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Montag, 18.12.2017

Tonart | Beitrag vom 07.12.2017

David Hepworth: "Uncommon People"Warum die Ära der Rockstars vorbei ist

David Hepworth im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Nirvana-Sänger Kurt Cobain ( imago/Future Image)
Kurt Cobain war für David Hepworth der letzte Rockstar. ( imago/Future Image)

Rockstars sind eine ausgestorbene Spezies, sagt der britische Autor David Hepworth. Nirvana-Sänger Kurt Cobain sei der letzte Vertreter dieser Art gewesen. Rock werde es zwar weiter geben, "es wird aber nicht mehr Pulsgeber unserer Zeit sein".

Oliver Schwesig: In Ihrem Buch bezeichnen Sie Rockmusiker als Zugehörige eines eigenen Stammes bzw. als eine eigene Spezies. Was verbindet denn so unterschiedliche Leute wie Little Richard, Bob Dylan, Elton John oder Kurt Cobain?

David Hepworth: Nun, ich denke, sie alle haben denselben Ursprung: die Rock'n'Roll-Revolution der 50er-Jahre. Die Popgrößen der 60er bauten ja auch nur auf den Musikern der 50er auf, die Künstler der 70er wiederum auf denen der 60er und so weiter. Eine der wichtigsten Aussagen meines Buchs ist, dass die Ära der Rockstars 40 Jahre anhielt. Erstaunlicherweise scheinen es immer 40 Jahre zu sein, auch im Jazz.

Im Moment leben wir im Zeitalter des Hip-Hop, und auch das wird nicht ewig anhalten. Denn auch da sind die musikalischen Möglichkeiten endlich und irgendwann ausgeschöpft. In meinem Buch befasse ich mich mit den 40 Jahren, die zwischen Litte Richard und Kurt Cobain liegen, weil vorher und danach vieles anders war beziehungsweise wurde.

Schwesig: Dass der Rockstar entstehen konnte, hat ja vor allem auch mit dem Publikum zu tun. Warum war denn das Publikum in den 50ern, 60ern bereit, Rockstars zu kreieren, zu schaffen? 

"Die haben das Entertainment-Verständnis komplett umgekrempelt"

Hepworth: Ich denke, dazu haben viele Faktoren beigetragen. Zum Beispiel hatten die Leute viel Geld, das sie in ihrer Freizeit ausgeben konnten. Es gab keinen Krieg, anders als noch in der Jugend meiner Eltern. Und Künstler wollten sich von dem abwenden, was vor ihnen da war.

Little Richard, Jerry Lee Lewis, Bob Dylan und so weiter - die haben das Entertainment-Verständnis komplett umgekrempelt, eine Unterhaltungsindustrie abgelehnt, die von Leuten wie Frank Sinatra geprägt oder Bing Crosby dominiert wurde. Der Sound wurde insgesamt rauer, der Beat stärker betont. Und das hat die Leute, die in den Nachkriegsjahren aufwuchsen, sehr angesprochen. 

Die amerikanische Rock 'n' Roll-Legende Little Richard tritt am 11.7.2000 beim Konzert "The Legends of Rock'n'Roll" in London auf. (picture alliance / dpa / PA Mok Yui Mok)Rock 'n' Roll-Legende Little Richard im Sommer 2000 bei einem Konzert in London. (picture alliance / dpa / PA Mok Yui Mok)
Schwesig: Sie durchkämmen in Ihrem Buch Jahr für Jahr die Geschichte des Pop, angefangen im Jahr 1955, suchen sich einen Musiker raus und auch einen Tag, an dem für diesen Musiker etwas ganz Besonderes passiert ist. Und wenn Sie sich die lange Liste von Rockstars anschauen, die Sie auseinanderpflücken in Ihrem Buch, welcher ist denn für Sie ein ganz typischer? 

Hepworth: Nun, eine meiner Thesen in dem Buch lautet: Es gibt gar keinen archetypischen Rockstar. Ich habe 40 verschiedene Rockstars untersucht, für jedes Jahr einen, weil ich aufzeigen wollte, dass die ganz unterschiedlich waren. Es gab nur einen Jim Morrison und einen Axl Rose, aber kein wirklich existierendes Klischee eines Rockstars.

Was ich zeigen wollte: Leute wie Bob Dylan, Pete Townshend oder auch Janis Joplin waren Rockstars, obwohl anfangs nichts darauf hindeutete. Die Rockmusik gab diesen Leuten die Möglichkeit, das Beste aus ihren Abgründen zu machen. Diese Musiker mussten sich nirgendwo vorstellen, wurden von keiner Jury ausgewählt. Sie haben sich selbst entdeckt.

