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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.08.2010

"Die Vereinnahmung ist ja wirklich groß"

Musiker Schorsch Kamerun über Kreative als Wirtschaftsfaktor

Schorsch Kamerun im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Künstler und Clubbetreiber Kamerun sieht sich eher als Anti-Unternehmer. (privat)
Künstler und Clubbetreiber Kamerun sieht sich eher als Anti-Unternehmer. (privat)

Das neue Schlagwort der Kreativen als Wirtschaftsfaktor hat mehrere Aspekte. "Pudel-Clubber" Schorsch Kamerun aus Hamburg begreift sich selbst als Alternative zu dem Unternehmen, das sich kommerziell gibt. Diese Alternativkultur scheint aus sich heraus aber kaum noch zu entstehen, beklagt er, und wenn sie das tut, werde sie eben vereinnahmt. Auch "Punk" sei irgendwann zu einem Label geworden, "was man gut verkaufen konnte."

Stephan Karkowsky: Medien fassen gern zusammen, was an Strömungen in der Welt ist. Das Beobachtete wird gelabelt, etwa die Generation Praktikum oder unlängst noch das akademische Prekariat. Dieser Tage wurde eine neue Gruppe ausgerufen, die noch schwerer zu fassen ist: die kreative Klasse. Den Begriff geprägt hat ein US-Ökonom namens Richard Florida. Er meint, die Kreativen als wichtigen Faktor für das Wirtschaftswachstum entdeckt zu haben. Darüber jubelt nun nicht nur der Kulturstaats-, sondern auch der Wirtschaftsminister.

Ob das Konzept von der kreativen Klasse schon zu Ende gedacht ist und was überhaupt dran ist, das will ich mit Schorsch Kamerun diskutieren, Gründungs- und noch immer Mitglied von Hamburgs ältester Punkband, den Goldenen Zitronen. Guten Tag nach Hamburg!

Schorsch Kamerun: Schönen guten Tag!

Karkowsky: Sie haben als Punk angefangen mit einem Konzept, das von außen so aussah wie Dagegensein. Kritisch sind Sie nach wie vor gegenüber den herrschenden Verhältnissen, zu sehen gibt es das regelmäßig in Ihren Theaterstücken. Fühlen Sie sich eigentlich angesprochen, wenn Florida und andere die Kreativen als Wachstumsmotor beschreiben?

Kamerun: Na ja, ich glaube, wir müssen uns angesprochen fühlen, weil, erstmal der Begriff "Kreativ" war, ja aus unserer Sicht erstmal kein ganz falscher, nur ist er eben zu so einem bestimmten Label geworden. Das ist so ähnlich, wie wir eben Punk in der Punkbewegung angefangen haben, und auch das wurde dann irgendwann ein Label, was man gut verkaufen konnte. Oder es gibt Punkbands, die in Stadien spielen und so weiter. Also es ist immer so ein bisschen die Frage, welchen Nutzen man davon erwartet.

Man kann natürlich Sachen auslassen. Ich habe einen Song gemacht, den wollte McDonald’s kaufen, und weiter. Also man kann Sachen machen, die sich so ein bisschen verweigern. Aber wie man jetzt gerade ja erfährt – und das ist ja das Thema –, nützt einem ja nicht mal das. Also gerade dieses Modell von eventuell gerade nicht alles mitmachen, das scheint ja etwas zu sein, was damit gemeint ist, mit auch der Kreative, der so ein bisschen irgendwie im Schrägen bleibt.

Nur gerade dieses Schräge, was aber übrigens nicht ganz neu ist meiner Ansicht nach, ist ja jetzt auch zu einem Label geworden, was zwischen H&M und vielleicht ein Konzert geben stattfinden kann. Also auch bei H&M kann man einen Look kaufen, der erst mal anti ist zum Beispiel.

Karkowsky: Sich dem Kommerz verweigern, ist das eine, sich institutionalisieren lassen von den Kommunen, ist das andere. In Hamburg haben wir das gesehen. Da haben ja die Kreativen zu einem Umdenken geführt. Früher war die Stadt traditionell investorenfixiert. Als dann aber das Gängeviertel verscherbelt werden sollte, da war sie doch sehr froh über die Unterstützung der Szene und konnte das Gängeviertel zurückkaufen. Wie haben Sie das erlebt?

Kamerun: Na, ich glaube, die Stadt hat eben auch da begriffen, dass es gar keinen Sinn macht, jetzt vielleicht hier die Abrissbirne zu schicken oder den Wasserwerfer, sondern eher ruhig vereinnahmen. Also man nimmt das mit auf und zählt das eigentlich, nimmt das als weitere Perle auf der Schnur. Das kann dazugehören, dass auch Hamburg so eine kreative Stadt mit all seinen Künstlern ist, und das kann man sogar in den Werbetopf reinwerfen, also Reklame damit machen.

