

Die Idee des Festivals scheint zu funktionieren. Tatsächlich sind die Stuttgarter mit Migrationshintergrund hier keineswegs unter sich, vielmehr sind auch die Stuttgarter da, die sonst Maultaschen oder Linsen und Spätzle essen und Trollinger trinken. Und sie öffnen ihre Ohren für die teilweise ungewohnten Klänge und probieren mit viel Interesse die fremden Würzmischungen.

Integration durch Industrie

Das Festival, das es seit zwölf Jahren gibt, ist der lebendige Beweis dafür, dass Integration in Stuttgart funktioniert, dass in der Schwabenmetropole 600.000 Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen, verhältnismäßig gut miteinander auskommen. Mehr als das, dass Stadt und Wirtschaft vom Miteinander der Kulturen profitieren.

Die Migrationsforscherin Sandra Kostner von der Fachhochschule Schwäbisch Gmünd stellt fest:

"Insgesamt, im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten, steht Stuttgart sehr gut da; Stuttgart und München, beides Städte in sehr strukturstarken Regionen, die den Deutschen und den Migranten auch sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten. "

Die Forscherin nennt die erste Voraussetzung für erfolgreiche Migration: Der verhältnismäßige Wohlstand in Stuttgart und Umgebung. In den 60er-Jahren war die Region mit den großen Arbeitgebern Daimler, Bosch und Porsche hungrig nach Arbeitskräften aus dem Süden. Damals kam ein großer Strom Italiener, Jugoslawen und Türken in den Großraum Stuttgart und fand gute Arbeit in der Industrie. Das Besondere an Stuttgart ist heute, dass der Anteil der gewerblichen Arbeitsplätze hier über die Jahrzehnte groß geblieben ist, während er in anderen Regionen kontinuierlich zurückgegangen ist. Der Stuttgarter Integrationsbeauftragte Gari Pavkovic sieht es so:

"Arbeit ist mit der wichtigste Integrationsmotor, und da ist die Ausgangslage in Stuttgart, München oder Frankfurt besser als in manchen Städten in Nordrhein-Westfalen oder in Berlin. Das war von Anfang an die erleichterte Situation. ""

Die Arbeitsbedingungen bei Daimler, Bosch oder Porsche waren in Stuttgart überdies so gut, dass keineswegs nur Migranten oder damals Gastarbeiter an den Bänder standen, sondern auch ganz normale Deutsche. Es gab also kein zwangsläufiges hierarchisches Gefälle zwischen Migranten und Deutschen, sondern sie waren ganz einfach Kollegen.

"Introvertierte Herzlichkeit"

Ein Übriges für die Integration der Migranten tat die schwäbische Mentalität. Wenn der Schwabe etwas nicht kennt, beäugt er es zwar zunächst mal misstrauisch. Aber irgendwann kennt er es dann und kann es auch würdigen. Der Integrationsbeauftragte Pavkovic erklärt es so:

""Schwaben haben so etwas wie eine introvertierte Herzlichkeit. Sie haben nicht diese Lockerheit oder Weltoffenheit, die man den Berlinern, Kölnern oder Hamburgern als Kosmopoliten nachsagt. Aber Schwaben schätzen Leistung und Verlässlichkeit. Und dieser Arbeitsethos, der vielleicht hier ausgeprägter ist, diese - früher hat man gesagt - protestantische Leistungsethik, das haben die Migranten-Communities genauso verinnerlicht. Arbeit ist wichtig und Verantwortung für die Gemeinschaft ist wichtig. Das sind Dinge, die als Werte hier anerkannt werden. ""

Das, was Pavkovic als protestantische Leistungsethik bezeichnet, traf sich mit dem Wunsch der ersten Gastarbeitergeneration, in möglichst kurzer Zeit möglichst gut zu verdienen, und es entstand so etwas wie gegenseitige Anerkennung.

