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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.02.2011

Gewalt gehört zu unserem Leben

Wenn der Mann von nebenan zum Mörder wird

Von Jörg Baberowski

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Im Krieg zeigen sich extreme Formen der Gewalt. (AP)
Im Krieg zeigen sich extreme Formen der Gewalt. (AP)

Wir sind irritiert, wenn wir von den Massakern und Gewalttaten hören, die weitab unserer Lebenswelt verübt werden. Wir halten den Krieg und das Töten für eine Anomalie, denn der Glaube an die Gewaltlosigkeit hilft uns dabei, die Wirklichkeit auszuhalten.

Menschen, die im Frieden leben, wollen nicht glauben, dass der Mann von nebenan auch zum Mörder werden kann, und dass der Krieg, wenn er erst einmal ausgebrochen ist, einer Logik gehorcht, die sich von Glaubenssätzen, Motiven oder Argumenten nicht beeinflussen lässt. Und wenn dennoch geschieht, was niemand für möglich hält, beginnt gewöhnlich die Suche nach Gründen, die das Geschehene auf eine Weise erklärt, das man nicht verzweifeln muss. Ideen und Überzeugungen hätten den Gewalttätern die Hand geführt, Armut und Unterdrückung, Depressionen und mangelndes Selbstvertrauen sie gezwungen, gewalttätig zu werden. In den meisten Interpretationen sind Gewalttäter Menschen, die von Normen abweichen, weil sie Gründe hatten, so und nicht anders zu handeln. Menschen können besser werden, wenn man ihnen gut zuredet und ihre Lebensverhältnisse so einrichtet, dass sie keinen Grund haben, gewalttätig zu sein, so könnte man zusammenfassen, worauf der Glaube an die Zivilisation beruht. Eine schöne Idee, zweifellos, die allerdings allen Erfahrungen widerspricht. Denn die Gewalt war schon immer und überall eine Möglichkeit, vor Tausend Jahren ebenso wie heute, und kein Zivilisationsprogramm hat Menschen je daran gehindert, zu verletzen und zu töten. Der Mensch wird nicht, was er ist, er ist immer schon komplett gewesen.

Die Quelle der Gewalt liegt auf dem Grund der Vorstellungskraft. Wir können uns jede Grausamkeit vorstellen, und was sich einmal in das Gedächtnis eingegraben hat, das bekommt man aus ihm auch nicht wieder heraus. Wir müssen nicht töten und verletzen, aber wir können es. Wer im Krieg lebt und jeden Tag damit rechnen muss, von anderen getötet oder verletzt zu werden, wird sogleich verstehen, was damit gemeint ist. Wenn die Gewalt spricht, ist nichts mehr wie zuvor, weil sie menschliche Beziehungen neu strukturiert. Es kommt deshalb darauf an, die Situation genau zu beschreiben, in der sich die Gewalt entfaltet. Dann wird man verstehen, dass nicht Ideen, Ideologien, Strukturen und Mentalitäten Gewalt verursachen, sondern die Situation darüber entscheidet, ob und wie die Gewalt sprechen wird.

Nun kann ein Täter, der Menschen tötet, terrorisiert und misshandelt, arbeitslos oder Anarchist sein oder an schlechter Verdauung leiden, aber dieses Wissen wird uns nicht helfen, zu verstehen, was geschieht, wenn die Gewalt außer Kontrolle gerät. Die Arbeitslosigkeit führt dem Täter nicht die Hand, denn wenn es so wäre, bräuchten wir keine Gewaltforschung. "Weshalb", fragt Wolfgang Sofsky, "gibt es nicht Millionen von Gewalttätern, obwohl es Millionen von Depressiven, Waffennarren, Horrorfilmenthusiasten, Ehegeschädigten oder Arbeitslosen gibt?" Die Antwort lautet: weil nicht jeder die Chancen nutzt, die sich ihm bieten und weil das Töten und Verletzen überhaupt nicht davon abhängt, was einer denkt oder meint.

Wir müssten, wenn wir das Geschehen verstehen wollen, vielerlei wissen: Was geschah, bevor der Täter Gewalt einsetzte? War er bewaffnet und hatte er Komplizen? Trugen die Opfer Waffen? Denn die Waffen der einen entscheiden über die Möglichkeiten der anderen. Musste der Täter mit Gegenwehr oder Bestrafung rechnen oder konnte er sich in Sicherheit wiegen, weil erlaubt war, was er tat oder weil die Gegner sich nicht wehren konnte? Aus der Perspektive gesellschaftlicher Ursachenforschung kann das Verhältnis zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern überhaupt nicht beschrieben werden.

Nach der Gewalt haben sich Täter, Opfer und Zuschauer verändert, weil sich die Bedingungen verändert haben, unter denen Menschen einander begegnen können, und sie wissen, dass es so ist. Gewalt zerstört Vertrauen, die Überlebenden werden gekennzeichnet sein, für immer wird sich die Gewalterfahrung in ihrer Erinnerung festsetzen und ihr Handeln beherrschen. Das wissen auch die Täter, die, wenngleich sie siegreich waren, dennoch mit Rache oder Vergeltung rechnen müssen. Die Gewalt erzeugt Anschlusszwänge. Um nichts anderes geht es also, als um die Situation und ihre Menschen.

Was damit gemeint ist, hat Jan-Philipp Reemtsma in seinem Buch "Gewalt und Vertrauen" beschrieben. Was wohl geschehen werde, fragt er, wenn die Regierung erklärte, die Staatsgewalt sei für die Dauer von zwei Wochen außer Kraft gesetzt? Wer würde dann noch im Vertrauen darauf, nicht umgebracht oder ausgeraubt zu werden, auf die Straße gehen? Was würde geschehen, wenn es zu einem Konflikt käme? Würde man sich verteidigen können und wer würde im Ernstfall helfen? Macht hätte jetzt nur noch, wer imstande wäre, sich selbst zu verteidigen. Der Nachteil verminderter Intelligenz lässt sich in solchen Situationen also durch Muskelkraft, Entschlossenheit und Skrupellosigkeit kompensieren. Die Welt ist auf den Kopf gestellt, der Zusammenbruch der Ordnung die Stunde der Skrupellosen und Entschlossenen, die sich ermächtigen, zu tun, was andere nur zu denken wagen. Wenige Entschlossene können, wenn die Umstände es ihnen erlauben, das Leben der Vielen zur Hölle machen. Wenn also die Schleusen geöffnet und die Sicherungen entriegelt werden, weil entweder die Ordnung zusammengebrochen ist oder die Staatsgewalt beschlossen hat, grenzenlosen Terror auszuüben, verwandelt sich der öffentliche Raum in einen Gewaltraum. "Wo die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt", schrieb Sigmund Freud an Albert Einstein, "hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Rohheit, deren Möglichkeiten man mit dem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte."

Jörg Baberowski, geboren 1961, ist seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem "Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus".

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