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Montag, 11.12.2017

Interview | Beitrag vom 12.08.2017

Genforschung Wo kommen die Linkshänder her?

Sebastian Ocklenburg im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Schere schneidet Papier (dpa/picture alliance/Christina Sabrowsky)
Warum Menschen mit ihrer rechten oder mit ihrer linken Hand zu Schere greifen, beschäftigt die Wissenschaft. Sie untersucht ganz unterschiedliche Fertigkeiten. (dpa/picture alliance/Christina Sabrowsky)

Ein Linkshänder-Gen gibt es nicht, sagt der Biopsychologe Sebastian Ocklenburg. Aber für die Forschung sind noch viele Fragen ungeklärt, warum jemand Rechts- oder Linkshänder wird. Verschiedene Gene spielen eine Rolle, aber auch Umweltfaktoren.

"Es gibt da eigentlich ganz gute empirische Daten, die dafür sprechen, dass es auf jeden Fall auch eine genetische Komponente gibt", sagte der Biopsychologe Sebastian Ocklenburg  im Deutschlandfunk Kultur über die Forschung über Links- und Rechtshänder. Bei linkshändigen Eltern sei es sehr wahrscheinlich, dass sie das an ihr Kind vererben. "Wir wissen auch, dass eineiige Zwillinge eine höhere Chance haben, die selbe Händigkeit zu haben wie der andere Zwillingspartner." Die Forscher setzen sich intensiv damit auseinander, welche Gene dabei eine Rolle spielen.

Interessante Mischformen

"Früher dachte man, es gibt da so ein Gen, das sogenannte Linkshänder-Gen und das konnte dann in molekularen Studien  nicht bestätigt werden",  sagte der Wissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum anlässlich des morgigen Welt-Linkshändertages. Heute gehe die Wissenschaft davon aus, dass verschiedene Gene eine Rolle spielten, aber auch Umweltfaktoren. Es gebe auch viele Menschen, die Mischformen der Händigkeit zeigten. Bis heute sei es eine der großen, offenen Forschungsfragen, warum es weniger Linkshänder als Rechtshänder gebe, sagte Ocklenburg. Nur rund zehn Prozent der Bevölkerung sind Linkshänder.  


Das Interview im Wortlaut:

Julius Stucke: Es gibt auf dieser Welt Linkshänder, es gibt Rechtshänder, jetzt könnte man sagen, was soll's, so what, es gibt ja auch Leute mit blauen Augen und mit grünen Augen, aber ganz so einfach ist es nicht bei der Frage, welches Händchen, da haben wir Menschen so sehr viel reingelegt. Linkshänder wurden zu manchen Zeiten und Orten diskriminiert, wurden zum Teil ja sogar umerzogen.

Dann finden wir es sprachlich wieder: linkisch oder zwei linke Hände, eine durchaus negative Zuschreibung. Also die Mehrheit der Rechtshänder war nicht immer nett zur Minderheit der Linkshänder. Auch daran erinnert der morgige Weltlinkshändertag. Aber wissen wir überhaupt, warum jemand Links- oder Rechtshänder ist? Ich habe Sebastian Ocklenburg gefragt, Biopsychologe an der Ruhr-Uni Bochum.

Sebastian Ocklenburg: So richtig wissen wir das noch nicht zu hundert Prozent, aber wir sind dabei, das herauszufinden. Es gibt da eigentlich ganz gute empirische Daten, die dafür sprechen, dass es auf jeden Fall auch eine genetische Komponente gibt. Wenn wir zum Beispiel Familien angucken, da sieht man, dass zwei linkshändige Eltern eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, auch ein linkshändiges Kind zu bekommen. Und wir wissen, dass zum Beispiel eineiige Zwillinge auch eine höhere Chance haben, dieselbe Händigkeit zu haben wie der andere Zwillingspartner.