Das also waren die Voraussetzungen dafür, dass Integration in Stuttgart gelingen konnte: Mentalität, Wirtschaftskraft und trotz des verschlafenen Images der Schwabenhauptstadt ein liberales Grundklima, für das besonders der frühere Oberbürgermeister Manfred Rommel steht.

Aber hinzu kam noch ein weiterer wichtiger Faktor, nämlich die aktive Integrationspolitik, die die Stadt seit 2001 betreibt. Forscherin Sandra Kostner:

""Integrationspolitik, so wie sie eben auch in die Stadt hereingetragen wird, spielt eine große Rolle, und da ist Stuttgart sicher ein Leuchtturm in Deutschland, das sieht man auch daran, wie oft Herr Pavkovic eingeladen wird, wie oft er auf Kongressen spricht, wie viele Veröffentlichungen er hat. Also dadurch wird Stuttgarter Integrationspolitik auch bundesweit wahrgenommen. Es waren schon sehr wichtige Signale in die Stadtgesellschaft hinein, dass Integration eine große Rolle spielt, dass Vielfalt geschätzt wird, und dass die Stadt auch für alle Stadtbürger gleiche Chancen zur Teilhabe schaffen möchte. ""

Stadtpolitischer Paradigmenwechsel

Und diese aktive Integrationspolitik ist in Stuttgart besonders mit dem Namen des jüngst aus dem Amt geschiedenen Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster verbunden. Schuster kam 1997 ins Amt und leitete 2001 einen vollständigen Paradigmenwechsel in der kommunalen Politik gegenüber Migranten ein. War zuvor immer von Ausländerpolitik die Rede, die ja davon ausgeht, dass es auf der einen Seite In- und auf der anderen Seite Ausländer gibt, so war die Grundannahme der neuen Integrationspolitik, dass alle in einer Stadtgesellschaft zunächst mal Stuttgarter sind:

Wolfgang Schuster: ""Wir alle bilden gemeinsam die Stadtgesellschaft. Und daher war es als erstes für mich wichtig, die immer weniger bedeutende Frage des Passports nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern zunächst mal zu sagen: Alle, die in Stuttgart leben sind Stuttgarter."

Dieser Paradigmenwechsel hatte weitreichende Folgen. Für die Stadt auf der einen Seite, denn sie hatte nun die Verantwortung dafür, dass alle Stuttgarter Migranten auch die Chance bekommen, am städtischen Leben teilzuhaben.

Auf der anderen Seite war es aber auch an den Migranten, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.

Wolfgang Schuster: "Es geht darum, welche Potenziale der einzelne einbringen kann. Sei es am Arbeitsplatz, oder in unsere Stadtgesellschaft als ehrenamtlich Tätiger, als politisch interessierter."

Das Stadtklima sollte sich verändern - oder anders formuliert, die Ansätze, die es schon vorher gab, wo sich Migranten in das Gemeinwesen eingebracht haben, sollten gewürdigt und ausgeweitet werden. Sehr deutlich wurde die neue Politik, als Schuster den kommunalen Ausländerbeauftragten trotz lauter Kritik abschaffte und statt dessen einen Integrationsbeauftragten, nämlich Gari Pavkovic, installierte.

Sein Job war es einerseits zu helfen, wenn Menschen Hilfe bei der sozialen Integration brauchen. Andererseits aber sollte er sehr bewusst die kulturelle Vielfalt fördern. Denn die kulturelle Vielfalt ist für Schuster einer der Faktoren die Stuttgart erfolgreich gemacht haben.