Es gab eine Beilage, in Deutschlands größten Zeitungen beigelegt, wo auf dem Cover auch unsere Band mit drauf war, zum Beispiel, die wir ja eigentlich immer vermieden haben, jetzt unbedingt für unsere Stadt jetzt Werbung zu machen. Also man hat begriffen, dass die Vereinnahmung sogar noch eine gewisse Wertsteigerung hat, auch wenn es noch so schräg oder erst mal dagegen daherkommt.

Karkowsky: Dennoch müssen wir immer noch suchen nach dieser Aussage, nach dieser These, dass die Kreativen nun ein bedeutender Motor für das Wirtschaftswachstum sein sollen und dass das etwas Neues ist. Wie ist das bei Ihnen? Sie sind in Hamburg seit Jahren erfolgreicher Unternehmer. Ich wette, Sie hören das Wort nicht gern, aber als Mitbetreiber des Golden Pudel Club kann man das so sagen – mittlerweile einer der ältesten und über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Institution. Liegt da die Schnittstelle von Kreativsein und dem Wirtschaftsfaktor?

Kamerun: Ist immer die Frage, was man will. Also unser Golden Pudel Club hatte nie kommerzielle Absichten. Von daher, ich nehme das Unternehmen, Unternehmer nehme ich mal als Begriff und wir unternehmen ja auch was damit, zum Teil aber auch eben gegen bestimmte Dinge. Also wir begreifen uns ja als Alternative zu dem Unternehmen, das sich kommerziell gibt.

Aber wir sind natürlich – und da ist man bei diesem Thema Gentrifizierung im urbanen Raum – sind wir natürlich Vorreiter. Wir gehen da hin, und auch andere kommen und wollen da ihren Latte macchiato trinken um die Ecke. Also da braucht man sich nichts vormachen, wir helfen da natürlich schon mit.

Karkowsky: Über die Kreativen als Wirtschaftsfaktor und ihre Rolle beim Umbau der Städte hören Sie im "Radiofeuilleton" Schorsch Kamerun, Kopf der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen. Gibt es in der kreativen Klasse, in der ich Sie einfach mal verorte, eigentlich einen Konsens darüber, was zu verweigern ist und was zu begrüßen?

Kamerun: Absolut nein. Also auch meine Kollegen, die sehr unterschiedlich sind zwischen bildender Kunst oder Musikanten, sind ja die unterschiedlichsten Wege gegangen. Ich habe auch Freunde und gute Bekannte, die jetzt einfach mal in der Werbeindustrie tätig sind, und das mag ja auch okay sein – ich glaube, da sucht sich jeder so seinen Weg.

Also wir kommen aus einer eher autonomen Strömung heraus, auch tatsächlich noch aus diesen Häuserbesetzergeschichten, Hamburg Hafenstraße und so weiter und fühlen uns auch immer noch verbunden mit der autonomen Szene. Aber wir haben auch andere Schritte gemacht. Aber unsere Ideale haben wir eigentlich so weit nicht aufgegeben. Deswegen ist die Verwässerung für uns auch gerade so ein Problem.

Karkowsky: Gibt es niemanden, den Sie schätzen, der gern in der Hafencity in Hamburg wohnen würde oder dort bereits wohnt, also im größten innerstädtischen Bauprojekt Europas?

Kamerun: Ich habe da nichts dagegen, also für mich ist jetzt die Hafencity auch jetzt gar nicht so das große Feindbild. Wenn man böse ist, nennt man das Reichengetto, und da wird jetzt erst mal niemandem etwas weggenommen. Man hätte sich natürlich gewünscht, dass wenn die Stadt schon so groß investiert, dass man da vielleicht auch etwas unternehmen könnte, was jetzt mal eher für eine Gemeinschaft da ist. Aber stattdessen baut man eben diese überteuerte Elbphilharmonie hin. Aber ich bin da auch sehr ambivalent. Ich begreife schon, dass Städte sich irgendwie versuchen zu zeigen und so weiter, nur man muss immer schauen, für wen ist das gedacht. Und da ist das doch sehr einseitig formuliert erst mal.

Karkowsky: Reden wir über RUHR.2010, das ist ja vielleicht das größte, das beste Beispiel dafür, dass Kommunen, dass in diesem Fall ein ganzes Land, Nordrhein-Westfalen, die Kreativen aktiviert, um zu einem Strukturwandel zu kommen, in diesem Fall ist es sogar das größte deutsche Bundesland, das das gemacht hat. Wie sehen Sie das?

