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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.07.2016

Franziska Kuschel: "Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser"Medienkampf mit dem Klassenfeind

Franziska Kuschel im Gespräch mit Joachim Scholl

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Historikerin Franziska Kuschel zu Gast bei Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)
Die Historikerin Franziska Kuschel (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Für den Konsum von Westmedien konnte es in der DDR anfangs drastische Strafen geben. Später versuchten die DDR-Oberen, mit Unterhaltung auf den Ost-Kanälen dagegen zu halten. Eine neue Studie zeigt, warum das letztlich nicht geklappt hat.

"Wie sieht denn bei Euch zu Hause die Fernseh-Uhr aus? Hat sie Striche oder Punkte?" Wenn ein Schulkind in der DDR diese Frage des Lehrers unschuldig-wahrheitsgemäß beantwortete, konnten die Eltern echte Schwierigkeiten bekommen. Denn "Punkte" bedeutete: In der Familie wird Westfernsehen geguckt.

Mit dem Konsum westlicher Medien in der DDR hat sich gerade die Historikerin Franziska Kuschel ausführlich beschäftigt. "Schwarzhörer, Schwarzseher, heimliche Leser" heißt ihre Untersuchung, in der sie auch den großen Schau-Prozess 1955 gegen den RIAS aufbereitet. Fünf DDR-Bürger standen vor Gericht, angeklagt, "Agenten" des Senders zu sein.

Ein Urteil änderte Walter Ulbricht persönlich, von lebenslange Haft zur Todesstrafe. In den 1950er- und 1960er-Jahren sei die DDR zum Teil sehr drastisch gegen Konsumenten von Westmedien vorgegangen, sagte Kuschel im Deutschlandradio Kultur.

Die DDR-Führung verlor den Kampf gegen Tagesschau & Co.

Danach schwächte sich der Verfolgungswahn langsam ab. Letztlich wurden alle Versuche, das Gucken der Tagesschau zu unterbinden oder zu kontrollieren, zum Kampf gegen Windmühlenflügel.

Mit einem attraktiveren Fernsehprogramm auf den Ost-Kanälen hatten die DDR-Oberen längere Zeit einen gewissen Erfolg: Wer "Ein Kessel Buntes" schaute, konnte nicht gleichzeitig den Klassenfeind einschalten. Doch auf lange Sicht sei auch diese Strategie nicht aufgegangen, betonte Kuschel.

Der langsame, aber stetige gesellschaftliche Wandel in der DDR spiegelt sich der Historikerin zufolge auch im vermehrten Konsum der westlichen Medien. Die Menschen in Ostdeutschland wurden zunehmend selbstbewusster, selbst im berühmten "Tal der Ahnungslosen" sorgten Satellitenschüsseln irgendwann für Empfang.

Franziska Kuschel: "Schwarzhörer, Schwarzseher und heimliche Leser. Die DDR und die Westmedien"
Wallstein-Verlag, Göttingen 2016
336 Seiten, 24, 90 Euro

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