Und das ist das, was so herrlich am Zeitalter der Rockstars war: dass es eine Vielzahl von außergewöhnlichen Leuten nach oben schaffte, die auf keinem anderen Gebiet als der Rockmusik je zu Ruhm hätten gelangen können. 

Rockstars hatten Freischein zum Danebenbenehmen

Schwesig: Das Ende des Rockstars, das datieren Sie auf das Jahr 1995. Was hat den Rockmusikern denn das Genick gebrochen? 

Hepworth: Der letzte Rockstar, mit dem ich mich in meinem Buch beschäftige, ist Kurt Cobain, der im Jahr 1994 starb. Er war der Letzte, der in der Tradition der Rockstars stand und dieser Tradition auch entsprechen wollte, einer Tradition, die auf Leuten wie John Lennon, Bob Dylan, Mick Jagger und anderen beruhte. Aber das überforderte ihn. Dazu kam noch der enorme kommerzielle Erfolg seiner Musik, was Kurt Cobain zusätzlich ein schlechtes Gewissen machte.

Ich denke, seine Überlegungen, dem Rockstar-Image nicht zu genügen, haben dazu beigetragen, dass er sich schließlich das Leben nahm. Davon abgesehen gibt es aber noch weitere Faktoren, die zum Ende der Rockstar-Ära führten: Hip-Hop wurde auf einmal groß, Musik wurde bald digital vertrieben, das physische Produkt wurde immer weniger wichtig.

Und dann glaube ich noch, dass Social Media das Leben eines Rockstars einfach unmöglich macht. Wenn sich heute jemand wie Jimmy Page oder David Bowie in den 70ern verhalten würde, müsste er sich jeden Tag bei irgendwem entschuldigen. Wir würden irgendwie spitzkriegen, wie sie sich verhalten haben und eine Entschuldigung einfordern.

Im Zeitalter des Rockstars war das anders: Damals besaßen sie den Freischein, sich daneben benehmen zu dürfen. Und uns hat das gefallen, heute allerdings nicht mehr. 

Heute wissen wir einfach zu viel

Schwesig: Wenn wir heute keine Rockstars mehr haben, was bedeutet das denn für die Zukunft der Rockmusik? 

Hepworth: Die Musik wird es auch weiterhin geben, Jazz gibt es ja auch immer noch, auch wenn Jazz längst nicht mehr Mainstream ist. So wird das auch beim Rock laufen: Er wird weiterhin existieren, aber nicht mehr Pulsgeber unserer Zeit sein. Diese Rolle erfüllen heute Hip-Hop-Stars, die Jay-Zs und Beyoncés dieser Welt. Die sind aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Die sind jetzt am Drücker. Und daran ist nichts falsch.

Es ist einfach so, dass die Ära des Rockstars, wie ich es in meinem Buch "Uncommon People" schreibe, Vergangenheit ist.

David Bowie 1974 bei einem Konzert in London: Er galt als großer Verwandlungskünstler. (imago/LFI)David Bowie 1974 bei einem Konzert in London: Er galt als großer Verwandlungskünstler. (imago/LFI)

Schwesig: Und wenn Sie jetzt sagen, Leute wie David Bowie, die würden sich heute entschuldigen und könnten sich gar nicht so benehmen, wie sie es in den 70ern getan haben - was hat denn das für Folgen für den kreativen Prozess?

Hepworth: Ich glaube, sie könnten heute gar nicht mehr die Musik machen, die sie damals produziert haben. Denn heute würden sie ständig unter Kontrolle stehen. Damals hat ihnen kaum einer reingeredet, weil man annahm, dass die Musiker am besten wissen, was sie tun. Und weil der Markt ständig wuchs, hat man die Musiker machen lassen.

Heutzutage - und ich glaube, das gilt ganz unabhängig von der Musik auch für viele andere Bereiche des öffentlichen Lebens - gibt es enorm viele Studien und Informationsquellen, die unser Verhalten beeinflussen. Früher hatten die Leute von vielen Dingen einfach keine Ahnung. Also mussten sie einfach machen und gucken, was draus wird.

Heute wissen wir einfach zu viel, in jeder Hinsicht, wir wissen einfach zu viel. Das macht es uns und vor allem Musikern schwer, auf ihre Intuition zu hören. 

David Hepworth: "Uncommon People: The Rise and Fall of the Rock Stars"
Henry Holt & Co, 2017
320 Seiten

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