Kamerun: Also das habe ich auch so ein bisschen begriffen als eine Identitätssuche. Man weiß ja, dass dort diese kumpelhafte Arbeiterromantik nun mal verschwunden ist, weil die Massenarbeit kehrt da erst mal nicht zurück – das war ja Identität. Und man hat nun versucht, zum Teil auch aus diesen übrig gebliebenen Gegenden, den Zechen und so weiter irgendwas zu machen. Auch das finde ich nicht ganz einfach zu beantworten. Zum Teil weiß ich, ich habe dort schon viel gearbeitet, da gibt es dieses große Festival Ruhrtriennale zum Beispiel, aber auch auf den Ruhrfestspielen, dass die Bevölkerung da auch sehr gespalten ist.

Zum Teil freut man sich auch darüber, dass überhaupt etwas passiert auf diesen Zechengeländen, die sonst einfach Brachen werden. Oder noch schlimmer, wie in Oberhausen zum Beispiel, eine riesige Shopping Mall, ich glaube, die größte Europas, das sogenannte CentrO entsteht. Also da kann das zum Teil auch helfen.

Auch da wieder die Frage: Für wen ist das gedacht? Also kann sich der Ruhrpottler überhaupt ein Ticket leisten, wenn man da auf die schicken Veranstaltungen geht. Aber ich weiß, dass auch die breitere Schicht nicht erst mal nur was dagegen hat, weil da schon auch international was passiert und was herkommt und dadurch natürlich auch ermöglicht wird, dass diese sogenannten Kulturdenkmäler erhalten werden. Also auch das nicht ganz einfach.

Karkowsky: Aber Alternativkultur ist es ja nicht – ist es dann in Ihrem Sinne noch kreativ?

Kamerun: Na ja, da wird ja auch der Begriff wieder sehr dehnbar. Man holt sich da Leute ran, und natürlich ist es zum Teil auch verordnet, das ist schon richtig. Nur, diese Alternativkultur, von der wir sprechen, die scheint ja auch aus sich heraus kaum noch zu entstehen. Und wenn sie das tut, wird sie eben vereinnahmt.

Karkowsky: Kommen wir am Schluss noch mal zurück zur kreativen Klasse und ihrer Bedeutung fürs Wirtschaftswachstum. Da gibt es nun einige, die behaupten, die Kreativen würden nur deshalb so wichtig sein für die Wirtschaft, weil die meisten davon kein oder ganz wenig Geld kriegen, niemand wird davon wirklich reich. Wer eine Idee umsetzen will, wartet zumeist nicht, bis dafür irgendwo ein Budget vorhanden ist. Ist da was Wahres dran?

Ein Punker bei den so genannten Chaos-Tage in Hannover im Jahr 2000 (AP Archiv)Auch Punk ist irgendwann zum kommerziellen Label geworden, meint Kamerun. (AP Archiv)Kamerun: Na ja, gut, das Kreative will auch immer sehr schnell sein. Also man probiert ja im ersten Moment, das irgendwie anzubringen. Nur geht das mittlerweile so schnell, dass ich nichts mehr ausprobieren kann. Das ist eben aber dann auch eher eine Formfrage, das ist so meine Erfahrung. Ich glaube ja, dass das Radikalste schon immer im Museum gelandet ist sozusagen, das war so und es ist nur noch schneller. Nur das Museum ist mittlerweile auch ausgedehnt. Wahrscheinlich ist das Privatfernsehen genauso eine Möglichkeit sich darzustellen und auch da die schrägen Dinge zu tun. Es gibt eben diesen schönen Titel, der "Mainstream der Minderheiten", wo die Dinge so landen.

Aber die Vereinnahmung ist ja wirklich groß, und die Städte, glaube ich – und das ist so ein bisschen das Problem –, sind da auch noch ein bisschen ahnungslos unterwegs. Also ich bin vor zwei Jahren plötzlich Künstler des Jahres gewesen in Hamburg, da bekommt man dann so einen schönen Schrieb, wo so ein Stadtwappen drauf ist, und ich habe aber die letzten vier Jahre nicht mal in der Stadt gewohnt.

Karkowsky: Sondern in München.

Kamerun: Sondern in München, und da wundert man sich schon.

Karkowsky: Ja, da wundert man sich, wie geht das denn für einen Punk?

Kamerun: In München zu wohnen? Ach ja, Städtediskussionen, das ist schon ein bisschen … Ich glaube, München hat auch alles, also das scheint mir so zu sein.

Karkowsky: Über die Kreativen als Wirtschaftsfaktor, ihre Rolle beim Umbau der Städte und ihre Vereinnahmung durch die Kommunen hörten Sie im "Radiofeuilleton" Schorsch Kamerun, Kopf der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen. Vielen Dank dafür!

Kamerun: Danke auch!

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