Also es scheint hier auf jeden Fall einen vererbbaren Faktor zu geben, und wir in unserer Forschung haben uns intensiv damit auseinandergesetzt, welche Gene da eigentlich eine Rolle spielen. Früher dachte man immer, es gibt da so ein Gen, das sogenannte Linkshändergen, das konnte dann in molekularen Studien nicht bestätigt werden. Also es konnte nicht gezeigt werden, dass es jetzt so ein Gen gibt, das alle Linkshänder haben, sondern wir gehen heute davon aus, dass es verschiedene Gene gibt, die eine Rolle spielen für die Entstehung der Händigkeit, und dass es darüber hinaus aber auch Umweltfaktoren gibt, die eine Rolle spielen, ob man eben Links- oder Rechtshänder wird.

Verschiedene Händigkeit

Stucke: Also eine Mischung aus mehreren Sachen dann doch, das heißt, man wird aber zumindest klar als Rechts- oder Linkshänder geboren, oder ist da am Anfang schon noch Spielraum?

Ocklenburg: Ja, ganz so klar ist es nicht. Erst mal muss man vielleicht sagen, dass wir in der Forschung jetzt nicht nur einfach zwischen Links- und Rechtshändern unterscheiden, sondern dass es da auch ein ganzes Spektrum von unterschiedlichen Arten der Händigkeit gibt, also dass es im Prinzip …

Stucke: Ich kann nicht mal Zähne putzen mit rechts oder so.

Ocklenburg: Es gibt einige Leute, die schreiben mit der linken Hand, die machen auch alles andere immer mit der linken Hand. Das sind dann die sogenannten konsistenten Linkshänder. Genauso gibt's konsistente Rechtshänder. Aber es gibt eben auch alles dazwischen, und wir setzen dann zum Beispiel in der Forschung umfangreiche Fragebögen ein, bei denen wir die Leute nach allen möglichen Dingen fragen, die man mit den Händen machen kann, also zum Beispiel: Wie halten Sie das Messer, wie zünden Sie ein Streichholz an, wie benutzen Sie einen Dosenöffner, wie benutzt man eine Computermaus und so weiter und so fort.

Und da zeigt sich eben, dass es auch andere Formen der Händigkeit als die Links- und die Rechtshändigkeit gibt, nämlich einmal, dass es die sogenannte Gemischthändigkeit gibt, also dass es Leute gibt, die können einige Aufgaben sehr gut mit der linken, andere sehr gut mit der rechten. Es gibt sehr, sehr selten das, was man Ambidexterität nennt, also dass die Menschen quasi mit beiden Händen exakt gleich gut sind – das gibt es, aber das ist viel, viel seltener, als man das so denkt. Und es gibt natürlich auch so Mischformen, wo Leute dann viele Aufgaben mit der rechten Hand machen, aber einige mit der linken.

Von daher verwendet man in der Forschung immer einen sogenannten Händigkeitsquotienten, also man macht einen langen Fragebogen zu verschiedenen Aufgaben, die man mit den Händen durchführen kann, und berechnet dann einen Punktwert, der ist so zwischen minus 100, das bedeutet konsistent linkshändig, plus 100, das bedeutet konsistent rechtshändig, und so kann man dann einschätzen, wo auf diesem Spektrum der Händigkeit sich die individuelle Person bewegt.

Offene Forschungsfrage

Stucke:  Nun gibt es aber diejenigen, die zumindest jenseits der 50 zur einen oder jenseits der 50 zur anderen Seite sind, also wo man eben sagt, Rechts- oder Linkshänder im normalen Sprachgebrauch … da sieht man ja, dass es sehr, sehr viel weniger Linkshänder als Rechtshänder gibt. Haben wir dafür denn auch durch das, was Sie herausgefunden haben, eine Erklärung, oder ist das auch ein Mysterium, warum es ungleich verteilt ist?

Ocklenburg: Das ist natürlich eine der ganz großen offenen Forschungsfragen, und derjenige, der die mal endgültig aufklären wird, kriegt vielleicht mal den Nobelpreis.