Wolfgang Schuster: ""Fortschritt, kultureller Fortschritt, geistiger Fortschritt und letztlich damit natürlich auch wirtschaftlicher Fortschritt und technologischer Fortschritt, was ja in Stuttgart eng miteinander verbunden ist, gibt es ja nur aus einem kreativen Prozess und damit aus einem Spannungsfeld, dass Gottseidank nicht jeder den gleichen Kopf hat, denn sonst gäbe es keine Möglichkeit, was Neues zu gestalten. Und daher denke ich, es ist ganz wichtig, dass man das, was man heute als Diversity Management bezeichnet, dass wir das begreifen, aufnehmen und als große Chance und Bereicherung sehen. "

Gezielte Förderung

Aus diesen Grundannahmen ergaben sich für den Integrationsbeauftragten Pavkovic drei große Handlungsfelder: Erstens bedarfsgerechte Bildungsangebote für die Migranten, wie zum Beispiel Sprachkurse. Zweitens ein Klima zu schaffen, das Migranten ermutigt, ihre eigene Kultur ins städtische Leben einzubringen, und drittens die Stadtverwaltung selbst für Migranten zu öffnen.
Thema Eins: Die Bildung. 2001 war die erste PISA-Studie erschienen, die Deutschland attestiert hatte, dass die Bildungschancen für Migranten miserabel waren. Gari Pavkovic:

"Wenn fast 60 Prozent der jungen Stuttgarter ausländische Wurzeln haben und damals über die Hälfte von ihnen nach der Grundschule auf die Hauptschule wechselt und nur 10 Prozent das Abitur machen, dann haben wir eine negative Entwicklung. Stuttgart muss, um zukunftsfähig sein, einen Schwerpunkt im Bildungsbereich legen. Und das war auch der Start damals wo alle Fraktionen gesagt haben, es geht hier nicht um Gutmenschentum, sondern es geht um die Interessen der Stadt als Ganzes, und dann sehr viel Geld investiert wurde in den Ausbau der Sprachförderung, der Bildungsförderung schon in der Kita. "

Es gab kommunale Deutschkurse in Kindergärten und Schulen, Lernbegleiter für Schüler mit Sprachproblemen während der gesamten Schulzeit - und die Erfolge stellten sich sichtbar ein. Beispielsweise hat sich der Anteil der Abiturienten mit Migrationshintergrund in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt.

Die offene Stadt

Eine wichtige Rolle bei der Sprachförderung, vor allem aber bei dem zweiten Baustein der Integrationspolitik, der Einbeziehung der Migranten in die Stadtgesellschaft, spielen die Kulturvereine der Migranten.

Gari Pavkovic: "Als ich angefangen, haben die Migrantenkulturvereine sich in erster Linie als Bewahrer ihrer Heimatkultur, Heimsprache, Heimatreligion angesehen: Identitätswächter. Wir haben gesagt: Ihr sein Bürgervereine in Stuttgart, ihr gehört zu dieser Gesellschaft und wir erwarten von euch, dass ihr euch für das hier und jetzt, für das Leben hier interessiert. "

Aber das war nur die eine Seite. Es funktionierte nur, weil sich die Stadt auf der anderen Seite auch für die Vereine öffnete, und ihre Arbeit mit den Möglichkeiten, die eine Kommune hat, würdigte. Ein Beispiel dafür ist das Festival der Kulturen, wo der zentrale Platz der Landeshauptstadt fünf Tage den Kulturvereinen gehört.

Gari Pavkovic : "Es sind zwei Seiten, zum einen die Anerkennung der kulturellen Vielfalt und dass die sichtbar wird, dass die islamische Gemeinde, wenn sie will auch das Ramadan-Fest im Rathaus feiern kann, Das ist der erste Schritt. Die Anerkennung de Verschiedenheit. Dann kommt der zweite Schritt: Was ist das gemeinsame? Was könnt ihr zu dem Gemeinsamen beitragen? Und in diese Verbindung funktioniert das. "

Der dritte Teil der Integrationspolitik ist die Öffnung der Stadtverwaltung für Migranten. Die Begründung dafür ist, so Ex-OB Wolfgang Schuster, ganz einfach:

"Ich kann nicht erwarten, dass einer Steuern bezahlt, und das ist nicht nur einer, sondern das sind 40 Prozent unserer Bevölkerung, die ihre Steuern bezahlen und deshalb haben die zurecht den Anspruch darauf, eine Leistung zu bekommen, die ihren Bedürfnissen möglichst gerecht wird. Und dazu brauche ich diese interkulturell orientierte Stadtverwaltung. "

