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Dienstag, 12.12.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.02.2017

Harry G. Frankfurt: "Bullshit"Manifest gegen das Nonsens-Gerede

Von Sieglinde Geisel

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Cover - Harry G. Frankfurt: "Bullshit" (Suhrkamp Verlag / picture alliance / dpa / Albin Lohr-Jones / Pool)
Erfinderin der "alternativen Fakten": Trump-Beraterin Kellyanne Conway (Suhrkamp Verlag / picture alliance / dpa / Albin Lohr-Jones / Pool)

Das Bowling-Green-Massaker, "alternative Fakten", Obama als IS-Gründer: Der "Bullshit" hat derzeit Hochkonjunktur in den USA. Was ihn von der Lüge unterscheid und was ihn so gefährlich macht, analysierte der US-Philosoph Harry G. Frankfurt bereits 1986.

Bullshit, das stellt Frankfurt gleich klar, ist mehr als eine bloße Lüge, und er beginnt seine "theory of bullshit" denn auch mit einer Definition, in Abgrenzung zur Lüge: "Wer eine Lüge erfinden will, muss glauben, die Wahrheit zu kennen." 

Im Gegensatz zur Lüge, die ohne Wahrheit nicht denkbar ist, weiß der Bullshit mit der Wahrheit schlicht nichts anzufangen. Frankfurt: "Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit, wie die Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits." 

Weder Wahrheit noch Lüge

Die Lüge produziert eine Falschheit, der Bullshit besteht in einer bloßen Fälschung – eben das, was wir heute "Fake" nennen. Diese Fälschung jedoch ist weder Lüge noch Wahrheit. Gegenüber der Fälschung ist die Lüge geradezu ehrlich, dort weiß man, was man hat. Für den Bullshit jedoch gilt: "Obwohl er ohne Rücksicht auf die Wahrheit produziert wird, muss er durchaus nicht unwahr sein. Der Bullshitter fälscht Dinge. Aber das heißt nicht, dass sie zwangsläufig falsch sind." 

Der Bullshit sagt nicht nur etwas anderes als die Lüge, er funktioniert auch anders. Während die Lüge auf einen Brennpunkt zielt, wird der Bullshit breit gestreut. Wer vor einer glatten Lüge zurückschreckt, kann sich mit Bullshitten durchmogeln. "Dazu bedarf es nicht nur der einmaligen Produktion von Bullshit, sondern eines regelrechten Programms zur Produktion von so viel Bullshit, wie die jeweiligen Umstände es erfordern", so Frankfurt.

Ein bekanntes Beispiel liefert Donald Trump:

"President Obama – he is he founder of ISIS, he is the founder of ISIS.
 Okay? He's the founder! He founded ISIS."

Frankfurt konstatiert: "Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen." 

Ist Donald Trump zur Lüge überhaupt fähig?

Ursprünglich ist Bullshitten also eine Übersprunghandlung, anzuwenden im Fall von Überforderung. Bullshit ist immer Mittel zum Zweck: Wer etwa Statements über Dinge abgibt, von denen er nichts versteht, will klüger erscheinen, als er ist. "Er wählt die Fakten einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, dass sie seiner Zielsetzung entsprechen", schreibt Frankfurt. Das kann man auch vom politischen Bullshitter sagen, denn der Übergang vom bloßen Geschwafel zum politisch manipulativen Bullshit ist fließend. Ein versierter Schwafler lässt die Frage nach der Wahrheit gar nicht erst aufkommen: "Der Bullshitter verbirgt vor uns, dass der Wahrheitswert seiner Behauptung keine besondere Rolle für ihn spielt." 

Ist Donald Trump zur Lüge überhaupt fähig? Dazu müsste er ja, nach Harry G. Frankfurt, ein Bewusstsein der Wahrheit haben. Doch gerade dies ist beim habituellen Bullshitter gefährdet.  Frankfurt: "Wenn jemand sich exzessiv dem Bullshitten hingibt, also nur noch danach fragt, ob Behauptungen ihm in den Kram passen oder nicht, kann seine normale Wahrnehmung der Realität darunter leiden oder sogar verloren gehen."

Die Wahrheit verliert ihre Autorität

Umso verheerender, dass Bullshit ansteckend ist: Je öfter die Wahrheit ungestraft ignoriert wird, desto leichter lässt sie sich auch ignorieren. Sie verliert ihre Autorität. In den sozialen Medien ist ein Diskurs entstanden, der weitgehend ohne Argumente auskommt. Lügen kann man aufdecken. Behauptungen jedoch, die sich um die Realität nicht scheren, wirken wie eine Nebelmaschine, sie sind gegen jede Widerlegung immun. 

"The truth is that it stopped immediately. It was amazing. And then it became really sunny and then I walked off and it poured right after I left. It poured!"

Ein Fake ist ein Fake ist ein Fake – und im Netz erreichen Fakes mehr Nutzer als die Wahrheiten. Trump ist großes Kino – gerade weil er all diese unglaublichen Dinge tut und sagt. Der Lügner bleibt beim Lügen an der Leine der Wahrheit, der Bullshitter kann da eine ganz andere Kreativität spielen lassen. Seine Kreativität sei unabhängiger, so Frankfurt. "Sie ist breiter und unabhängiger, bietet größeren Raum für Improvisation, Farbe und Phantasie. Hier geht es weniger um Geschicklichkeit als um Kunst."

Trump ist ein klassischer "bullshit artist"

Trump ist ein klassischer "bullshit artist": Er tobt sich aus im Gelände von wahr und falsch, zusammen mit seiner Crew, die nicht nur mitspielt, sondern selbst kreativ wird, in offiziellen Regierungsstatements wie in Fernsehinterviews.

Beispiel Kellyanne Conway und ihre "alternative facts":
 
"You are saying these are falsehoods, but Sean Spicer, our press secretary, gave … alternative facts" – "Wait a minute. Alternative facts? Look, alternative facts are not facts – they are falsehoods."

Der Unterhaltungswert von Fake-News lässt sich nicht bestreiten – doch es ist ein gefährliches Vergnügen, für die Künstler wie für ihr Publikum. Die Realität nämlich kümmert sich um den Bullshit so wenig wie umgekehrt: Der Klimawandel etwa wird sich nicht durch die Behauptung stoppen lassen, er sei eine Erfindung der Chinesen. Im Jahr 2006 veröffentlichte Harry G. Frankfurt übrigens einen Folgeband zu "On Bullshit": "On Truth". Wer die Wahrheit verachte, so lautet seine Erkenntnis, verachte auch sein eigenes Leben. 

Harry G. Frankfurt: Bullshit
Suhrkamp, Berlin 2014
47 Seiten, 4,99 Euro

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