Stucke: Gibt's eine Theorie?

Ocklenburg: Auf der molekularen Ebene kann man natürlich sagen, dass es wahrscheinlich so ist, dass die genetischen Variationen, die dann eher zur Linkshändigkeit führen, einfach deutlich seltener sind als die, die zur Rechtshändigkeit führen. Wenn man natürlich jetzt überlegt, was das im Sinne der Evolution bedeutet, also warum ist das so, dass es hier einen Phänotypen gibt, der zu 90 Prozent immer die eine Ausprägung Rechtshändigkeit hat und zu 10 Prozent immer die andere Ausprägung Linkshändigkeit, da gibt es dann verschiedene Ideen zu.

Eine, die relativ verbreitet ist, ist, dass es eine Art Selektion in der Abhängigkeit von der Frequenz des Phänotyps gibt. Da gibt es Kollegen, die forschen dann zum Beispiel in Papua-Neuguinea zu Faustkämpfen und gucken sich dann an, ob dann die jungen Menschen, die mit der linken Hand boxen, vielleicht einen Fitnessvorteil haben in dem, dass sie eher die anderen, die mit der rechten Hand kämpfen, überraschen können und dann eher Kämpfe gewinnen, dass sich das vielleicht langfristig so auswirkt, dass sie einen Vorteil haben.

Diesen Vorteil gibt's aber dann natürlich nur, wenn die Linkshänder relativ selten sind. Sobald dieser Überraschungsmoment aufhört, also dass es keine Überraschung mehr ist, weil es zu viele sind, dann hat es auch keinen Vorteil mehr, sodass es dann eine Art Selektion gibt, die darauf hinarbeitet, dass es eine große Menge mit einem Phänotyp gibt und eine kleine Menge mit einem anderen. Das ist eigentlich natürlich nur eine Idee, die dazu kommuniziert wurde.

Kein Umlernen mehr

Stucke: Also gibt's schon noch eine Menge offene Fragen. Was wir auf jeden Fall wissen, ist, wenn wir auf die Geschichte des Links- und Rechtshändertums gucken in der Gesellschaft, dass jetzt häufig oder über einen langen Zeitraum Linkshänder sogar umgelernt wurden, dass sie dann eben Rechtshänder werden sollten – es ist in der Sprache angelegt, man spricht eben von Sachen, die recht sind, aber eher so linkisch. Da steckt ja noch viel mehr drin als die reine Wissenschaft, da steckt Psychologisches drin. Spielt das in irgendeiner Form in Ihrer Forschung auch eine Rolle, also ist diese psychologische Komponente vielleicht auch eine, die irgendwann die Verteilung verändert?

Ocklenburg: Das ist natürlich so, wie Sie sagen, in Deutschland wurde das bis in die 70er-Jahre hinein weitläufig praktiziert, dass in Schulen die linkshändig schreibenden Kinder umgelernt wurden. Das wird heutzutage natürlich nicht mehr gemacht und ist uns natürlich so als Forscher in diesem Gebiet sehr, sehr wichtig auch, in die Öffentlichkeit zu kommunizieren, dass es absolut nicht mehr falsch ist, Linkshänder zu sein.

Und das gibt's natürlich jetzt vielleicht nicht mehr in Deutschland, aber weltweit schon noch, dass es da sogenannte soziale Stigmata oder soziale Tabus gibt. Also wir wissen, dass es einige afrikanische Gesellschaften gibt, in denen die Anzahl der Linkshänder deutlich unter diesen üblichen 10 Prozent liegt, die es weltweit gibt, weil es da eben dann soziale Stigmata dafür gibt, die linke Hand zu benutzen, dann kulturelle Gründe, und so was wirkt sich dann natürlich auch auf die Daten, die wir messen, aus.

Stucke: Sagt Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe an der Ruhr-Uni Bochum. Vielen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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