Das Ziel ist, das Angebot der Stadt an ihre Bürger barrierefrei für Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund zu machen. Und dazu gehört nicht nur die Stadtverwaltung im engeren Sinn, sondern auch das gesamte kulturelle Angebot einer Großstadt, das bis vor gar nicht so langer Zeit fast ausschließlich von Stuttgartern mit deutschen Wurzeln genutzt wurde:

Gari Pavkovic : "Und dass das Stuttgarter Kulturamt hier in hohem Maß auch Migrantenkulturinitiativen fördert, war der erste Schritt. Der zweite Schritt ist, dass inzwischen auch die Theater die Staatsgalerie, die Stadtbücherei auch überlegt, wie können wir unsere Angebote attraktiv machen auch für Bevölkerungsanteile, die normalerweise nicht in Theater, Galerien oder Bibliothek gehen. "

Die Stadt trägt mit ihrer Integrationspolitik vielfach zum besseren Zusammenleben von Stuttgartern mit und ohne Migrationshintergrund bei, aber am Ende kann sie mit ihren Mitteln nur anschieben, befördern und unterstützen. Die Arbeit machen die Migranten und ihre Vereine selbst, machen deutsche Vereine, die sich für Migranten öffnen und ihnen Unterstützung anbieten, und die Arbeit macht natürlich die Wirtschaft.

Nejdet Niflioglu ist der Chef des sogenannten Daimler Türk Treffs. Es ist ein Mitarbeiternetzwerk, das sich vor über 20 Jahren gegründet hat, dem ursprünglich nur Türken angehörten, das sich aber mittlerweile auch für alle anderen Herkunftsländer geöffnet hat. Niflioglu spricht von drei Migrantengenerationen bei Daimler, und diese drei Generationen stehen für ihr Ankommen in der Stuttgarter Gesellschaft:

Nejdet Niflioglu: "Wir haben diese Fälle der Migranten, die als Bauern, als ungelernte Menschen uns gekommen sind, ihren Söhnen und Töchtern eine Berufsausbildung ermöglicht haben, die wiederum ihren Söhne und Töchtern ein Studium hier ermöglicht haben. Und diese Menschen sind weiterhin bei uns beschäftigt.

Das zeigt natürlich auch ein ganz klares Bild des sozialen Aufstiegs. Auf der einen Seite dass diese Möglichkeit geschaffen wurde auf Seiten der Industrie durch uns, in diesem Fall den Daimler, auf der anderen Seite die Bereitschaft dieser Menschen, an ihren Lebensumständen auch tatsächlich etwas zu ändern, was sie tatsächlich geschafft haben."

Unternehemen profitieren von 'Diversity'

Daimler wie auch andere Unternehme im Großraum Stuttgart haben ihrerseits für die Qualifikation gerade von Migranten gesorgt, denn den Unternehmen war weit früher als dem Rest der Gesellschaft klar, dass sie ihren Fachkräftebedarf nur befriedigen können, wenn sie sich gezielt um Migranten bemühen. Zudem ist Daimler global aufgestellt, und profitiert folglich vom kulturellen Knowhow der Migranten.

Nejdet Niflioglu: "Wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, dass wir nicht allein für den deutschen Markt sondern für einen weltweiten Markt produzieren und die Modelle sich dabei kaum oder nur ganz marginal unterscheiden, dann scheinen wir ja den Geschmack der Welt getroffen zu haben. Und das hat natürlich auch seine Ursachen. Eine dieser Ursachen ist, dass wir die Vielfältigkeit unserer Kunden weltweit auch in der Vielfältigkeit unserer Mitarbeiter darstellen."

Und schließlich profitieren die Unternehmen von dem, was Neudeutsch Diversity Management genannt wird. Wenn unterschiedliche Köpfe versuchen, ein Problem zu lösen, sind die Chancen auf gute Ergebnisse besser, als wenn es gleiche Köpfe versuchen. Vielfalt schafft Kreativität - und so wird der berühmte Schwäbische Erfindergeist bei Daimler, Porsche, Bosch und vielen anderen längst durch ein multikulturelles Brainstorming beflügelt.

Migrantenwirtschaft

Davon profitiert auch die sogenannte Migrantenwirtschaft, die ihrerseits zur Integration beiträgt. Natürlich haben die Migranten der zweiten und dritten Generation nicht nur in den traditionellen Unternehmen Karriere gemacht, sondern gerade in Stuttgart haben sich viele selbstständig gemacht. Inzwischen liegt der Anteil von Unternehmensneugründungen durch Menschen mit Migrationshintergrund bei knapp 40 Prozent.

Gari Pavkovic : "Wir haben eine hohe Rate von Migranten als Selbstständigen, von Unternehmern, also nicht nur in der klassischen Ethnoökonomie, von Einzelhandel und Gastronomie, wir haben sehr viele akademische, also wissensintensive Selbstständige, und die generieren Arbeitsplätze, sie sind auch wichtig für den Austausch der Wirtschaftsregion Stuttgart mit den Herkunftsländern. "

Und da ist es wieder, das Geben und Nehmen, das so etwas wie der Markenkern der Integrationswirklichkeit in Stuttgart ist. Die Stadt versucht, unter anderem durch besondere Angebote der Verwaltung an Existenzgründer, Menschen mit Migrationshintergrund den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Die Selbstständigen ihrerseits schaffen Arbeitsplätze und sorgen für gute Kontakte nach Italien oder in die Türkei oder nach

Als ein Bespiel besonders gelungener Integration gilt in Stuttgart allerdings ein besonderer Fall von dem, was Pavkovic als Ethnoökonomie bezeichnet. Es geht um die traditionsreiche Gaststätte Murrhardter Hof am Stuttgarter Wilhelmsplatz.

Das Restaurant ist bekannt für seine schwäbischen Spezialitäten. Maultaschen, Linsen und Spätzle oder Rostbraten, dazu Trollinger oder Riesling aus dem Neckar- oder aus dem Remstal. Das Besondere dabei ist nur, dass der Wirt und Küchenmeister Burhan Sabioglu heißt und 1970 nach Deutschland gekommen ist. Eigentlich wollte er nach fünf Jahren Fortbildung zurück nach Istanbul:

"Nach ein Jahr später habe ich hier Bekannte gehabt und durch diese Beziehung bin ich in Stuttgart gelandet. Seitdem bin ich in Stuttgart, also 1970 bis heute, also praktisch 43 Jahre. "

Natürlich bezeichnet sich Burhan Sabioglu heute als Stuttgarter und man kann sich mit ihm, sogar besser als mit vielen anderen Stuttgartern, über eines der ganz wichtigen Themen in Schwaben unterhalten: Was gehört in die Füllung einer Maultasche?

Burhan Sabioglu: "Ja fast die Hälfte Spinat, Speck, geräucherter Bauchspeck, je nachdem, wenn man 20 Kilo Hackfleisch hat, nimmt man so etwa fünf Kilo Speck, und als sehr viel Majoran, Zwiebeln. Dann, damit der Teig zusammenhält, leider auch zweieinhalb bis drei Kilo Brät. "

Viel wichtiger als das Rezept für die Maultaschenfüllung, ist für Burhan Samioglu aber ein anderes Rezept. Sein Rezept, um Türke zu bleiben und dennoch Stuttgarter zu werden, mit allem was dazu gehört. Mit Häusle, mit Mercedes und natürlich jeden Samstag mit Kehrwoche:

Burhan Sabioglu: "Man muss erst mal selbst offen sein, ehrlich sein, fleißig sein, also keine zwei Gesichter. Man kann auch seine Meinung sagen, aber wie gesagt, fleißig und ehrlich. Dann haben Sie gewonnen. As ist das Erfolgsrezept. Sonst gar nix. "

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